Corona-Projekt: Drostes „Unruhe“ ist jetzt vertont

Droste-Rezitation

Aufnahme im Corona-Studio.

Der Plan reifte schon vor der Pandemie, nahm im wanderreichen Corona-Sommer weiter Gestalt an – nun, im Herbst, haben wir ihn in die Tat umgesetzt. Dora Michel komponierte und mischte, ich rezitierte und verhaspelte mich, am Ende können wir stolz unser Werk präsentieren: Die Vertonung des Droste-Gedichts „Unruhe“. 

Bevor du dir den Track anhörst: Versetze dich kurz in das Leben einer jungen Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Grunde hast du alles: eine Familie, ein Zuhause, ein soziales Umfeld. Du bist nicht reich, aber durchaus wohlhabend, du leidest keine materielle Not, hast keine Zukunftssorgen, ja, du musst nicht einmal arbeiten fürs liebe Brot. Doch glücklich bist du dennoch nicht.

Denn tief in dir gibt es da diese schmerzliche Sehnsucht nach einem anderen Leben. Den drängenden Wunsch, sich frei zu machen von den Erwartungen anderer. Sich entfalten zu können, die eigenen Schritte lenken zu dürfen, die Welt jenseits des sichtbaren Horizonts zu entdecken. Die Fesseln, die Konventionen und Zeitgeist dir auferlegen, abzustreifen. Frei zu sein.

Annette von Droste-Hülshoff ist noch keine 20 Jahre alt, als sie diese Gefühle zu einem Gedicht formt. Von außen betrachtet hat sie alles: Ihre adlige Familie lebt auf einer Burg im Münsterland, ihre Eltern gehören noch zur langen Ahnenreihe derer, die von Pachten und Abgaben der Bauern locker leben können. Sie wird die letzte feudalherrschaftliche Generation in dieser Familie sein. Die Bauernbefreiung des frühen 19. Jahrhunderts erreicht auch das rückständige Westfalen, und Annettes Bruder, der später die Burg übernimmt, ist der Erste, der lernen muss, die Güter als landwirtschaftlicher Unternehmer zu führen. Der Verlust alter Privilegien vollzieht sich vor Annettes Augen.

Freiheitsdrang, nur mühsam gebändigt

Noch aber ist es nicht soweit. Auch wenn Westfalen im Jahr 1816 nach einer der schlimmsten Missernten des Jahrhunderts eine furchtbare Hungersnot erlebt: Die junge Frau, die auf der Wasserburg hinter dicken Mauern in ihrem Zimmer sitzt und die Feder führt, hat genug zu essen. Nicht Sorgen um die materielle Zukunft sind es, die sie zum Schreiben treiben. Was da so pocht und glüht in ihrer Brust, ist das Verlangen nach einem Privileg, das den Männer vorbehalten ist (auch wenn sie es nun zu verlieren drohen): die Freiheit. 

Ein Naturgesetz. So ist es eben: Die Rollen sind verteilt. Im Kopf weiß das die junge Frau. Und auch, dass sie sich nur selbst wehtut, wenn sie in fruchtlosem Schmerz dagegen aufbegehrt. Und doch flackert es immer wieder auf, dieses Brennen. Manchmal, wenn man es gar nicht erwartet – auf einem Strandspaziergang etwa, wo sie Ruhe sucht und stattdessen bein Anblick der reis’gen (zum Reisen bereiten) Schiffe die alte Unruh überfällt: Sehnsucht nach fernen Ländern, nach Entdeckertum, Expeditionen, nach Pioniertaten. Doch Schluss damit. Stille, du törichtes Herz. Pionierinnen sind nun einmal nicht vorgesehen. Lerne dich bescheiden und labe dich lieber an den erlaubten kleinen Freuden des Alltags.

