Ein Job in München

Vor etwas mehr als 30 Jahren wünschte ich mir kaum etwas sehnlicher, als in München zu arbeiten. Im vergangenen Monat wurde dieser (längst verflogene) Traum mit großer Verspätung doch noch Wirklichkeit.

Meine neue Existenz in München? Leider nicht – ich hab ja kein zukunftsfähiges Handwerk gelernt. ;)

Es ist ein Job auf Zeit. Und ein beruflicher Ausflug auf unbekanntes Terrain. Ich schaue ich mir die Zentralredaktion von Munich Online an, die unter anderem merkur.de betreibt und daneben auch andere regionalen Portale der Ippen Verlagsgruppe mit überregionalen Inhalten beliefert.

Die Ippen-Verlagsgruppe hat bundesweit Zeitungen, in Hessen gehören unter anderem die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, die Offenbach Post und die Hersfelder Zeitung zum Unternehmen – und seit gut einem Jahr ist neben der Frankfurter Neuen Presse auch meine berufliche Heimat, die Frankfurter Rundschau, Teil des Verlagshauses.

Ein zentraler Standort der Verlagsgruppe ist München mit dem Münchener Merkur und der tz. Diesen Umständen ist zu verdanken, dass ich für einige Wochen in die  berufliche Fremde gegangen bin und meinen Schreibtisch in Frankfurt gegen einen Platz in einem Großraumbüro in Münchens Zentrum getauscht habe.

 

Mein Arbeitsplatz auf Zeit: Pressehaus Bayerstraße.

Ich bin hier, um was zu lernen, mir Werkzeuge und Workflows anzuschauen. Und natürlich die Menschen kennenzulernen, die durch den FR-Eigentümerwechsel meine neuen Kolleginnen und Kollegen geworden sind.

Perspektivwechsel lautet also das Motto, oder, wie eine Freundin es formulierte: Mal raus aus der Komfortzone. Ich schreibe in München über Themen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal journalistisch beackern würde … ;) Und siehe da: Ich hab Spaß! Was vermutlich auch daran liegt, dass es nur ein kurzer Ausflug in andere Gefilde ist …

Zur rechten Zeit am rechten Ort: An der fast menschenleeren Theresienwiese laufe ich gerne mal morgens auf dem Weg zur Arbeit vorbei.

Die Firmenwohnung, die ich nutzen darf, liegt in Thalkirchen, Stadtbezirk Sendling, quasi direkt am Fluss und in unmittelbarer Nähe der Flaucher-Auen – eines der schönsten Naherholungsgebiete der Stadt, wie einer meiner Münchner Kollegen schwört. Ich glaube ihm das sofort. Anfangs war ich hier laufen, dann passierte mir in meiner zweiten Münchener Woche ein Malheur mit dem Kniegelenk. Zum Spaziergehen am und über dem Wasser – der Flauchersteg verbindet hier die Ufer über mehrere Kiesbank-Inseln hinweg – reicht es aber noch. Und dann lockt ja auch der nahe Flaucher-Biergarten …

Flauchersteg an der Isar in Thalkirchen.

Abends wirft die tiefstehende Sonne den Schatten des Flaucherstegs auf die Kiesbänke der Isar.

Abendspaziergang vor meiner Haustür.

München kulinarisch

Die „Kitchenette“ in meiner Wohnung erlaubt mir zwar, mich selbst zu versorgen; Spaß macht das Kochen in dieser Mini-Küche allerdings nicht, und so gehe ich in die Kantine und ab und zu auch auswärts essen. Zum Frühstücken habe ich „Das Maria“ im nicht weit entfernten Glockenbachviertel entdeckt, mit orientalisch inspirierten Gerichten wie „Maria in Marrakesch“ oder „Maria im Souk“. In Laufweite meiner Unterkunft findet sich das Bio-Restaurant „resihuber“ am Resi-Huber-Platz, neben einem der vielen Müncher Vollcorner-Bioläden. Resi Huber war eine Antifaschistin, die ihre Arbeit im Kräutergarten des KZ Dachau nutzte, um Lebensmittel für die eingepferchten Menschen hineinzuschmuggeln.

Wochenend-Ausflug: Eine knappe Stunde Bahnfahrt entfernt liegt Schliersee. Einkehrtipp hier: das Milchhäusel!

Die Künstlerin Frida Kahlo ist Namenspatin der Kneipe in der Maxvorstadt, in die es mich mehrmals abends gezogen hat. Das „Frida“ kannte ich schon von meinem letzten Aufenthalt in München, als ich nach einem Besuch im Lenbachhaus dort gelandet war und diese Entdeckung nicht bereut hatte: Leckeres Essen, angenehme Atmosphäre.

Apropos Lenbachhaus: Auch diesmal konnte ich das architektonisch so beeindruckende „Haus im Haus“ mit den Bildern des „Blauen Reiter“, mit Werken von Joseph Beuys, mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert und natürlich dem wunderschönen Garten mitten in der Stadt nicht auslassen. Die aktuelle Sonderausstellung „I’m a believer“ dreht sich um Popart und Gegenwartskunst.

Die frühere Künstlerresidenz von Franz und Lolo von Lenbach (beigefarbenes Gebäude) wurde durch einen modernes Gebäude „umbaut“.

Blick aus dem Lenbachhaus in den Garten.

München historisch

Nicht weit vom Lenbachhaus entfernt, an der Brienner Straße in unmittelbarer Nähe des Königsplatzes, findet sich das NS-Dokumentationszentrum. Als ich es nach einem meiner Arbeitstage gegen 17 Uhr betrat und erfuhr, dass es bis 19 Uhr geöffnet hat, war ich guter Dinge, mir alles in Ruhe anschauen zu können. Eine Fehleinschätzung! Bereits der erste Teil im obersten Stock der Dauerausstellung über München und den Nationalsozialismus, die sich über insgesamt dreieinhalb Etagen erstreckt, hat mich eine gute Stunde lang beschäftigt. Es geht in diesem ersten Kapitel um die politische Entwicklung in München nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die Turbulenzen zur Zeit der Räterepublik – und um die Frage, wie München zur Keimzelle der Nationalsozialismus werden konnte.

