Neue Perspektiven

Jeden Morgen, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, beglückwünsche ich uns zu der Entscheidung, aufs Land gezogen zu sein. Der Blick bleibt nicht mehr an den Wänden acht- oder zehnstöckiger Nachbarhäuser hängen. Er darf weit wandern: über die Dächer und den Kirchturm hinweg, über den Dorfrand hinaus, auf eine von Wiesen und Feldern überzogene Anhöhe direktemang zur aufgehenden Sonne.

Küchenfenster-Panorama (mit Stromkabel)

Auf dem langgestreckten Rücken der Anhöhe verläuft die „Hohe Straße“. Diesem asphaltierten, einspurigen Weg, beliebt bei Spaziergängern und Radfahrern, sieht man nicht an, dass er einst Teil der „Cölnischen Hohen Heer- und Geleitstraße“ war, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Frankfurt und Köln aus vorrömischer Zeit.

Auf der Hohen Straße war zur Römerzeit wohl mehr los.

Wir sind im westlichen Untertaunus, wo das Mittelgebirge gefällige Wellen wirft. Eine Landschaft wie das Leben: Ein gemäßigtes Auf und Ab, das einen an manchen Tagen mehr herausfordert als an anderen, und wo man mitunter unerwartet auf einen schroffen Abgrund stößt, eine felsige Wand oder einen besonders steilen Aufstieg. Das am weitesten verbreitete Fahrzeug neben dem Auto ist hier das E-Mountainbike.

Die aufgehende Sonne dimmt den Horizont langsam heller, verwandelt die Grautöne der Landschaft erst in zartes, dann in kräftiges Grün. Bevor sie über den Hügel schaut, färbt sie manchmal den Horizont lila oder bringt die Wolken in allen erdenklichen Rottönen zum Glühen. Schließlich blinzelt sie über die Kuppe. Kurze Zeit später ist unser Frühstückstisch ins Licht der Morgensonne getaucht.

Hinter der Anhöhe zeichnen sich in dunklerem Grün die Wipfel der Bäume ab. Ausgedehnte Wälder ziehen sich von hier bis zum Großen Feldberg. Die höchste Erhebung im Taunus liegt ziemlich genau auf halbem Wege zwischen unserem neuen und unserem alten Wohnort.

Überm Kirchturm grüßt aus der Ferne der neue alte Nachbar – der Aussichtsturm des Feldbergs (880 Meter). Dahinter liegt Frankfurt.

Vom großen Dorf ins kleine Dorf

Spektakuläre Sonnenaufgänge kann man natürlich auch in Frankfurt erleben. Wir haben gerne in dieser Stadt gewohnt – auch, wenn sich das Leben dort allein in den letzten zehn Jahren spürbar verändert hat. Es ist rammelvoll geworden – überall. Um Parkplätze herrscht ebenso ein Hauen und Stechen wie um bezahlbare Wohnungen. Oh, es wird gebaut – wie verrückt! Aber vor allem hochpreisig. Die Skyline wächst ständig um weitere (Luxus-)Wohntürme. Dass es nach wie vor genug Menschen gibt, die die explodierenden Mieten bezahlen können, löst in meinem beruflichen wie privaten Umfeld in Frankfurt schon lange ratloses Kopfschütteln aus.

Trotzdem mag ich Frankfurt. Ein bisschen so, wie man eine alte Freundin mag, die leider völlig in die falsche Richtung abdriftet, von der man aber weiß, dass sie diese anderen, liebenswerten Seiten hat.

Es ist das Nebeneinander von Städtischem und Dörflichem, das ich an Frankfurt immer mochte. Die Stadt gibt mächtig an mit ihrer Skyline und ihrer Mitgliedschaft im Club der fünf größten Städte des Landes. In Wahrheit ist Frankfurt klein. Man kann es problemlos in einer halben, höchstens einer Dreiviertelstunde komplett mit dem Fahrrad durchqueren. Nur ein paar Kilometer von den Straßenschluchten der Innenstadt entfernt ist Frankfurt grün, hat Wälder, Seen, Pferdekoppeln und Kopfsteinpflaster. Ähnlich wie im Norden Berlins haben auch in Frankfurt viele Stadtteile ihren dörflichen Charakter nicht verloren. Aber anders als Berlin dehnt sich Frankfurt nicht annähernd so weit in der Fläche aus. Alles ist nah beieinander.

