Hurtigruten-Tour, Tag 7: Berlevåg – Kirkenes – Berlevåg

Es ist die siebte Nacht unserer Seereise entlang der norwegischen Küste. Die Barentssee ganz im Norden ist unerwartet ruhig. Am Morgen werden wir Kirkenes erreichen, ein kleines Städtchen ganz im Nordosten, fast an der russischen Grenze. Auch Finnland ist dann nicht mehr weit.

In Kirkenes endet die nordgehende Route, unser Schiff wendet und macht sich auf den rund 2500 Kilometer weiten Rückweg nach Bergen.

Als habe sich kurz vor dem Wendepunkt endlich jemand ein Herz gefasst und den Vorhang zur Seite gezogen, reißt der Himmel in dieser Nacht auf. Endlich haben wir eine Chance, das Nordlicht zu sehen!

Hunting the light

Vor der Reise habe viel über das Naturphänomen gelesen. Wie es entsteht, habe ich immer noch nicht im Detail verstanden. Mein Versuch einer Erklärung (über die Polarlichtkennerinnen vermutlich die Stirn runzeln werden):  Die Sonne schleudert permanent  elektrische Teilchen von sich. Wenn die Bestandteile dieses Sonnenwinds auf das Magnetfeld der Erde treffen, feiern die Atome diese Begegnung mit einem Illuminationsfestival. Wie sehr die Party ausufert, hängt unter anderem von der Intensität des Sonnenwindes ab.

Das Zusammentreffen findet in ungefähr 100 Kilometern Höhe im Norden und Süden unseres Planeten statt, denn die Sonnenwinde werden vom Magnetfeld dorthin geleitet, wie Nordlicht-Forscher Helge Nylund aus Tromsø in diesem Interview erklärt. Wenn sie als Polarlicht sichtbar werden, geschieht das an beiden Polen zur gleichen Zeit – als Südlicht oder Aurora australis, oder als Nordlicht bzw. Aurora borealis in der Gegend, in der wir gerade unterwegs sind.

Das Ganze passiert eigentlich ständig und nicht nur im Winter, doch meistens können wir es nicht sehen. Es braucht es einen möglichst dunklen Standort ohne die übliche Lichtverschmutzung der Städte (ein Schiff auf See ist also prima geeignet), wolkenfreie Sicht –  und natürlich Glück und Geduld. Eine gute Zeit für die Sichtung soll zwischen 23 und 24 Uhr sein, hat uns einer der lokalen Tourenführer bei einem Landgang gesagt.

Wir haben uns mehrere Nordlicht-Apps installiert, die eine Pushnachricht schicken, wenn die Chancen am aktuellen Standort steigen. Berechnet wird das anhand der Stärke des Sonnenwindes, der ungefähr 18 Stunden braucht, bis er auf das Magnetfeld der Erde trifft. Und dann gibt es ja noch den Polarlicht-Alarm an Bord der MS Spitsbergen.

Es wird sich zeigen, dass wir gut daran tun, uns auf all das nicht zu verlassen.  Wir kleben an diesem Abend förmlich am Kabinenfenster und lassen den Himmel kaum aus den Augen.

Und plötzlich ist es da.

Nordlicht in der Nähe von Berlevåg.

Ein gezacktes Lichtband, das am Horizont erst diffus aufschimmert und schnell an Farbintensität zunimmt, bis es neongrün leuchtet. Ich schnappe Stativ und Kamera und wir rennen an Deck.

Nur eine Handvoll Passagiere sind oben, denn eine Durchsage hat es nicht gegeben. Wir schauen gebannt zum Himmel, wo das grüne Band sich von Steuerbord quer über unsere Köpfe hinweg bis nach Backbord ausdehnt und uns nun überwölbt. Einige Passagiere zeigen ungläubig nach oben, manche flüstern, andere lachen, ein spanischer Mitreisender macht Luftsprünge vor Freude. Ich kann gar nichts sagen, nur gucken. Und staunen. Und nur ein Wort denken: Wow.

Wow, wow, wow.

Im Augenwinkel wird es hell. Die Lichter des nächsten Hafens Berlevåg sind in Sicht, und wir ahnen: Der Zauber ist gleich vorbei. Einmal kann ich noch auf den Auslöser drücken, bevor wir in den Hafen einlaufen, dann wird das grüne Lichtband schwächer, bis es schließlich ganz verschwindet.

Über Berlevåg wird das Polarlicht schwächer.