Die Sehnsucht behält das letzte Wort

Bevor der tagträumenden Strandläuferin gänzlich die Phantasie durchgeht, ruft sich selbst zur Ordnung. Doch wenn sie sich auch äußerlich fügt, dem Meer, den Träumen den Rücken kehrt, heim vom feuchten Strande kehrt – sie ist doch nicht ganz totzukriegen, diese Stimme in ihr, die zwar bange, aber doch unüberhörbar nach Freiheit ruft. Und trotzig wie Galileo behält diese Stimme das letzte Wort: Mag das Herz, das angeblich „weibliche“ Organ, auch noch so klein sein –  es passt doch mehr hinein als nur die zugewiesene häusliche Sphäre. Dieses kleine Herz hat für die ganze Schöpfung Raum

„Unruhe“, so schreibt Annette von Droste-Hülshoff 1816 einem Vertrauten, „mahlt den damaligen und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen“.

 

Unruhe (1816)

Lass uns hier ein wenig ruhn am Strande
Foibos* Strahlen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reis’ge Schiffe ziehn zum fernen Lande?

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Es zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermesslich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Grenzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt?
Wer seine Tiefe
Wenn mutlos kehret
Des Senkbleis Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flücht’ge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frei,
O! das pocht, das glüht in meiner Brust.

Rastlos treibt’s mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freiheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönt’s Unendlichkeit!

Stille, stille, mein törichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
Dort stille, Herz, dein glühendheißes Beben
Es gibt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn, sie schwinden ungefühlt
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Gibt Phoibos heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Lass uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es tut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingt’s wie Heimatslieder
Und die alte Unruh‘ kehret wieder
Las uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

* Beiname Apollons, des griechischen Gottes des Lichts
 

Lichter

 


Das schönste Licht ist das am Ende des Tunnels. Wenn die Sorgen um einen Menschen einer begründeten Hoffnung weichen, dass die Zeit des nächtlichen Aufschreckens beim Handyklingeln, der Anrufe beim Rettungsdienst, des Vom-Bett-ins-Auto-Springens, des Wartens morgens um 6 auf dem Hartschalensitz einer Notaufnahme  erst einmal zuende ist. Weil die Werte sich bessern, die Medikamente zu wirken beginnen, die akuten Beschwerden abklingen. Inzwischen sehen wir nicht nur das Licht – wir sind wohl wirklich raus aus dem Tunnel. Klar: Wann der nächste auf unserer Strecke kommt, weiß niemand.  Aber hier und jetzt haben wir ihn hinter uns, und das lässt mein Herz singen.

Draußen verändert sich derweil die Landschaft. Rund um unser Dorf sind seit Wochen die Mähdrescher unterwegs, in eine Wolke aus Getreidestaub gehüllt, die mit ihnen übers Feld wandert. Bis spät nachts sehen wir ihre Scheinwerfer auf der Anhöhe gegenüber. Die Wintergerste ist eingefahren, Weizen und Sommergerste sind so gut wie abgeernet, auch der Roggen ist fällig. Körnermais und Hafer haben noch Zeit zu reifen, doch davon gibt es hier nicht so viel. 

Wo der Wind noch vor kurzem die grüne Ährenfrisur der Felder verwuschelte, knallt nun die Sonne auf strohgelbe Stoppeln. Das ganze Dorf ist davon umrahmt.

Die Feuchtigkeit in den Körnern muss unter 15 Prozent liegen, um zu ernten. Das Getreide lässt sich dann nicht nur besser schneiden und verklebt nicht die Maschinen – vor allem ist es erst dann lagerfähig, ohne zu schimmeln.

Von all dem habe ich keine Ahnung, aber einen Schwiegervater, der im ersten Beruf Landwirt war, und eine Physiotherapeutin, die auf einem Bauernhof groß wurde und mir modernes Landwirten näherbringt, während sie meinen vom monatelangen Homeoffice-Arbeiten auf einem Küchenstuhl lädierten Rücken repariert. „Keine Sorge, die atmen den Getreidestaub nicht ein. Die sitzen in ihrer rundum dichten Fahrerkabine voller Elektronik, klimatisiert, und hören Musik.“

