Veränderung

„Eigentlich ist alles nichts“, steht auf dem quadratischen vergilbten Papier, das wohl von einem dieser Zettelblöcke stammt. Ich habe es aus einer Kiste gefischt, in der ich Post aller Art aufbewahrt habe. Weil ein Umzug bevorsteht, nehme ich mir nach und nach alle Regale, Kommoden, Schubladen und Kartons vor, sortiere, trenne mich. Und hebe auf.

Die Schrift erkenne ich sofort, es ist die meiner Mutter, und ich werde diesen Zettel ebenso wie ihre anderen Briefe, Karten, Fotos, Dokumente wieder sorgfältig zusammenlegen und in die neue Wohnung tragen. Es ist ein Auszug aus einem Gedicht von Theodor Fontane.

„Eigentlich ist alles nichts
Heute hält’s und morgen bricht’s
Hin stirbt alles …“

Hier fehlen zwei Zeilen, vielleicht waren sie ihr entfallen, sie war bereits todkrank, als sie das aufschrieb, ich sehe es an ihrer zittrig wirkenden Handschrift. Vor ihrer Erkrankung schrieb sie in gleichmäßig geschwungenen Buchstaben, und beim Rezitieren von Gedichten war sie stets textsicher gewesen. Hier aber fehlen die Worte

„… ganz geringe
Wird der Wert der ird’schen Dinge“.

Ich lese weiter:

„Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht ich noch erleben.“

Eine Handvoll Momente hat es gegeben, da ich mir wünschte, sie hätte sie noch erleben können. Einer davon wird der Moment sein, wenn ich nach Hause komme. In einigen Monaten wohne ich wieder auf dem Land, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich großgeworden bin. Ich werde die vertrauten Wege durch die Felder gehen (und feststellen, dass die Häuser viel näher herangerückt sind), werde in ihrem Garten in der Erde wühlen und wohl auch mit ihrem hochbetagten Witwer schimpfen, wenn er mit seinen über 90 wieder einmal auf eine Leiter klettern will.

Ich werde ihr wieder öfter begegnen, an dieser Waldlichtung, an jener Bank am Feldrand, auf diesem einen Spielplatz, den es immer noch gibt, auf dem Friedhof sowieso – und in dem Boden, den sich fruchtbar gemacht hat. Ich freue mich unbändig darauf und fürchte mich ein ganz klein wenig. Wo mich doch schon dieser Zettelfund so aus der Fassung bringt. 

Grimme Online Award 2019: Die Entscheidung

Heute ist es soweit: In Köln werden die Grimme Online Awards verliehen. Und einmal mehr werde ich wohl einen Abend zwischen Mitfreuen und Mitleiden erleben.

Vor einigen Monaten durfte ich in der Nominierungskommission über die Finalistinnen und Finalisten mitentscheiden. Wir haben 28 Angebote ins Rennen um die maximal acht Auszeichnungen geschickt, und sie alle -ja, alle! – hätten die Trophäe verdient.

Mein persönliches Netz hat sich zunehmend von einem lesbaren in ein hörbares Netz gewandelt. Ich verbringe viel Zeit mit Podcasts und bin begeistert, wie viele qualitativ hochwertige Angebote es hier auch im deutschsprachigen Raum gibt. „Durch die Gegend“, einer meiner Lieblingspodcasts, hat es auf die „Shortlist“ geschafft, und auch das empfehlenswerte „Rice and Shine“ von, mit und über Vietdeutsche(n) und die Mutter-Tochter-Gespräche „Mensch Mutta – Ein halbes Leben in der DDR“ sind dabei. Ich freue mich, die Macherinnen dahinter in Köln kennenzulernen – und bin gespannt, wie die Jury entschieden hat. Wenn es nach mir ginge, würden alle drei Podcasts ausgezeichnet.

Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte, dann wären die Angebote unter den Preisträgern, die sich vergessener Themen annehmen – und sie wohltuend langsam erzählen. Eines davon ist Neos Kosmos: Lukas Schepers, Philipp Meuser und Kolja Warneck berichten in diesem Longread über Griechenland, und dies aus einem anderen Blickwinkel und in einem anderen Ton als dem diffamierenden Tonfall, den ein nicht unerheblicher Teil der etablierten Medien vor einigen Jahren an den Tag legte.

