Altes Land, Neues Land

Im Alten Land hat die Apfelernte begonnen – einige Tage früher als sonst. Der trockene Sommer hatte schon die Kirschen zeitiger reifen lassen, nun also folgen die ersten Äpfel. Vereinzelt sind Erntehelfer zwischen den Spalieren unterwegs und pflücken frühe Sorten wie die, die ich hier zum ersten Mal gegessen habe: Delbarestivale – sehr saftig! Einige Sorten sind ein bisschen blasser als sonst: Weil es zu wenige kalte Nächte gab, bekommen sie in diesem Jahr nicht ganz so roten Backen. Gleichwohl, die Obstbauern scheinen zufrieden, vor allem nach dem schlechten Vorjahr. 2018 wollen sie wieder die übliche Menge von rund 300.000 Tonnen vom Baum holen.

Finde ich auch.

Meine persönliche Ernte pflücke ich mir morgens von dem Apfelbäumchen in meinem kleinen Garten. Einen schnippel ich mir gleich ins Frühstücksmüsli, einen zweiten packe ich mir ein, dann setze mich aufs Rad. Denn dafür bin ich zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder hierhergekommen: Das Alte Land zwischen Finkenwerder und Stade mit dem Fahrrad erkunden.

„Altes Land? Naja, das ist eigentlich ein Etikettenschwindel“, sagt der Altländer, mit dem ich in Jork ins Gespäch komme. Das „Herz des Alten Landes“ nennt sich die Gemeinde, und rein geografisch kommt das einigermaßen hin. Allerdings: Streng genommen liegt Jork gar nicht im Alten, sondern im Neuen Land.

Neues Land? Mein Gesprächspartner holt weit aus und zeigt auf die Umgebung: Vor 1000 Jahren stand hier zweimal am Tag alles unter Wasser. Die Unterelbe, die hier gezeitenabhängig ist, ließ regelmäßig die drei Nebenflüsse anschwellen und überschwemmte das Hinterland. Nur ein schmaler Streifen direkt am Elbstrom blieb schon damals weitgehend trocken.

Ebbe und Flut machen sich auch an der Elbe bemerkbar

Im 12. Jahrhundert holte man Experten, um die Gegend urbar zu machen. Die Holländer wussten, wie man Land trockenlegt. Sie deichten die Elbe und die Zuflüsse Schwinge, Lühe und Este ein, durchzogen das Hinterland mit einem feinen Gitter aus Kanälen (Wettern genannt – von Watering) und integrierten auch die Fleete, natürliche Wasserläufe, in dieses Entwässerungssystem. Ergebnis: Keine regelmäßigen Überschwemmungen mehr. Neues Land entstand – und erst damit brauchte jener Streifen an der Elbe einen Namen, um es von dem neugewonnenen Land zu unterscheiden. Das Alte Land war also ursprünglich nur ein Landstrich am Elbufer.

Bei Stade.

An die Holländer erinnern einige verbliebene Windmühlen und Ortsnamen wie Ladekop, Francop oder Hollern. Und die Nummerierung der drei Zonen, in die die drei Nebenflüsse das Alte Land zerschneiden. Im Westen hatten die Holländer mit ihrer Arbeit begonnen und sich dann im Laufe von 300 Jahren Richtung Hamburg vorgearbeitet. Die „Erste Meile“, die sie trockenlegten, erstreckt sich zwischen dem Fluss Schwinge (an dem auch Stade liegt) und der Lühe, die „Zweite Meile“ zwischen Lühe und Este (am Rande dieses Abschnitts findet sich heute die Hase-und-Igel-Stadt Buxtehude), und zwischen Este und der Süderelbe schließlich entstand die „Dritte Meile“ mit den Hamburger Stadtteilen Cranz, Neuenfelde und Francop.

Ach, am besten, ich illustriere das Ganze mal:

Das Alte Land erstreckt sich südlich der Elbe von Hamburg-Finkenwerder im Osten bis nach Stade im Nordwesten. Vor 1000 Jahren galt nur der schmale Landstrich direkt am Elbstrom als „Altes Land“, während das Hinterland durch Eindeichung trockengelegt und somit „Neues Land“ wurde.

