Wintertag am Dorfrand

Danke, 2020

Was bleibt von diesem Jahr, dessen Ende viele so sehnlichst herbeiwünschen? Was bleibt von den Erkenntnissen des Frühjahrs, als viele Menschen merkten und mitteilten, dass sie der Pandemie bei allem Unglück auch etwas Positives abgewinnen können – Entschleunigung, Besinnung, geänderte Prioritäten, die Erfüllung eines Urlaubs in den heimischen Wäldern statt in irgendeinem Resort auf einem anderen Kontinent, dessen austauschbare Freizeitangebote vergessen machen, in welchem Land man sich eigentlich aufhält?

Ich wäre gerne optimistisch und würde gerne glauben, dass wenigstens etwas davon die Zeit der Pandemie überdauert. Und wenn es nur die Dankbarkeit ist. Davon hat sich bei mir viel angesammelt. Weiterlesen →

Lichter

Das schönste Licht ist das am Ende des Tunnels. Wenn die Sorgen um einen Menschen einer begründeten Hoffnung weichen, dass die Zeit des nächtlichen Aufschreckens beim Handyklingeln, der Anrufe beim Rettungsdienst, des Vom-Bett-ins-Auto-Springens, des Wartens morgens um 6 auf dem Hartschalensitz einer Notaufnahme  erst einmal zuende ist. Weil die Werte sich bessern, die Medikamente zu wirken beginnen, die akuten Beschwerden abklingen. Inzwischen sehen wir nicht nur das Licht – wir sind wohl wirklich raus aus dem Tunnel. Klar: Wann der nächste auf unserer Strecke kommt, weiß niemand.  Aber hier und jetzt haben wir ihn hinter uns, und das lässt mein Herz singen.

Draußen verändert sich derweil die Landschaft. Rund um unser Dorf sind seit Wochen die Mähdrescher unterwegs, in eine Wolke aus Getreidestaub gehüllt, die mit ihnen übers Feld wandert. Bis spät nachts sehen wir ihre Scheinwerfer auf der Anhöhe gegenüber. Die Wintergerste ist eingefahren, Weizen und Sommergerste sind so gut wie abgeernet, auch der Roggen ist fällig. Körnermais und Hafer haben noch Zeit zu reifen, doch davon gibt es hier nicht so viel. Weiterlesen →

Gewöhnung an den Ausnahmezustand

Der Ausnahmezustand fühlt sich mehr und mehr nach Regelzustand an. Man gewöhnt sich: An geschlossene Geschäfte, an die immer länger werdenden Haare auf dem Kopf, an Flatterbänder, die Spielplätze und Sportstätten zu verbotenen Zonen deklarieren, an die Leerstellen in den Regalen, wo sonst Klopapier und Hefe lagern. Daran, dass das Einkaufen länger dauert, weil wir im Supermarkt wie selbstverständlich Umwege nehmen, wenn der direkte Weg zum gewünschten Produkt die Gefahr zu großer Nähe zu einem fremden Menschen birgt. Daran, dass die große Mehrheit der Einkaufenden, wenn sie doch mal unvermittelt in einem Gang aufeinandertreffen, sich entschuldigend anlächeln und bereitwillig ausweichen. Dass an den Kassen Klebebänder auf dem Boden und bewestete Mitarbeiter uns wenigstens für eine kurze Zeit von davon entlasten, das Einhalten von anderthalb bis zwei Metern Abstand mit bloßem Augenmaß zu bestimmen. Obwohl – ich glaube, darin sind wir inzwischen ganz gut. Manche scheinen sich aber auch so sehr an die latente Gefahr zu gewöhnen, dass sie auf den Mindestabstand inzwischen pfeifen. Weiterlesen →