Geschichte eines Mega-Projekts: Frankfurts neue Altstadt

„Verrückte Idee“, dachte ich, als in Frankfurt der Plan reifte, die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Altstadt rund 70 Jahre später in Teilen zu rekonstruieren. Gotische Fachwerkhäuser auf dem Stand der 1920er Jahre originalgetreu wieder aufbauen, dazu 20 weitere Gebäude, die sich architektonisch in das historisierende Ganze einfügen, Straßenzüge wiederherstellen, ein ganzes (wenn auch kleines) Viertel „wiederauferstehen“ zu lassen? Das klingt so absurd wie die Bezeichnung „neue Altstadt“.

Dann fielen nach sechs Jahren in diesem Frühjahr die Bauzäune. Und ich muss sagen: Diese unansehnliche Ecke von Frankfurt hat enorm gewonnen. Jaja, ich weiß: Das ist keine Kunst, denn alles scheint besser als das Technische Rathaus, dieser potthässliche Waschbeton-Klotz, mit dem in den 1970er Jahren ein großer Teil dieses Areals überbaut wurde. Als der „Elefantenfuß“ 2012 abgerissen war, eröffnete sich die Chance zum Teil-Wiederaufbau der Altstadt.

Und so sieht es nun dort aus:

Heute spaziere ich gerne nach Feierabend durch die neue Gassen. Wenn sich die Touristenflut bei Einbruch der Dämmerung zurückzieht, hat man die Altstadt fast für sich alleine – noch. Viele Läden und Lokale sind noch nicht eröffnet, Wohnungen noch nicht bezogen. Ich schätze, dass es mit den offen zugänglichen Innenhöfen bald vorbei sein wird: Sobald die neuen Altstädtler sich ihren hochpreisigen Wohnungen eingerichtet haben, werden sie wohl recht schnell genervt die Tore verrammeln.

Aber bis dahin gibt es noch viel zu entdecken. Bei jedem Gang durch die Altstadt nehme ich neue Details wahr. Den Apfelweintrinker, der an der Braubachstraße / Ecke Neugasse aus der Ecke eines Gebäudes schaut – ein Eckstein aus dem Jahr 1940, der zurückgekehrt ist, ebenso wie der den Hühnermarkt dominierende Stoltzebrunnen oder das barocke Portal, das viele Jahre im Garten des Liebieghauses untergekommen war. Der rustikale Brunnen in einem Hof hinterm rekonstruierten Gasthof Zum Rebstock.

Interaktive Web-Reportage

Die FR-Story zur Frankfurter Altstadt

Für die FR habe ich ein interaktives Webdossier zur Frankfurter Altstadt umgesetzt. Darin erzählen wir die Geschichte dieses Mega-Projekts in Texten, Bildern, Grafiken, 360-Grad-Panoramen (wie oben zu sehen), in historischen Aufnahmen und Vorher-Nachher-Vergleichen. Wir beschreiben die Jahrzehnte nach der Zerstörung im Bombenhagel von 1944, als eine Brache das Zentrum der Stadt bildete, sprachen mit Menschen, die sich noch an die Zeit erinnern, als das Areal zwischen dem Rathaus Römer und dem Dom als Parkplatz diente, bis es in den 1970er Jahren im damals modernen Stil des Brutalismus überbaut wurde. Als gut 40 Jahre später die Entscheidung fiel, das Technische Rathaus wieder abzureißen, gab es nur wenige in der Stadt, die ihm eine Träne nachweinten.

Stattdessen erlebte Frankfurt die erstaunliche Karriere einer Idee, über die anfangs fast alle politischen Akteure die Köpfe schüttelten. Doch offenkundig hatte sie einen Nerv getroffen. Wir schildern die hitzige Debatte um das Für und Wider der Altstadt-Rekonstruktion und den Sinneswandel der Stadtpolitker, die sich am Ende mit großer Mehrheit hinter die Pläne stellten. Am Ende waren die Kritiker in der Minderheit – und mancher von ihnen fand als Architekt schließlich sogar Gefallen an der Möglichkeit, am Nachbau einzelner Gebäude mitzuwirken.

Das Dossier zeigt auch, was in den sechs Jahre Bauzeit hinter den Zäunen passierte, wirft einen Blick auf die Rohbauten und in die Werkstätten der beteiligten Handwerksbetriebe, die vor der ungewöhnlichen Herausforderung standen, Schnitzereien und Steinmetzarbeiten nach historischen Vorbildern zu verwirklichen. Die fertig rekonstruierten Häuser hat unsere Fotografin Renate Hoyer in Szene gesetzt.  Das Dossier lebt nicht zuletzt auch von ihren herausragenden Bildern.