Grün ist es hier – jedenfalls verglichen mit dem verbrannten Rest Deutschlands, das auf der Bahnfahrt hierher stundenlang an mir vorbeizog. Zwar hat die Trockenheit auch hier Spuren hinterlassen. Aber das Gras auf den Deichen und den Wiesen hat immerhin noch Farbe, und die wenigen Maisfelder sehen nicht so mitgenommen aus wie andernorts. Den Obstbäumen hat die Hitze offenbar gar nichts anhaben können.

Das Alte Land ist fruchtbar. Es soll nichts geben, das auf den schweren Marschböden nicht wächst. Dass die Altländer vor gut 100 Jahren begannen, sich auf Obst konzentrieren, hat mit den bitteren Erfahrungen mit Deichbrüchen zu tun. Die verheerende Sturmflut von 1962, als Ernten vernichtet und zahllose Tiere ertranken, gab den letzten Ausschlag. Seitdem spielen Ackerbau und Viehzucht hier so gut wie keine Rolle mehr.

Einige von 17 Millionen.

Beherrscht wird das Alte Land nun von 17 Millionen Obstbäumen. 90 Prozent tragen Äpfel, fünf Prozent Kirschen, den Rest teilen sich Pflaumen, Zwetschen, Birnen. Der trockene Sommer schadete ihnen nicht, und auch mit späten Frösten können die Obstbauern umgehen. Mit dem Wasser aus den Wettern beregnen sie dann die Blüten, die unter einer feinen Eisschicht geschützt bleiben. Allerdings wird dafür Süßwasser benötigt. Mit jeder Vertiefung des Stroms wächst aber die Zone, in der sich Süßwasser mit Salzwasser mischt. Auch deshalb wehren sich die Altländer vehement gegen die  nächste Elbvertiefung.

Protest am Straßenrand.

Es gibt eine ganze Reihe von Radwanderwegen im Alten Land. Ich bin die meiste Zeit auf der Obstroute  unterwegsdie in zwei Schleifen rund 80 Kilometer durchs Alte Land führt. Dabei fallen mir die roten Schilder auf, die an ausnahmslos jeder Ruhebank angebracht sind. Auf jedem steht das Kfz-Kennzeichen des Landkreises, gefolgt von einer vierstelligen Zahl, und die Notruf-Nummer 112.

Jede Notrufbank hat ihre eigene Kennung, bestehend aus Landkreis und Nummer.

Der Gedanke hinter den Notrufbänken: Alte Menschen sollen nicht zuhause bleiben müssen, weil sie sich draußen unsicher fühlen. Die Gewissheit, dass im Notfall schnell Hilfe zur Stelle ist, soll ihnen das leichter machen. Wen unterwegs die Kräfte verlassen, kann die nächste Sitzgelegenheit ansteuern, die Notrufnummer wählen und die Standort-Nummer der Bank durchgeben. Die Helfer wissen dann genau, wo sie hinmüssen. Auch andere Kreise haben dieses einfache und effektive System bereits eingeführt.

Radtour-Ziele im Alten Land: 3 Tipps

Festung Grauerort

Ok, dieses Ausflugsziel liegt genau genommen nicht mehr im Alten Land, sondern etwas nördlich davon in Stade-Bützfleth: Die Überreste der preußischen Festung Grauerort finden sich direkt an der Elbe. Das Fort wurde um 1870 herum gebaut und war gedacht zur Abwehr von Feinden, die sich Hamburg übers Wasser nähern. Geschossen wurde aus den trutzigen Mauern heraus jedoch nie.

Festung Grauerort an der Unterelbe.

Fluchtgang in der Festung Grauerort

Das teilweise verfallene Fort ist ein „Lost Place“ wie aus dem Bilderbuch. Sonntags und an Feiertagen kann man die Festung Grauerort besichtigen – auf eigene Gefahr.

Schloss Agathenburg

Zwischen Stade und Horneburg liegt das Dorf Agathenburg. 1655 ließ sich die Grafenfamilie von Königsmarck, zu Reichtum gekommen durch den Dreißigjährigen Krieg, hier einen Landsitz errichten – ein Backstein-Bau mit Turm, der am erhöhten Geestkliff steht. Das Dorf, das zuvor Lieth hieß, wurde nach der ersten Schlossherrin Gräfin Agathe von Königsmarck benannt.

Schloss Agathenburg.