Der unbeholfene Kranich breitet die Flügel aus

In meinen Morgenspaziergang durch Felder und Wiesen vor Arbeitsbeginn baue ich neuerdings ein paar unbeholfene Bewegungsabläufe ein. In einem einwöchigen Intensiv-Workshop konnte ich in Tai Chi sowie in das noch meditativere QiGong reinschnuppern und lasse nun ab und an frühmorgens den weißen Kranich die Flügel ausbreiten. Auch wenn es albern aussehen mag: Die zeitlupenlangsamen Bewegungen, das bewusste Atmen, die Entschleunigung tun mir gut – wie ein täglicher kleiner Urlaub. Was die Dörfler wohl sagen, wenn ich mich demnächst mal an der Schwertform versuche und auf der Anhöhe überm Ort dreimal den Mond umkreise, bevor ich mit quer über dem Haupt erhobener Klinge den „Großen Hauptstern des Großen Bären“ ins Visier nehme?

Neulich auf dem Friedhof, den ich manchmal als Abkürzung auf dem Weg nach Hause nutze, machte ich eine Bekanntschaft. Ein alter Herr, in der Rechten eine Gießkanne, sprach mich an und fragte nach meinem Namen. Er habe mich „schunn e paar Mohl g‘seje“, sagt er, und müsse mich nun doch mal nach meinem Namen fragen. Ich stelle mich vor, erzähle, dass wir Ende des Jahres hergezogen sind, in das neue Haus am Siebenmorgenweg, er nennt ebenfalls seinen Namen und erwähnt nicht ohne Stolz, ein „alteingesessener Wersdorfer“ zu sein. „Wie schön, jetzt kennen wir uns!“, sage ich und freue mich ehrlich.

Gewöhnung an den Ausnahmezustand

Der Ausnahmezustand fühlt sich mehr und mehr nach Regelzustand an. Man gewöhnt sich: An geschlossene Geschäfte, an die immer länger werdenden Haare auf dem Kopf, an Flatterbänder, die Spielplätze und Sportstätten zu verbotenen Zonen deklarieren, an die Leerstellen in den Regalen, wo sonst Klopapier und Hefe lagern. Daran, dass das Einkaufen länger dauert, weil wir im Supermarkt wie selbstverständlich Umwege nehmen, wenn der direkte Weg zum gewünschten Produkt die Gefahr zu großer Nähe zu einem fremden Menschen birgt. Daran, dass die große Mehrheit der Einkaufenden, wenn sie doch mal unvermittelt in einem Gang aufeinandertreffen, sich entschuldigend anlächeln und bereitwillig ausweichen. Dass an den Kassen Klebebänder auf dem Boden und bewestete Mitarbeiter uns wenigstens für eine kurze Zeit von davon entlasten, das Einhalten von anderthalb bis zwei Metern Abstand mit bloßem Augenmaß zu bestimmen. Obwohl – ich glaube, darin sind wir inzwischen ganz gut. Manche scheinen sich aber auch so sehr an die latente Gefahr zu gewöhnen, dass sie auf den Mindestabstand inzwischen pfeifen.

Man gewöhnt sich an Verzicht – wenn der nicht allzusehr wehtut. Nie war das Fasten so einfach wie in diesem Jahr: Sieben Wochen ohne Alkohol lassen sich recht gut durchhalten, wenn es keine Gelegenheit für Geselligkeitstrinken gibt. Der gebuchte Kurs an der VHS, die Tickets für Konzerte und das gemeinsame Singen in der Scheuer, das Abo fürs Theater: Es kneift kurz, aber neben dem Kneifen ist da auch ein Gefühl der Erleichterung. Der Shutdown als Vorwand, um sich zu fast nichts aufraffen zu müssen. 

Man gewöhnt sich an die Leere: im Terminkalender, auf den Plätzen, auf den Gleisen, am Bahnhof, wo allenfalls ein paar Jugendliche im Wartehäuschen abhängen, sich die Zeit vertreiben, zu viert, zu fünft, zu sechst, Schulter an Schulter und unbekümmert dem Kontaktverbot trotzend.