Die Preisverleihung des Grimme Online Award lässt sich übigens ab ca. 18:45 Uhr im Livestream verfolgen. Die komplette Liste der Angebote, die wir nominiert haben, findet sich hier.

Nach Hause kommen

Wenn im Gottesdienst in den Fürbitten dein Name fällt, dann bist du gewöhnlich gestorben. Dass meine Pfarrerin mich heute im Sonntagsgottesdienst erwähnte, hat einen erfreulichen Anlass: Sie hieß mich in der Gemeinde willkomen.

Vor fast 30 Jahren bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dem Verein, der Menschen (nicht nur wie mich) systematisch ausgrenzt, habe ich nie eine Träne nachgeweint, dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft schon. In den letzten zwei Jahrzehnten bin ich einigen Menschen begegnet, die ich als Seelsorger*innen im Wortsinn erleben durfte. Da war der evangelische Pfarrer, der – anders als sein katholischer Amtsbruder – an die Tür meiner Familie klopfte, als unsere Verzweiflung am größten war. Der mit uns am Sterbebett meiner Mutter saß und Worte fand, die irgendwie durch diese Vakuumschicht zu uns durchdrangen, die uns seit Monaten von der Welt trennte. Ich erlebte Pastorinnen und Pfarrer, die ihren Platz auf der Kanzel nutzen, um zu tun, was Aufgabe der Kirche ist: sich einmischen. Haltung zeigen. Politisch Position beziehen, Menschenfeindlichkeit beim Namen nennen. Und die ihr wichtigstes Handwerkszeug, die Sprache, bewusst handhaben, um Menschen sichtbar zu machen.

Vor zwei Tagen habe ich ein langes Gespräch mit der Pfarrerin meiner zuständigen Gemeinde geführt. Als ich zurück in meine Wohnung kam, durch die Tür, über der seit vielen Jahren ein Kreuz hängt, war ich evangelisch geworden.

Fühlt sich gut und richtig an.

Und, ja, auch der junge Dorfpfarrer, der die Weihnachtsgeschichte am Heiligen Abend spontan von zunächst verdutzten, dann amüsierten Gottesdienstbesucher*innen nachstellen ließ, hat seinen Anteil daran. ;)

Ein Job in München

Vor etwas mehr als 30 Jahren wünschte ich mir kaum etwas sehnlicher, als in München zu arbeiten. Im vergangenen Monat wurde dieser (längst verflogene) Traum mit großer Verspätung doch noch Wirklichkeit.

Meine neue Existenz in München? Leider nicht – ich hab ja kein zukunftsfähiges Handwerk gelernt. ;)

Es ist ein Job auf Zeit. Und ein beruflicher Ausflug auf unbekanntes Terrain. Ich schaue ich mir die Zentralredaktion von Munich Online an, die unter anderem merkur.de betreibt und daneben auch andere regionalen Portale der Ippen Verlagsgruppe mit überregionalen Inhalten beliefert.

Die Ippen-Verlagsgruppe hat bundesweit Zeitungen, in Hessen gehören unter anderem die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, die Offenbach Post und die Hersfelder Zeitung zum Unternehmen – und seit gut einem Jahr ist neben der Frankfurter Neuen Presse auch meine berufliche Heimat, die Frankfurter Rundschau, Teil des Verlagshauses.

Ein zentraler Standort der Verlagsgruppe ist München mit dem Münchener Merkur und der tz. Diesen Umständen ist zu verdanken, dass ich für einige Wochen in die  berufliche Fremde gegangen bin und meinen Schreibtisch in Frankfurt gegen einen Platz in einem Großraumbüro in Münchens Zentrum getauscht habe.

 

Mein Arbeitsplatz auf Zeit: Pressehaus Bayerstraße.

Ich bin hier, um was zu lernen, mir Werkzeuge und Workflows anzuschauen. Und natürlich die Menschen kennenzulernen, die durch den FR-Eigentümerwechsel meine neuen Kolleginnen und Kollegen geworden sind.

Perspektivwechsel lautet also das Motto, oder, wie eine Freundin es formulierte: Mal raus aus der Komfortzone. Ich schreibe in München über Themen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal journalistisch beackern würde … ;) Und siehe da: Ich hab Spaß! Was vermutlich auch daran liegt, dass es nur ein kurzer Ausflug in andere Gefilde ist …

Zur rechten Zeit am rechten Ort: An der fast menschenleeren Theresienwiese laufe ich gerne mal morgens auf dem Weg zur Arbeit vorbei.