Eigentlich sind wir also nur von einem großen Dorf in ein kleines Dorf gezogen.

Und doch lebt es sich hier so ganz anders. Von vielem gibt es weniger. In vielen Fällen ist das mehr.

Menschen

In Frankfurt waren wir zwei von 750.000, hier zwei von 3600. Einsam ist es hier nicht. Wo immer sich zwei Wege kreuzen, sehen wir oft Menschen zusammenstehen und klönen. Auf unseren Erkundungswegen rund um das Dorf begegnen wir immer mal den neuen Nachbarinnen und Nachbarn, unterwegs mit ihren Hunden oder Pferden. Stets wird freundlich gegrüßt. Es ist Leben im und um das Dorf, aber gerade im rechten Maß. In Frankfurt ist man quasi nie allein. Hier ist genug Platz, um allein zu sein. Für einen Menschen wie mich, die ab und an einfach für sich sein muss, ist das ein Geschenk.

Was mir (demnach) nicht fehlen wird: Der unaufhörliche Strom an Menschen, der sich täglich durch die Innenstadt wälzt, in U-Bahnen und Trams drängelt, lange Schlangen an den Kassen bildet und auch unter der Woche abends die Lokale füllt, so dass es schwer ist, spontan mit mehr als zwei Personen irgendwo einen Tisch zu ergattern.

Was mir fehlen wird: Die räumliche Nähe zu den Frankfurter und Offenbacher Freund*innen. Es war schön, zu wissen, die anderen sind gleich um die Ecke oder zumindest in kurzer Zeit erreichbar. Auf der anderen Seite sind unsere Taunus-Freund*innen und Familien nun sehr viel näher. Ein Auge lacht, während das andere weint.

Nüchtern betrachtet ändert sich nicht viel: Wie vorher auch treffen wir uns weiterhin abends nach der Arbeit in der Stadt. Und werden uns daran gewöhnen, dass unsere Gespräche ab und an vom Blick zur Uhr unterbrochen werden – damit wir die letzte Bahn nicht verpassen.

Mobilität

Ohne den Bahnanschluss wären wir nicht in dieses Dorf gezogen. Fünf Minuten zu Fuß von der Wohnung zum Bahnhof, dann 40 Minuten Fahrt in der Regionalbahn (Limburg – Frankfurt), und wir sind am Frankfurter Hauptbahnhof. Davon können manche meiner Kolleginnen und Kollegen, die morgens erst einmal mit dem Auto zu einem Bahnhof kommen müssen, nur träumen.

Wohnen am Hotspot.

Was mir nicht fehlen wird: Hektik und Betriebsamkeit auf dem Arbeitsweg. 40 Minuten Rückzug in die relativ geschützte Sitzreihe einer Regionalbahn sind auch 40 Minuten, in denen ich mich wirklich vertiefen kann – in ein Buch, die Zeitung, einen Podcast. Oder beim Musikhören aus dem Fenster die Taunuslandschaft betrachten darf. Das entspannt mich mehr als die Tram- oder U-Bahnfahrten zuvor. Der Heimweg eignet sich sehr, um den Job tatsächlich hinter mir zu lassen. Der Kindle gehört, vollgepackt mit Lesestoff, nun zum täglichen Proviant für die Fahrt zur und von der Arbeit, das Smartphone mit frischen Podcasts sowieso.

Was mir fehlen wird: Spontaneität. Die Bahn fährt, abgesehen von verstärkten Verbindungen am frühen Morgen, nur einmal pro Stunde. Die Wege von A nach B müssen also jetzt genauer geplant werden. Gegen Feierabend steigt der Stresslevel: Schaffe ich es pünktlich raus, um meinen Zug zu bekommen? Als ich in der Stadt wohnte, dachte ich kaum darüber nach, wenn der Arbeitstag mal ein wenig länger dauerte. Jetzt hat schon eine Viertelstunde spürbare Auswirkungen, denn es verzögert das Nachhausekommen gleich um eine volle Stunde.

Was mir noch fehlen wird: Nahezu jeden Weg ohne Auto erledigen zu können: Zu Fuß, per Rad, mit Öffis. Irgendwas fährt in der Stadt immer. Ich habe an jeder Ecke ein Leihfahrrad, einen Elektro-Roller vorgefunden. Musste es doch ein Auto sein und unseres war unterwegs, wartete in der Nähe der nächste City Flitzer. Leihräder und E-Scooter sucht man hier auf dem Land vergeblich. Immerhin, es gibt Carsharing: Ganze zwei (!) Fahrzeuge, die drüben in der drei Kilometer entfernten Kernstadt parken.