Hitler hatte sich für seinen Putschversuch von 1923 die Stadt ausgesucht, in der er auf das Wohlwollen der Amtsträger bauen konnte. München wurde einem Erzreaktionär regiert, der die Stadt gezielt als Gegenpol zum „Sündenpfuhl“ Berlin positionierte: Sodom und Gomorrha in der Hauptstadt, Recht und Ordnung in Bayern, so das Narrativ.

Plakat aus den 1920er Jahren im NS-Dokumentationszentrum.

So fand der Hochverratsprozess gegen Hitler in einem Umfeld statt , das dem Angeklagten wohl gesonnen war. Der Prozess war  eine Farce, der Richter, ein Hitler-Sympathisant, beugte das Recht, für sein mildes Urteil wurde er später vom „Führer“ reich belohnt. Die wenigen Monate „Festungshaft“, die Hitler absitzen musste, waren in Wahrheit ein Gefängnisaufenthalt unter recht komfortablen Umständen – ausgestellt ist unter anderem eine lange Namensliste von Hitlers Besuchern.

Die Ausstellung über München und den Nationalsozialismus zeigt anhand vieler Dokuemnte, wie die Stadt zum Machtzentrum der Nazis wurde.

In der Stadt, die ihn so geschont hatte, gründete Hitler nach seiner Entlassung im Bürgerbräukeller die verbotene NDSAP neu und konnte, getragen von einem antisemitischen, rechtsnationalen Bürgertum, seinen Siegeszug antreten. München war nicht nur die Keimzelle seiner Diktatur, die Stadt und vor allem die Gegend rund um den Königsplatz wurden zur Machtzentrale seiner Partei. Das NS-Dokumentationszentrum beleuchtet all das an einem historischen Ort: Das neue Gebäude steht an der Stelle des „Braunen Hauses“, der NSDAP-Parteizentrale.

München von oben

Um einen Blick von oben auf die Stadt zu werfen, hatte ich mir eigentlich den Turm des Alten Peter ausgesucht, die älteste Pfarrkirche Münchens, direkt am Viktualienmarkt gelegen. Mein lädiertes Knie sprach jedoch sehr dafür, stattdessen den Aufzug auf den Turm des Neuen Rathauses zu nehmen. Die Aussicht ist auch von dort beeindruckend: Ich sehe das Gewusel der Menschen auf dem Marienplatz, der sich gerade zum 17-Uhr-Glockenspiel füllt, die Kirche St. Peter und das Alte Rathaus.

Im Westen erheben sich die beiden charakteristischen Türme der Frauenkirche, im Norden leuchtet die ockerfarbene Theatertinerkirche neben der Feldherrnhalle am Odeonsplatz in der Abendsonne. Der Königbau der Residenz protzt mit seiner langgezogenen Fassade, so dass das Nationaltheater daneben fast bescheiden wirkt. Über die Dächer hinweg ist das dunkelgrüne Band des Englischen Gartens zu sehen, mittendrin reckt sich auf einem Hügel der von hier aus winzige Monopterus-Tempel übers Grün. Ganz in der Ferne glänzt das spektakuläre Zeltdach des Olympiastadions.

Frauenkirche

Der Alte Peter und, links im Bild, das Alte Rathaus.

Die katholische Theatinerkirche mit ihrer Kuppel ist Grabstätte vieler Wittelsbacher. Rechts davon liegt die Feldherrnhalle – aber hier ist sie kaum zu erkennen.

Der langgestreckte Königsbau gehört zur Münchner Residenz, dem Stadtschloss der bayerischen Könige. Rechts davon dsieht man den Dachgiebel des Nationaltheaters, dahinter der Englische Garten, mittendrin der Monopterus – nicht zu verwechseln mit dem Heizkraftwerk ganz im Hintergrund!

Da unten stand ich vor mehr als 30 Jahren mit klopfenden Herzen vor einem unscheinbaren Gebäude am Altheimer Eck. Ich träumte davon, nach dem Abi eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule zu machen. Die erste Hürde war genommen, meine Bewerbungsreportage gut genug ausgefallen, um eine der begehrten Einladungen zur zweiten Runde nach München zu bekommen. Zwei Tage lang wurden die Kandidatinnen und Kandidaten  hier durch die Mangel gedreht: Wir mussten unter anderem den Grad unserer politischen Bildung in diversen Tests nachweisen, eine Vor-Ort-Reportage produzieren und uns in Vorstellungsgesprächen mehreren Interviewern stellen. In der zweiten Runde flog ich raus, ging stattdessen zum Studieren nach Marburg und Frankfurt – und stieg ganz klassisch in den Beruf ein, mit freier Mitarbeit, Praktika und Volontariat. München hakte ich damals ab. Alles war gut so, wie es gekommen war.

Es ist viel Wasser den Main hinabgeflossen seit damals. Und die Isar natürlich auch.

Am Isarwehrkanal steht dieser vom Bieber angenagte Baum, an dem ich auf dem Weg zu meiner U-Bahn-Station vorbeikomme.

Nach der zweiten Woche erleben mein Baum und ich einen kurzen Wintereinbruch.

Nach einem stürmischen Wochenende finde ich meinen angeknabberten Freund gefällt vor.