Es kommen Menschen zu Wort, die die Altstadt-Entstehung begleitet haben – Architekten und Vereinsvorsitzende, Befürworterinnen und Kritiker. Vor allem aber fragen wir Passanten und Besucherinnen nach ihrer Meinung und sammeln Reaktionen.

Die verwendeten Tools

Das Projekt war für mich eine gute Gelegenheit, neue Tools auszuprobieren. Pageflow, eines der beliebtesten Werkzeuge zum Erstellen von Multimedia-Reportagen (ich habe hier und dort damit gearbeitet) ist schließlich nicht die einzige Storytelling-Plattform im Angebot. Wie rasant der Markt dieser Werkzeuge gewachsen ist, zeigt ein Blick auf bleiwüsten.de. Die beiden Journalist*innen Daniela Späth und Michel Penke bloggen hier über neue Tools und Programme, mit denen sich digitale Geschichten erzählen lassen. Fast immer, wenn ich das passende Werkzeug für die Umsetzung einer Idee suche, werde ich hier fündig. Diesmal fiel meine Wahl auf PictureStory.

Storytelling mit PicturyStory

PictureStory ist keine Software mit einem Editor, sondern ein Set von Dateien, die man mit eigenen Inhalten füllt und dann via FTP auf den eigenen Webspace hochlädt. Kernstück ist ein Template, das man mit dem Web-Editor seiner Wahl auf dem eigenen Rechner bearbeitet. Ohne HTML-Kenntnisse geht hier also nichts. Dafür behält man die Hoheit über alle Dateien und kann jeden beliebigen Code einbinden. Und kostenlos ist PictureStory auch. Michel Penke beschreibt hier genauer, wie es funktioniert.

Um eine Geschichte wie die des Altstadt-Projekts zu erzählen, drängen sich Formate wie Vorher-Nachher-Vergleiche, 360-Grad-Fotos und Bilder mit markierten und klickbaren Bereichen geradezu auf. Für all diese Darstellungsformen fand ich geeignete Werkzeuge, die sich kostenlos nutzen lassen.

Vorher-Nachher-Vergleich mit Juxtapose

Auf die Angebote aus der Storytelling-Tool-Schmiede KnightLab greife ich immer wieder gerne zurück. Neben dem oben erwähnten Template PicturyStory zum Zusammenstellen und Präsentieren einer Geschichte mit Bildern und Multimedia-Elementen, Timeline JS für Zeitleisten, StoryMap für die Präsentation von Reiserouten und Soundcite zum Verknüpfen von Textlinks mit Audios gibt es mit Juxtapose JS ein tolles Tool für Vorher-Nachher-Vergleiche. Zwei Bilder (die eine identische Größe haben müssen) lassen sich stufenlos überblenden. Die Bedienung könnte einfacher nicht sein: URL der Fotos eingeben (Dropbox-Anbindung möglich), optional Bildunterschriften, Credits und die Position des Sliders bestimmen, Embed-Code holen und einbinden.

360-Grad-Panoramen mit Scene VR

Ebenfalls von Knightlab stammt  Scene VR. Das Tool macht 360-Grad-Fotos zu navigierbaren Diashows. Die Panorama-Bilder habe ich mit dem Smartphone und der App Google Street View gemacht. Die Fotos lädt man in Scene VR hoch, sortiert sie nach Belieben, fügt Bildunterschriften hinzu und bekommt auch hier am Ende einen Einbettungscode. Das Tool benötigt die Anmeldung mit einem Google-Konto – und es trackt die Nutzung mit Google Analytics!

Imagemaps mit Pictogon

Um Bereiche auf einem Bild zu markieren, klickbar zu machen und mit Infofenstern zu bestücken, wollte ich zunächst das bewährte Thinglink nutzen. Die Abo-Tarife starten bei 20 Dollar monatlich.  Es gibt auch eine Free-Version, die allerdings einen entscheidenden Haken hat: Erreicht man das Traffic-Limit, funktioniert die Imagemap dauerhaft nicht mehr. Auch in wenig frequentierten Blogs ist die Grenze irgendwann erreicht, wie ich in der Vergangenheit betrübt feststellen musste.

