Hurtigruten-Tour, Tag 8: Barentssee – Hammerfest – Tromsø

Nach dem Wendepunkt in Kirkenes im Nordosten Norwegens fährt das Hurtigruten-Schiff MS Spitsbergen zunächst wieder Richtung Westen. Die Barentssee zeigt sich auch auf dem Rückweg gnädig und ruhig.

Über sanfte Wellen hinweg schauen wir nach Nordwesten: Irgendwo hinterm Horizont, in vielleicht 1000 Kilometer Entfernung, liegt die norwegische Insel Spitzbergen – und dahinter die Packeis-Grenze. Still ist es hier oben, und beim Anblick der ruhigen See fällt es schwer, sich vorzustellen, welche Kämpfe gerade um dieses abgeschiedene Stück der Welt im Norden des Planeten toben.

Klimawandel macht den Weg frei – zum Geldverdienen

Auf dem arktischen Festland werden ungeheure Vorkommen an Seltenen Erden, Nickel, Blei, Zink, Silber, sogar Gold und Diamanten vermutet, und unterm Polarmeer liegen nach Schätzung der wissenschaftlichen Behörde US Geological Survey 90 Milliarden Barrel (Fass) Öl und 47 Billiarden Kubikmeter Gas, davon ein großer Teil hier, in der Barentssee. An all das kam aber bisher niemand dran: Der dicke Eispanzer verhinderte den Zugang zur Schatzkammer, zudem waren die Bohr- und Fördertechnologien für die Extrembedingungen nicht weit genug entwickelt. Nun schmelzen die polaren Eiskappen – und die Bodenschätze rücken in greifbare Nähe. Auch als Handelswege werden die Nordwest- und die Nordostpassage zwischen Atlantik und Pazifik immer besser nutzbar: Klimaforscher rechnen damit, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer komplett eisfrei ist. Schiffe sparen auf dem Weg zwischen Europa und Asien 7000 bis 8000 Kilometer, wenn sie statt des Suezkanals den Weg durch das eisfreie Nordmeer nehmen. 

Handelswege durch die Arktis und Alternativrouten. Von mir hinzugefügt: Markierungen von Spitzbergen, der Barentssee und unseres ungefähren Standorts. Bild: Maximilian Dörrbecker, Lizenz: CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Längst hat es begonnen, das verstärkte Gezerre um Gebietsansprüche zwischen den „Arkischen Fünf“, den Anrainerstaaten Russland, Dänemark (über Grönland), Kanada, Norwegen und USA.  Allein Russland beansprucht 1,2 Millionen Quadratkilometer der Arktis inklusive Nordpol, unter anderem mit dem Argument, dass der Lomonossow-Rücken, ein Unterwasser-Gebirgszug, der bis zum Pol reicht, die geologische Verlängerung von Sibirien sei. Aber auch andere Länder mischen mit, unter anderem, weil im Spitzbergenvertrag von 1920 die Inselgruppe zwar Norwegen zugeschlagen wurde, das Land aber nur eingeschränkte Souveränität hat und den 47 Unterzeichnerstaaten nicht verwehren darf, sich auf Spitzbergen ökonomisch zu betätigen.

Stürmische Zeiten dürften also auf das Nordpolarmeer zukommen, das an diesem Tag so friedlich daliegt. Von Deck 8 aus lassen wir den Blick in die Ferne schweifen, dorthin, wo Spitzbergen und der Nordpol sein müssen, und drücken heimlich die Daumen, dass der Ölpreis niedrig bleibt. Vielleicht bremst das ja die Gier nach den Schätzen der Arktis.

Schneewittchen macht Hammerfest glücklich

Auf unserer Rückreise stehen 31 der 34 Häfen, die wir nordgehend anliefen, nun ein zweites Mal auf dem Programm, und wir hoffen, einige Orte diesmal im Tageslicht besser kennenlernen zu können. Berlevåg, Mehamn, Kjøllefjord und Honningsvåg laufen wir nachts an, und am Morgen des achten Tages haben wir Zeit für ein ausgedehntes Frühstück, bevor wir gegen 10:30 Uhr Hammerfest erreichen.

