Nach Hause kommen

Wenn im Gottesdienst in den Fürbitten dein Name fällt, dann bist du gewöhnlich gestorben. Dass meine Pfarrerin mich heute im Sonntagsgottesdienst erwähnte, hat einen erfreulichen Anlass: Sie hieß mich in der Gemeinde willkomen.

Vor fast 30 Jahren bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dem Verein, der Menschen (nicht nur wie mich) systematisch ausgrenzt, habe ich nie eine Träne nachgeweint, dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft schon. In den letzten zwei Jahrzehnten bin ich einigen Menschen begegnet, die ich als Seelsorger*innen im Wortsinn erleben durfte. Da war der evangelische Pfarrer, der – anders als sein katholischer Amtsbruder – an die Tür meiner Familie klopfte, als unsere Verzweiflung am größten war. Der mit uns am Sterbebett meiner Mutter saß und Worte fand, die irgendwie durch diese Vakuumschicht zu uns durchdrangen, die uns seit Monaten von der Welt trennte. Ich erlebte Pastorinnen und Pfarrer, die ihren Platz auf der Kanzel nutzen, um zu tun, was Aufgabe der Kirche ist: sich einmischen. Haltung zeigen. Politisch Position beziehen, Menschenfeindlichkeit beim Namen nennen. Und die ihr wichtigstes Handwerkszeug, die Sprache, bewusst handhaben, um Menschen sichtbar zu machen.

Vor zwei Tagen habe ich ein langes Gespräch mit der Pfarrerin meiner zuständigen Gemeinde geführt. Als ich zurück in meine Wohnung kam, durch die Tür, über der seit vielen Jahren ein Kreuz hängt, war ich evangelisch geworden.

Fühlt sich gut und richtig an.

Und, ja, auch der junge Dorfpfarrer, der die Weihnachtsgeschichte am Heiligen Abend spontan von zunächst verdutzten, dann amüsierten Gottesdienstbesucher*innen nachstellen ließ, hat seinen Anteil daran. ;)

Ein Job in München

Vor etwas mehr als 30 Jahren wünschte ich mir kaum etwas sehnlicher, als in München zu arbeiten. Im vergangenen Monat wurde dieser (längst verflogene) Traum mit großer Verspätung doch noch Wirklichkeit.

Meine neue Existenz in München? Leider nicht – ich hab ja kein zukunftsfähiges Handwerk gelernt. ;)

Es ist ein Job auf Zeit. Und ein beruflicher Ausflug auf unbekanntes Terrain. Ich schaue ich mir die Zentralredaktion von Munich Online an, die unter anderem merkur.de betreibt und daneben auch andere regionalen Portale der Ippen Verlagsgruppe mit überregionalen Inhalten beliefert.

Die Ippen-Verlagsgruppe hat bundesweit Zeitungen, in Hessen gehören unter anderem die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, die Offenbach Post und die Hersfelder Zeitung zum Unternehmen – und seit gut einem Jahr ist neben der Frankfurter Neuen Presse auch meine berufliche Heimat, die Frankfurter Rundschau, Teil des Verlagshauses.

Ein zentraler Standort der Verlagsgruppe ist München mit dem Münchener Merkur und der tz. Diesen Umständen ist zu verdanken, dass ich für einige Wochen in die  berufliche Fremde gegangen bin und meinen Schreibtisch in Frankfurt gegen einen Platz in einem Großraumbüro in Münchens Zentrum getauscht habe.

 

Mein Arbeitsplatz auf Zeit: Pressehaus Bayerstraße.

Ich bin hier, um was zu lernen, mir Werkzeuge und Workflows anzuschauen. Und natürlich die Menschen kennenzulernen, die durch den FR-Eigentümerwechsel meine neuen Kolleginnen und Kollegen geworden sind.

Perspektivwechsel lautet also das Motto, oder, wie eine Freundin es formulierte: Mal raus aus der Komfortzone. Ich schreibe in München über Themen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal journalistisch beackern würde … ;) Und siehe da: Ich hab Spaß! Was vermutlich auch daran liegt, dass es nur ein kurzer Ausflug in andere Gefilde ist …

Zur rechten Zeit am rechten Ort: An der fast menschenleeren Theresienwiese laufe ich gerne mal morgens auf dem Weg zur Arbeit vorbei.

Die Firmenwohnung, die ich nutzen darf, liegt in Thalkirchen, Stadtbezirk Sendling, quasi direkt am Fluss und in unmittelbarer Nähe der Flaucher-Auen – eines der schönsten Naherholungsgebiete der Stadt, wie einer meiner Münchner Kollegen schwört. Ich glaube ihm das sofort. Anfangs war ich hier laufen, dann passierte mir in meiner zweiten Münchener Woche ein Malheur mit dem Kniegelenk. Zum Spaziergehen am und über dem Wasser – der Flauchersteg verbindet hier die Ufer über mehrere Kiesbank-Inseln hinweg – reicht es aber noch. Und dann lockt ja auch der nahe Flaucher-Biergarten …

Flauchersteg an der Isar in Thalkirchen.