Der Himmel gehört wieder den Sternen. Wir stehen noch lange an Deck und warten. Vielleicht kehrt es noch einmal zurück, wenn wir wieder auf See sind …

Leider tut es das in dieser Nacht nicht. Trotzdem sind wir selig. Natürlich hatten wir darauf gehofft, einen Moment wie diesen auf unserer Reise in den hohen Norden zu erleben, aber eine Garantie gibt es eben doch nicht. Nun ist der Traum wahr geworden. Ich bin zutiefst dankbar dafür.

Auch Wochen nach unserer Tour, längst zurück in Mitteleuropa, wo die Himmelserscheinung allenfalls ein-, zweimal im Jahr zu sehen sein kann, wenn denn die Intensität der Sonnenwinde stark genug ist, ertappen wir uns dabei, wie wir in klaren Nächten Ausschau halten. In Frankfurt! Lachhaft, ich weiß. Aber Nordlicht macht süchtig. Ich will es unbedingt wieder sehen – und plane bereits, wo und wann ich wieder auf Polarlicht-Jagd gehen kann. :)

Über Båtsfjord und Vardø, Norwegens östlichste Stadt, kommen wir am frühen Morgen nach Vadsø, die Hauptstadt der Provinz Finnmark, gelegen am Varangerfjord. Es ist der letzte Hafen vor Kirkenes.

Frühmorgens machen wir Station in Vadsø, Hauptstadt der Provinz Finnmark.

Von der Barentssee vor der norwegischen Nordküste biegen wir Richtung Südwesten in den Varangerfjord ab.

Nur noch ein paar Meilen bis Kirkenes.

Die Grenze zu Russland ist nah.

Beim Frühstück am nächsten Morgen zeigt sich, dass das nächtliche Erlebnis die Passagiere gewissermaßen in zwei Gruppen gespalten hat. Die, die das Nordlicht gesehen haben, bestätigen sich gegenseitig, wie wundervoll dieses Erlebnis war. Die, die es verpasst haben, schwanken zwischen Traurigkeit und Empörung über die fehlende Durchsage der Crew. Wir bedauern vor allem jene, die in Kirkenes von Bord gehen. Viele machen nur die nordgehende Tour und fliegen von hier aus zurück. Für sie war das die letzte und einzige Chance, das Polarlicht von Bord aus zu sehen.

Ankunft in Kirkenes

Nach mehr als 2500 Kilometern entlang der norwegischen Küste, durch viele Fjorde, an unzähligen Inseln und Schären vorbei und ein gutes Stück durch die kalte Barentssee, legen wir pünktlich um 9 Uhr in Kirkenes an. Bei strahlendem Sonnenschein und leichten Minusgraden gehen wir von Bord.

Die MS Spitsbergen am Kai von Kirkenes.

Morgens in Kirkenes: Viel höher steigt die Sonne um diese Jahreszeit nicht.

… die Schatten sind lang im Winter in Norwegen.

Kirkenes mit seinen heute etwa 3500 Einwohnern hat eine bewegte Geschichte. Der Name der Stadt rührt her von der Form der Landzunge, auf der das Dorf einst stand. Wie eine Nase ragte sie ins Meer, und zu den wenigen Häusern auf der „Nase“ (nes) gehörte eine Kirche (kirke) – voilà: Kirkenes.

Die Landzunge gibt es heute nicht mehr, die Bucht wurde aufgefüllt mit Gestein aus den Eisenerzgruben. Das Eisenerz hat Kirkenes einst groß gemacht – und der Fall der Weltmarktpreise drückt es nun nieder.

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt der Aufstieg des Fleckens, der am Ende der Welt zu liegen scheint. Südlich von Kirkenes wird Eisenerz abgebaut, und über den eisfreien Hafen mit Anbindung zum Polarmeer kann es praktischerweise gleich von Ort und Stelle aus in die Welt verschifft werden. Die Jobs im Tagebau locken nach dem Ersten Weltkrieg Tausende aus vielen Ländern nach Kirkenes. Die Einwohnerzahl schnellt in die Höhe, bis zu 10.000 Menschen leben zeitweise in Kirkenes.

Das Eisenerz, aber mehr noch die Lage der Stadt nahe der russischen Grenze bringt sie im Zweiten Weltkrieg in eine extrem bedrückende Situation.

Kirkenes wird zum Schlachtfeld

Im arktischen Norden wähnen sich die Bewohner der Stadt weit weg vom Kriegsgeschehen, auch dann noch, als die deutsche Wehrmacht Norwegen im April 1940 besetzt. Gleichwohl haben die Deutschen von Beginn an ein Auge auf die Eisenerzvorkommen in Norwegen, auch jene in Kirkenes, geworfen. Als die Nazis im Juni 1941 auch gegen Russland den Krieg eröffnen, wird Kirkenes zu einem noch wichtigeren Punkt auf der Landkarte – wegen seiner Nähe zu Russland. Nach Murmansk sind es nur 200 Kilometer. Über den einzigen eisfreien Hafen mit Zugang zum Polarmeer versorgen die Alliierten die Sowjetunion mit Waffen. Die Deutschen wollen diese Nachschublinie kappen.