Nach gut vier Wochen packe ich meine Sachen und kehre zurück nach Frankfurt. Der Ausflug war spannend, ich habe viel gelernt und komme mit einem gut gefüllten Werkzeugkasten zurück. Als ich in Frankfurt aus dem Zug steige, hüpft mein Herz. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen und wieder aufs Land zu ziehen. Jetzt freu ich mich wie Bolle, wieder hier zu sein, in diesem kleinen Dorf am Main.

Aller guten Dinge: Biike auf Amrum

Ist das nur ein Gefühl, oder nimmt das Leben tatsächlich mit jedem neuen Jahr mehr an Tempo auf? Wie auch immer: Auch dieses Jahr rast dahin – es war doch gerade erst Neujahr, und schon ist der Februar rum und damit ein lange herbeigesehnter Aufenthalt am Meer bereits wieder vorbei.

Wie in den vergangenen beiden Jahren durfte ich auch 2019 im Kreise von Freundinnen am Abend des 21. Februar auf einer Nordsee-Insel am Biike-Feuer stehen: Nach Föhr 2017 und Sylt 2018 hat es unsere kleine Reisegruppe diesmal nach Amrum verschlagen. Und was soll ich sagen: Der weite Weg – sechs Stunden Bahnreise plus zwei Stunden Fährüberfahrt – hat sich wahrlich  gelohnt. Amrum, wo ich vor ungefähr 25 Jahren mal in den Dünen gezeltet und ob all des Sandes im Essen und zwischen den Zähnen damals reichlich geflucht hatte, hat sich diesmal in mein Herz geschlichen. Dabei wohnt dort doch schon so lange die Nachbarinsel Föhr!

Die Amrumer Dünen sind durch Bohlenwege erschlossen.

Ja, dies ist ein offizieller Wanderweg: Mitunter darf man auf Amrum auch die Dünen durchqueren wie hier zwischen Wittdün und Nebel.

Leuchttürme ziehen mich immer noch magisch an. Den Leuchtturm von Nebel kann man besteigen – immer mittwochs. Die Aussicht ist atemberaubend.

Dönske an Köönem, das Café in Nebel, wartet mit unendlich vielen Teesorten auf – und einer singenden Wirtin

Irgendwann lass ich mir den Friesenspruch doch noch tätowieren: Rüm hart, klaar kimming.

Hier geht’s nach Norddorf, eines der fünf Inseldörfer.

Den Kniepsand haben Wintergäste auf Amrum fast für sich allein. Groß genug ist er ja mit 10 Quadratkilometern.

Manchmal begegnet man dann aber doch anderen Strandbesuchern.

Am Ende dieser Woche sind wir insgesamt stramme 90 Kilometer gewandert und hatten auf dem Kniepsand eine Begegnung mit einem Seehund (über den wir die Schutzstation Wattenmeer sogleich brav informierten – aber man gab uns gleich Entwarnung, dies sei wie üblich ein junges Tier, das sich am Strand ausruhe, während die Mutter im Meer jage). Wir haben einen Gottesdienst in der Inselkirche St. Clemens in Nebel besucht, wo die feministisch predigende Pastorin einen tiefen Eindruck bei uns hinterließ, wir futterten uns ganz weltlich durch Friesentorten und Friesenwaffeln, reihten uns dafür auch mehrfach gerne und geduldig in der Torten-Schlange im Café Schult in Norddorf ein (die Amrumer sprechen in diesem Zusammenhang gerne von Schultgefühlen), schlürften Pharisäer und Tee, den wir von einer singenden Wirtin serviert bekamen,  sangen selbst aus vollen Kehlen auf dem abendlichen Fußweg von der berühmten Kneipe „Blaue Maus“ zu unserer Ferienunterkunft in Wittdün, standen Glühwein-schlürfend an einem wunderbar untouristischen und musikfreien Biike-Feuer. Wir spielten, kochten, babbelten und lachten wie lange nicht mehr, und in einer sternenklaren Nacht, als wir nach dem Abschiedsessen im Likedeeler über einen stockdunklen Deich zurück nach Wittdün stolperten, konnten wir nicht anders: Alle vier blieben wir wie angewurzelt in der Kälte stehen und schauten staunend nach oben in einen üppigen Sternenhimmel, wie man ihn wohl auf dem Meer oder auf einer Insel zu sehen bekommt.

Leuchtturm von Nebel am letzten Abend.

Drei Mal Biike auf drei Nordsee-Inseln in drei Jahren – mein Fazit: Amrum, Föhr und Sylt sind allesamt lohnende Ziele, wenn die Friesen am Abend des 21. Februar die großen Holzhaufen anzünden – hier habe ich darüber geschrieben, was man über diese Tradition weiß. In Wyk auf Föhr brennt die Biike auf einer großen Wiese in der Nähe des Flugplatzes, das Fest wird eher bodenständig begangen, und es gibt Manhattan, den Föhrer Haus- und Hof-Cocktail, den ausgewanderte Insulaner bei der Rückkehr mitbrachten. In List auf Sylt feierten wir Biike direkt am Strand, mit Friesenspruch und einer Kommunalpolitikeransprache, insgesamt ein wenig überkandidelt und mit Musik aus der Dose, die aber kaum mehr stört, hat man erst mal den zweiten Glühwein getrunken. Der wurde auch auf Amrum ausgeschenkt, wo die Biike ebenfalls in allen Inseldörfern brennt – wir entschieden uns für das Feuer am Tonnenhafen von Wittdün an der Wattseite, weil es fußläufig zu unserer Unterkunft lag.

Die Biike auf Amrum erschien uns am entspanntesten, eher untouristisch, mit vielen Einheimischen, die sich sichtlich freuten, den Winter bald abschütteln zu können. Den traditionellen Grünkohl im Anschluss ließen wir überall aus, die Lokale auf den Inseln sind proppevoll am Biike-Abend. Wir enwickelten über die drei Jahre unsere eigene kulinarische Biike-Tradition mit Kartoffelsalat und Würstchen sowie Suppe für die Veganerinnen.