Auch wir bleiben mit den Freundinnen und Freunden verbunden. Schicken uns täglich Nachrichten und aufmunternde Botschaften, telefonieren mehr als je zuvor. Einen Geburtstag feierten wir im Gruppen-Videochat, ein Escape-Room-Rätsel lösten wir gemeinsam online. Nachbarn verabreden sich einmal die Woche zum Pizzaessen via Skype. Die Freundinnen, die in der Nähe wohnen, schauen regelmäßig vorbei, zum Plausch durchs Fenster oder zum „Straßenkaffee“, den wir unseren Besucherinnen dann auf den Bordstein bereitstellen. Ganz ohne solche Begegnungen, ohne den persönlichen Kontakt, ohne das Gleichzeitig-Sein in Raum und Zeit, geht es doch nicht: Es gibt so viel zu bereden, das Bedürfnis, sich auszutauschen, die Erfahrungen dieser Wochen zu teilen und sich dabei in die Augen zu sehen, ist einfach zu groß.

Carolin Emcke, die bei der Süddeutschen ein lesenswertes Corona-Tagebuch führt (Woche 1, Woche 2, Woche 3), stellt Fragen, darunter diese:

Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

Das erste, das mir einfällt, ist die erhöhte Aufmerksamkeit füreinander, im Kleinen wie im Größeren: Beim wöchentlichen Einkaufen für meinen hochbetagten Vater geht es längst nicht mehr nur ums Beschaffen und Abliefern der Lebensmittel, sondern um Gelegenheit für das Zusammensein und Miteinandersprechen in seinem Garten (das gute Wetter der letzten Zeit ist uns Komplize).  Mehr Aufmerksamkeit auch für die Relevanz der Tätigkeiten, die seit je beschämend unterbezahlt sind – man weiß das seit langem, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen herrscht seit Jahrzehnten Ausnahmezustand, doch außer publikumswirksamem Beklagen in Talkshows ist so gut wie nichts dagegen getan worden. Nun lässt es sich nicht länger verdrängen, wir werden brutal gezwungen, hinzuschauen. Ob dieses Mehr an Aufmerksamkeit von Dauer sein, und ob es Konsequenzen haben wird? Ich hoffe es sehr und habe zugleich Zweifel.

Zweifel haben und äußern, diesen Zug empfinde ich in diesen Wochen geradezu als vertrauenbildende Maßnahme. Den Epidemologinnen, den Virologen, den Entscheiderinnen, die offen einräumen, dass wir alle auf Sicht fahren müssen, dass niemand genau wissen kann, wie sich die Pandemie weiter entwickelt, dass auch die Fachleute täglich dazulernen – ihnen glaube ich weit mehr als den Wodargs oder Lindners oder anderen, die mit einer bemerkenswerten Selbstgewissheit fordern und verkünden, was sie für die Wahrheit oder das Gebot der Stunde halten. Hoffentlich werden wir uns später daran erinnern, wer zur Demut fähig war und wer nicht. Wer verantwortlich handelte und wer sich selbst der Nächste war.

Mir ist bewusst, dass ich Glück habe. Es geht mir gut. Niemand in meinem Umfeld ist an CoVid-19 erkrankt. Dafür bin ich dankbar – und auch dafür, dass ich wirtschaftlich in einer privilegierten Lage bin. Es ist leicht, sich an den Ausnahmezustand zu gewöhnen, wenn das, was man wirklich braucht, weiterhin verfügbar ist, und die Mittel weiterhin vorhanden sind, es sich zu beschaffen.  Vieles von dem, was ich in diesen Wochen genießen kann – die Abwesenheit von (Groß-)Veranstaltungen zum Beispiel, die geschenkte Zeit, die mir tägliche Spaziergänge rund ums Dorf erlauben – , stürzt andere Menschen in existenzielle Sorgen. Diese Corona-Wochen oder vermutlich wohl eher Corona-Monate schärfen den Blick für Unterschiede, schon deshalb, weil ein singuläres Ereignis uns alle so unterschiedlich trifft. Vielleicht schaffen wir es ja, dieses In-Betracht-Ziehen so verschiedener Lebensumstände zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen. Dann wäre viel gewonnen.

PS: Happy birthday, Mom.

Neue Perspektiven

Jeden Morgen, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, beglückwünsche ich uns zu der Entscheidung, aufs Land gezogen zu sein. Der Blick bleibt nicht mehr an den Wänden acht- oder zehnstöckiger Nachbarhäuser hängen. Er darf weit wandern: über die Dächer und den Kirchturm hinweg, über den Dorfrand hinaus, auf eine von Wiesen und Feldern überzogene Anhöhe direktemang zur aufgehenden Sonne.