Ähnlich wie am Nordkap, so stemmt man sich auch Hammerfest trotzig gegen die geografischen Gegebenheiten. Es möchte so gerne die nördlichste Stadt der Welt sein, doch wie erwähnt liegt Barrow in Alaska nördlicher. Und auch in Europa konnte Hammerfest den Titel nicht halten, seit Honningsvåg in der Gemeinde Nordkapp 1998 Stadtrechte bekommen hat. Armes Hammerfest. Doch Christian vom örtlichen Eisbärenclub erzählt uns, dass man sich hier zu trösten weiß. Und zwar mit der Tatsache, dass es weiter im Norden zumindest keine Stadt gibt, die größer ist als Hammerfest mit seinen 10.000 Einwohnern.

Blick auf den Hafen von Hammerfest – und auf unser Schiff am äußeren Kai.

Erneut eine Architektur, die sich von Stockfischgestellen hat inspirieren lassen: Die protestantische Kirche steht auf einer Anhöhe im Zentrum von Hammerfest.

Im Inneren wirkt die Kirche warm und freundlich.

Die Gemeinde hat derzeit aber wahrlich keinen Grund zur Klage. In die Stadtkasse sprudelt so viel Geld, dass sich Hammerfest für seine Hauptstraße beheizte Gehsteige leisten kann. Grundlage für den neuen Reichtum ist Schneewittchen.

So heißt ein Erdgasfeld in der Barentssee etwa 140 Kilometer entfernt, das 1984 entdeckt worden ist. Seit rund zehn Jahren pumpt Statoil das Gas von dort durch Pipelines im Meer bis nach Melkøya, die „Milchinsel“, die direkt vor Hammerfest liegt.

 

 

Hier, in Europas größter Erdgasverflüssigungsanlage, wird das Gas auf minus 160 Grad herunterkühlt. Es schrumpft dadurch auf ein Sechshundertstel seines Volumens und kann als LNG (liquefied natural gas) direkt verschifft werden, beispielsweise nach Großbritannien. Als wir in Sichtweite an der Anlage  vorbeifahren, bekommen wir – passend zum Ereignis – einen „Energie-Kaffee“ an Deck serviert. Er besteht aus Kaffee mit Kakao. 8-)

Erdgas-Verarbeitungsanlage auf der Insel Melkøya bei Hammerfest. Foto: Bjørnar Lunga – Eigenes Werk, Copyrighted free use, Link

Reiches Norwegen

Der Export der Öl- und Gasvorkommen haben Norwegen seit den 1970er Jahren zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht, ein Land mit vergleichsweise wenig Arbeitslosigkeit, großzügigen Sozialleistungen, wenig Überstunden, viel Freizeit und dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. „Man verdient hier weit mehr als in Deutschland – in jedem Beruf“, sagt Christian, der uns in Hammerfest herumführt. Muss man auch, so teuer, wie das Leben in Norwegen bei 25 Prozent Mehrwertsteuer ist. Oslo gilt als eine der teuersten Städte der Welt.

Der Staat hat seine Hand auf der Ölförderung, der Konzern Statoil, mehrheitlich in Staatsbesitz, betreibt den Großteil der Anlagen zur Förderung und Verarbeitung. Das Geld, das durch den Export von Erdöl und Erdgas reinkommt, investiert Norwegen in einen Pensionsfonds. Legt man den aktuellen Wert auf die rund fünf Millionen Norweger um, so kommen auf jeden Staatsbürger rund 150.000 Euro, die auf der hohen Kante liegen.