Die Wehrmacht verlegt mehr 30.000 Soldaten nach Kirkenes, um von hier aus den Russen die Kontrolle über ihre wichtige Hafenstadt zu entreißen. Der abgelegene Ort im nordöstlichsten Zipfel Norwegens ist zur Frontstadt geworden.

Deutsche und Russen machen aus der Gegend ein Schlachtfeld. Kirkenes gilt als eine der meistbombardierten Städte Europas während des Zweiten Weltkriegs. Von 300 Luftschlägen ist die Rede. Die Bevölkerung wird zwischen den Kriegsparteien regelrecht aufgerieben.

Den Rest besorgt die Wehrmacht, als sie 1944 den Rückzug aus Nordnorwegen antreten. Nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ lassen die Deutschen in Kirkenes (wie auch in vielen anderen Orten der Finnmark) kaum ein Haus stehen. Die überlebenden Bewohner müssen den arktischen Winter in Tunneln und Schächten verbringen. Sie kommen erst zum Vorschein, als die Russen 1945 in Kirkenes einmarschieren.

Einer dieser Tunnel ist die Andersgrotta, benannt nach dem Ingenieur, der ihn baute. Ein lokaler Stadtführer nimmt uns mit in den Schacht unter der Stadt. Unvorstellbar für uns, dass sich hier mehrere tausend Menschen drängten, in Dunkelheit, Kälte und ständiger Angst um ihr Leben.

Den Wegweiser haben die Deutschen zurückgelassen. Im Hintergrund der Zugang zur Andersgrotta.

In dem Tunnel unter Kirkenes suchten mehrere tausend Menschen Schutz vor den Bombardierungen und vor dem kalten Winter.

Nach dem Wiederaufbau läuft auch die Arbeit in den Eisenerzgruben wieder an.  In den 60er und 70er Jahren erlebt die Stadt einen neuen Aufschwung. Doch Anfang der 1990er Jahre ist es damit vorbei. Die Weltmarktpreise sind so stark gefallen, dass der Betrieb unrentabel wird. 1996 macht die Grube dicht. Tausende verlieren ihre Jobs.

Später versucht eine australische Firma noch einmal ihr Glück und lässt den Tagebau wieder anlaufen. Doch das geht nicht lange gut. 2015 ist erneut Schluss. Seither wird nur noch Gestein aus den Gruben geholt, um es als Baumaterial nach Russland zu verkaufen, und in einem großen Gebäudekomplex, der früheren Separierungsanlage, halten ein paar verbliebene Mitarbeiter die Stellung.

Kirkenes hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann an seine blühende Vergangenheit anknüpfen zu können. „Wir warten alle darauf“, sagt unser Stadtführer. Bis dahin leben sie hier vom Königskrabbenfang und vom Tourismus. Jedes Jahr im Dezember bauen die Kirkeneser ein Schneehotel außerhalb der Stadt. Und jedes Jahr im Frühling schmilzt es wieder.

Kleiner Grenzverkehr

Norwegen und Russland, Nato und Warschauer Pakt, Schengen-Raum und Ostblock: Hier oben am Polarmeer stoßen seit langem Welten aufeinander. Dabei lupfte sich hier schon Mitte der 1960er Jahre der Eiserne Vorhang ein wenig: Die Sowjetunion gewährte Norwegern ohne Visum den Zutritt ins russische Grenzdorf Boris Gleb, wo die sich gerne am Wodka gütlich tun durften – gegen Eintritt und Devisen.

Heute kann ungehindert die Grenze passieren, wer dauerhaft in einem Radius von fünfzig Kilometern wohnt – egal auf welcher Seite. Die Norweger tanken im Nachbarland ihre Autos auf mit Sprit, der nur ein Drittel als der aus der heimischen Zapfsäule kostet. Die Russen aus der Grenzregion kommen gerne zum Einkaufen, weil Kirkenes näher ist als Murmansk, und weil hier manche Dinge hier leichter zu bekommen sind. Einmal im Monat findet ein „Russenmarkt“ im Zentrum von Kirkenes statt. 

Die Kluft scheint groß zwischen offizieller Politik einerseits und Lebensalltag der Menschen hier oben andererseits. Dass Norwegen die Sanktionen der EU gegen Russland wegen der Krim-Annexion unterstützt, und dass Russland im Gegenzug Lebensmittelimporte aus Europa verbietet – in der arktischen Hafenstadt kümmert das offenbar nur wenige.