Drei Generationen der Königsmarcks bewohnten Schloss Agathenburg, dann verschwand der letzte männliche Sproß unter bis heute nicht geklärten Umständen im Schloss Hannover. Man vermutet, dass er ermordet wurde. Bekannter als ihr offenbar schwerenötiger Bruder war Maria Aurora von Königsmarck, in den Augen Voltaires die „berühmteste Fau zweier Jahrhunderte“ und Ururgroßmutter einer gewissen George Sand.

Heute dient Schloss Agathenburg als Kulturzentrum, in dem Konzerte, Lesungen und Ausstellungen Raum finden. Neben der Besichtigung des Schlosses ist ein Spaziergang durch den Park sehr zu empfehlen!

Im Park von Schloss Agathenburg

Obst selbst ernten in Jork

Im Hofladen der Familie Lühs in Jork bekommt man einen Korb, einen Lageplan der Plantage und Hinweise auf die erntereifen Sorten – dann kann’s losgehen: Auf dem Herzapfelhof können Besucher*innen Bio-Äpfel (und auch Kirschen oder Pflaumen) selber ernten – und dabei auch naschen. Meine Ernte bestand aus je zwei Exemplaren der Sorten Gravensteiner, Debarestivale, Jamba und James Grieve.

Apfelernte.

Sehnsucht in die Ferne: Die Ausstellung zu Reisen der Annette von Droste-Hülshoff

Auf der steinernen Veranda vor dem Herrenhaus in Bökendorf steht das berühmteste Mitglied der Familie und nimmt die Gäste höchstpersönlich in Empfang. Das ist dem Anlass durchaus angemessen. Denn dass die Türen zum Stammsitz der Familie von Haxthausen in Ostwestfalen für Besucher*innen offenstehen, ist eine seltene Ausnahme.

Normalerweise bleibt Interessierten nur der Blick von außen auf das Anwesen am Rande des Dorfes, das heute zur Stadt Brakel gehört. Das ist jammerschade, denn der Bökerhof ist ein literaturgeschichtlich bedeutender Ort – nicht nur, weil Annette von Droste etliche Male aus dem Münsterland hierher reiste, um die Verwandtschaft mütterlicherseits zu besuchen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts scharten die Tanten und Onkel der Dichterin auf dem Bökerhof einen Kreis von Romantikern um sich.

Neben Annette von Droste und deren Schwester Jenny gehörten die Sprachwissenschaftler Jakob und Wilhelm Grimm dazu, die die Kontakte nach Ostwestfalen und zu den Droste-Schwestern auch zur Zuarbeit für ihre Märchensammlungen nutzten. Ihrem Bruder Ludwig Emil, dem Maler, verdanken wir Porträts der Bökerhof-Runde. Weitere Gäste waren der Dichter Heinrich Straube, der Schriftsteller Clemens Brentano, die Dichterin Luise Hensel sowie der Germanist und Verfasser der späteren deutschen Nationalhymne, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der später Bibliothekar in der Fürstenbibliothek des nicht weit entfernten Schlosses Corvey wurde.

Der Bökerhof 2018. Foto: Monika Gemmer

In zwei der Räume, in denen all diese Leute ein- und ausgingen, betrieb die Bökerhof-Gesellschaft seit 1995 ein kleines Literaturmuseum. Vor sechs Jahren jedoch mussten die Ehrenamtlichen aufgeben – das Publikumsinteresse war mau. Zuletzt sollen gerade mal 140 Besucher pro Jahr das nur an Sonntagen geöffnete Museum besichtigt haben. Seit 2012 ist es geschlossen, und die Mieter in den Wohnungen des zweigeschossigen Herrenhauses, das nach wie vor in Familienbesitz ist, sind wieder unter sich.

Eine Wanderausstellung, die im Frühsommer 2018 in Brakel Station macht, ermöglicht der Öffentlichkeit nun für kurze Zeit wieder den Blick ins Innere des Gebäudes. „Sehnsucht in die Ferne – Reisen mit Annette von Droste-Hülshoff“ heißt die Schau. Zusammengenommen neun Jahre ihres Lebens war die Dichterin unterwegs. Das ist ziemlich viel für eine Zeit, in der jede Reise im besten Fall beschwerlich, oft aber  auch gefährlich war, auch wenn sie „nur“ vom Münsterland nach Ostwestfalen führte – eine Strecke, die man heute mit dem Auto in zwei Stunden zurücklegen kann. Annette von Droste brauchte dafür drei Tage.