Abends wirft die tiefstehende Sonne den Schatten des Flaucherstegs auf die Kiesbänke der Isar.

Abendspaziergang vor meiner Haustür.

München kulinarisch

Die „Kitchenette“ in meiner Wohnung erlaubt mir zwar, mich selbst zu versorgen; Spaß macht das Kochen in dieser Mini-Küche allerdings nicht, und so gehe ich in die Kantine und ab und zu auch auswärts essen. Zum Frühstücken habe ich „Das Maria“ im nicht weit entfernten Glockenbachviertel entdeckt, mit orientalisch inspirierten Gerichten wie „Maria in Marrakesch“ oder „Maria im Souk“. In Laufweite meiner Unterkunft findet sich das Bio-Restaurant „resihuber“ am Resi-Huber-Platz, neben einem der vielen Müncher Vollcorner-Bioläden. Resi Huber war eine Antifaschistin, die ihre Arbeit im Kräutergarten des KZ Dachau nutzte, um Lebensmittel für die eingepferchten Menschen hineinzuschmuggeln.

Wochenend-Ausflug: Eine knappe Stunde Bahnfahrt entfernt liegt Schliersee. Einkehrtipp hier: das Milchhäusel!

Die Künstlerin Frida Kahlo ist Namenspatin der Kneipe in der Maxvorstadt, in die es mich mehrmals abends gezogen hat. Das „Frida“ kannte ich schon von meinem letzten Aufenthalt in München, als ich nach einem Besuch im Lenbachhaus dort gelandet war und diese Entdeckung nicht bereut hatte: Leckeres Essen, angenehme Atmosphäre.

Apropos Lenbachhaus: Auch diesmal konnte ich das architektonisch so beeindruckende „Haus im Haus“ mit den Bildern des „Blauen Reiter“, mit Werken von Joseph Beuys, mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert und natürlich dem wunderschönen Garten mitten in der Stadt nicht auslassen. Die aktuelle Sonderausstellung „I’m a believer“ dreht sich um Popart und Gegenwartskunst.

Die frühere Künstlerresidenz von Franz und Lolo von Lenbach (beigefarbenes Gebäude) wurde durch einen modernes Gebäude „umbaut“.

Blick aus dem Lenbachhaus in den Garten.

München historisch

Nicht weit vom Lenbachhaus entfernt, an der Brienner Straße in unmittelbarer Nähe des Königsplatzes, findet sich das NS-Dokumentationszentrum. Als ich es nach einem meiner Arbeitstage gegen 17 Uhr betrat und erfuhr, dass es bis 19 Uhr geöffnet hat, war ich guter Dinge, mir alles in Ruhe anschauen zu können. Eine Fehleinschätzung! Bereits der erste Teil im obersten Stock der Dauerausstellung über München und den Nationalsozialismus, die sich über insgesamt dreieinhalb Etagen erstreckt, hat mich eine gute Stunde lang beschäftigt. Es geht in diesem ersten Kapitel um die politische Entwicklung in München nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die Turbulenzen zur Zeit der Räterepublik – und um die Frage, wie München zur Keimzelle der Nationalsozialismus werden konnte.

Hitler hatte sich für seinen Putschversuch von 1923 die Stadt ausgesucht, in der er auf das Wohlwollen der Amtsträger bauen konnte. München wurde einem Erzreaktionär regiert, der die Stadt gezielt als Gegenpol zum „Sündenpfuhl“ Berlin positionierte: Sodom und Gomorrha in der Hauptstadt, Recht und Ordnung in Bayern, so das Narrativ.

Plakat aus den 1920er Jahren im NS-Dokumentationszentrum.

So fand der Hochverratsprozess gegen Hitler in einem Umfeld statt , das dem Angeklagten wohl gesonnen war. Der Prozess war  eine Farce, der Richter, ein Hitler-Sympathisant, beugte das Recht, für sein mildes Urteil wurde er später vom „Führer“ reich belohnt. Die wenigen Monate „Festungshaft“, die Hitler absitzen musste, waren in Wahrheit ein Gefängnisaufenthalt unter recht komfortablen Umständen – ausgestellt ist unter anderem eine lange Namensliste von Hitlers Besuchern.

Die Ausstellung über München und den Nationalsozialismus zeigt anhand vieler Dokuemnte, wie die Stadt zum Machtzentrum der Nazis wurde.

In der Stadt, die ihn so geschont hatte, gründete Hitler nach seiner Entlassung im Bürgerbräukeller die verbotene NDSAP neu und konnte, getragen von einem antisemitischen, rechtsnationalen Bürgertum, seinen Siegeszug antreten. München war nicht nur die Keimzelle seiner Diktatur, die Stadt und vor allem die Gegend rund um den Königsplatz wurden zur Machtzentrale seiner Partei. Das NS-Dokumentationszentrum beleuchtet all das an einem historischen Ort: Das neue Gebäude steht an der Stelle des „Braunen Hauses“, der NSDAP-Parteizentrale.