Die Firmenwohnung, die ich nutzen darf, liegt in Thalkirchen, Stadtbezirk Sendling, quasi direkt am Fluss und in unmittelbarer Nähe der Flaucher-Auen – eines der schönsten Naherholungsgebiete der Stadt, wie einer meiner Münchner Kollegen schwört. Ich glaube ihm das sofort. Anfangs war ich hier laufen, dann passierte mir in meiner zweiten Münchener Woche ein Malheur mit dem Kniegelenk. Zum Spaziergehen am und über dem Wasser – der Flauchersteg verbindet hier die Ufer über mehrere Kiesbank-Inseln hinweg – reicht es aber noch. Und dann lockt ja auch der nahe Flaucher-Biergarten …

Flauchersteg an der Isar in Thalkirchen.

Abends wirft die tiefstehende Sonne den Schatten des Flaucherstegs auf die Kiesbänke der Isar.

Abendspaziergang vor meiner Haustür.

München kulinarisch

Die „Kitchenette“ in meiner Wohnung erlaubt mir zwar, mich selbst zu versorgen; Spaß macht das Kochen in dieser Mini-Küche allerdings nicht, und so gehe ich in die Kantine und ab und zu auch auswärts essen. Zum Frühstücken habe ich „Das Maria“ im nicht weit entfernten Glockenbachviertel entdeckt, mit orientalisch inspirierten Gerichten wie „Maria in Marrakesch“ oder „Maria im Souk“. In Laufweite meiner Unterkunft findet sich das Bio-Restaurant „resihuber“ am Resi-Huber-Platz, neben einem der vielen Müncher Vollcorner-Bioläden. Resi Huber war eine Antifaschistin, die ihre Arbeit im Kräutergarten des KZ Dachau nutzte, um Lebensmittel für die eingepferchten Menschen hineinzuschmuggeln.

Wochenend-Ausflug: Eine knappe Stunde Bahnfahrt entfernt liegt Schliersee. Einkehrtipp hier: das Milchhäusel!

Die Künstlerin Frida Kahlo ist Namenspatin der Kneipe in der Maxvorstadt, in die es mich mehrmals abends gezogen hat. Das „Frida“ kannte ich schon von meinem letzten Aufenthalt in München, als ich nach einem Besuch im Lenbachhaus dort gelandet war und diese Entdeckung nicht bereut hatte: Leckeres Essen, angenehme Atmosphäre.

Apropos Lenbachhaus: Auch diesmal konnte ich das architektonisch so beeindruckende „Haus im Haus“ mit den Bildern des „Blauen Reiter“, mit Werken von Joseph Beuys, mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert und natürlich dem wunderschönen Garten mitten in der Stadt nicht auslassen. Die aktuelle Sonderausstellung „I’m a believer“ dreht sich um Popart und Gegenwartskunst.

Die frühere Künstlerresidenz von Franz und Lolo von Lenbach (beigefarbenes Gebäude) wurde durch einen modernes Gebäude „umbaut“.

Blick aus dem Lenbachhaus in den Garten.

München historisch

Nicht weit vom Lenbachhaus entfernt, an der Brienner Straße in unmittelbarer Nähe des Königsplatzes, findet sich das NS-Dokumentationszentrum. Als ich es nach einem meiner Arbeitstage gegen 17 Uhr betrat und erfuhr, dass es bis 19 Uhr geöffnet hat, war ich guter Dinge, mir alles in Ruhe anschauen zu können. Eine Fehleinschätzung! Bereits der erste Teil im obersten Stock der Dauerausstellung über München und den Nationalsozialismus, die sich über insgesamt dreieinhalb Etagen erstreckt, hat mich eine gute Stunde lang beschäftigt. Es geht in diesem ersten Kapitel um die politische Entwicklung in München nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die Turbulenzen zur Zeit der Räterepublik – und um die Frage, wie München zur Keimzelle der Nationalsozialismus werden konnte.