Biike-Feuer auf Amrum.

Biike heißt für mich: zwei Stunden gedankenversunken aufs Feuer schauen, Ängste und Sorgen gleich mit in die Glut werfen und am Februar-Abendhimmel in Rauch aufgehen sehen. Da ist es am Ende egal, wo das Biike-Feuer brennt. Unabhängig davon ist Amrum für mich die perfekte Mischung aus Föhr und Sylt – mit der wohltuenden Normalität und Bodenständigkeit der einen und der grandiosen Dünenlandschaft der anderen Insel. Auch wenn Föhr für mich immer ein besonderer Ort bleiben wird: #Amrumliebe, ich komme wieder!

Altes Land, Neues Land

Im Alten Land hat die Apfelernte begonnen – einige Tage früher als sonst. Der trockene Sommer hatte schon die Kirschen zeitiger reifen lassen, nun also folgen die ersten Äpfel. Vereinzelt sind Erntehelfer zwischen den Spalieren unterwegs und pflücken frühe Sorten wie die, die ich hier zum ersten Mal gegessen habe: Delbarestivale – sehr saftig! Einige Sorten sind ein bisschen blasser als sonst: Weil es zu wenige kalte Nächte gab, bekommen sie in diesem Jahr nicht ganz so roten Backen. Gleichwohl, die Obstbauern scheinen zufrieden, vor allem nach dem schlechten Vorjahr. 2018 wollen sie wieder die übliche Menge von rund 300.000 Tonnen vom Baum holen.

Finde ich auch.

Meine persönliche Ernte pflücke ich mir morgens von dem Apfelbäumchen in meinem kleinen Garten. Einen schnippel ich mir gleich ins Frühstücksmüsli, einen zweiten packe ich mir ein, dann setze mich aufs Rad. Denn dafür bin ich zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder hierhergekommen: Das Alte Land zwischen Finkenwerder und Stade mit dem Fahrrad erkunden.

„Altes Land? Naja, das ist eigentlich ein Etikettenschwindel“, sagt der Altländer, mit dem ich in Jork ins Gespäch komme. Das „Herz des Alten Landes“ nennt sich die Gemeinde, und rein geografisch kommt das einigermaßen hin. Allerdings: Streng genommen liegt Jork gar nicht im Alten, sondern im Neuen Land.

Neues Land? Mein Gesprächspartner holt weit aus und zeigt auf die Umgebung: Vor 1000 Jahren stand hier zweimal am Tag alles unter Wasser. Die Unterelbe, die hier gezeitenabhängig ist, ließ regelmäßig die drei Nebenflüsse anschwellen und überschwemmte das Hinterland. Nur ein schmaler Streifen direkt am Elbstrom blieb schon damals weitgehend trocken.

Ebbe und Flut machen sich auch an der Elbe bemerkbar

Im 12. Jahrhundert holte man Experten, um die Gegend urbar zu machen. Die Holländer wussten, wie man Land trockenlegt. Sie deichten die Elbe und die Zuflüsse Schwinge, Lühe und Este ein, durchzogen das Hinterland mit einem feinen Gitter aus Kanälen (Wettern genannt – von Watering) und integrierten auch die Fleete, natürliche Wasserläufe, in dieses Entwässerungssystem. Ergebnis: Keine regelmäßigen Überschwemmungen mehr. Neues Land entstand – und erst damit brauchte jener Streifen an der Elbe einen Namen, um es von dem neugewonnenen Land zu unterscheiden. Das Alte Land war also ursprünglich nur ein Landstrich am Elbufer.

Bei Stade.

An die Holländer erinnern einige verbliebene Windmühlen und Ortsnamen wie Ladekop, Francop oder Hollern. Und die Nummerierung der drei Zonen, in die die drei Nebenflüsse das Alte Land zerschneiden. Im Westen hatten die Holländer mit ihrer Arbeit begonnen und sich dann im Laufe von 300 Jahren Richtung Hamburg vorgearbeitet. Die „Erste Meile“, die sie trockenlegten, erstreckt sich zwischen dem Fluss Schwinge (an dem auch Stade liegt) und der Lühe, die „Zweite Meile“ zwischen Lühe und Este (am Rande dieses Abschnitts findet sich heute die Hase-und-Igel-Stadt Buxtehude), und zwischen Este und der Süderelbe schließlich entstand die „Dritte Meile“ mit den Hamburger Stadtteilen Cranz, Neuenfelde und Francop.

Ach, am besten, ich illustriere das Ganze mal:

Das Alte Land erstreckt sich südlich der Elbe von Hamburg-Finkenwerder im Osten bis nach Stade im Nordwesten. Vor 1000 Jahren galt nur der schmale Landstrich direkt am Elbstrom als „Altes Land“, während das Hinterland durch Eindeichung trockengelegt und somit „Neues Land“ wurde.

Grün ist es hier – jedenfalls verglichen mit dem verbrannten Rest Deutschlands, das auf der Bahnfahrt hierher stundenlang an mir vorbeizog. Zwar hat die Trockenheit auch hier Spuren hinterlassen. Aber das Gras auf den Deichen und den Wiesen hat immerhin noch Farbe, und die wenigen Maisfelder sehen nicht so mitgenommen aus wie andernorts. Den Obstbäumen hat die Hitze offenbar gar nichts anhaben können.

Das Alte Land ist fruchtbar. Es soll nichts geben, das auf den schweren Marschböden nicht wächst. Dass die Altländer vor gut 100 Jahren begannen, sich auf Obst konzentrieren, hat mit den bitteren Erfahrungen mit Deichbrüchen zu tun. Die verheerende Sturmflut von 1962, als Ernten vernichtet und zahllose Tiere ertranken, gab den letzten Ausschlag. Seitdem spielen Ackerbau und Viehzucht hier so gut wie keine Rolle mehr.