Auf dem Weg zur  russischen Grenze macht unser Begleiter uns auf die Vegetation aufmerksam: Die Nadelwälder, die wir südlich von Kirkenes sehen, sind Ausläufer der sibirischen Taiga. Der Waldgürtel zieht sich von hier bis zur Beringsee. Bären leben in diesen Wäldern.

 

Russland in Sichtweite: Quer über den Fluss Patsoyoki verläuft die Grenze.

Die Straßenschilder nennen Ortsnamen auch in kyrillischer Schrift.

Ein paar Kilometer folgen wir der Europastaße 105. Sie führt von der arktischen Barentssee über die norwegisch-russische Grenze durch die Kola-Halbinsel nach Murmansk und weiter bis hinunter ans Schwarze Meer.  Wir hingegen biegen unmittelbar vor der Grenzstation Storskog von der E105 auf einen Parkplatz ab, steigen aus und beschränken uns auf den Blick hinüber.

Hunderte Syrer, die die Arktis-Route über Moskau und Murmansk nach Kirkenes in Norwegen nahmen, standen genau dort 2015 vor einem kuriosen Problem: Ohne Fahrzeug ging es nicht weiter. Russland verwehrt Fußgängern den Übertritt. Die Geflüchteten kauften sich deshalb Fahrräder, strampelten damit die paar hundert Meter bis nach Norwegen und warfen die Räder dort weg.

 

Hier endet die Schengen-Region.

Fußgänger veboten: Nur mit Fahrzeugen darf die norwegisch-russische Grenze passiert werden.

Inzwischen ist der Weg über die kalte Arktis-Route so dicht wie die Balkan-Route. Die norwegische Regierung hat neue Grenzzäune ziehen lassen und das Asylrecht verschärft. Mit diesem Ergebnis:

 

 

Auf die südgehende Route

Am frühen Nachmittag legt die MS Spitsbergen vom Hurtigruten-Kai in Kirkenes ab. Wir machen uns auf den weiten Weg zurück nach Bergen.

Ein letzter Blick auf Kirkenes: Um die Mittagszeit beginnt es bereits zu dämmern.

Den Hafen Vadsø lässt das Schiff auf der südgehenden Route aus. Als wir Vardø erreichen, ist die Sonne bereits untergegangen.

Viele der verbliebenen Passagiere zieht es an diesem Abend erneut auf Deck 8 in der Hoffnung, das Polarlicht zu sehen. Nur ein paar Wolken sind am Himmel.

Nordlicht-Jäger an Deck.

Eine dieser Wolken fällt uns auf, weil sie ungewöhnlich schimmert. Nach einer Weile hören wir tatsächlich eine Durchsage: Aurora borealis auf der Backbord-Seite! Farbiges Licht aber ist weiterhin nicht zu sehen. Aus Spaß drücke ich auf den Auslöser der Kamera. Und staune nicht schlecht, denn erst auf dem Display leuchtet die schimmernde Wolke grün: Fotografisches Polarlicht, so lernen wir, ist für das bloße Auge nicht sichtbar.

Fotografisches Polarlicht – mit bloßem Auge war dieser Streifen nichts als eine Wolke, die ein bisschen zu schimmern schien.

Wir haben die Polartaufe überlebt, uns von Huskys im Schlitten ziehen lassen, am Nordkap gestanden, das Polarlicht gesehen: Von dieser Fülle an wunderschönen Momenten werden wir lange zehren. Und dabei haben wir erst die Hälfte der Strecke hinter uns …

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

2 Kommentare

  1. Hach! Sooo toll! Freue mich sehr mit Dir bzw. Euch, dass Ihr das Polarlicht gesehen habt. Ich bis jetzt leider noch nicht. Äh, Du planst eine Polarlichtjagd? Brauchst Du nicht noch eine Fotoassistentin? ;-) Da bin ich ja gespannt, was Du in der Hinsicht ausbrütest.

    Interessant, was Du über Kirkenes berichtest. Einiges wusste ich schon, aber mal so von jemandem aus erster Hand zu hören, ist noch was anderes.

  2. Hi Liisa, wir überlegen, auf Island Polarlichter zu jagen – allerdings frühestens übernächstes Jahr. Und dann habe ich gesehen, dass es inzwischen Direktflüge nach Tromsø gibt … vielleicht ist da ja mal ein Kurzaufenthalt drin. Ansonsten will ich unbedingt irgendwann auf die Lofoten und die Vesterålen-Inseln zurückkehren, wenn auch nicht unbedingt zum Nordlicht-Gucken, sondern eher im Sommer, um die Mitternachtssonne zu erleben.

    Wo würdest du Nordlichter jagen?

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