München von oben

Um einen Blick von oben auf die Stadt zu werfen, hatte ich mir eigentlich den Turm des Alten Peter ausgesucht, die älteste Pfarrkirche Münchens, direkt am Viktualienmarkt gelegen. Mein lädiertes Knie sprach jedoch sehr dafür, stattdessen den Aufzug auf den Turm des Neuen Rathauses zu nehmen. Die Aussicht ist auch von dort beeindruckend: Ich sehe das Gewusel der Menschen auf dem Marienplatz, der sich gerade zum 17-Uhr-Glockenspiel füllt, die Kirche St. Peter und das Alte Rathaus.

Im Westen erheben sich die beiden charakteristischen Türme der Frauenkirche, im Norden leuchtet die ockerfarbene Theatertinerkirche neben der Feldherrnhalle am Odeonsplatz in der Abendsonne. Der Königbau der Residenz protzt mit seiner langgezogenen Fassade, so dass das Nationaltheater daneben fast bescheiden wirkt. Über die Dächer hinweg ist das dunkelgrüne Band des Englischen Gartens zu sehen, mittendrin reckt sich auf einem Hügel der von hier aus winzige Monopterus-Tempel übers Grün. Ganz in der Ferne glänzt das spektakuläre Zeltdach des Olympiastadions.

Frauenkirche

Der Alte Peter und, links im Bild, das Alte Rathaus.

Die katholische Theatinerkirche mit ihrer Kuppel ist Grabstätte vieler Wittelsbacher. Rechts davon liegt die Feldherrnhalle – aber hier ist sie kaum zu erkennen.

Der langgestreckte Königsbau gehört zur Münchner Residenz, dem Stadtschloss der bayerischen Könige. Rechts davon dsieht man den Dachgiebel des Nationaltheaters, dahinter der Englische Garten, mittendrin der Monopterus – nicht zu verwechseln mit dem Heizkraftwerk ganz im Hintergrund!

Da unten stand ich vor mehr als 30 Jahren mit klopfenden Herzen vor einem unscheinbaren Gebäude am Altheimer Eck. Ich träumte davon, nach dem Abi eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule zu machen. Die erste Hürde war genommen, meine Bewerbungsreportage gut genug ausgefallen, um eine der begehrten Einladungen zur zweiten Runde nach München zu bekommen. Zwei Tage lang wurden die Kandidatinnen und Kandidaten  hier durch die Mangel gedreht: Wir mussten unter anderem den Grad unserer politischen Bildung in diversen Tests nachweisen, eine Vor-Ort-Reportage produzieren und uns in Vorstellungsgesprächen mehreren Interviewern stellen. In der zweiten Runde flog ich raus, ging stattdessen zum Studieren nach Marburg und Frankfurt – und stieg ganz klassisch in den Beruf ein, mit freier Mitarbeit, Praktika und Volontariat. München hakte ich damals ab. Alles war gut so, wie es gekommen war.

Es ist viel Wasser den Main hinabgeflossen seit damals. Und die Isar natürlich auch.

Am Isarwehrkanal steht dieser vom Bieber angenagte Baum, an dem ich auf dem Weg zu meiner U-Bahn-Station vorbeikomme.

Nach der zweiten Woche erleben mein Baum und ich einen kurzen Wintereinbruch.

Nach einem stürmischen Wochenende finde ich meinen angeknabberten Freund gefällt vor.

Nach gut vier Wochen packe ich meine Sachen und kehre zurück nach Frankfurt. Der Ausflug war spannend, ich habe viel gelernt und komme mit einem gut gefüllten Werkzeugkasten zurück. Als ich in Frankfurt aus dem Zug steige, hüpft mein Herz. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen und wieder aufs Land zu ziehen. Jetzt freu ich mich wie Bolle, wieder hier zu sein, in diesem kleinen Dorf am Main.

Aller guten Dinge: Biike auf Amrum

Ist das nur ein Gefühl, oder nimmt das Leben tatsächlich mit jedem neuen Jahr mehr an Tempo auf? Wie auch immer: Auch dieses Jahr rast dahin – es war doch gerade erst Neujahr, und schon ist der Februar rum und damit ein lange herbeigesehnter Aufenthalt am Meer bereits wieder vorbei.

Wie in den vergangenen beiden Jahren durfte ich auch 2019 im Kreise von Freundinnen am Abend des 21. Februar auf einer Nordsee-Insel am Biike-Feuer stehen: Nach Föhr 2017 und Sylt 2018 hat es unsere kleine Reisegruppe diesmal nach Amrum verschlagen. Und was soll ich sagen: Der weite Weg – sechs Stunden Bahnreise plus zwei Stunden Fährüberfahrt – hat sich wahrlich  gelohnt. Amrum, wo ich vor ungefähr 25 Jahren mal in den Dünen gezeltet und ob all des Sandes im Essen und zwischen den Zähnen damals reichlich geflucht hatte, hat sich diesmal in mein Herz geschlichen. Dabei wohnt dort doch schon so lange die Nachbarinsel Föhr!

