Zu Gast bei Melville, Twain und Beecher Stowe

Wir stehen im ersten Stock eines unscheinbaren Farmhauses in der Gegend von Pittsfield, Massachusetts, und werfen einen Blick aus dem Fenster. Am Horizont erhebt sich der langgezogene Mount Greylock mit seinen zwei Gipfeln. Im Winter, erzählt uns Barbra von der Berkshire Historical Society, ist der Berg weiß von Schnee. Wäre die Sicht heute klarer, könnten wir mit ein wenig Phantasie noch besser sehen, was der frühere Bewohner dieses Hauses sah: Der Mount Greylock scheint aus den umliegenden Bergen zu ragen wie der Rücken eines Wals aus dem Wasser.

Ein weißer Wal – wenn Schnee lag. Herman Melville hatte ihn stets vor Augen, als er im Jahr 1850 in diesem Zimmer “Moby Dick” schrieb. Es war nicht sein erstes Buch, und die Schriftstellerei war nicht sein erster Beruf. Melville war zur See gefahren, hatte auf mehreren Walfängern angeheuert, es aber nie lange an Bord ausgehalten. 1850 ziehen er, seine Frau Elizabeth und der Sohn Malcom nach Arrowhead, den kleinen Bauernhof in Massachusetts – das Geld für den Kauf bekommen sie von Hermans Schwiegervater. Melville ist Anfang 30, genießt das Farmerleben. Die Familie wächst: Drei weitere Kinder kommen zur Welt, Hermans Mutter und mehrere Schwestern leben ebenfalls mit im Haus. Um zu schreiben, zieht er sich in dieses Zimmer im ersten Stock zurück. Hier verarbeitet er seine Erlebnisse an Bord von Walfangschiffen.

“I have a sort of sea-feeling here in the country, now that the ground is all covered with snow. I look out of my window in the morning when I rise as I would out of a port-hole of a ship in the atlantic. My room seems a ship’s cabin, & at nights when I wake up & hear the wind shrieking, I almoust fancy there is too much sail on the house, & I had better go on the roof & rig the chimney.”

Vier Novellen und eine Reihe von Kurzgeschichten entstehen in Arrowhead. Ein Erfolg wird keines seiner Bücher. Von Moby Dick werden zu Melvilles Lebzeiten nur 3000 Exemplare verkauft. Schweren Herzen verlässt er 1863 mit seiner Familie Arrowhead und den Mount Greylock und kehrt in seine Geburtsstadt New York City zurück, um sich dort einen Job als Zollinspektor zu suchen. Dass “Moby Dick” Weltliteratur wird, erlebt er nicht mehr.

80 Meilen südöstlich von Arrowhead – Hartford, Connecticut: Hier kann man zwei weitere bedeutende amerikanische Schriftsteller besuchen – und muss dafür nur einmal parken. :) Die Häuser von Mark Twain und Harriet Beecher Stowe stehen hier unmittelbar nebeneinander, haben jedoch ansonsten nichts gemeinsam. Das Heim von Beecher Stowe, der Autorin von “Onkel Toms Hütte”, wirkt wie eine kleine graue Maus gegen das prätentiöse Anwesen von Mark Twain, der im ersten Stock des Hauses die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn schrieb.

Besucherinnen werdeb in einer familiären Runde durch das graue Haus geführt und erfahren viel über Emanzipation, Frauen- und Black Power und das soziale Engament der früheren Bewohnerin und ihrer Familie, das weit über das Schreiben des folgenreichen Buches über die Sklaverei hinausgeht. (“So you are the little lady who wrote the book that started the great war”, soll Abraham Lincoln Harriet Beecher Stowe einst begrüßt haben). Beecher Stowe, deren Schriftstellerei von ihrem Mann Calvin unterstützt wird, veröffentlicht “Onkel Toms Hütte” 1851 zunächst als Serie in einer Zeitung.

“I wrote what I did because as a woman, as a mother, I was oppressed and broken-hearted with the sorrows and injustice I saw, because as a Christian I felt the dishonor to Christianity – because as a lover of my county, I trembled at the coming day of wrath.”

Das Haus in der Forest Street in Hartford bezieht die Familie 1873. Harriet Beecher Stowe lebt hier 23 Jahre lang und schreibt weitere Bücher.

Beim Nachbarn herrscht Massenandrang. Große Besuchergruppen bestaunen die verspielte Architektur, die ausgedehnte Veranda und die großen Räume des Hauses, das Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain und seine Frau Livy 1874 beziehen. Einblicke ins Innere (wo man, wie in den anderen Häusern, nicht fotografieren darf) gibt die virtuelle Tour auf der Website des Mark-Twain-Hauses.

In einem Dachzimmer, das von einem Billardtisch beherrscht wird, schreibt “Sam”, wie unser Tourführer ihn konsequent nennt, die Abenteuer von Tom Sawyer (1876) und Huckleberry Finn (1884) an einem winzigen Schreibtisch. Die Geschichten spielen dort, wo Mark Twain aufgewachsen ist – am Mississippi. Und glaubt man dem Autor, sind sie keine Fiktion:

“Most of the adventures recorded in this book really occurred; one or two were experiences of my own‚ the rest those of boys who were schoolmates of mine. Huck Finn is drawn from life; Tom Sawyer also‚ but not from an individual – he is a combination of the characteristics of three boys whom I knew‚ and therefore belongs to the composite order of architectur.”

Kann man vom dem Haus, das Menschen bewohnen, auf ihren Charakter schließen, so war Herman Melville einfach und naturverbunden, Harriet Beecher Stowe resolut und bodenständig und Mark Twain ein großgewachsenes Kind. Seine Frau Livy sah das wohl ähnlich. Als ihr Mann dem amerikanischen Präsidenten seine Aufwartung macht, gibt sie ihm einen Notizzettel mit Benimm-Regeln mit auf den Weg. Er solle, schreibt sie darunter, sich sein Wohlverhalten von der ersten seriös wirkenden älteren Lady, die ihm begegnet, bestätigen lassen. Das tut er. Die Bestätigung, die er mit nach Hause bringt, stammt von der First Lady höchstpersönlich.

“Der Mangel an Geld ist die Wurzel allen Übels”, hat Mark Twain gesagt. Sein Traumhaus in Hartford muss er 1903 verkaufen.


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