In Pictogon fand ich eine gute Alternative. Auch dieses Tool hat natürlich eine Bezahlversion, aber mit der kostenlosen Variante lassen sich immerhin drei Imagemaps erstellen. Hier ein Anwedungsbeispiel von Knightlab, auf dem Gebäude markiert sind:

Wie Frankfurt gewählt hat

Die Bundestagswahl ist gelaufen, der Zorn über den (erwartbaren) Einzug von Rechtsextremen ins Parlament, darunter brandgefährliche Demagogen, legt sich hoffentlich nicht so schnell. Sich an Nazis im Bundestag zu gewöhnen, als sei ihre Existenz ein Naturgesetz, ist keine Option. Dabei ist mir ganz wurscht, in welcher Partei die Rassisten sitzen. Das Geschwafel vom Schließen offener rechten Flanken lässt hier nichts Gutes erwarten. Eine Hoffnung: Falls die Grünen sich auf ihren alten Kampfgeist und ursprüngliche Positionen besinnen, könnte ihnen in einer „Jamaika“-Koalition eine wichtige Rolle zukommen. Allein – mir fehlt der Glaube …

Frankfurts Sympathie für „Jamaika“

Wie steht eigentlich Frankfurt am Main zu „Jamaika“? Inspiriert von einer Visualisierung auf Spiegel Online (die ihrerseits inspiriert wurde von The Two Americas of 2016 der New York Times) habe ich für 376 Frankfurter Wahlbezirke ausgewertet, wie stark der gemeinsame Anteil an Zweitstimmen von CDU, Grünen und FDP jeweils ausfällt. Das Ergebnis ist eine Karte, erstellt mit Carto, die anschaulich macht, wo die Sympathie für die „Jamaika“-Parteien stärker ausgeprägt ist, und wo sie ohne Mehrheit dasteht.

Stärkste Parteien in den Wahlbezirken

Eine weitere Karten-Visualisierung – ebenfalls auf Wahlbezirk-Ebene – zeigt auf einen Blick, welche Partei stärkste Kraft geworden ist (und nach dem Klick auch alle Ergebnisse des Wahlbezirks). Die Karte macht auch ein interessantes Detail sichtbar: In drei Wahlbezirken gibt es ein Zweitstimmen-Patt. In den Wahlbezirken 58001 (Wahlgebäude Helene-Lange Schule) in Höchst und 41003 (Kerschensteinerschule) in Hausen kommen CDU und SPD übereinstimmend auf jeweils 24,3 Prozent. Kurios das Patt im Innenstadt-Wahlbezirk 7001 (Julius-Leber-Schule): Hier liegt die CDU mit 19,1 Prozent der Zweitstimmen gleichauf mit – den Linken!

Alle Wahlbezirke als Diagramm

Neben den 376 dargestellten Wahlbezirken hat Frankfurt 114 Briefwahlbezirke, die bei der Kartenvisualisierung außen vor bleiben. Um auch sie verfügbar zu machen, habe ich zusätzlich ein interaktives Diagramm mit Datawrapper umgesetzt, das die Ergebnisse filterbar nach allen 490 Wahlbezirken zeigt.

Die Schwächen von Datawrapper

Erststimmen und Zweitstimmen in 45 Frankfurter Stadtteilen sowie in zehn angrenzenden Wahlkreisen im Rhein-Main-Gebiet: In der Wahlnacht und an den Tagen danach waren mehr als 120 Ergebnis-Grafiken zu erstellen. Datawrapper zeigt bei so einer Massenproduktion eine schmerzhafte Schwäche: Es gibt keine Möglichkeit, Zahlenformate (z.B. eine Stelle nach dem Komma) oder Farben (etwa der Parteienbalken) voreinzustellen – jedenfalls nicht in dem von uns genutzten Tarif Single Flat, der 29 Euro im Monat kostet. Nervig – und zeitaufwändig.

Für die Präsention der Ergebnisse in den beiden Frankfurter Wahlkreisen habe ich erneut Genially genutzt:

 

Tools und Quellen
Wahlbezirk-Geodaten auf offenedaten.frankfurt.de
Kartenvisualisierungstool Carto
Diagramm-Tool Datawrapper
Storytelling-Tool Genially
Wahlergebnisse vom Bürgeramt, Statistik und Wahlen
Tabellenkalkulation, hier: Open Office
Link: Bundestagswahl-Ergebnisse – Wie Frankfurt zu „Jamaika“ steht
Link: Bundestagswahl in Frankfurt – So hat Ihre Nachbarschaft gewählt

Visuelles Storytelling mit Genially

Die Bundestagswahl bietet eine gute Gelegenheit, neue Tools im Redaktionsalltag zu testen. Für die Präsentation von Kandidatenporträts auf FR.de habe ich ein Werkzeug eingesetzt, das ich im Frühjahr auf der re:publica kennengelernt hatte: Genially.