Die Amrumer Dünen sind durch Bohlenwege erschlossen.

Ja, dies ist ein offizieller Wanderweg: Mitunter darf man auf Amrum auch die Dünen durchqueren wie hier zwischen Wittdün und Nebel.

Leuchttürme ziehen mich immer noch magisch an. Den Leuchtturm von Nebel kann man besteigen – immer mittwochs. Die Aussicht ist atemberaubend.

Dönske an Köönem, das Café in Nebel, wartet mit unendlich vielen Teesorten auf – und einer singenden Wirtin

Irgendwann lass ich mir den Friesenspruch doch noch tätowieren: Rüm hart, klaar kimming.

Hier geht’s nach Norddorf, eines der fünf Inseldörfer.

Den Kniepsand haben Wintergäste auf Amrum fast für sich allein. Groß genug ist er ja mit 10 Quadratkilometern.

Manchmal begegnet man dann aber doch anderen Strandbesuchern.

Am Ende dieser Woche sind wir insgesamt stramme 90 Kilometer gewandert und hatten auf dem Kniepsand eine Begegnung mit einem Seehund (über den wir die Schutzstation Wattenmeer sogleich brav informierten – aber man gab uns gleich Entwarnung, dies sei wie üblich ein junges Tier, das sich am Strand ausruhe, während die Mutter im Meer jage). Wir haben einen Gottesdienst in der Inselkirche St. Clemens in Nebel besucht, wo die feministisch predigende Pastorin einen tiefen Eindruck bei uns hinterließ, wir futterten uns ganz weltlich durch Friesentorten und Friesenwaffeln, reihten uns dafür auch mehrfach gerne und geduldig in der Torten-Schlange im Café Schult in Norddorf ein (die Amrumer sprechen in diesem Zusammenhang gerne von Schultgefühlen), schlürften Pharisäer und Tee, den wir von einer singenden Wirtin serviert bekamen,  sangen selbst aus vollen Kehlen auf dem abendlichen Fußweg von der berühmten Kneipe „Blaue Maus“ zu unserer Ferienunterkunft in Wittdün, standen Glühwein-schlürfend an einem wunderbar untouristischen und musikfreien Biike-Feuer. Wir spielten, kochten, babbelten und lachten wie lange nicht mehr, und in einer sternenklaren Nacht, als wir nach dem Abschiedsessen im Likedeeler über einen stockdunklen Deich zurück nach Wittdün stolperten, konnten wir nicht anders: Alle vier blieben wir wie angewurzelt in der Kälte stehen und schauten staunend nach oben in einen üppigen Sternenhimmel, wie man ihn wohl auf dem Meer oder auf einer Insel zu sehen bekommt.

Leuchtturm von Nebel am letzten Abend.

Drei Mal Biike auf drei Nordsee-Inseln in drei Jahren – mein Fazit: Amrum, Föhr und Sylt sind allesamt lohnende Ziele, wenn die Friesen am Abend des 21. Februar die großen Holzhaufen anzünden – hier habe ich darüber geschrieben, was man über diese Tradition weiß. In Wyk auf Föhr brennt die Biike auf einer großen Wiese in der Nähe des Flugplatzes, das Fest wird eher bodenständig begangen, und es gibt Manhattan, den Föhrer Haus- und Hof-Cocktail, den ausgewanderte Insulaner bei der Rückkehr mitbrachten. In List auf Sylt feierten wir Biike direkt am Strand, mit Friesenspruch und einer Kommunalpolitikeransprache, insgesamt ein wenig überkandidelt und mit Musik aus der Dose, die aber kaum mehr stört, hat man erst mal den zweiten Glühwein getrunken. Der wurde auch auf Amrum ausgeschenkt, wo die Biike ebenfalls in allen Inseldörfern brennt – wir entschieden uns für das Feuer am Tonnenhafen von Wittdün an der Wattseite, weil es fußläufig zu unserer Unterkunft lag.

Die Biike auf Amrum erschien uns am entspanntesten, eher untouristisch, mit vielen Einheimischen, die sich sichtlich freuten, den Winter bald abschütteln zu können. Den traditionellen Grünkohl im Anschluss ließen wir überall aus, die Lokale auf den Inseln sind proppevoll am Biike-Abend. Wir enwickelten über die drei Jahre unsere eigene kulinarische Biike-Tradition mit Kartoffelsalat und Würstchen sowie Suppe für die Veganerinnen.

Biike-Feuer auf Amrum.

Biike heißt für mich: zwei Stunden gedankenversunken aufs Feuer schauen, Ängste und Sorgen gleich mit in die Glut werfen und am Februar-Abendhimmel in Rauch aufgehen sehen. Da ist es am Ende egal, wo das Biike-Feuer brennt. Unabhängig davon ist Amrum für mich die perfekte Mischung aus Föhr und Sylt – mit der wohltuenden Normalität und Bodenständigkeit der einen und der grandiosen Dünenlandschaft der anderen Insel. Auch wenn Föhr für mich immer ein besonderer Ort bleiben wird: #Amrumliebe, ich komme wieder!

