Droste im Paderborner Land (1): Die Intrige im Bökerhof

Drei Orte in Deutschland sind eng mit Annette von Droste-Hülshoff verknüpft: Das Münsterland, wo sie geboren wurde, der Bodensee, wo sie starb – und das Paderborner Land, die Heimat ihrer Mutter. Auf der persönlichen Landkarte meiner Droste-Reisen war die Gegend rund um Brakel zwischen Paderborn und Höxter in Ostwestfalen, wo Annette jede Menge Verwandtschaft hatte, bislang ein weißer Fleck.

2018 ist ein guter Zeitpunkt, um das zu ändern – und ins Jahr 1820 zurückzureisen. Neun Reisen unternahm Annette von Droste in die Heimat ihrer Mutter, insgesamt drei Jahre ihres Lebens hat hier verbracht. Im „gebirgigten Westphalen“ fand sie den Stoff für ihr berühmtestes Werk, die Novelle „Die Judenbuche“, das auf einem tatsächlichen lokalen Kriminalfall beruht. Hier vollendete sie ihr wohl persönlichstes Buch, das „Geistliche Jahr“. Und hier war es auch, wo die junge Frau von Anfang 20 eine fiese Intrige erleben muss, die zu einem nachhaltigen Bruch mit der Verwandtschaft führt. Fast zwei Jahrzehnte lang meidet sie danach die Brakeler Sippschaft.

Ziemlich genau 200 Jahre später stehe ich vor dem Schauplatz der Demütigung. Die gelben Fassaden des Herrenhauses, das ich von Bildern kenne, sind schon von weitem auszumachen. Der Bökerhof steht in der 800-Seelen-Gemeinde Bökendorf, heute ein Ortsteil von Brakel im Landkreis Höxter.

Der Bökerhof, Stammsitz der Großeltern von Annette von Droste, liegt am Ortsrand von Bökendorf. Bild: Monika Gemmer

Das Literaturmuseum, das hier einige Jahre untergebracht war, ist inzwischen geschlossen, der zugehörige Verein hat sich aufgelöst. In dem Anwesen, nach wie vor im Familienbesitz, befinden sich heute privat vermietete Wohnungen. Bild: Monika Gemmer

In diesem Haus, dem Stammsitz einer einflussreichen Adelsfamilie, wurde im Jahr 1772 Therese von Haxthausen geboren – Annettes Mutter. Thereses eigene Mutter stirbt im selben Jahr, ihr Vater, Annettes späterer Großvater Werner Adolf von Haxthausen, heiratet erneut. Mit seiner zweiten Frau Anna Maria von Wendt-Papenhausen bekommt er eine ganze Schar von Kindern, so dass man bis heute von der „großen Generation“ der Haxthausens spricht. Die Konstellation führt dazu, dass der Altersunterschied zwischen Annette und einigen ihrer 14 Tanten und Onkel nicht sehr groß ist. Annettes Stiefonkel August beispielsweise ist 1792 geboren und somit gerade mal fünf Jahre älter als sie.

  • Before-Bökerhof (Frontseite)
    After-Bökerhof (Frontseite)
    1830/40Bökerhof (Frontseite)2018

Was August nicht davon abhält, die fast gleichaltrige Stiefnichte bei jeder Gelegenheit zu maßregeln. Über die Beweggründe seines oberlehrerhaften Umgangs mit der Nichte lässt sich mutmaßen: Annette ist belesen und mit vielen Talenten ausgestattet, geistig kann sie es mit den philologisch interessierten Kreis im Hause Haxthausen allemal aufnehmen, ja, sie ist ihnen sogar überlegen. Und sie weiß darum. Annette redet mit – und gilt drum als vorlaut und suspekt.

Romantiker und Raubtiere: Der Bökendorfer Literaturkreis

Onkel August und sein älterer Bruder Werner scharen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Romantikerkreis um sich: junge, literarisch interessierte Studenten, Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler, die gerne im Sommer auf ein paar Tage oder auch Wochen in dem gastfreundlichen Haus logieren. Zu dem Zirkel gehören auch die Brüder Grimm: Wilhelm und Ludwig Emil, der Maler, der sich  in seinen Memoiren an „schöne, fröhliche, freie Tage“ in Ostwestfalen erinnert. Auch Jakob Grimm ist einmal zu Gast, ebenso der damals mittellose Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und, in späterer Zeit, die Dichterin Luise Hensel.