Küchenfenster-Panorama (mit Stromkabel)

Auf dem langgestreckten Rücken der Anhöhe verläuft die „Hohe Straße“. Diesem asphaltierten, einspurigen Weg, beliebt bei Spaziergängern und Radfahrern, sieht man nicht an, dass er einst Teil der „Cölnischen Hohen Heer- und Geleitstraße“ war, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Frankfurt und Köln aus vorrömischer Zeit.

Auf der Hohen Straße war zur Römerzeit wohl mehr los.

Wir sind im westlichen Untertaunus, wo das Mittelgebirge gefällige Wellen wirft. Eine Landschaft wie das Leben: Ein gemäßigtes Auf und Ab, das einen an manchen Tagen mehr herausfordert als an anderen, und wo man mitunter unerwartet auf einen schroffen Abgrund stößt, eine felsige Wand oder einen besonders steilen Aufstieg. Das am weitesten verbreitete Fahrzeug neben dem Auto ist hier das E-Mountainbike.

Die aufgehende Sonne dimmt den Horizont langsam heller, verwandelt die Grautöne der Landschaft erst in zartes, dann in kräftiges Grün. Bevor sie über den Hügel schaut, färbt sie manchmal den Horizont lila oder bringt die Wolken in allen erdenklichen Rottönen zum Glühen. Schließlich blinzelt sie über die Kuppe. Kurze Zeit später ist unser Frühstückstisch ins Licht der Morgensonne getaucht.

Hinter der Anhöhe zeichnen sich in dunklerem Grün die Wipfel der Bäume ab. Ausgedehnte Wälder ziehen sich von hier bis zum Großen Feldberg. Die höchste Erhebung im Taunus liegt ziemlich genau auf halbem Wege zwischen unserem neuen und unserem alten Wohnort.

Überm Kirchturm grüßt aus der Ferne der neue alte Nachbar – der Aussichtsturm des Feldbergs (880 Meter). Dahinter liegt Frankfurt.

Vom großen Dorf ins kleine Dorf

Spektakuläre Sonnenaufgänge kann man natürlich auch in Frankfurt erleben. Wir haben gerne in dieser Stadt gewohnt – auch, wenn sich das Leben dort allein in den letzten zehn Jahren spürbar verändert hat. Es ist rammelvoll geworden – überall. Um Parkplätze herrscht ebenso ein Hauen und Stechen wie um bezahlbare Wohnungen. Oh, es wird gebaut – wie verrückt! Aber vor allem hochpreisig. Die Skyline wächst ständig um weitere (Luxus-)Wohntürme. Dass es nach wie vor genug Menschen gibt, die die explodierenden Mieten bezahlen können, löst in meinem beruflichen wie privaten Umfeld in Frankfurt schon lange ratloses Kopfschütteln aus.

Trotzdem mag ich Frankfurt. Ein bisschen so, wie man eine alte Freundin mag, die leider völlig in die falsche Richtung abdriftet, von der man aber weiß, dass sie diese anderen, liebenswerten Seiten hat.

Es ist das Nebeneinander von Städtischem und Dörflichem, das ich an Frankfurt immer mochte. Die Stadt gibt mächtig an mit ihrer Skyline und ihrer Mitgliedschaft im Club der fünf größten Städte des Landes. In Wahrheit ist Frankfurt klein. Man kann es problemlos in einer halben, höchstens einer Dreiviertelstunde komplett mit dem Fahrrad durchqueren. Nur ein paar Kilometer von den Straßenschluchten der Innenstadt entfernt ist Frankfurt grün, hat Wälder, Seen, Pferdekoppeln und Kopfsteinpflaster. Ähnlich wie im Norden Berlins haben auch in Frankfurt viele Stadtteile ihren dörflichen Charakter nicht verloren. Aber anders als Berlin dehnt sich Frankfurt nicht annähernd so weit in der Fläche aus. Alles ist nah beieinander.

