Corona-Projekt: Drostes „Unruhe“ ist jetzt vertont

Droste-Rezitation

Aufnahme im Corona-Studio.

Der Plan reifte schon vor der Pandemie, nahm im wanderreichen Corona-Sommer weiter Gestalt an – nun, im Herbst, haben wir ihn in die Tat umgesetzt. Dora Michel komponierte und mischte, ich rezitierte und verhaspelte mich, am Ende können wir stolz unser Werk präsentieren: Die Vertonung des Droste-Gedichts „Unruhe“. 

Bevor du dir den Track anhörst: Versetze dich kurz in das Leben einer jungen Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Grunde hast du alles: eine Familie, ein Zuhause, ein soziales Umfeld. Du bist nicht reich, aber durchaus wohlhabend, du leidest keine materielle Not, hast keine Zukunftssorgen, ja, du musst nicht einmal arbeiten fürs liebe Brot. Doch glücklich bist du dennoch nicht.

Denn tief in dir gibt es da diese schmerzliche Sehnsucht nach einem anderen Leben. Den drängenden Wunsch, sich frei zu machen von den Erwartungen anderer. Sich entfalten zu können, die eigenen Schritte lenken zu dürfen, die Welt jenseits des sichtbaren Horizonts zu entdecken. Die Fesseln, die Konventionen und Zeitgeist dir auferlegen, abzustreifen. Frei zu sein.

Annette von Droste-Hülshoff ist noch keine 20 Jahre alt, als sie diese Gefühle zu einem Gedicht formt. Von außen betrachtet hat sie alles: Ihre adlige Familie lebt auf einer Burg im Münsterland, ihre Eltern gehören noch zur langen Ahnenreihe derer, die von Pachten und Abgaben der Bauern locker leben können. Sie wird die letzte feudalherrschaftliche Generation in dieser Familie sein. Die Bauernbefreiung des frühen 19. Jahrhunderts erreicht auch das rückständige Westfalen, und Annettes Bruder, der später die Burg übernimmt, ist der Erste, der lernen muss, die Güter als landwirtschaftlicher Unternehmer zu führen. Der Verlust alter Privilegien vollzieht sich vor Annettes Augen.

Freiheitsdrang, nur mühsam gebändigt

Noch aber ist es nicht soweit. Auch wenn Westfalen im Jahr 1816 nach einer der schlimmsten Missernten des Jahrhunderts eine furchtbare Hungersnot erlebt: Die junge Frau, die auf der Wasserburg hinter dicken Mauern in ihrem Zimmer sitzt und die Feder führt, hat genug zu essen. Nicht Sorgen um die materielle Zukunft sind es, die sie zum Schreiben treiben. Was da so pocht und glüht in ihrer Brust, ist das Verlangen nach einem Privileg, das den Männer vorbehalten ist (auch wenn sie es nun zu verlieren drohen): die Freiheit. 

Ein Naturgesetz. So ist es eben: Die Rollen sind verteilt. Im Kopf weiß das die junge Frau. Und auch, dass sie sich nur selbst wehtut, wenn sie in fruchtlosem Schmerz dagegen aufbegehrt. Und doch flackert es immer wieder auf, dieses Brennen. Manchmal, wenn man es gar nicht erwartet – auf einem Strandspaziergang etwa, wo sie Ruhe sucht und stattdessen bein Anblick der reis’gen (zum Reisen bereiten) Schiffe die alte Unruh überfällt: Sehnsucht nach fernen Ländern, nach Entdeckertum, Expeditionen, nach Pioniertaten. Doch Schluss damit. Stille, du törichtes Herz. Pionierinnen sind nun einmal nicht vorgesehen. Lerne dich bescheiden und labe dich lieber an den erlaubten kleinen Freuden des Alltags.

Die Sehnsucht behält das letzte Wort

Bevor der tagträumenden Strandläuferin gänzlich die Phantasie durchgeht, ruft sich selbst zur Ordnung. Doch wenn sie sich auch äußerlich fügt, dem Meer, den Träumen den Rücken kehrt, heim vom feuchten Strande kehrt – sie ist doch nicht ganz totzukriegen, diese Stimme in ihr, die zwar bange, aber doch unüberhörbar nach Freiheit ruft. Und trotzig wie Galileo behält diese Stimme das letzte Wort: Mag das Herz, das angeblich „weibliche“ Organ, auch noch so klein sein –  es passt doch mehr hinein als nur die zugewiesene häusliche Sphäre. Dieses kleine Herz hat für die ganze Schöpfung Raum

„Unruhe“, so schreibt Annette von Droste-Hülshoff 1816 einem Vertrauten, „mahlt den damaligen und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen“.

 

Unruhe (1816)

Lass uns hier ein wenig ruhn am Strande
Foibos* Strahlen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reis’ge Schiffe ziehn zum fernen Lande?

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Es zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermesslich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Grenzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt?
Wer seine Tiefe
Wenn mutlos kehret
Des Senkbleis Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flücht’ge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frei,
O! das pocht, das glüht in meiner Brust.

Rastlos treibt’s mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freiheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönt’s Unendlichkeit!

Stille, stille, mein törichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
Dort stille, Herz, dein glühendheißes Beben
Es gibt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn, sie schwinden ungefühlt
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Gibt Phoibos heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Lass uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es tut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingt’s wie Heimatslieder
Und die alte Unruh‘ kehret wieder
Las uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

* Beiname Apollons, des griechischen Gottes des Lichts
 

2 Kommentare

  1. Sehr schön! Die Einordnung vorher hilft auch, sich hineinzuversetzen. Und Musik und Stimme haben den Ton des Gedichts getroffen, finde ich.

    Danke.
    Christine

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