Annette trifft den Romantikerkreis, zu dem auch die Tanten Anna, Ludowine und Ferdinandine von Haxthausen zählen, erstmals im Sommer 1813 in Bökendorf an. Sie ist 16 Jahre alt und zum zweiten Mal zusammen mit Schwester Jenny und Mutter Therese zu Besuch bei der Verwandtschaft im Paderbornischen.

Ich stelle mir diese Sommer auf dem Bökerhof so vor: Tagsüber lustwandelt man in Gruppen und Grüppchen in der Natur. Vorlesend oder Gedichte rezitierend durchschreitet man gemeinsam den Laubengang rund um den Bökerhof …

In der Umgebung von Bökendorf waren die Haxthausens, die Droste-Hülshoffs und ihre Gäste oft unterwegs. Bild: Monika Gemmer

Der Laubengang um den Bökerhof ist an zwei Seiten, im Norden und Westen des Grundstücks, erhalten. Bild: Monika Gemmer

Hier lässt sich noch heute trefflich lustwandeln – zumal im Laubengang ein Geocache versteckt ist. Bild: Monika Gemmer

Man vertreibt sich die Zeit mit Kinderspielen wie „Kämmerchen vermieten“, spaziert plaudernd zum Lämmerkamp und ins Sengertal, um dort zu musizieren und zu singen. Oder man macht sich gemeinsam auf den Weg durch den Wald hinter dem Bökerhof zur rund sieben Kilometer südwestlich gelegenen Hinnenburg – ein beliebtes Ausflugsziel, seit Annettes Stieftante Franziska von Haxthausen sich dorthin verheiratet hat …

Die Hinnenburg, zu Annettes Lebzeiten im Besitz der Familie Bocholtz-Asseburg. Der Haxthausensche Literaturkreis unternimmt des öfteren eine Wanderung durch den Wald zwischen Bökendorf und Hinnenburg. Bild: Monika Gemmer

Zurück im Bökerhof, sitzt man des Abends zusammen im großen Saal, liest sich vor, erzählt sich Märchen und singt gemeinsam Volkslieder. Wilhelm Grimm schreibt fleißig mit. Mit den 29 Märchen und Sagen, die die Haxthausener Onkel und Tanten sowie die Droste-Schwestern ihm liefern, werden er und Jakob den zweiten Band ihrer Sammlung von „Kinder- und Hausmärchen“ füllen.

Für die meisten sind es unbeschwerte Tage anno 1813. Wilhelm Grimm denkt an die vorangegangenen „Befreiungskriege“ zurück von der napoleonischen Herrschaft, als er im November 1813 an seinen Freund Achim von Arnim schreibt: „Am schönsten habe ich es im Sommer auf dem Lande gefunden bei der Familie Haxthausen, wo ich ein paar Tage war; es war eine ordentlich große Freude, an einer großen Tafel vor etwa dreißig Menschen nach Lust und ohne Furcht reden zu dürfen…“

Bei dieser Gelegenheit wird der damals 27-Jährige wohl immer mal den Blickkontakt mit Annettes Schwester Jenny gesucht haben. Zwischen den beiden brennt die Luft in diesen Sommertagen  – auch wenn beide später anderweitig heiraten werden. Mit Annette hingegen kann Wilhelm nicht.

Es ist schade, dass sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat; es war nicht gut mit ihr fertig werden. Sie ist mit 7 Monat auf die Welt gekommen und hat so durchaus etwas Frühreifes in vielen Anlagen.

„Nach Lust und ohne Furcht reden“, das ist ein Privileg, das er ihr offensichtlich nicht zugestehen mag. Annette scheint ihm zu gelehrt, zu selbstbewusst – und zu frech. Sie verballhornt seinen Nachnamen, was Grimm gar nicht lustig findet.  Am 27. Juli 1813, bereits auf dem Heimweg ins Münsterland, schreibt sie ihrer Stieftante Ludowine nach Bökendorf, wo Wilhelm noch weilt:

Grimm sage, es täte mir herzlich leid, dass er seine Namensveränderung oder Verdrehung so übel genommen hätte, und da es ihm so sehr missfiele, so wollte ich ihn in Zukunft nicht mehr Unwill, sondern Unmut nennen.

Es scheint, als nehme sie die ständige scharfe Beobachtung und Zurechtweisung durch die Onkel und deren Gäste mit Humor. Wie es tatsächlich in ihr aussieht, zeigt ein Brief von 1844 an ihre Freundin Freundin Elise Rüdiger. Noch rund 30 Jahre später erinnert sie sich an die Bökendorfer Sommer:

Ich habe Ihnen ja schon früher erzählt, wie wir sämtlichen Cousinen haxthausischer Branche durch die bittere Not gezwungen wurden, uns um den Beifall der Löwen zu bemühn, die die Onkels von Zeit zu Zeit mitbrachten, um ihr Urteil danach zu regulieren, wo wir dann nachher einen Himmel oder eine Hölle im Hause hatten, nachdem diese uns hoch oder niedrig gestellt.