Hitler hatte sich für seinen Putschversuch von 1923 die Stadt ausgesucht, in der er auf das Wohlwollen der Amtsträger bauen konnte. München wurde einem Erzreaktionär regiert, der die Stadt gezielt als Gegenpol zum „Sündenpfuhl“ Berlin positionierte: Sodom und Gomorrha in der Hauptstadt, Recht und Ordnung in Bayern, so das Narrativ.

Plakat aus den 1920er Jahren im NS-Dokumentationszentrum.

So fand der Hochverratsprozess gegen Hitler in einem Umfeld statt , das dem Angeklagten wohl gesonnen war. Der Prozess war  eine Farce, der Richter, ein Hitler-Sympathisant, beugte das Recht, für sein mildes Urteil wurde er später vom „Führer“ reich belohnt. Die wenigen Monate „Festungshaft“, die Hitler absitzen musste, waren in Wahrheit ein Gefängnisaufenthalt unter recht komfortablen Umständen – ausgestellt ist unter anderem eine lange Namensliste von Hitlers Besuchern.

Die Ausstellung über München und den Nationalsozialismus zeigt anhand vieler Dokuemnte, wie die Stadt zum Machtzentrum der Nazis wurde.

In der Stadt, die ihn so geschont hatte, gründete Hitler nach seiner Entlassung im Bürgerbräukeller die verbotene NDSAP neu und konnte, getragen von einem antisemitischen, rechtsnationalen Bürgertum, seinen Siegeszug antreten. München war nicht nur die Keimzelle seiner Diktatur, die Stadt und vor allem die Gegend rund um den Königsplatz wurden zur Machtzentrale seiner Partei. Das NS-Dokumentationszentrum beleuchtet all das an einem historischen Ort: Das neue Gebäude steht an der Stelle des „Braunen Hauses“, der NSDAP-Parteizentrale.

München von oben

Um einen Blick von oben auf die Stadt zu werfen, hatte ich mir eigentlich den Turm des Alten Peter ausgesucht, die älteste Pfarrkirche Münchens, direkt am Viktualienmarkt gelegen. Mein lädiertes Knie sprach jedoch sehr dafür, stattdessen den Aufzug auf den Turm des Neuen Rathauses zu nehmen. Die Aussicht ist auch von dort beeindruckend: Ich sehe das Gewusel der Menschen auf dem Marienplatz, der sich gerade zum 17-Uhr-Glockenspiel füllt, die Kirche St. Peter und das Alte Rathaus.

Im Westen erheben sich die beiden charakteristischen Türme der Frauenkirche, im Norden leuchtet die ockerfarbene Theatertinerkirche neben der Feldherrnhalle am Odeonsplatz in der Abendsonne. Der Königbau der Residenz protzt mit seiner langgezogenen Fassade, so dass das Nationaltheater daneben fast bescheiden wirkt. Über die Dächer hinweg ist das dunkelgrüne Band des Englischen Gartens zu sehen, mittendrin reckt sich auf einem Hügel der von hier aus winzige Monopterus-Tempel übers Grün. Ganz in der Ferne glänzt das spektakuläre Zeltdach des Olympiastadions.

Frauenkirche

Der Alte Peter und, links im Bild, das Alte Rathaus.

Die katholische Theatinerkirche mit ihrer Kuppel ist Grabstätte vieler Wittelsbacher. Rechts davon liegt die Feldherrnhalle – aber hier ist sie kaum zu erkennen.

Der langgestreckte Königsbau gehört zur Münchner Residenz, dem Stadtschloss der bayerischen Könige. Rechts davon dsieht man den Dachgiebel des Nationaltheaters, dahinter der Englische Garten, mittendrin der Monopterus – nicht zu verwechseln mit dem Heizkraftwerk ganz im Hintergrund!

Da unten stand ich vor mehr als 30 Jahren mit klopfenden Herzen vor einem unscheinbaren Gebäude am Altheimer Eck. Ich träumte davon, nach dem Abi eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule zu machen. Die erste Hürde war genommen, meine Bewerbungsreportage gut genug ausgefallen, um eine der begehrten Einladungen zur zweiten Runde nach München zu bekommen. Zwei Tage lang wurden die Kandidatinnen und Kandidaten  hier durch die Mangel gedreht: Wir mussten unter anderem den Grad unserer politischen Bildung in diversen Tests nachweisen, eine Vor-Ort-Reportage produzieren und uns in Vorstellungsgesprächen mehreren Interviewern stellen. In der zweiten Runde flog ich raus, ging stattdessen zum Studieren nach Marburg und Frankfurt – und stieg ganz klassisch in den Beruf ein, mit freier Mitarbeit, Praktika und Volontariat. München hakte ich damals ab. Alles war gut so, wie es gekommen war.