Einige von 17 Millionen.

Beherrscht wird das Alte Land nun von 17 Millionen Obstbäumen. 90 Prozent tragen Äpfel, fünf Prozent Kirschen, den Rest teilen sich Pflaumen, Zwetschen, Birnen. Der trockene Sommer schadete ihnen nicht, und auch mit späten Frösten können die Obstbauern umgehen. Mit dem Wasser aus den Wettern beregnen sie dann die Blüten, die unter einer feinen Eisschicht geschützt bleiben. Allerdings wird dafür Süßwasser benötigt. Mit jeder Vertiefung des Stroms wächst aber die Zone, in der sich Süßwasser mit Salzwasser mischt. Auch deshalb wehren sich die Altländer vehement gegen die  nächste Elbvertiefung.

Protest am Straßenrand.

Es gibt eine ganze Reihe von Radwanderwegen im Alten Land. Ich bin die meiste Zeit auf der Obstroute  unterwegsdie in zwei Schleifen rund 80 Kilometer durchs Alte Land führt. Dabei fallen mir die roten Schilder auf, die an ausnahmslos jeder Ruhebank angebracht sind. Auf jedem steht das Kfz-Kennzeichen des Landkreises, gefolgt von einer vierstelligen Zahl, und die Notruf-Nummer 112.

Jede Notrufbank hat ihre eigene Kennung, bestehend aus Landkreis und Nummer.

Der Gedanke hinter den Notrufbänken: Alte Menschen sollen nicht zuhause bleiben müssen, weil sie sich draußen unsicher fühlen. Die Gewissheit, dass im Notfall schnell Hilfe zur Stelle ist, soll ihnen das leichter machen. Wen unterwegs die Kräfte verlassen, kann die nächste Sitzgelegenheit ansteuern, die Notrufnummer wählen und die Standort-Nummer der Bank durchgeben. Die Helfer wissen dann genau, wo sie hinmüssen. Auch andere Kreise haben dieses einfache und effektive System bereits eingeführt.

Radtour-Ziele im Alten Land: 3 Tipps

Festung Grauerort

Ok, dieses Ausflugsziel liegt genau genommen nicht mehr im Alten Land, sondern etwas nördlich davon in Stade-Bützfleth: Die Überreste der preußischen Festung Grauerort finden sich direkt an der Elbe. Das Fort wurde um 1870 herum gebaut und war gedacht zur Abwehr von Feinden, die sich Hamburg übers Wasser nähern. Geschossen wurde aus den trutzigen Mauern heraus jedoch nie.

Festung Grauerort an der Unterelbe.

Fluchtgang in der Festung Grauerort

Das teilweise verfallene Fort ist ein „Lost Place“ wie aus dem Bilderbuch. Sonntags und an Feiertagen kann man die Festung Grauerort besichtigen – auf eigene Gefahr.

Schloss Agathenburg

Zwischen Stade und Horneburg liegt das Dorf Agathenburg. 1655 ließ sich die Grafenfamilie von Königsmarck, zu Reichtum gekommen durch den Dreißigjährigen Krieg, hier einen Landsitz errichten – ein Backstein-Bau mit Turm, der am erhöhten Geestkliff steht. Das Dorf, das zuvor Lieth hieß, wurde nach der ersten Schlossherrin Gräfin Agathe von Königsmarck benannt.

Schloss Agathenburg.

Drei Generationen der Königsmarcks bewohnten Schloss Agathenburg, dann verschwand der letzte männliche Sproß unter bis heute nicht geklärten Umständen im Schloss Hannover. Man vermutet, dass er ermordet wurde. Bekannter als ihr offenbar schwerenötiger Bruder war Maria Aurora von Königsmarck, in den Augen Voltaires die „berühmteste Fau zweier Jahrhunderte“ und Ururgroßmutter einer gewissen George Sand.

Heute dient Schloss Agathenburg als Kulturzentrum, in dem Konzerte, Lesungen und Ausstellungen Raum finden. Neben der Besichtigung des Schlosses ist ein Spaziergang durch den Park sehr zu empfehlen!

Im Park von Schloss Agathenburg

Obst selbst ernten in Jork

Im Hofladen der Familie Lühs in Jork bekommt man einen Korb, einen Lageplan der Plantage und Hinweise auf die erntereifen Sorten – dann kann’s losgehen: Auf dem Herzapfelhof können Besucher*innen Bio-Äpfel (und auch Kirschen oder Pflaumen) selber ernten – und dabei auch naschen. Meine Ernte bestand aus je zwei Exemplaren der Sorten Gravensteiner, Debarestivale, Jamba und James Grieve.

Apfelernte.

Sehnsucht in die Ferne: Die Ausstellung zu Reisen der Annette von Droste-Hülshoff

Auf der steinernen Veranda vor dem Herrenhaus in Bökendorf steht das berühmteste Mitglied der Familie und nimmt die Gäste höchstpersönlich in Empfang. Das ist dem Anlass durchaus angemessen. Denn dass die Türen zum Stammsitz der Familie von Haxthausen in Ostwestfalen für Besucher*innen offenstehen, ist eine seltene Ausnahme.

Normalerweise bleibt Interessierten nur der Blick von außen auf das Anwesen am Rande des Dorfes, das heute zur Stadt Brakel gehört. Das ist jammerschade, denn der Bökerhof ist ein literaturgeschichtlich bedeutender Ort – nicht nur, weil Annette von Droste etliche Male aus dem Münsterland hierher reiste, um die Verwandtschaft mütterlicherseits zu besuchen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts scharten die Tanten und Onkel der Dichterin auf dem Bökerhof einen Kreis von Romantikern um sich.