Glauben Sie mir, wir waren arme Tiere, die ums liebe Leben kämpften, und namentlich Wilhelm Grimm hat mir durch sein Missfallen jahrelang den bittersten Hohn und jede Art von Zurücksetzung bereitet, so dass ich mir tausendmal den Tod gewünscht habe. Ich war damals sehr jung, sehr trotzig und sehr unglücklich, und tat, was ich konnte, um mich durchzuschlagen.

1820 hält Annette sich wieder im Paderborner Land auf, diesmal für insgesamt anderthalb Jahre. In der Kur im nahen Driburg hat sie im Vorjahr versucht, ihre Leib- und Magenschmerzen, chronisches Kopfweh und „Uebeligkeiten“ zu mildern.

Badehäuser im Gräflichen Park von Bad Driburg. Bild: Monika Gemmer

Damals wie heute wird in den Brunnenarkaden (Mitte) das Heilwasser ausgeschenkt. Ich durfte davon kosten: Eine der drei Quellen ist eine echte Herausforderung; ihr Wasser schmeckt, als würde man an einem rostigen Rohr lutschen. Links auf dem Bild das Droste-Haus. Bild: Monika Gemmer

Am Droste-Haus erinnert eine Tafel an den Aufenthalt der Dichterin, die unter anderem 1819 in Driburg kurte. Bild: Monika Gemmer

  • Before-Driburg
    After-Driburg
    Um 1790Driburg2018

Als sie frisch aus der Kur auf dem Bökerhof eintrifft, begegnet sie dort Heinrich Straube. Den drei Jahre älteren Göttinger Studenten hatte sie bereits im Sommer 1818 in Bökendorf getroffen, im Frühjahr darauf hat er sie in Hülshoff besucht. Heinrich ist anders als die „Löwen“. Er nimmt Annette ernst, respektiert ihr lyrisches Talent, tauscht mit ihr Gedichte aus. Kein Zweifel: Heinrich ist bis über beide Ohren verknallt. Von Annette kann man sagen, dass sie ihm mindestens sehr zugetan ist.

  • Before-Der Bökerhof (Gartenseite)
    After-Der Bökerhof (Gartenseite)
    1820Der Bökerhof (Gartenseite)2018

Was auch immer da ist, es wird misstrauisch beäugt von jenen, die Annette ohnehin auf dem Kieker haben, darunter Stiefonkel August und Stieftante Anna. Reicht es denn nicht, dass dieses junge Frauenzimmer ihre Zeit nicht mit Stickereien und meinetwegen dem Sammeln von Märchen verbringt, sondern mit dem Schreiben eigener Gedichte! Dass sie honorigen Freunden des Hauses wie Wilhelm Grimm nicht den nötigen Respekt entgegenbringt! Muss sie auch noch dem armen Straube den Kopf verdrehen?!!!11!

Man will ihr eine Lektion erteilen und schmiedet einen perfiden Plan. Annette soll bloßgestellt und diskreditiert werden. Mitte Juli 1820 wird er ausgeführt, und zwar von August von Arnswaldt, auch er ein Freund der Haxthausens und von Heinrich Straube. Der smarter Spross einer hannoverschen Adelsfamilie glaubt, dass keine Frau widerstehen kann. Im Bökerhof sucht er gezielt Annettes Nähe, flirtet mit ihr, macht zweideutige Bemerkungen, bringt sie völlig aus dem Konzept. Er treibt sie zu widersprüchlichen Äußerungen – nur, um dann triumphierend zu seinem Kumpel Straube zu eilen, diesen vor der treulosen jungen Frau zu warnen.

Es folgte ein wohl theatralischer, gemeinsamer „Absage-Brief“ der Männer an Annette von Droste: Sie habe die Probe nicht bestanden, mit Straubes Gefühlen also nur gespielt, nun würden beide nichts mehr von ihr wissen wollen. Ob Heinrich das wirklich so sieht oder seinerseits von Arnswaldt zu diesem Bruch getrieben wird – man weiß es nicht. Der Brief der beiden vom 6. August 1820 ist offenbar nicht erhalten, dafür aber ein beigelegter Zettel für August von Haxthausen, der auserkoren ist, seiner Nichte den Absage-Brief zu überreichen (und unbedingt über ihre Reaktion zu berichten). Darauf steht:

Straube ist frei – Keiner von uns wird wohl jemals nach Hülshoff gehen – Dieser Brief bricht alles ab …

Annette erklärt sich und die Situation einige Monate später in einem Brief an Anna (ausgerechnet!). Über Arnswaldts Vorgehen notiert sie:

… ich sollte mit Gewalt recht schuldig werden, Str(aube) sollte gerettet werden, und ich zu Grunde. Oh wie muss der mich hassen! …

Stieftante Anna von Haxthausen, wie ihr Bruder August in die Intrige involviert, heiratet zehn Jahre später August von Arnswaldt. Heinrich Straube tritt in den Staatsdienst ein, ist als Anwalt in Kassel tätig und ehelicht 1824 Maria Regenbogen.

Die Dichterin ist nach der Intrige von 1820 über Jahrzehnte hinweg nicht zu ihrer ostwestfälischen Verwandtschaft zurückgekehrt. Erst 1837 setzt sie wieder einen Fuß ins Paderborner Land – im Bökerhof aber will sie auch 17 Jahre nach den Vorkommnissen nicht mehr wohnen. Bei ihren künftigen Aufenthalten nimmt sie nun stets Quartier beim ihr freundschaftlich verbundenen, unverheirateten Onkel Fritz im benachbarten Gut Abbenburg.

 

Gut Abbenburg liegt etwa zwei Kilometer von Bökendorf entfernt an der heutigen Landstraße L825. Bild: Monika Gemmer

 

  • Before-Gut Abbenburg
    After-Gut Abbenburg
    19. Jh.Gut Abbenburg2018

In den „krimmelvollen“ Bökerhof geht sie nur noch tageweise zu Besuch. Vor allem 1839 genießt die Dichterin die Ruhe in Abbenburg, wo Onkel Fritz sich fürsorglich um ihre Gesundheit kümmert und die leicht Übergewichtige immer wieder mit dem Hämmerchen raus in die Natur schickt, wo sie Steine klopfen und sich Bewegung verschaffen soll. Nur zu gerne kommt sie dieser Aufforderung nach und vervollständigt bei dieser Gelegenheit ihre umfangreiche Mineralien- und Fossiliensammlung.

… eine so tiefe Ruhe! Denn die Ökonomiegebäude liegen weitab und mein Onkel Fritz führt nur eine kleine Junggesellenwirtschaft. Das Haus ist angenehm, angefüllt mit altertümlichen Gegenständen, wunderschön geschnitzten Schränken und Möbeln, alten Kunstuhren, Familienbildern und so still, dass man den ganzen Tag das Heimchen zirpen hört.

Ungefähr 200 Schritte vom Hause (nach der stillen Seite) ein sehr hoher und breiter Laubengang, in der Mitte abgebrochen, wo eine herrliche alte Linde steht mit steinernen Bänken und Tischen drum her. Dies ist der Ort, wo ich meinen Onkel zuweilen betrüge, während er mich durch Feld und Wald rennen glaubt ..

Der freundliche heutige Hausherr auf Gut Abbenburg, noch immer heißt er Haxthausen, zeigt mir einen steinernen Tisch unter den Bäumen am Rande einer Wiese: Es ist der Platz, an dem Annette von Droste das „Geistliche Jahr“ geschrieben hat. Der Sockel ins Erdreich abgesunken und von Efeu umrankt, die Platte eine schiefe, von Grünspan überzogene Ebene, hat er dennoch die Zeiten und Generationen überdauert. So wie die Dichterin, die einst an ihm saß.

 

An diesem Steintisch im Park von Gut Abbenburg dichtete Annette von Droste in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts – damals noch ungestört vom Autolärm, der heute von der Landstraße zu hören ist. Bild: Monika Gemmer

1845 hält sich Annette zum letzten Mal im „Paderbornischen“ auf. Zu diesem Zeitpunkt ist sie eine publizierte Schriftstellerin, die zwei Gedichtbände veröffentlicht hat. Das Verhältnis zu Onkel August hat sich im Laufe der Jahre gebessert – am Ende zollt er seiner kecken Nichte und deren Leistungen sogar Respekt. 

Mit Heinrich Straube hat die Dichterin nie wieder Kontakt. Als er 1847 stirbt, findet man in seinem Nachlass eine Locke. Sie soll von Annette stammen.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank mal wieder für den interessanten Bericht über die Reise ins Paderborner Land und den Einblick in die familiäre Geschichte und Zusammenhänge mit Annette Droste-Hülshoff!

  2. Das Dankeschön gebe ich gerne zurück – für dein unermüdliches Interesse an meinem Nischenthema. ;)

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