Infrastruktur

Unser Dorf hat unter anderem einen Rewe, eine Apotheke, eine Bank, zwei Bäcker (als wir vor zehn Wochen hierher zogen, waren es noch drei; ich hoffe, das Bäckereisterben geht nicht in diesem Tempo weiter), eine Post, die täglich drei (!) Stunden geöffnet hat. Eine Friseurin, eine Fahrradwerkstatt, eine Änderungsschneiderei, ein Geschäft für Jagd- und Sportwaffen, einen Landmaschinenhandel. Im Umkreis von fünf Kilometern finden sich unter anderem ein Schwimmbad, ein Kino, ein Krankenhaus.

Also alles da, was man so braucht, und auch einiges, das man nicht so dringend braucht.

Unser Dorf ist ein Stadtteil (besser gesagt ein Städtchenteil) von Idstein, einem Fachwerkstädtchen mit rund 27.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Die Kernstadt ist drei Kilometer von unserem Dorf entfernt.

Beim Thema Restaurants geht der Punkt eindeutig an Frankfurt. Zumindest, was die Quantität angeht. Dort gingen wir vor die Tür und hatten die Qual der Wahl: Zum Vadder, auf einen Äppler in den Biergarten der Sonne, in den Irish Pub, die Weiße Lilie, das Schönebergers? Zum Apfelwein Solzer, ins Toffis oder ins Eckhaus? Oder auf eine Pizza gleich gegenüber?

Hier im Dorf muss man wenigstens nicht so lange überlegen. Fußläufig kommen nur zwei, drei Lokale in Frage. Gespannt warten wir auf die Öffnung der „Hexenküche“ ein paar Straßen weiter, ein veganes Restaurant, das auch Fleischesser in unserem hiesigen Bekanntenkreis überzeugend finden, das aber gerade Winterpause macht. Drüben in der Kernstadt ist die Auswahl größer. Vor allem der dortige Japaner hat es uns angetan.

Seit unsere langjährige Stammkneipe im Frankfurter Nordend, das Schopenhauers, Knall auf Fall dichtgemacht hat, waren wir in Frankfurt in dieser Hinsicht heimatlos. Das hat jetzt ein Ende, denn: Mitten in unserem Dorf steht der Nassauer Hof! Eine Kneipe, in der ich einen nennenswerten Teil meiner späten Teen- und frühen Twen-Jahre verbracht habe.

Die neue (alte) Stammkneipe.

Unlängst feierte der Nassauer Hof ein großes Fest, weil er seit 100 Jahren (mit Unterbrechungen) in Familienbesitz ist, ebenso wie die zugehörige „Scheuer“, urige Kulisse für Konzerte, Comedy, Bauerndiscos und Veranstaltungen mit vielversprechenden Titel wie „Danse gehn“ und „Singe gehn“. Anders als damals habe ich nun nur drei Minuten Fußweg in diese neue alte Stammkneipe. Und was soll ich euch sagen: In den letzten Wochen habe ich so viel getanzt wie die letzten fünf Jahre in Frankfurt nicht mehr. :)

Was mir fehlen wird: Doch so einiges. Der jüdische Bäcker in unserem Frankfurter Viertel, bei dem wir uns samstags gerne Brötchen holten. Die arabischen Lebensmittelmärkte im Bahnhofsviertel. Die Asia-Läden in der Fahrgasse. Überhaupt: Die Vielfalt, die nach einem Jahrzehnt als Frankfurterin so alltäglich für mich war, dass ich sie kaum noch bewusst wahrnahm. Erst jetzt merke ich den Kontrast wieder, auch wenn das Dorf glücklicherweise nicht nur weiß ist.

Die Stadt mag bunter sein. Aber einen queeren Regenbogen gibt’s auch über unserem Dorf. :)

Wir wussten, was wir aufgeben. Aber wir wissen auch, was wir gewinnen. Den Sternenhimmel. Die Ruhe. Die deutlich bessere Luft (die meist einige Grad kälter ist als in Frankfurt). Die Freiwillige Feuerwehr, die den Weihnachtsbaum abgeholt hat. Die Familien, die immer akzeptierten, dass wir Stadtkinder geworden waren, und sich nun von Herzen freuen, uns wieder in ihrer Nähe zu haben.