Es dauert einen Moment, bis man sich reingefuchst hat, dann aber ist Genially ein mächtiges Tool, das visuelles Storytelling auf einem hohen gestalterischen Niveau möglich macht. Es bietet ein ganzes Füllhorn an Design-Elementen und Funktionalitäten, um Inhalte interaktiv, multimedial und non-linear zu erzählen – und dabei auch noch gut auszusehen. Texte, Fotos, Grafiken, animierte Gifs, Karten, Video, Audios lassen sich kombinieren, jedes Element animieren und/oder mit Interaktivität ausstatten.

Hier mein Praxisbeispiel: In der Zeitung und auf FR.de porträtieren wir vor der Bundestagswahl die Direktkandidat*innen für insgesamt zehn Wahlkreise in Frankfurt und den angrenzenden Regionen. Das kann man einfach in Textform machen, Bild dazu und fertig. Oder man kann es mit einem Tool wie Genially machen, das sieht dann beisielsweise so aus:

Hier, in meinem Blog, ist es für dieses Genially ein wenig zu beengt. Wählen Sie am besten den Vollbildmodus mit einem Klick unten rechts und blättern Sie sich mal durch die Seiten. Wir haben das Projekt hier prominent platziert und ihm reichlich Raum gegeben.

Vorgefertigte Layouts machen den Start leichter.

Vorgefertigte Layouts machen den Start leichter.

Als Ausgangspunkt kann eines der vorgefertigten Layouts dienen – oder aber man beginnt das eigene Projekt mit einer leeren Seite, „from the scratch“.

Im Prinzip besteht ein Genially aus aneinandergereihten Slides. In meinem Beispiel hat jeder Wahlkreis eine eigene Seite. Die Inhalte – Hintergrund, Texte, Bilder, Buttons – sind in Ebenen angeordnet, wie man sie beispielsweise aus Photoshop kennt.

Offen für externe Inhalte

Jedes Element lässt sich mit Interaktivität versehen. In diesem Fall öffnet sich bei einem Klick auf die Fotos und den Button jeweils ein neues Fenster, mit porträtierenden Texten und einer Balkengrafik. An dieser Stelle habe ich die Möglichkeit genutzt, externe Inhalte einzubinden: Die Grafiken sind mit Datawrapper erstellt und via iFrame im Genially eingebettet. Hier zeigt das Tool eine seiner großen Stärken: Es ist offen für viele Arten externer Inhalte, erleichtert das Einbetten aus gängigen Video- und Audioplattformen, Social-Kanälen, Diagramm-Tools, von Dateien aus Google Drive und Karten aus Google Maps und sogar von Artikeln etwa aus Wikipedia. Aber auch so ziemlich alles andere lässt sich via Code einbetten.

Die Embed-Funktion in Genially bietet viele Optionen.

Die Embed-Funktion in Genially bietet viele Optionen.

Mit Animationen war ich zurückhaltend, das Genially sollte kein Klickibunti werden. Ich habe mich im wesentlichen auf die kreisrunden Kandidatenfotos auf jedem Slide beschränkt: Sie zoomen etwas größer, wenn man mit der Maus darüberfährt – als Hinweis, dass der Klick darauf zu weiteren Inhalten führt.

Alle Wahlkreise sind über eine Karte auf dem Startbildschirm ansteuerbar. Zu diesem Zweck habe ich die Wahlkreise auf der Karte (erstellt mit Carto) mit transparenten Flächen versehen und mit den jeweiligen Wahlkreis-Slides verlinkt. Alternativ kann man, wie oben erwähnt, auch durch die Slides blättern.

Genially bietet die Möglichkeit, jedes Element oder auch die ganze Seite zu animieren.

Genially bietet die Möglichkeit, jedes Element oder auch die ganze Seite zu animieren.