Die GOA-Saison beginnt

Noch ist Januar, ich darf euch also auch hier noch ein gutes neues Jahr wünschen. Möge sich 2019 von einer freundlichen Seite zeigen, mit Überraschungen der positiven Art, mit glücklichen Momenten und so wenig betrüblichen Nachrichten wie nur möglich.

Für mich wird 2019 (berufliche) Veränderungen bringen – ich werde berichten, wenn es soweit ist. Bis dahin darf ich für das Grimme-Institut wieder die besten publizistischen Angebote aus dem Netz fischen und sie gemeinsam mit lauter tollen Leuten für den Grimme Online Award 2019 nominieren. Das klappt natürlich nur, wenn wir möglichst viele Vorschläge bekommen. Von heute an und bis zum 1. März 2019 könnt ihr eure Favoriten einreichen. Also los, durchforstet eure Bookmark-Listen und schlagt Blogs, Podcasts, Websites, Social-Media-Profile und Apps vor, was das Zeug hält!

Ahoi!

Das Ufer kommt näher, und ich merke: Ich bin zu schnell. Das Boot droht unsanft an die Kaimauer des Frankfurter Westhafen zu rumpeln. Ich ziehe am Gashebel, bis er mittig einrastet, und schalte den Motor so in den Leerlauf. Das Boot wird langsamer und gleitet nun im spitzen Winkel auf die Mauer zu, an der ich anlegen will. Als sich Bordwand und Beton berühren, fangen die Fender den Stoß ab. So weit, so gut. Aber wo ist die Leiter, an der ich eigentlich anlegen wollte? Ich habe sie verfehlt.

Ich schaue den Prüfer an. Der Prüfer guckt wortlos zurück und wartet. „Moment, ich korrigiere“, sage ich leicht hektisch, fahre noch ein Stück vor, dann zurück, lege dabei das Ruder in die falsche Richtung, das Heck dreht sich weg vom Ufer. Am Ende steht das Boot mit dem Bug vor der Mauer. So wird das nichts.

„Ich glaube, ich fange nochmal von vorne an“, wende ich mich an den Prüfer, und der nickt. „Das würde ich auch vorschlagen.“

Zum Glück hat man für alle Manöver, die bei der Bootsführerscheinprüfung zu fahren sind, zwei Anläufe. Bislang hatte alles auf Anhieb geklappt – naja, fast alles. Leinen los und ablegen, kursgerechtes Aufstoppen (also das Boot in Fahrt zum Stillstand bringen und dabei nicht vom Kurs abkommen), Wenden auf engstem Raum und vor allem das wichtige Boje-über-Bord-Manöver, bei dem neben den im Ernstfall  für Leib und Leben entscheidenden Handgriffen auch die richtigen Kommandos erwartet werden: Mit all dem war der Prüfer bereits im ersten Versuch zufrieden. Auch meinen Achtknoten und meinen Kreuzknoten, meinen doppelten Schotstek, Webelein- und Palstek segnete er wohlwollend ab. Lediglich beim Belegen der Klampe verhedderte ich mich erst einmal. War klar. Es ist der Knoten, der mir von Anfang an Probleme machte.

Belegen einer Klampe

Ein Seemannsknoten mit Kopfschlag, der mir Kopfzerbrechen bereitete: Das Belegen einer Klampe – links richtig, rechts falsch. Bild: Schorschi2, Lizenz: Public Domain, Quelle: Wikipedia

Dabei scheint es so einfach zu sein, ich muss nur die Münchner Telefon-Vorwahl um zwei Hörner herum legen. Die Null und die Acht klappen ja easy, aber der letzte Schlag, die Neun, will mir lange nicht in den Kopf – bei diesem „Kopfschlag“ wird die Bucht der Leine einmal um die eigene Achse gedreht, bevor sie um das Horn geworfen wird. Immer wieder drehe ich sie in der falschen Richtung, und heraus kommt etwas, das aussieht wie auf dem rechten Bild.

Steuerbord vor Backbord, Lee vor Luv – und warum links manchmal rechts ist (ganz unpolitisch betrachtet)

Bootfahren lernen, die Regeln auf dem Wasser kennen, Schilder, Lichter und Schallzeichen lesen und deuten können, in der Lage sein, ein Schiff zu schleusen, all das fasziniert mich, seit ich denken kann. Wasser und Schiffe haben mich seit jeher angezogen. Nachdem ich als Kind mit großer Ernsthaftigkeit einen Dreimaster nach dem anderen gemalt hatte, fand ich, dass es nun endlich Zeit ist für den nächsten Schritt. ;) Also meldete ich mich beim Segel-Center Frankfurt für den SBF Binnen an, den Führerschein also, mit dem ich Motorboote ab 15 PS aufwärts und mit einer Länge bis knapp 20 Metern auf Bundeswasserstraßen im Binnenbereich steuern darf.