Die „Oljebremse“

Doch es scheint, als würden die fetten Jahre in Norwegen ihrem Ende entgegengehen. So abhängig, wie das Land vom Export seiner Rohstoffe ist, so hart trifft es der fallende Ölpreis. Die wichtigste Branche des Landes, in der vor wenigen Jahren noch rund 300.000 Menschen arbeiteten, streicht  nun Jobs. Seit 2013 – dem Jahr, in dem der aktuelle Preissturz beim Öl begann – ist die Arbeitslosigkeit in Norwegen angestiegen, wenn auch immer noch auf niedrigem Niveau. Aktuell sinkt die Quote zudem wieder, im September 2017 lag sie laut Eurostat bei 4 Prozent.

 

 

Offenbar machen die Norweger das Beste aus der Krise. In Kristansand im Süden Norwegens beispielsweise sei parallel zum Ölpreisverfall die Zahl der Startups in die Höhe geschnellt, berichtet Kathrin Witsch in einer Multimedia-Reportage fürs Handelsblatt. Und im World Happiness Report 2017 ist Norwegen gerade erst auf Platz 1 geklettert und gilt somit als das glücklichste Land der Welt – Krise hin oder her.

In Hammerfest jedenfalls ist von einem Niedergang nichts zu spüren. Die LNG-Anlage vor der Haustür hat der Stadt mehrere hundert neue Arbeitsplätze beschert.

Wie die Erde (auch) in Hammerfest vermessen wurde

Wer sich für die Vermessung der Welt interessiert, findet in Hammerfest ein besonderes Zeugnis dieser Wissenschaft: Auf einer Anhöhe steht ein Vermessungspunkt des Struve-Bogens.

Bereits Isaac Newton vermutete um 1600, dass die Erde keine Kugel, sondern an den Polen abgeflacht ist. 200 Jahre später wollten Forscher um den russischen Astronomen Friedrich Georg Wilhelm Struve herausfinden, wie groß diese Abflachung tatsächlich ist. Dafür suchten sie 265 Punkte entlang eines Meridians aus, also einer Linie auf einem Längengrad in Nord-Süd-Richtung, der sich über 3000 Kilometer von Hammerfest südwärts über Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland und die Ukraine bis nach Ismail am Schwarzen Meer zieht, beobachteten wiederholt den Stand bestimmter Sterne zu ausgewählten Punkten und maßen den Abstand der Breitengrade auf der gesamten Strecke.

Das Monument markiert den Vermessungspunkt des Struve-Bogens.

Fast vierzig Jahre nahm das Projekt des skandinavisch-russischen Meridianbogens in Anspruch. Am Ende wusste man, dass der Abstand zwischen zwei Breitengraden an der norwegischen Küste 359 Meter weniger beträgt als am Schwarzen Meer. Daraus wiederum ließ sich die Krümmung der Erde und die Abflachung am Pol bestimmen.

Viele Staaten in Westeuropa nutzten die Daten, die Struve und sein Team zwischen 1816 und 1855 zusammengetragen hatten, für ihre eigenen Vermessungen – bis moderne Satelliten diese Aufgabe übernahmen.

CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons“ /> Die Punkte des Struve-Meridianbogens. Bild: Bamse/ historicair, CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Heute existieren noch 34 der Vermessungspunkte, vier davon liegen in Norwegen. Der Struve-Bogen wurde 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, und Hammerfest ist stolz, dass der Stadt ein Stückchen davon gehört.

Und Hammerfest hat noch mehr zu bieten:

Das samische Restaurant Mikkelgammen („Michaels Hütte“) am Aussichtspunkt Salen hat leider gerade geschlossen.

Der Eisbären-Club hat weltweit um die 230.000 Mitglieder. Das Foto zeigt eines der Ehrenmitglieder (rechts).