Es ist viel Wasser den Main hinabgeflossen seit damals. Und die Isar natürlich auch.

Am Isarwehrkanal steht dieser vom Bieber angenagte Baum, an dem ich auf dem Weg zu meiner U-Bahn-Station vorbeikomme.

Nach der zweiten Woche erleben mein Baum und ich einen kurzen Wintereinbruch.

Nach einem stürmischen Wochenende finde ich meinen angeknabberten Freund gefällt vor.

Nach gut vier Wochen packe ich meine Sachen und kehre zurück nach Frankfurt. Der Ausflug war spannend, ich habe viel gelernt und komme mit einem gut gefüllten Werkzeugkasten zurück. Als ich in Frankfurt aus dem Zug steige, hüpft mein Herz. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen und wieder aufs Land zu ziehen. Jetzt freu ich mich wie Bolle, wieder hier zu sein, in diesem kleinen Dorf am Main.

Aller guten Dinge: Biike auf Amrum

Ist das nur ein Gefühl, oder nimmt das Leben tatsächlich mit jedem neuen Jahr mehr an Tempo auf? Wie auch immer: Auch dieses Jahr rast dahin – es war doch gerade erst Neujahr, und schon ist der Februar rum und damit ein lange herbeigesehnter Aufenthalt am Meer bereits wieder vorbei.

Wie in den vergangenen beiden Jahren durfte ich auch 2019 im Kreise von Freundinnen am Abend des 21. Februar auf einer Nordsee-Insel am Biike-Feuer stehen: Nach Föhr 2017 und Sylt 2018 hat es unsere kleine Reisegruppe diesmal nach Amrum verschlagen. Und was soll ich sagen: Der weite Weg – sechs Stunden Bahnreise plus zwei Stunden Fährüberfahrt – hat sich wahrlich  gelohnt. Amrum, wo ich vor ungefähr 25 Jahren mal in den Dünen gezeltet und ob all des Sandes im Essen und zwischen den Zähnen damals reichlich geflucht hatte, hat sich diesmal in mein Herz geschlichen. Dabei wohnt dort doch schon so lange die Nachbarinsel Föhr!

Die Amrumer Dünen sind durch Bohlenwege erschlossen.

Ja, dies ist ein offizieller Wanderweg: Mitunter darf man auf Amrum auch die Dünen durchqueren wie hier zwischen Wittdün und Nebel.

Leuchttürme ziehen mich immer noch magisch an. Den Leuchtturm von Nebel kann man besteigen – immer mittwochs. Die Aussicht ist atemberaubend.

Dönske an Köönem, das Café in Nebel, wartet mit unendlich vielen Teesorten auf – und einer singenden Wirtin

Irgendwann lass ich mir den Friesenspruch doch noch tätowieren: Rüm hart, klaar kimming.

Hier geht’s nach Norddorf, eines der fünf Inseldörfer.

Den Kniepsand haben Wintergäste auf Amrum fast für sich allein. Groß genug ist er ja mit 10 Quadratkilometern.

Manchmal begegnet man dann aber doch anderen Strandbesuchern.