Wenn sie dann endlich aus der Kutsche klettern konnte und erleichtert die Eingangshalle des Bökerhofs betrat, wurde sie von zahlreichen Mitgliedern der großen Familie von Haxthausen in Empfang genommen. Ganz ähnlich fühlt sich das für Gäste der Gegenwart an.

Die Eingangshalle des Bökerhof: Am Kamin, hier zu sehen zwischen Annettes Mutter Therese und ihrem Onkel und ihrer Tante, Werner und Betty von Haxthausen, hatten es sich einst auch die Brüder Grimm gemütlich gemacht. Links im Bild: Annettes Freundin Elise Rüdiger und ihr Bruder Werner. Foto: Monika Gemmer

Von der Eingangshalle führt eine Treppe nach oben, wo Annette – vermutlich im ersten Stock auf der rechten Seite des Hauses – ihr Gästezimmer hatte. Für heutige Besucher ist der Weg jedoch tabu. Foto: Monika Gemmer

Fürs Ausruhen blieb allerdings wenig Zeit. Annette Großvater und dessen zweite Frau hatten so viele Kinder, dass bis heute von der „großen Generation“ der Haxthausens die Rede ist. Und so war der Besuch bei diesen Verwandten für Annette und ihre Mutter Therese (einzige Tochter aus erster Ehe ihres Vaters, die deutlich später geborenen neun Schwestern und acht Brüder waren also Stiefgeschwister) alles andere als eine Erholungsreise. Auf etlichen umliegenden Gütern und Burgen, in Klostern und Stiften warteten 85 Onkel, Tanten, Cousinen und Vettern samt Anhang darauf, dass die Dichterin ihre Aufwartung machte. In einem Brief nannte Droste das einmal despektierlich „Visiten“, die aneinanderhängen „wie Kälbergekröse“. Ich musste das erst mal googeln: Gekröse meint Innereien.

Droste im Paderborner Land (1): Die Intrige im Bökerhof

Die lieben Verwandten! Auch sie und ihre Ansprüche machten das Reisen oder, genauer gesagt, die Aufenthalte in der Ferne furchtbar anstrengend. Kein Wunder, dass Annette von Droste sich immer nur schwer aufraffen konnte, von Burg Hülshoff bei Münster und später vom benachbarten Rüschhaus aus loszufahren. Sie tat es trotzdem, besuchte neben Ostwestfalen auch Angehörige im Sauerland und am Rhein sowie in der Schweiz und am Bodensee, nachdem ihre Schwester dorthin geheiratet hatte. Auch eine Reise nach Holland ist verbrieft.

Die Ausstellung in Brakel ist auf zwei Schauplätze verteilt. In der Alten Waage im Stadtzentrum sind die Reiserouten nachgezeichnet, ebenso die Verkehrsmittel, die Annette von Droste nutzte: Kutsche, Eisenbahn und Schiff. Foto: Monika Gemmer

Andererseits: Es waren diese Verwandtschaftsbesuche, die die Dichterin aus ihrer Zurückgezogenheit zwangen und sie fremde Landschaften erleben, neue Kontakte schließen ließen. Und im Grunde ihres Herzens sehnte sie sich danach. Dem Freund und Mentor Sprickmann gegenüber bekannte die damals 22-Jährige: „Mein Plagedämon hat einen romantischen und geckenhaften Namen, er heißt ,Sehnsucht in die Ferne‘.“

Familienbesuche waren nicht nur gestattet, sondern auch gefordert. Doch abenteuerliche Reisen in ferne Länder, das waren Hirngespinste, die Annette von Droste sich abschminken konnte. Eine geplante Fahrt mit einer Kölner Freundin nach Italien beispielsweise scheiterte am Veto der Mutter. Ihre Tochter könne „ohne Vormund und Geschäftsführer gar nicht in der Welt bestehen“, beschied sie. Dabei gab es für alleinreisende Frauen zu jener Zeit durchaus bereits Vorbilder. Johanna Schopenhauer, mit deren Tochter Adele Annette befreundet war, lebte sogar von ihren Reisebeschreibungen.