Nach zwei Stunden sagen wir der „nördlichsten Stadt der Welt mit mehr als 10.000 Einwohnern“ Lebewohl und legen wieder ab. Zwischen Øksfjord und Skervøy fahren wir durch ein Stück offene See. Keine Inseln schützen die MS Spitsbergen hier vor dem Westwind, der wieder aufgekommen ist. Wir lenken uns ab mit Lesen, Entspannen – und Essen, versteht sich. Das Schiff hat Stabilisatoren, die das Rollen, also das seitliche Schaukeln, deutlich abmildern. Richtig unangenehm wird es erst in den nächsten Tagen, wenn der Wind von vorne kommt und das Schiff ins Stampfen gerät.

Tromsø erreichen wir um 23:45 Uhr – gerade noch rechtzeitig für das …

Mitternachtskonzert in der Eismeer-Kathedrale

Der Anblick der illuminierten Eismeer-Kathedrale an der Festland-Seite der Tromsøbrücke hat uns schon auf dem Hinweg fasziniert. Eigentlich heißt sie Tromsdalen-Kirche und dient als ganz normale Pfarrkirche. Ihren geläufigeren Namen bekam sie wegen der spitz zulaufenden Seitenwände, die der Kirche die Form eines Eisbergs geben. Vielleicht hat der Architekt aber auch an ein Stockfischgestell gedacht? Wäre ja nicht das erste Mal.

Die Eismeer-Kathedrale inm Stadtteil Tromsdalen: Leuchtröhren zwischen den Lamellen der Seitenwände machen sie zu einem weithin sichtbaren Wahrzeichen.

Die Eismeer-Kathedrale ist mit dem größten Glasmosaik Europas ausgestattet. Die Kronleuchter wirken wie Eiszapfen.

Heute Nacht lernen wir die Kirche von innen kennen. Ein Bus bringt uns über die Brücke zur Kathedrale, wo bereits drei Musikerinnen und Musiker auf uns warten: Die Sopranistin Anne-Berit Buvek, Hanne-Sofie Akselen (Flöten und Joik) und der Pianist Tore Negard.

Die mitternächtliche Konzertstunde füllen sie mit 13 Stücken, darunter viele norwegische Volksweisen, in moderner Bearbeitung. Melancholie liegt in den meisten Melodien – und ich mag das. Eines der Lieder, die wir in dieser Nacht hören, ist Blå salme von Erik Bye. Hört euch dieses wunderschöne Abendlied hier mal in einer Fassung von Hilde Heltberg an:

Neben norwegischen Volksweisen hören wir in der Eismeer-Kathedrale ein romantisches Lied Hans-Christian Andersens, vertont von Edvard Grieg, sakrale Musik und samische Joiks in jazziger Bearbeitung. Gebannt lauschen wir einem Stück nach dem anderen, und die Stunde ist viel zu schnell vorbei. Auch die hervorragende Akustik in der Eismeer-Kathedrale trägt dazu bei, dass das nächtliche Konzert ein besonderen Erlebnis wird. Musikerinnen und Musiker in Tromsø nutzen das gerne und treten regemäßig in der Kirche auf, wie ein Blick auf den Konzertkalender zeigt.

Wir werden gebeten, während des Konzerts nicht zu filmen. Irgendjemand hat es bei anderer Gelegenheit getan, und so könnt ihr euch in diesem Youtube-Video einen kleinen Eindruck von einem Konzert in der der Eismeer-Kathedrale verschaffen – erfreulicherweise mit einem meiner Lieblingslieder: „Both Sides Now“ von Joni Mitchell.

 

Mit einem erinnerungswürdigen Erlebnis mehr im Herzen kehren wir aufs Schiff zurück, das kurz darauf seinen Weg durch die arktische Nacht fortsetzt. Dreieinhalb Reisetage trennen uns noch von Bergen.

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

Ein Kommentar

  1. Beheizte Gehwege! Ich weiß nicht, ob ich die Augen verdrehen soll, oder … tja.

    Glückwunsch zur Ehrenmitgliedschaft im Eisbären-Club! Sehr illuster! :-)

    So, so „Both Sides Now“ ist also eines Deiner Lieblingslieder. Da haben wir mal wieder was gemeinsam.

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