Am Ende dieser Woche sind wir insgesamt stramme 90 Kilometer gewandert und hatten auf dem Kniepsand eine Begegnung mit einem Seehund (über den wir die Schutzstation Wattenmeer sogleich brav informierten – aber man gab uns gleich Entwarnung, dies sei wie üblich ein junges Tier, das sich am Strand ausruhe, während die Mutter im Meer jage). Wir haben einen Gottesdienst in der Inselkirche St. Clemens in Nebel besucht, wo die feministisch predigende Pastorin einen tiefen Eindruck bei uns hinterließ, wir futterten uns ganz weltlich durch Friesentorten und Friesenwaffeln, reihten uns dafür auch mehrfach gerne und geduldig in der Torten-Schlange im Café Schult in Norddorf ein (die Amrumer sprechen in diesem Zusammenhang gerne von Schultgefühlen), schlürften Pharisäer und Tee, den wir von einer singenden Wirtin serviert bekamen,  sangen selbst aus vollen Kehlen auf dem abendlichen Fußweg von der berühmten Kneipe „Blaue Maus“ zu unserer Ferienunterkunft in Wittdün, standen Glühwein-schlürfend an einem wunderbar untouristischen und musikfreien Biike-Feuer. Wir spielten, kochten, babbelten und lachten wie lange nicht mehr, und in einer sternenklaren Nacht, als wir nach dem Abschiedsessen im Likedeeler über einen stockdunklen Deich zurück nach Wittdün stolperten, konnten wir nicht anders: Alle vier blieben wir wie angewurzelt in der Kälte stehen und schauten staunend nach oben in einen üppigen Sternenhimmel, wie man ihn wohl auf dem Meer oder auf einer Insel zu sehen bekommt.

Leuchtturm von Nebel am letzten Abend.

Drei Mal Biike auf drei Nordsee-Inseln in drei Jahren – mein Fazit: Amrum, Föhr und Sylt sind allesamt lohnende Ziele, wenn die Friesen am Abend des 21. Februar die großen Holzhaufen anzünden – hier habe ich darüber geschrieben, was man über diese Tradition weiß. In Wyk auf Föhr brennt die Biike auf einer großen Wiese in der Nähe des Flugplatzes, das Fest wird eher bodenständig begangen, und es gibt Manhattan, den Föhrer Haus- und Hof-Cocktail, den ausgewanderte Insulaner bei der Rückkehr mitbrachten. In List auf Sylt feierten wir Biike direkt am Strand, mit Friesenspruch und einer Kommunalpolitikeransprache, insgesamt ein wenig überkandidelt und mit Musik aus der Dose, die aber kaum mehr stört, hat man erst mal den zweiten Glühwein getrunken. Der wurde auch auf Amrum ausgeschenkt, wo die Biike ebenfalls in allen Inseldörfern brennt – wir entschieden uns für das Feuer am Tonnenhafen von Wittdün an der Wattseite, weil es fußläufig zu unserer Unterkunft lag.

Die Biike auf Amrum erschien uns am entspanntesten, eher untouristisch, mit vielen Einheimischen, die sich sichtlich freuten, den Winter bald abschütteln zu können. Den traditionellen Grünkohl im Anschluss ließen wir überall aus, die Lokale auf den Inseln sind proppevoll am Biike-Abend. Wir enwickelten über die drei Jahre unsere eigene kulinarische Biike-Tradition mit Kartoffelsalat und Würstchen sowie Suppe für die Veganerinnen.

Biike-Feuer auf Amrum.

Biike heißt für mich: zwei Stunden gedankenversunken aufs Feuer schauen, Ängste und Sorgen gleich mit in die Glut werfen und am Februar-Abendhimmel in Rauch aufgehen sehen. Da ist es am Ende egal, wo das Biike-Feuer brennt. Unabhängig davon ist Amrum für mich die perfekte Mischung aus Föhr und Sylt – mit der wohltuenden Normalität und Bodenständigkeit der einen und der grandiosen Dünenlandschaft der anderen Insel. Auch wenn Föhr für mich immer ein besonderer Ort bleiben wird: #Amrumliebe, ich komme wieder!

Die GOA-Saison beginnt

Noch ist Januar, ich darf euch also auch hier noch ein gutes neues Jahr wünschen. Möge sich 2019 von einer freundlichen Seite zeigen, mit Überraschungen der positiven Art, mit glücklichen Momenten und so wenig betrüblichen Nachrichten wie nur möglich.

Für mich wird 2019 (berufliche) Veränderungen bringen – ich werde berichten, wenn es soweit ist. Bis dahin darf ich für das Grimme-Institut wieder die besten publizistischen Angebote aus dem Netz fischen und sie gemeinsam mit lauter tollen Leuten für den Grimme Online Award 2019 nominieren. Das klappt natürlich nur, wenn wir möglichst viele Vorschläge bekommen. Von heute an und bis zum 1. März 2019 könnt ihr eure Favoriten einreichen. Also los, durchforstet eure Bookmark-Listen und schlagt Blogs, Podcasts, Websites, Social-Media-Profile und Apps vor, was das Zeug hält!