Pro-Funktionen für Einzelprojekt freischalten

Alle wesentlichen Funktionalitäten sind in der kostenlosen Version von Genially verfügbar. Das fertige Projekt lässt sich auch ohne Premium-Account einbetten, verlinken, über Socials verbreiten oder per Mail versenden. Zahlende Kunden können das Projekt herunterladen und auf dem eigenen Server speichern, den „Genially“-Schriftzug verschwinden lassen oder haben Einblick in Zugriffszahlen. Die Premium-Modelle sind gestaffelt, mit monatlichen Abo-Preisen zwischen 10 für den Pro- bis zu 100 Euro für den Master-Account. Für gelegentliche Nutzer gibt es eine coole Alternative: Einige Pro-Funktionalitäten lassen sich für ein paar Euro auch für ein Einzelprojekt freischalten.

Einen guten Einblick in Genially bieten die Kolleg*innen der Bleiwüsten – sie waren es auch, die mich in einem Workshop auf der re:publica in Berlin mit dem Tool bekannt gemacht haben. Vielen Dank dafür!

Redaktionsbesuch bei der Tagesschau

In Hamburg ist Schietwetter, aber das hebt sich noch, da bin ich guter Dinge. Seit langem bin ich mal wieder in der Stadt, diesmal aus Anlass der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche, die beim NDR stattfindet. Weil es günstig dorthin gelegen ist, wohne ich diesmal in Eimsbüttel und bin nach meiner Ankunft erstmal ausführlich durchs Schanzen- und durchs Karoviertel spaziert. Schöne Ecke.

Karoviertel.

Karoviertel.

Sternschanze

Sternschanze.

Machmal muss man einfach sagen, wie's ist.

Machmal muss man einfach sagen, wie’s ist.

Die Tagung selbst beginnt am Freitag, doch los ging es bereits Donnerstagnachmittag mit einem Redaktionsbesuch bei ARD aktuell – also da, wo Tagesschau, Tagesthemen, Nachtmagazin, tagesschau.de und die Tagesschau-App gemacht werden.

Die Kolleginnen und Kollegen dort nahmen sich Zeit, beantworteten alle Fragen, zeigten uns die Redaktions- und Produktionsräume sowie die Regie und ließen uns von dort einen Blick ins Studio werfen.  Bis zu 20 Tagesschau-Ausgaben, die Tagesthemen, die viertelstündlichen Tagesschau24-Ausgaben, das Nachtmagazin und der Wochenspiegel werden von hier aus gesendet. Redaktion,  Regie und Sprecher-Dienst sind 24 Stunden besetzt, so dass eine Extra-Ausgabe theoretisch jederzeit on air gehen kann.

Die Tagesschau-Regie – ausgestattet mit einer kleinen Handvoll Bildschirmen …

Sieben Beamer projizieren Bilder von hinten auf die 18 Meter breite Medienwand im Studio, vor der die Sprecherin steht. Auch die 3D-Grafiken, die man ab und zu sieht, werden auf den Riesenbildschirm geworfen – auch wenn es für Zuschauer mitunter so aussieht, als würden sie quasi im Raum schweben. Das sei eine optische Täuschung, erfahren wir, die nur dann funktioniert, wenn keine räumliche Begrenzung wie Wände, Decke oder Fußboden im Bild zu sehen ist, es also keine wahrnehmbaren Referenzpunkte gibt.

Die Gelenkarme, die die Kameras schwenken, sind mit dickem Polster überzogen. Die wuchtigen, eigentlich fürs Fließband bei Opel produzierten Monsterdinger können nämlich eine echte Gefahr für Nachrichtensprecher*innen werden, erzählt man uns. Zur Sicherheit sind überall im Raum Sensoren verbaut, die Alarm schlagen, falls sich Mensch und Roboter ungewöhnlich nahe kommen.

 

Blick aus der Regie ins Tagesschaustudio.

Auf dem Monitor links: der Sendungsplan.

Um 18 Uhr dürfen wir uns in die Redaktionskonferenz schleichen, in der das Programm der 20-Uhr-Tagesschau nochmals besprochen wird. Heute gibt’s keine Diskussionen, der Themen sind klar: Comey-Aussage in den USA, Wahl in Großbritannien mit Hinweis auf die Tagesschau-App und das Liveblog, Gabriel in Libyen, Haftbefehle gegen Islamisten, Air Berlin, neuer Intendant beim Deutschlandradio, neue Erkenntnisse zum Alter des  Homo sapiens, Unwetter in Kapstadt, Wetter.