Wohl kaum eines ihrer Gedichte beschreibt die unerfüllte Sehnsucht der Annette von Droste nach der Ferne so eindrücklich wie das 1816 entstandene „Unruhe“:

Ich will hier ein wenig ruhn am Strande.
Sonnenstrahlen spielen auf dem Meere.
Seh ich doch der Wimpel weiße Heere.
Viele Schiffe ziehn zum fernen Lande.

Oh, ich möchte wie ein Vogel fliehen!
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen!
Weit, o weit, wo noch kein Fußtritt schallte,
Keines Menschen Stimme wiederhallte,
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtige Bahn!

Und noch weiter, endlos, ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust,
Hinzuschwingen fessellos und frei!
Oh, das pocht, das glüht in meiner Brust!
Rastlos treibts mich um im engen Leben.
Freiheit heißt der Seele banges Streben,
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Fesseln will man mich am eignen Herde!
Meine Sehnsucht nennt man Wahn und Traum.
Und mein Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Doch stille, still, mein töricht Herz!
Willst vergebens du dich sehnen?
Aus lauter Vergeblichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden.

So will ich heim vom feuchten Strande kehren.
Hier zu weilen, tut nicht wohl.
Meine Träume drücken schwer mich nieder.
Und die alte Unruh kehret wieder.
Ich muss heim vom feuchten Strande kehren.
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Reiseliteratur aus der Familienbibliothek. Foto: Monika Gemmer

Mochte im Herzen der Droste, diesem kleinen Klümpchen Erde, auch Platz für die ganze Welt sein, mochte sie noch so sehr träumen von ihren „Lieblingsgegenden“ wie Spanien, Italien, China, Amerika, Afrika: Die Tapete im „Italienischen Zimmer“ neben dem Gartensaal im Rüschhaus, die Szenen von Neapel zeigte, musste reichen.

Ostwestfalen, Sauerland, Rheinland, Bodensee, Holland: Den tatsächlich bereisten Zielen widmet die Ausstellung jeweils ein begehbares Buch.

Begehbare Bücher als Ausstellungskulissen beschreiben die Gegenden, in die Droste reiste. Foto: Monika Gemmer

Im Inneren der Bücher wird vom Reiseziel erzählt – mit Beschreibungen, Zitaten, Originaltexten zum Anhören über das ausstellungseigene Droste-Wlan, und Exponaten wie Fahrplänen, Reisedokumenten oder mitgereistes Inventar. Foto: Monika Gemmer

Einige der eingebetteten Exponate sind zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Es sind Dinge, die Annette von Droste so wichtig waren, dass sie sie mitnahm auf ihre Reisen.

Unverzichtbar: Die Brille. Wie kurzsichtig Annette von Droste-Hülshoff tatsächlich war, darüber ist sich die Nachwelt nicht ganz einig. Ihre Sehschwäche soll irgendwo zwischen -10 und -15 Dioptrien gelegen haben. Ob diese Brille die Kurzsichtigkeit wirklich annähernd ausgleichen konnte? Die kurzsichtige Bloggerin hat ihre Zweifel. Foto: Monika Gemmer

Zum Glück verfügte Droste auch über ein Fernrohr. Mit diesem hielt sie zum Beispiel auf einer in einem Gedicht verewigten „Bank unter den Eichen“ Ausschau nach ihrem Freund und Vertrauten Levin Schücking. Foto: Monika Gemmer

Stets dabei: Die Handtasche der Dichterin. Annette von Droste-Gesellschaft, Foto: Monika Gemmer

Annette von Droste reiste natürlich nicht ohne ihr Handwerkszeug. Hier das Tintenfass. Foto: Monika Gemmer

Annette von Droste war leidenschaftliche Sammlerin von Steinen, Fossilien, Muscheln und Münzen. Aufbewahrt hat sie ihre Schätze in Kästchen wie diesem. Einige nahm sie auch mit auf Reisen. Foto: Monika Gemmer

Kleidung und alles andere wurden in Reisetruhen verstaut. Ganz zuunterst packte die Dichterin ihre Manuskripte, an denen sie auch während ihrer Abwesenheit arbeitete. Foto: Monika Gemmer