Neben Annette von Droste und deren Schwester Jenny gehörten die Sprachwissenschaftler Jakob und Wilhelm Grimm dazu, die die Kontakte nach Ostwestfalen und zu den Droste-Schwestern auch zur Zuarbeit für ihre Märchensammlungen nutzten. Ihrem Bruder Ludwig Emil, dem Maler, verdanken wir Porträts der Bökerhof-Runde. Weitere Gäste waren der Dichter Heinrich Straube, der Schriftsteller Clemens Brentano, die Dichterin Luise Hensel sowie der Germanist und Verfasser der späteren deutschen Nationalhymne, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der später Bibliothekar in der Fürstenbibliothek des nicht weit entfernten Schlosses Corvey wurde.

Der Bökerhof 2018. Foto: Monika Gemmer

In zwei der Räume, in denen all diese Leute ein- und ausgingen, betrieb die Bökerhof-Gesellschaft seit 1995 ein kleines Literaturmuseum. Vor sechs Jahren jedoch mussten die Ehrenamtlichen aufgeben – das Publikumsinteresse war mau. Zuletzt sollen gerade mal 140 Besucher pro Jahr das nur an Sonntagen geöffnete Museum besichtigt haben. Seit 2012 ist es geschlossen, und die Mieter in den Wohnungen des zweigeschossigen Herrenhauses, das nach wie vor in Familienbesitz ist, sind wieder unter sich.

Eine Wanderausstellung, die im Frühsommer 2018 in Brakel Station macht, ermöglicht der Öffentlichkeit nun für kurze Zeit wieder den Blick ins Innere des Gebäudes. „Sehnsucht in die Ferne – Reisen mit Annette von Droste-Hülshoff“ heißt die Schau. Zusammengenommen neun Jahre ihres Lebens war die Dichterin unterwegs. Das ist ziemlich viel für eine Zeit, in der jede Reise im besten Fall beschwerlich, oft aber  auch gefährlich war, auch wenn sie „nur“ vom Münsterland nach Ostwestfalen führte – eine Strecke, die man heute mit dem Auto in zwei Stunden zurücklegen kann. Annette von Droste brauchte dafür drei Tage.

Wenn sie dann endlich aus der Kutsche klettern konnte und erleichtert die Eingangshalle des Bökerhofs betrat, wurde sie von zahlreichen Mitgliedern der großen Familie von Haxthausen in Empfang genommen. Ganz ähnlich fühlt sich das für Gäste der Gegenwart an.

Die Eingangshalle des Bökerhof: Am Kamin, hier zu sehen zwischen Annettes Mutter Therese und ihrem Onkel und ihrer Tante, Werner und Betty von Haxthausen, hatten es sich einst auch die Brüder Grimm gemütlich gemacht. Links im Bild: Annettes Freundin Elise Rüdiger und ihr Bruder Werner. Foto: Monika Gemmer

Von der Eingangshalle führt eine Treppe nach oben, wo Annette – vermutlich im ersten Stock auf der rechten Seite des Hauses – ihr Gästezimmer hatte. Für heutige Besucher ist der Weg jedoch tabu. Foto: Monika Gemmer

Fürs Ausruhen blieb allerdings wenig Zeit. Annette Großvater und dessen zweite Frau hatten so viele Kinder, dass bis heute von der „großen Generation“ der Haxthausens die Rede ist. Und so war der Besuch bei diesen Verwandten für Annette und ihre Mutter Therese (einzige Tochter aus erster Ehe ihres Vaters, die deutlich später geborenen neun Schwestern und acht Brüder waren also Stiefgeschwister) alles andere als eine Erholungsreise. Auf etlichen umliegenden Gütern und Burgen, in Klostern und Stiften warteten 85 Onkel, Tanten, Cousinen und Vettern samt Anhang darauf, dass die Dichterin ihre Aufwartung machte. In einem Brief nannte Droste das einmal despektierlich „Visiten“, die aneinanderhängen „wie Kälbergekröse“. Ich musste das erst mal googeln: Gekröse meint Innereien.

Droste im Paderborner Land (1): Die Intrige im Bökerhof

Die lieben Verwandten! Auch sie und ihre Ansprüche machten das Reisen oder, genauer gesagt, die Aufenthalte in der Ferne furchtbar anstrengend. Kein Wunder, dass Annette von Droste sich immer nur schwer aufraffen konnte, von Burg Hülshoff bei Münster und später vom benachbarten Rüschhaus aus loszufahren. Sie tat es trotzdem, besuchte neben Ostwestfalen auch Angehörige im Sauerland und am Rhein sowie in der Schweiz und am Bodensee, nachdem ihre Schwester dorthin geheiratet hatte. Auch eine Reise nach Holland ist verbrieft.

Die Ausstellung in Brakel ist auf zwei Schauplätze verteilt. In der Alten Waage im Stadtzentrum sind die Reiserouten nachgezeichnet, ebenso die Verkehrsmittel, die Annette von Droste nutzte: Kutsche, Eisenbahn und Schiff. Foto: Monika Gemmer

Andererseits: Es waren diese Verwandtschaftsbesuche, die die Dichterin aus ihrer Zurückgezogenheit zwangen und sie fremde Landschaften erleben, neue Kontakte schließen ließen. Und im Grunde ihres Herzens sehnte sie sich danach. Dem Freund und Mentor Sprickmann gegenüber bekannte die damals 22-Jährige: „Mein Plagedämon hat einen romantischen und geckenhaften Namen, er heißt ,Sehnsucht in die Ferne‘.“

Familienbesuche waren nicht nur gestattet, sondern auch gefordert. Doch abenteuerliche Reisen in ferne Länder, das waren Hirngespinste, die Annette von Droste sich abschminken konnte. Eine geplante Fahrt mit einer Kölner Freundin nach Italien beispielsweise scheiterte am Veto der Mutter. Ihre Tochter könne „ohne Vormund und Geschäftsführer gar nicht in der Welt bestehen“, beschied sie. Dabei gab es für alleinreisende Frauen zu jener Zeit durchaus bereits Vorbilder. Johanna Schopenhauer, mit deren Tochter Adele Annette befreundet war, lebte sogar von ihren Reisebeschreibungen.