Eigentlich sind wir also nur von einem großen Dorf in ein kleines Dorf gezogen.

Und doch lebt es sich hier so ganz anders. Von vielem gibt es weniger. In vielen Fällen ist das mehr.

Menschen

In Frankfurt waren wir zwei von 750.000, hier zwei von 3600. Einsam ist es hier nicht. Wo immer sich zwei Wege kreuzen, sehen wir oft Menschen zusammenstehen und klönen. Auf unseren Erkundungswegen rund um das Dorf begegnen wir immer mal den neuen Nachbarinnen und Nachbarn, unterwegs mit ihren Hunden oder Pferden. Stets wird freundlich gegrüßt. Es ist Leben im und um das Dorf, aber gerade im rechten Maß. In Frankfurt ist man quasi nie allein. Hier ist genug Platz, um allein zu sein. Für einen Menschen wie mich, die ab und an einfach für sich sein muss, ist das ein Geschenk.

Was mir (demnach) nicht fehlen wird: Der unaufhörliche Strom an Menschen, der sich täglich durch die Innenstadt wälzt, in U-Bahnen und Trams drängelt, lange Schlangen an den Kassen bildet und auch unter der Woche abends die Lokale füllt, so dass es schwer ist, spontan mit mehr als zwei Personen irgendwo einen Tisch zu ergattern.

Was mir fehlen wird: Die räumliche Nähe zu den Frankfurter und Offenbacher Freund*innen. Es war schön, zu wissen, die anderen sind gleich um die Ecke oder zumindest in kurzer Zeit erreichbar. Auf der anderen Seite sind unsere Taunus-Freund*innen und Familien nun sehr viel näher. Ein Auge lacht, während das andere weint.

Nüchtern betrachtet ändert sich nicht viel: Wie vorher auch treffen wir uns weiterhin abends nach der Arbeit in der Stadt. Und werden uns daran gewöhnen, dass unsere Gespräche ab und an vom Blick zur Uhr unterbrochen werden – damit wir die letzte Bahn nicht verpassen.

Mobilität

Ohne den Bahnanschluss wären wir nicht in dieses Dorf gezogen. Fünf Minuten zu Fuß von der Wohnung zum Bahnhof, dann 40 Minuten Fahrt in der Regionalbahn (Limburg – Frankfurt), und wir sind am Frankfurter Hauptbahnhof. Davon können manche meiner Kolleginnen und Kollegen, die morgens erst einmal mit dem Auto zu einem Bahnhof kommen müssen, nur träumen.

Wohnen am Hotspot.

Was mir nicht fehlen wird: Hektik und Betriebsamkeit auf dem Arbeitsweg. 40 Minuten Rückzug in die relativ geschützte Sitzreihe einer Regionalbahn sind auch 40 Minuten, in denen ich mich wirklich vertiefen kann – in ein Buch, die Zeitung, einen Podcast. Oder beim Musikhören aus dem Fenster die Taunuslandschaft betrachten darf. Das entspannt mich mehr als die Tram- oder U-Bahnfahrten zuvor. Der Heimweg eignet sich sehr, um den Job tatsächlich hinter mir zu lassen. Der Kindle gehört, vollgepackt mit Lesestoff, nun zum täglichen Proviant für die Fahrt zur und von der Arbeit, das Smartphone mit frischen Podcasts sowieso.

Was mir fehlen wird: Spontaneität. Die Bahn fährt, abgesehen von verstärkten Verbindungen am frühen Morgen, nur einmal pro Stunde. Die Wege von A nach B müssen also jetzt genauer geplant werden. Gegen Feierabend steigt der Stresslevel: Schaffe ich es pünktlich raus, um meinen Zug zu bekommen? Als ich in der Stadt wohnte, dachte ich kaum darüber nach, wenn der Arbeitstag mal ein wenig länger dauerte. Jetzt hat schon eine Viertelstunde spürbare Auswirkungen, denn es verzögert das Nachhausekommen gleich um eine volle Stunde.