Die Familienkutsche mag komfortabler gewesen sein als die öffentlichen Postkutschen, so richtig bequem sieht das Sitzkissen aus einer der Kutschen von Burg Hülshoff aber nicht aus – jedenfalls nicht, wenn man mehrere tage darauf zubringen muss. Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung, Foto: Monika Gemmer

Die Fahrten an den Rhein und den Bodensee wurden leichter, als die ersten Dampfschiffe in Betrieb gegangen waren und die Eisenbahnstrecken ausgebaut wurden. Annette von Droste zeigte keine Berührungsängste mit der neuen Technologie. Ihre Reisezeit nach Meersburg zu Schwester und Schwager verkürzte sich damit um die Hälfte – von 200 auf 100 Stunden. Strapaziös blieb sie gleichwohl.

Für meine Droste-Website nach100jahren.de hatte ich Annettes Schilderung der mitunter halsbrecherischen Fahrt von Münster an den Bodensee vor ein paar Jahren mal als Video aufbereitet:

 

Fazit: Liebevoll gemachte Ausstellung mit Höhepunkten – und einer verpassten Chance

Die Präsentation der Reiseziele als begehbare Bücher, aus deren Seiten wie in Aufklapp-Bilderbüchern Landschaften und Häuser als Popups herausschauen, eignen sich sehr gut, um Besucher*innen ins Sauerland, an den Bodensee oder nach Holland zu versetzen. Für Fans gehören die erstmals gezeigten Exponate zu den Höhepunkten der Schau, und die Originaltexte als Audios, die sich mit dem eigenen Smartphone übers ausstellungseigene Droste-Wlan starten lassen, bringen Interaktivität und multimediale Elemente ins Spiel. Jede*r kann sich hier ein Vermittlungsformat nach eigenem Gusto wählen. Mancher Besucher allerdings rümpft auch die Nase, lehnt das Angebot mit einem überheblich klingenden „Danke, aber ich kann noch lesen“ ab und hat doch gar nicht verstanden, dass es hier um zusätzliche Inhalte geht.

Mitmach-Elemente wie die Postkarten mit Droste-Texten, die sich in einer Souvenirmappe sammeln lassen (leider war bei unserem Besuch keine einzige mehr vorhanden) und ein Droste-Reisespiel (für 1 Euro zu erstehen) machen die Schau rund.

Der Ausstellungskatalog ist weit mehr als das. „Sehnsucht in die Ferne – Reisen und Landschaften der Annette von Droste-Hülshoff“ versammelt Essays und wissenschaftliche Texte über die massiven politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Droste-Zeit, über die Kultur des Reisens und die Bedingungen, unter denen Menschen damals unterwegs waren. Zudem werden Reiseberichte der Dichterin in ihren Briefen und Schilderungen von Landschaften in ihren Werken beleuchtet. Daneben gibt es literarische Texte zum Thema Reisen und Annette, verfasst von Autorinnen wie Cornelia Funke, Judith Kuckart und vielen anderen. Auch unabhängig von der Ausstellung eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Virtuelle Welt statt virtueller Realität

Und dann gibt es noch die VR-Installation, mit der ich – zu meinem eigenen Verdruss – wenig anfangen konnte. Unter der Virtual-Reality-Brille hört man das durch Musik begleitete Droste-Gedicht „Im Grase“* und sieht dazu eine Farbanimation, die man mit eigenen Bewegungen beeinflussen kann. Wer sich ein Bild machen möchte: Auf der Website der Münsteraner Design-Agentur BOK+Gärtner kann man sich das auch ohne VR-Brille ansehen. Musik und Rezitation sind hier zu hören.

Die VR-Station in der Droste-Ausstellung. Foto: Monika Gemmer

Die Animation bildet eine virtuelle Welt ab, nicht aber eine virtuelle Realität. Das Gedicht aber versetzt uns in eine durchaus reale Umgebung: „Süßer Taumel im Gras“, heißt es darin, „von des Krautes Arome umhaucht …“ Nur zu gerne hätte ich mich im Gras liegend wiedergefunden, die Halme direkt neben dem Gesicht, hätte über mir am Himmel „des ziehenden Vogels Lied“ gehört, im Augenwinkel „des schillernden Käfers Blitz, wenn den Sonnenpfad er durcheilt“, bevor der „farbig schillernde Saum“ vor mir sichtbar wird. In der VR-Anwendung beherrschen die bewegten prismatischen Farben aber das ganze Gedicht. Schon gut gemacht, aber: Eine verpasste Chance.