Den Anfang macht das Theorie-Wochenende. In knapp zwei Tagen schippern wir einmal quer durch die  Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung, liebevoll BinSchStrO abgekürzt. Es geht ein bisschen zu wie damals im Autofahrschul-Unterricht: An einer Tafel schieben wir magnetische Bootsrümpfe hin und her und lernen die Verkehrsregeln auf dem Wasser. Es zeigt sich, dass sie jenen auf den Straßen ähneln, jedenfalls dann, wenn sich zwei ebenbürtige Motorsportboote begegnen: Bei kreuzenden Kursen gilt dann rechts vor links, Verzeihung: Steuerbord vor Backbord. Die Variante für Segelboote heißt „Lee vor Luv“: Das Boot auf der dem Wind abgewandten Seite hat Vorfahrt. Segelboote haben zudem grundsätzlich Vorfahrt vor Motorbooten (es sei denn, die Segler werfen zusätzlich den Motor an, dann gilt wieder Steuerbord vor Backbord) und ebenso vor Kanus und Ruderern. Naja, und die Berufsschifffahrt hat sowieso immer Vorrang vor Freizeitkapitänen. Ich merke mir der Einfachheit halber: Mit einem Motorboot weiche ich allen anderen aus. Fast immer und überall.

Ich lerne, welche Schilder die Durchfahrt an Brücken regeln und welche auf Hindernisse, Untiefen, Fahrrinnenspaltungen oder auf Anker- und Liegeverbote hinweisen. Dass beim Anblick von blauen Flaggen Vorsicht geboten ist: Eine steht für brennbare Fracht, zwei für gesundheitsgefährdende Stoffe, drei für explosive Güter. Ich lasse mir beibringen, wie man in der Dunkelheit anhand der Farbe und Position der Lichter erkennen kann, ob das Schiff, das sich nähert, eine Segeljolle, ein Motorboot, eine Fähre  oder gar ein Schub- oder Schleppverband ist. Und ich lerne nicht nur den Unterschied zwischen Wasserstraße und Fahrrinne, sondern auch den zwischen linkem und rechten Ufer – eine durchaus verwirrende Angelegenheit! Denn linkes Ufer bleibt auch dann linkes Ufer, wenn es in Fahrtrichtung rechts liegt (und umgekehrt). Betrachtet wird das auf Flüssen immer von der Quelle zur Mündung. Stromabwärts ist das linke Ufer also dort, wo der Daumen rechts ist (und umgekehrt). Für Bergfahrer hingegen liegt das rechte Ufer in Fahrtrichtung links (an Backbord) und das linke Ufer an Steuerbord.

Noch mehr verwirrende Regeln gefällig? Bitte sehr: Grün und Rot stehen für linke und rechte Seite – manchmal aber auch für rechte und linke Seite. Es kommt darauf an, ob es sich um Ufer oder Boote handelt. Grüne Spitztonnen markieren stets das (aus Talfahrersicht, siebe oben) linke Ufer und rote Stumpftonnen das rechte Ufer. Doch bei der Lichterführung an Motorbooten ist es genau umgekehrt: Nachts und bei unsichtigem Wetter ist Steuerbord ein grünes Licht zu setzen, Backbord ein rotes Licht. Alles klar?

Übrigens: Linke Uferseite = Grün, rechte Uferseite = Rot habe ich mir recht einfach merken können.  R(rechts) = R(ot) – und „Linksgrün-versifft“. Ha! Endlich sind die täglichen Nettigkeiten, die unsere User der Redaktion an den Kopf werfen, mal für was gut.

Boje über Bord – was nun?

Der Theorie folgt die Praxis. Bevor ich an Bord gehe, lerne ich Umgang und Funktionsweise der automatischen Rettungsweste: Eine integrierte Zellulose-Tablette löst sich bei Kontakt mit Wasser auf, worauf sich eine Feder entspannt und zack! wird die Weste aufgeblasen – raffinierte Erfindung!

Endlich auf dem Wasser, gesellen sich zu „Steuerbord“ und „Backbord“ wunderbare neue Vokabeln wie „achteraus“ und „querab“. Als Rudergängerin darf ich meinem Fahrlehrer Kommandos geben, rufe mit wachsender Begeisterung „Klar zum Ablegen“, „Achterleine los!“, „Fender rein!“, „Boje beobachten!“, „Klar zum Anlegen“ quer durch den Frankfurter Westhafen.

Schippern im Schatten des „Gerippten“: Die Marina Westhafen in Frankfurt.