Was mir noch fehlen wird: Nahezu jeden Weg ohne Auto erledigen zu können: Zu Fuß, per Rad, mit Öffis. Irgendwas fährt in der Stadt immer. Ich habe an jeder Ecke ein Leihfahrrad, einen Elektro-Roller vorgefunden. Musste es doch ein Auto sein und unseres war unterwegs, wartete in der Nähe der nächste City Flitzer. Leihräder und E-Scooter sucht man hier auf dem Land vergeblich. Immerhin, es gibt Carsharing: Ganze zwei (!) Fahrzeuge, die drüben in der drei Kilometer entfernten Kernstadt parken.

Infrastruktur

Unser Dorf hat unter anderem einen Rewe, eine Apotheke, eine Bank, zwei Bäcker (als wir vor zehn Wochen hierher zogen, waren es noch drei; ich hoffe, das Bäckereisterben geht nicht in diesem Tempo weiter), eine Post, die täglich drei (!) Stunden geöffnet hat. Eine Friseurin, eine Fahrradwerkstatt, eine Änderungsschneiderei, ein Geschäft für Jagd- und Sportwaffen, einen Landmaschinenhandel. Im Umkreis von fünf Kilometern finden sich unter anderem ein Schwimmbad, ein Kino, ein Krankenhaus.

Also alles da, was man so braucht, und auch einiges, das man nicht so dringend braucht.

Unser Dorf ist ein Stadtteil (besser gesagt ein Städtchenteil) von Idstein, einem Fachwerkstädtchen mit rund 27.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Die Kernstadt ist drei Kilometer von unserem Dorf entfernt.

Beim Thema Restaurants geht der Punkt eindeutig an Frankfurt. Zumindest, was die Quantität angeht. Dort gingen wir vor die Tür und hatten die Qual der Wahl: Zum Vadder, auf einen Äppler in den Biergarten der Sonne, in den Irish Pub, die Weiße Lilie, das Schönebergers? Zum Apfelwein Solzer, ins Toffis oder ins Eckhaus? Oder auf eine Pizza gleich gegenüber?

Hier im Dorf muss man wenigstens nicht so lange überlegen. Fußläufig kommen nur zwei, drei Lokale in Frage. Gespannt warten wir auf die Öffnung der „Hexenküche“ ein paar Straßen weiter, ein veganes Restaurant, das auch Fleischesser in unserem hiesigen Bekanntenkreis überzeugend finden, das aber gerade Winterpause macht. Drüben in der Kernstadt ist die Auswahl größer. Vor allem der dortige Japaner hat es uns angetan.

Seit unsere langjährige Stammkneipe im Frankfurter Nordend, das Schopenhauers, Knall auf Fall dichtgemacht hat, waren wir in Frankfurt in dieser Hinsicht heimatlos. Das hat jetzt ein Ende, denn: Mitten in unserem Dorf steht der Nassauer Hof! Eine Kneipe, in der ich einen nennenswerten Teil meiner späten Teen- und frühen Twen-Jahre verbracht habe.

Die neue (alte) Stammkneipe.

Unlängst feierte der Nassauer Hof ein großes Fest, weil er seit 100 Jahren (mit Unterbrechungen) in Familienbesitz ist, ebenso wie die zugehörige „Scheuer“, urige Kulisse für Konzerte, Comedy, Bauerndiscos und Veranstaltungen mit vielversprechenden Titel wie „Danse gehn“ und „Singe gehn“. Anders als damals habe ich nun nur drei Minuten Fußweg in diese neue alte Stammkneipe. Und was soll ich euch sagen: In den letzten Wochen habe ich so viel getanzt wie die letzten fünf Jahre in Frankfurt nicht mehr. :)

Was mir fehlen wird: Doch so einiges. Der jüdische Bäcker in unserem Frankfurter Viertel, bei dem wir uns samstags gerne Brötchen holten. Die arabischen Lebensmittelmärkte im Bahnhofsviertel. Die Asia-Läden in der Fahrgasse. Überhaupt: Die Vielfalt, die nach einem Jahrzehnt als Frankfurterin so alltäglich für mich war, dass ich sie kaum noch bewusst wahrnahm. Erst jetzt merke ich den Kontrast wieder, auch wenn das Dorf glücklicherweise nicht nur weiß ist.