Wohl kaum eines ihrer Gedichte beschreibt die unerfüllte Sehnsucht der Annette von Droste nach der Ferne so eindrücklich wie das 1816 entstandene „Unruhe“:

Ich will hier ein wenig ruhn am Strande.
Sonnenstrahlen spielen auf dem Meere.
Seh ich doch der Wimpel weiße Heere.
Viele Schiffe ziehn zum fernen Lande.

Oh, ich möchte wie ein Vogel fliehen!
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen!
Weit, o weit, wo noch kein Fußtritt schallte,
Keines Menschen Stimme wiederhallte,
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtige Bahn!

Und noch weiter, endlos, ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust,
Hinzuschwingen fessellos und frei!
Oh, das pocht, das glüht in meiner Brust!
Rastlos treibts mich um im engen Leben.
Freiheit heißt der Seele banges Streben,
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Fesseln will man mich am eignen Herde!
Meine Sehnsucht nennt man Wahn und Traum.
Und mein Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Doch stille, still, mein töricht Herz!
Willst vergebens du dich sehnen?
Aus lauter Vergeblichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden.

So will ich heim vom feuchten Strande kehren.
Hier zu weilen, tut nicht wohl.
Meine Träume drücken schwer mich nieder.
Und die alte Unruh kehret wieder.
Ich muss heim vom feuchten Strande kehren.
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Reiseliteratur aus der Familienbibliothek. Foto: Monika Gemmer

Mochte im Herzen der Droste, diesem kleinen Klümpchen Erde, auch Platz für die ganze Welt sein, mochte sie noch so sehr träumen von ihren „Lieblingsgegenden“ wie Spanien, Italien, China, Amerika, Afrika: Die Tapete im „Italienischen Zimmer“ neben dem Gartensaal im Rüschhaus, die Szenen von Neapel zeigte, musste reichen.

Ostwestfalen, Sauerland, Rheinland, Bodensee, Holland: Den tatsächlich bereisten Zielen widmet die Ausstellung jeweils ein begehbares Buch.

Begehbare Bücher als Ausstellungskulissen beschreiben die Gegenden, in die Droste reiste. Foto: Monika Gemmer

Im Inneren der Bücher wird vom Reiseziel erzählt – mit Beschreibungen, Zitaten, Originaltexten zum Anhören über das ausstellungseigene Droste-Wlan, und Exponaten wie Fahrplänen, Reisedokumenten oder mitgereistes Inventar. Foto: Monika Gemmer

Einige der eingebetteten Exponate sind zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Es sind Dinge, die Annette von Droste so wichtig waren, dass sie sie mitnahm auf ihre Reisen.

Unverzichtbar: Die Brille. Wie kurzsichtig Annette von Droste-Hülshoff tatsächlich war, darüber ist sich die Nachwelt nicht ganz einig. Ihre Sehschwäche soll irgendwo zwischen -10 und -15 Dioptrien gelegen haben. Ob diese Brille die Kurzsichtigkeit wirklich annähernd ausgleichen konnte? Die kurzsichtige Bloggerin hat ihre Zweifel. Foto: Monika Gemmer

Zum Glück verfügte Droste auch über ein Fernrohr. Mit diesem hielt sie zum Beispiel auf einer in einem Gedicht verewigten „Bank unter den Eichen“ Ausschau nach ihrem Freund und Vertrauten Levin Schücking. Foto: Monika Gemmer

Stets dabei: Die Handtasche der Dichterin. Annette von Droste-Gesellschaft, Foto: Monika Gemmer

Annette von Droste reiste natürlich nicht ohne ihr Handwerkszeug. Hier das Tintenfass. Foto: Monika Gemmer

Annette von Droste war leidenschaftliche Sammlerin von Steinen, Fossilien, Muscheln und Münzen. Aufbewahrt hat sie ihre Schätze in Kästchen wie diesem. Einige nahm sie auch mit auf Reisen. Foto: Monika Gemmer

Kleidung und alles andere wurden in Reisetruhen verstaut. Ganz zuunterst packte die Dichterin ihre Manuskripte, an denen sie auch während ihrer Abwesenheit arbeitete. Foto: Monika Gemmer

Die Familienkutsche mag komfortabler gewesen sein als die öffentlichen Postkutschen, so richtig bequem sieht das Sitzkissen aus einer der Kutschen von Burg Hülshoff aber nicht aus – jedenfalls nicht, wenn man mehrere tage darauf zubringen muss. Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung, Foto: Monika Gemmer

Die Fahrten an den Rhein und den Bodensee wurden leichter, als die ersten Dampfschiffe in Betrieb gegangen waren und die Eisenbahnstrecken ausgebaut wurden. Annette von Droste zeigte keine Berührungsängste mit der neuen Technologie. Ihre Reisezeit nach Meersburg zu Schwester und Schwager verkürzte sich damit um die Hälfte – von 200 auf 100 Stunden. Strapaziös blieb sie gleichwohl.