Das wichtigste Pflichtmanöver ist die Rettung eines über Bord gefallenen Crew-Mitglieds. Mein Fahrlehrer schmeißt unerwartet eine Boje ins Wasser und ruft „Boje über Bord an Steuerbord“ – nun muss alles ganz schnell gehen: Sofort den Motor auskuppeln, damit der Propeller stoppt und kein Blutbad anrichten kann, und das Ruder in Richtung der einen Menschen markierenden Boje legen, wodurch sich das Heck mit dem Außenborder von ihr wegdreht – auch dies eine Sicherheitsmaßnahme gegen Verletzungen. Dann eine Person bestimmen, die den über Bord Gegangenen nicht aus den Augen verlieren soll, das Kommando „Rettungsmittel auswerfen“ nicht vergessen, wieder einkuppeln und zunächst drei oder vier Bootslängen mit dem Wind bzw. mit der Strömung wegfahren. Dann drehen und langsam wieder nähern – gegen den Wind, weil sich das Boot so sicherer manövrieren lässt. Ein bis zwei Bootslängen entfernt den Motor wieder auskuppeln (von wegen Blutbad-Gefahr), das letzte Kommando „Aufnehmen an Steuer- bzw. Backbord“ geben und laaaaaangsam an der Boje vorbeigleiten, so dass sie an Bord genommen werden kann.

Zwei Fahrstunden lang übe ich dieses und andere Manöver, dann naht bereits die Prüfung. Theorie und Praxis werden am selben Tag stattfinden.

• — • — • — • — • — oder: Bleib weeeeeeg! Bleib weeeeeeg! Bleib weeeeeeeg! Bleib weeeeeeeg! Bleib weeeeeeeg!

Passenderweise habe ich zuvor eine Woche Urlaub – Zeit zum Pauken. Ich lerne Schilder und Farben und Schallsignale, merke mir, dass ein langer Ton für „Achtung!“ steht, ein kurzer Ton für Steuerbord, zwei kurze Töne für Backbord, ein langer und ein kurzer Ton für „Wende über Steuerbord“, zwei lange und zwei kurze Töne für „Überhole an Ihrer Backbord-Seite“, drei lange Töne für „Biege in Hafen oder Einmündung ab“, drei kurze für „Fahre rückwärts“, vier kurze Töne für „Oje, bin manövrierunfähig“, und hoffe, dass ich nie in die Verlegenheit kommen werde, die Folge „lang kurz lang kurz lang kurz lang kurz …“ zu vernehmen – das gefürchtete „Bleib-weg-Signal“. Beim Lernen hilft diese Website sowie eine App, mit der ich alle 15 offiziellen Fragebögen, ein jeder mit 30 Multiple-Choice-Fragen, beantworten kann. In der Prüfung wird einer davon vor mir liegen.

Morgennebel in Frankfurt-Fechenheim: Gleich werde ich hier die Theorieprüfung ablegen.

Ziemlich aufgeregt – meine letzte Prüfung ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann – finde ich mich an einem Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe im Veranstaltungsraum eines Bootsclubs am Main im Frankfurter Stadtteil Fechenheim ein, um mit ungefähr 50 weiteren Anwärterinnen und Anwärtern die Theorieprüfung abzulegen. Mir wird der Fragebogen Nummer 15 zugelost. Nach zehn Minuten kann ich ihn ausgefüllt abgeben.

Für die Praxis muss ich einmal quer durch die Stadt zum Frankfurter Westhafen. Dort stehe ich wenig später in Rettungsweste am Ruder des Fahrschul-Motorboots und habe mich beim Anlegeversuch heillos vermanövriert. „Nur die Ruhe“, spricht der Prüfer, als ich zum zweiten Versuch ansetze. Der muss sitzen, sonst war’s das. Und es klappt. Ich drehe eine Runde, halte erneut im spitzen Winkel auf die Kaimauer zu, kupple diesmal rechtzeitig aus, lasse das Boot mit der Steuerbordseite an die Mauer gleiten, warte zwei Sekunden, drücke dann den Schalthebel nach unten in den Rückwärtsgang und lege das Ruder Richtung Ufer. Brav zieht der Radeffekt das Heck zur Leiter in der Kaimauer. „Leinen über und fest!“, rufe ich und schaue den Prüfer an. „Rückwärts ein bisschen zu viel Gas gegeben“, moniert er und lächelt dann: „Aber das ist nur ein Schönheitsfehler.“ Bestanden. Ich habe den Bootsführerschein!

Und gut drei Wochen später ist das gute Stück dann endlich in der Post.

Was lange währt… da isser!

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“

Hey, Annette von Droste-Hülshoff in den Buch-Charts! Hammer, oder?

Gut, ok: Es sind nicht ihre Gedichte, nicht ihre Balladen, nicht ihre Komödie „Perdu“, nicht einmal ihr populärstes Werk, der Krimi „Die Judenbuche“, die zeitweilig auf vordere Verkaufsränge drängen. Es ist ein historischer Roman rund um einen Vorfall im Juli 1820, bei dem ihr in jungen Jahren übel mitgespielt wurde. Die Intrige, die einige Mitglieder der mütterlichen Familie zusammen mit einem besonders windigen Freund des Hauses gegen die 23-Jährige ausgeheckt hatten, bildet den Hintergrund für das fast-600-Seiten-Werk „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve.