Die Stadt mag bunter sein. Aber einen queeren Regenbogen gibt’s auch über unserem Dorf. :)

Wir wussten, was wir aufgeben. Aber wir wissen auch, was wir gewinnen. Den Sternenhimmel. Die Ruhe. Die deutlich bessere Luft (die meist einige Grad kälter ist als in Frankfurt). Die Freiwillige Feuerwehr, die den Weihnachtsbaum abgeholt hat. Die Familien, die immer akzeptierten, dass wir Stadtkinder geworden waren, und sich nun von Herzen freuen, uns wieder in ihrer Nähe zu haben.

Es war keine Stadtflucht, sondern eine Landsehnsucht, die uns hierher zurückgezogen hat.

Die Anhöhe mit der alten Heer- und Geleitstraße vor unseren Fenstern ist im Abendlicht am schönsten. Die Dämmerung lässt das Grün langsam verblassen, auf den gewundenen Feldwegen schlendern Gassigeher Richtung in Dorf zurück. War es die richtige Entscheidung, aufs Land zu ziehen? Bis jetzt fällt die Antwort eindeutig aus. Aber fragt uns in einem Jahr nochmal.

Ein Jahresrückblick.

Seit vier Wochen leben wir auf dem Land. Haben unseren langjährigen Alltag in der 750.000-Einwohner-Stadt Frankfurt am Main gegen das beschauliche Leben in einem 4000-Seelen-Dorf im Taunus getauscht. Nun sind wir umgeben von Fachwerkhäusern, Hofreiten, Einfamilienhäusern, Pferdekoppeln, Äckern, Wiesen, haben einen Parkplatz vor der Tür – und brauchen dreimal so lange, um an eine Briefmarke zu kommen.

Die Entscheidung, die Stadt zu verlassen und rund 50 Kilometer weit rauszuziehen, fiel im Sommer, ziemlich genau zur Halbzeit eines insgesamt ziemlich bewegten Jahres. Es begann mit einer ganz besonderen Anschaffung …

Januar

Ein Jahr lang hatten wir es als Mietklavier bei uns, Anfang 2019 machen wir ein dauerhaftes Verhältnis daraus und kauften das weiße Klavier. Zur Feier des Ereignis lassen wir es auch endlich mal stimmen.

Februar

Wir setzen eine liebgewordene Tradition fort und reisen im Freundinnenkreis an die Nordsee. Zum Biike-Brennen sind wir diesmal auf Amrum.

März

Für vier Wochen ziehe ich nach München – beruflich. Eine interessante Zeit, über die ich in einem meiner dieses Jahr äußerst raren Blogbeiträge geschrieben habe.

April

Neues Schild, neue Redaktionsräume, neuer Arbeitgeber in Frankfurt. Auch wenn ein neuer Firmenname draufsteht, drin ist immer noch die Frankfurter Rundschau.

Mai

Von dieser Radtour habe ich lange geträumt: Mit dem Bike unterwegs auf „The Strand“ in Los Angeles, Kalifornien.
Joshua Tree Park, Arizona.
Grand Canyon, Arizona.
Yosemite National Park, Kalifornien.
San Francisco, Kalifornien.

Juni

Der Ritterinnenschlag: Mein Schwiegervater …
… vertraut mir seinen Trecker an!

August

Hinter dieser liebevoll beschilderten Tür des Frankfurter Standesamtes findet ein Upgrade statt..

September

Wir sind wieder da … Amrum again, diesmal zu dritt.

Oktober

Einlösung eines Geburtstagsgeschenks: Dieser 90-jährige Herr reist mit seinen Kindern zu den Stätten seiner Kindheit – hier präsentiert er das vermeintliche Geburtshaus.

November

Zeit zum Einpacken – der Umzug rückt näher.

Dezember

Angekommen: Das ist es, das Dorf, in dem wir nun wohnen.

Wie es dazu kam, dass wir in diesem Jahr wieder zu Landeiern wurden, und wie uns das Leben auf dem Dorf so bekommt – das erfahrt ihr im nächsten Jahr! :) Guten Rutsch!

Slow-Mo-Edition