Für meine Droste-Website nach100jahren.de hatte ich Annettes Schilderung der mitunter halsbrecherischen Fahrt von Münster an den Bodensee vor ein paar Jahren mal als Video aufbereitet:

 

Fazit: Liebevoll gemachte Ausstellung mit Höhepunkten – und einer verpassten Chance

Die Präsentation der Reiseziele als begehbare Bücher, aus deren Seiten wie in Aufklapp-Bilderbüchern Landschaften und Häuser als Popups herausschauen, eignen sich sehr gut, um Besucher*innen ins Sauerland, an den Bodensee oder nach Holland zu versetzen. Für Fans gehören die erstmals gezeigten Exponate zu den Höhepunkten der Schau, und die Originaltexte als Audios, die sich mit dem eigenen Smartphone übers ausstellungseigene Droste-Wlan starten lassen, bringen Interaktivität und multimediale Elemente ins Spiel. Jede*r kann sich hier ein Vermittlungsformat nach eigenem Gusto wählen. Mancher Besucher allerdings rümpft auch die Nase, lehnt das Angebot mit einem überheblich klingenden „Danke, aber ich kann noch lesen“ ab und hat doch gar nicht verstanden, dass es hier um zusätzliche Inhalte geht.

Mitmach-Elemente wie die Postkarten mit Droste-Texten, die sich in einer Souvenirmappe sammeln lassen (leider war bei unserem Besuch keine einzige mehr vorhanden) und ein Droste-Reisespiel (für 1 Euro zu erstehen) machen die Schau rund.

Der Ausstellungskatalog ist weit mehr als das. „Sehnsucht in die Ferne – Reisen und Landschaften der Annette von Droste-Hülshoff“ versammelt Essays und wissenschaftliche Texte über die massiven politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Droste-Zeit, über die Kultur des Reisens und die Bedingungen, unter denen Menschen damals unterwegs waren. Zudem werden Reiseberichte der Dichterin in ihren Briefen und Schilderungen von Landschaften in ihren Werken beleuchtet. Daneben gibt es literarische Texte zum Thema Reisen und Annette, verfasst von Autorinnen wie Cornelia Funke, Judith Kuckart und vielen anderen. Auch unabhängig von der Ausstellung eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Virtuelle Welt statt virtueller Realität

Und dann gibt es noch die VR-Installation, mit der ich – zu meinem eigenen Verdruss – wenig anfangen konnte. Unter der Virtual-Reality-Brille hört man das durch Musik begleitete Droste-Gedicht „Im Grase“* und sieht dazu eine Farbanimation, die man mit eigenen Bewegungen beeinflussen kann. Wer sich ein Bild machen möchte: Auf der Website der Münsteraner Design-Agentur BOK+Gärtner kann man sich das auch ohne VR-Brille ansehen. Musik und Rezitation sind hier zu hören.

Die VR-Station in der Droste-Ausstellung. Foto: Monika Gemmer

Die Animation bildet eine virtuelle Welt ab, nicht aber eine virtuelle Realität. Das Gedicht aber versetzt uns in eine durchaus reale Umgebung: „Süßer Taumel im Gras“, heißt es darin, „von des Krautes Arome umhaucht …“ Nur zu gerne hätte ich mich im Gras liegend wiedergefunden, die Halme direkt neben dem Gesicht, hätte über mir am Himmel „des ziehenden Vogels Lied“ gehört, im Augenwinkel „des schillernden Käfers Blitz, wenn den Sonnenpfad er durcheilt“, bevor der „farbig schillernde Saum“ vor mir sichtbar wird. In der VR-Anwendung beherrschen die bewegten prismatischen Farben aber das ganze Gedicht. Schon gut gemacht, aber: Eine verpasste Chance.

Trotzdem: Ich mag ich die Idee. Eine Ausstellung über das Unterwegssein, über Orte und Landschaften mit VR-Technologie anzureichern, das passt wunderbar. Annette von Droste-Hülshoff hätte es bestimmt gefallen. Gegenden, die man nicht selbst bereisen kann, vom heimischen Sessel aus mit der VR-Brille bereisen, und das ganz ohne die Strapa zen einer langen Fahrt – danach hätte sie sich wohl die Finger geleckt.

Die Ausstellung: Termine und Orte

Die Wanderausstellung „Sehnsucht in die Ferne“ über die Reisen der Annette von Droste-Hülshoff reist selbst – und zwar zu Orten, die die Dichterin besucht hat. Im Jahr 2017 war sie in Büren und auf Burg Hülshoff zu sehen, noch bis 1. Juli 2018 macht sie in Brakel Station, von 2. September 2018 bis 27. Januar 2019 öffnet sie in Meersburg am Bodensee, und vom 10. August 2019 bis 24. November 2019 ist Paderborn die bislang letzte Station – vorläufig, denn weitere Ausstellungsorte sind in Vorbereitung. Weitere Infos gibt es u.a. hier.

PS:

* Ich muss das noch anfügen, denn der letzte Absatz des Gedichts „Im Grase“ gehört mit zu den schönsten Zeilen, die Droste geschrieben hat:

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine nur: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.

Bei Gerhart Hauptmann auf Hiddensee

Ein Junitag in Kloster auf Hiddensee: Hinter dem modernen Pavillon, der zugleich Buchladen, Ausstellungsraum und Ticketshop für das dahinter gelegene Hauptmannhaus ist, hat sich ein gutes Dutzend junger Leute in der Sonne gemütlich gemacht, um Werke des Literaturnobelpreisträgers zu besprechen.

Gerhart Hauptmann. Foto: Wilhelm Willinger. Public Domain, via Wikimedia Commons

Ich schaue hinüber zum „Haus Seedorn“, das in exponierter Lage zwischen Bäumen auf einem Hügel über dem Kirchweg steht, und stelle mir vor, wie ein älterer Herr den Kopf zum Esszimmer-Fenster herausstreckt. Er lässt seinen weißen Haarkranz im Ostseewind flattern und heftet den Blick wohlwollend auf die jungen Rezitatoren, die ihm zu Ehren – anders kann es ja nicht sein – auf die langgestreckte Insel westlich von Rügen gepilgert sind. Gerhart Hauptmann mochte es, bewundert zu werden. Weiterlesen →