Ein paar Schritte weiter behält das Social-Media-Team die Netzwerke im Auge (und nutzt für Twitter unter anderem das Tool Tweetdeck, das wir bei FR.de auch im Einsatz haben). In sechs Schichten, von morgens 5 Uhr bis Mitternacht, ist tagesschau.de auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv. Snapchat wird bislang nicht bespielt. Ein eigenes Team ist für die Produktion von Content zuständig, das Videos und Bilder gezielt für die verschiedenen Social-Media-Kanäle aufbereitet. So entstehen etwa für Instagram kurze, betextete Erklärvideos wie „Warum wählen die Briten donnerstags?“ . Die Fanpage wird ein- bis zweimal pro Stunde mit frischen Postings bestückt – mehr würde sich nachteilig auf den Facebook-Algorithmus auswirken, glaubt man bei tagesschau.de. Am Social-Media-Tisch ist übrigens auch die Idee für „Sag’s mir ins Gesicht“ entstanden: Rund 100 Anrufer, darunter eine ganze Reihe bekennender Hater, wollten via Skype mit Kai Gniffke, Anja Reschke und Isabel Schayani sprechen – viel mehr, als das Social-Media-Team erwartet hatte. Ob man das Experiment nochmal wiederholt? Bleibt vorläufig offen.

Schließlich schauen wir noch hinter die Kulissen von Faktenfinder, dem jüngsten Projekt von ARD aktuell. Seit April prüft ein Team von zwölf Leuten virale Bilder, Videos und „Nachrichten“, zuletzt unter anderem über eine angeblich inszenierte Anti-Terror-Demonstration von Muslimen nach dem Anschlag von London. Ein Korrespondent vor Ort konnte bestätigen, dass der Protest tatsächlich stattgefunden und nicht eine von CNN erfundende Fake News ist. Im Schnitt eine Geschichte pro Tag wird vom Team verifiziert oder falsifiziert, die Themen kommen direkt von Usern oder werden aus den sozialen Netzwerken gefischt. Inzwischen ist eine ganze Reihe von Tutorials entstanden, die beispielsweise Tipps zum Erkennen von Social Bots oder zum Entlarven manipulierter Statistiken geben.  Zunächst ist das Projekt bis nach der Bundestagswahl angelegt, ob es danach weitergeht, ist noch unklar.

Vorletzter Tagesordnungspunkt am Vorabend von #nr17: Auf zur Installationsparty, um bei frischen Erdbeeren und mit netten Leuten den eigenen Laptop für einen der Workshops der nächsten Tage vorzubereiten – „Code like a journalist“. Zum ersten Mal werde ich mit Nerd-Zeugs wie Python in Berührung kommen!

Zurück im Hotel stolpere ich unversehens in eine hier stattfindende Veranstaltung der SPD, auf der Olaf Scholz sich vom Eimsbütteler Volk ausfragen lässt. Ich lasse eine  Kugelschreiber mitgehen, weil meiner bereits den Geist aufgegeben hat, und wende mich dem letzten Tagesordnungspunkt zu: Craft Beer der nahegelegenen Brauerei Ratsherren verkosten.

Olaf Scholz (links – aber nur im Bild) und Niels Annen stellen sich den Genossen.

GOA16: Diese Angebote haben wir nominiert

Der Grimme-Online-Award-Jahrgang 2016 ist ein starker – fast so stark wie 2007! :) In der aktuellen GOA-Saison durfte ich als Mitglied der Nominierungskommission zwei Monate lang mit sechs Mitstreiter*innen nach digitalen Perlen tauchen, den Fang anschließend drei Tage lang gründlich begutachten, schließlich die besten Stücke herausfischen und sie, begleitet mit allen guten Wünschen, ins Finale schicken.

Die Nominierungskommission zum Grimme Online Award 2016: Vorne v.l.: Brigitte Baetz (freie Medienjournalistin), Monika Gemmer (Frankfurter Rundschau), Christian Nuernbergk (LMU München) Mitte v.l.: Friederike Sobiech (Redakteurin und Designerin), Darja Lena Martens ("Blinde Kuh"), Sebastian Brauns (Journalist) Hinten: Henning Grote (User Experience Konzepter). Foto: Vera Lisakowski

Die Nominierungskommission zum Grimme Online Award 2016: Links von mir Brigitte Baetz (freie Medienjournalistin), rechts Christian Nuernbergk (LMU München). Mitte v.l.: Friederike Sobiech (Redakteurin und Designerin), Darja Lena Martens („Blinde Kuh“), Sebastian Brauns (Journalist). Hinten: Henning Grote (User Experience Konzepter). Foto: Vera Lisakowski

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