Trotzdem: Ich mag ich die Idee. Eine Ausstellung über das Unterwegssein, über Orte und Landschaften mit VR-Technologie anzureichern, das passt wunderbar. Annette von Droste-Hülshoff hätte es bestimmt gefallen. Gegenden, die man nicht selbst bereisen kann, vom heimischen Sessel aus mit der VR-Brille bereisen, und das ganz ohne die Strapa zen einer langen Fahrt – danach hätte sie sich wohl die Finger geleckt.

Die Ausstellung: Termine und Orte

Die Wanderausstellung „Sehnsucht in die Ferne“ über die Reisen der Annette von Droste-Hülshoff reist selbst – und zwar zu Orten, die die Dichterin besucht hat. Im Jahr 2017 war sie in Büren und auf Burg Hülshoff zu sehen, noch bis 1. Juli 2018 macht sie in Brakel Station, von 2. September 2018 bis 27. Januar 2019 öffnet sie in Meersburg am Bodensee, und vom 10. August 2019 bis 24. November 2019 ist Paderborn die bislang letzte Station – vorläufig, denn weitere Ausstellungsorte sind in Vorbereitung. Weitere Infos gibt es u.a. hier.

PS:

* Ich muss das noch anfügen, denn der letzte Absatz des Gedichts „Im Grase“ gehört mit zu den schönsten Zeilen, die Droste geschrieben hat:

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine nur: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.

Bei Gerhart Hauptmann auf Hiddensee

Ein Junitag in Kloster auf Hiddensee: Hinter dem modernen Pavillon, der zugleich Buchladen, Ausstellungsraum und Ticketshop für das dahinter gelegene Hauptmannhaus ist, hat sich ein gutes Dutzend junger Leute in der Sonne gemütlich gemacht, um Werke des Literaturnobelpreisträgers zu besprechen.

Gerhart Hauptmann. Foto: Wilhelm Willinger. Public Domain, via Wikimedia Commons

Ich schaue hinüber zum „Haus Seedorn“, das in exponierter Lage zwischen Bäumen auf einem Hügel über dem Kirchweg steht, und stelle mir vor, wie ein älterer Herr den Kopf zum Esszimmer-Fenster herausstreckt. Er lässt seinen weißen Haarkranz im Ostseewind flattern und heftet den Blick wohlwollend auf die jungen Rezitatoren, die ihm zu Ehren – anders kann es ja nicht sein – auf die langgestreckte Insel westlich von Rügen gepilgert sind. Gerhart Hauptmann mochte es, bewundert zu werden. Weiterlesen →

Drei Tage München, viele Erkenntnisse, eine Entscheidung

Drei Tage berufliche Fortbildung in München liegen hinter mir. Es ging um Konfliktmanagement und Personalführung, es gab Rollenspiele und Gesprächstrainings, und an vielen Stellen ging’s ans Eingemachte. Nach gut sieben Stunden platt wie eine Flunder und zu Gesprächen, die über „ein Helles bitte“ hinausgehen, nicht mehr imstande, wechselte ich am Ende eines jeden Tages nur zu gerne in die Rolle der Beobachterin. Weiterlesen →

Droste im Paderborner Land (2): Mordfall Soistmann Berend – die Vorlage der „Judenbuche“

Vor wenigen Jahren geriet die ostwestfälische Kreisstadt Höxter in die Schlagzeilen. In einem Mietshaus im Ortsteil Bosseborn (das die Boulevardpresse, als sei alles noch nicht grausig genug, das „Horrorhaus von Höxter“ nennt) sollen ein Mann und seine frühere Ehefrau mehrere Frauen festgehalten und schwer misshandelt haben. Zwei der Opfer starben. Der Prozess läuft noch.

Es ist nicht der erste lokale Kriminalfall, der weit über die Region hinaus von sich reden macht. Unweit von Bosseborn geschah gut 230 Jahre zuvor ein Mord, der in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Ein jüdischer Händler wird erschlagen, der mutmaßliche Täter flieht, kehrt 23 Jahre später zurück – und erhängt sich an eben jenem Baum, an dem die Mordtat geschehen war, der „Judenbuche“. Weiterlesen →