Das Komplott und seine Folgen habe ich hier schon mal beschrieben:

Droste im Paderborner Land (1): Die Intrige im Bökerhof

Nun also ist aus dem Stoff ein historischer Roman geworden. Schon wenn man das dicke Buch zur Hand nimmt, wird klar, dass es sich nicht auf die Schilderung der wenigen, für die Betroffenen durchaus dramatischen Sommertage des Jahres 1820 beschränkt. Karen Duve nutzt die Gelegenheit, um das Bild einer ganzen Epoche zu zeichnen. Das bietet sich an, denn in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts war ja verdammt viel los – Napoleon überrannte Europa und wurde wieder vertrieben, Hungersnöte brachen aus aus, weil auf auf Indonesien ein Vulkan ausgebrochen war, Studenten forderten den deutschen Nationalstaat und bekamen stattdessen erstmal Repression, ein Selbstmordattentat in Mannheim gegen einen „Vaterlandsverräter“, den anti-liberalen Dichter August von Kotzebue, bewegte die Gemüter. Und vieles davon berührte auch die Familie Droste-Hülshoff und ihr Umfeld unmittelbar.

Karen Duve: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Galiani Berlin, 592 Seiten, 25 Euro. Bild: Verlag

Auf der Frankfurter Buchmesse konnte ich neulich zuhören, wie Karen Duve über die Entstehung ihres Romans sprach. Dass das Biedermeier eine so bewegte Epoche und die Biedermeier-Dichterin so ein „lebendiges und freches Wesen“ war, habe sie überrascht, erzählte sie dort.

Duve fand einen reich gedeckten Tisch an Material, Dokumenten und Quellen vor. Alle Welt schrieb damals Tagebuch, viele waren über ein entschleunigtes soziales Netzwerk namens „Brief“ miteinander verbunden,  und viele dieser Briefe sind erhalten, erschlossen und publiziert. So hätten sich Ereignisse wie den Besuch der Familie Droste bei den Grimms in Kassel quasi Stunde für Stunde rekonstruieren lassen, sagt Karen Duve, und was eigentlich nur ein Büchlein über den Vorfall im Juli 1820 werden sollte, wurde ein kleiner Wälzer über die Jahre 1817 bis 1821. Er schildert gesellschaftliche und politische Umbrüche, zeichnet die sozialen Netzwerke des 19. Jahrhunderts nach, in denen die Männer klüngeln (zum Namedropping gehören Grimm, Hoffmann von Fallersleben, Knigge, Heine). Und es beschreibt den (Adels-)Alltag, zum Beispiel das mühe- und schmerzvolle Reisen, eingepfercht in stickigen Kutschen, die auf schlammigen Wegen stecken bleiben, oder das Kuren wie in Bad Driburg, wo Annette von Droste Erholung von ihren zahlreichen „Uebligkeiten“ suchte.

Zwischen historischer Genauigkeit und Interpretation

Ein historischer Roman ist immer eine Gratwanderung. Lücken, die die (Literatur-)Forschung nicht füllen kann, weil Motive oder Abläufe im Dunkeln liegen, muss der Roman mit Spekulation oder Interpretation auffüllen. Auf der Buchmesse sagte Karen Duve dazu: „Um die Wissenschaft sollen sich die Wissenschaftler kümmern.“ Trotzdem bleibt sie über weite Strecken dicht dran an belegten Ereignissen und Äußerungen. Wer sich ein bisschen mit Annette von Droste beschäftigt, entdeckt in den Dialogen  alle Naslang authentische Zitate etwa aus Briefen wieder. Häufig fällt der Ausruf „Ei Sapperment!“, die 19.-Jahrundert-Version für „Ach du grüne Neune!“, einmal schmunzelt man über „Hätte, hätte, Epaulette“. Doch abgesehen von eingestreuten Sprachbildern und charakeristischen Redewendungen verlegt Duve die Sprache der Protagonisten in unsere Zeit – um der Verständlichkeit willen. „Ich wollte, dass man sich mittendrin fühlt, also habe ich mich nur sporadisch in der Zeit bedient“, erklärte sie dem Buchmesse-Publikum.

Duve nennt ihren Roman einen „Hybrid – historisch ziemlich genau, bis auf die Liebesgeschichte“. Der genaue Ablauf der Begegnungen zwischen Heinrich Straube und Annette von Droste ist nicht überliefert, und man weiß auch nicht, wie weit die Zuneigung tatsächlich ging. Es gibt Anlass zur Vermutung, dass nur Heinrich richtig verknallt war, während Annette ihn eher geschwisterlich liebte. Duve hat sich anders entschieden. Sie habe den Ehrgeiz gehabt, die Geschichte „im historisch Möglichen und psychologisch Wahrscheinlichen auszuarbeiten.“ Bei ihr ist es die große, beiderseitige Liebe.

Wer mehr über den Roman wissen möchte: Hier geht’s zu meiner Rezension für die Frankfurter Rundschau.