Es war keine Stadtflucht, sondern eine Landsehnsucht, die uns hierher zurückgezogen hat.

Die Anhöhe mit der alten Heer- und Geleitstraße vor unseren Fenstern ist im Abendlicht am schönsten. Die Dämmerung lässt das Grün langsam verblassen, auf den gewundenen Feldwegen schlendern Gassigeher Richtung in Dorf zurück. War es die richtige Entscheidung, aufs Land zu ziehen? Bis jetzt fällt die Antwort eindeutig aus. Aber fragt uns in einem Jahr nochmal.

Ein Jahresrückblick.

Seit vier Wochen leben wir auf dem Land. Haben unseren langjährigen Alltag in der 750.000-Einwohner-Stadt Frankfurt am Main gegen das beschauliche Leben in einem 4000-Seelen-Dorf im Taunus getauscht. Nun sind wir umgeben von Fachwerkhäusern, Hofreiten, Einfamilienhäusern, Pferdekoppeln, Äckern, Wiesen, haben einen Parkplatz vor der Tür – und brauchen dreimal so lange, um an eine Briefmarke zu kommen.

Die Entscheidung, die Stadt zu verlassen und rund 50 Kilometer weit rauszuziehen, fiel im Sommer, ziemlich genau zur Halbzeit eines insgesamt ziemlich bewegten Jahres. Es begann mit einer ganz besonderen Anschaffung …

Januar

Ein Jahr lang hatten wir es als Mietklavier bei uns, Anfang 2019 machen wir ein dauerhaftes Verhältnis daraus und kauften das weiße Klavier. Zur Feier des Ereignis lassen wir es auch endlich mal stimmen.

Februar

Wir setzen eine liebgewordene Tradition fort und reisen im Freundinnenkreis an die Nordsee. Zum Biike-Brennen sind wir diesmal auf Amrum.

März

Für vier Wochen ziehe ich nach München – beruflich. Eine interessante Zeit, über die ich in einem meiner dieses Jahr äußerst raren Blogbeiträge geschrieben habe.

April

Neues Schild, neue Redaktionsräume, neuer Arbeitgeber in Frankfurt. Auch wenn ein neuer Firmenname draufsteht, drin ist immer noch die Frankfurter Rundschau.

Mai

Von dieser Radtour habe ich lange geträumt: Mit dem Bike unterwegs auf „The Strand“ in Los Angeles, Kalifornien.
Joshua Tree Park, Arizona.
Grand Canyon, Arizona.
Yosemite National Park, Kalifornien.
San Francisco, Kalifornien.

Juni

Der Ritterinnenschlag: Mein Schwiegervater …
… vertraut mir seinen Trecker an!

August

Hinter dieser liebevoll beschilderten Tür des Frankfurter Standesamtes findet ein Upgrade statt..

September

Wir sind wieder da … Amrum again, diesmal zu dritt.

Oktober

Einlösung eines Geburtstagsgeschenks: Dieser 90-jährige Herr reist mit seinen Kindern zu den Stätten seiner Kindheit – hier präsentiert er das vermeintliche Geburtshaus.

November

Zeit zum Einpacken – der Umzug rückt näher.

Dezember

Angekommen: Das ist es, das Dorf, in dem wir nun wohnen.

Wie es dazu kam, dass wir in diesem Jahr wieder zu Landeiern wurden, und wie uns das Leben auf dem Dorf so bekommt – das erfahrt ihr im nächsten Jahr! :) Guten Rutsch!

Veränderung

„Eigentlich ist alles nichts“, steht auf dem quadratischen vergilbten Papier, das wohl von einem dieser Zettelblöcke stammt. Ich habe es aus einer Kiste gefischt, in der ich Post aller Art aufbewahrt habe. Weil ein Umzug bevorsteht, nehme ich mir nach und nach alle Regale, Kommoden, Schubladen und Kartons vor, sortiere, trenne mich. Und hebe auf.

Die Schrift erkenne ich sofort, es ist die meiner Mutter, und ich werde diesen Zettel ebenso wie ihre anderen Briefe, Karten, Fotos, Dokumente wieder sorgfältig zusammenlegen und in die neue Wohnung tragen. Es ist ein Auszug aus einem Gedicht von Theodor Fontane.

„Eigentlich ist alles nichts
Heute hält’s und morgen bricht’s
Hin stirbt alles …“

Hier fehlen zwei Zeilen, vielleicht waren sie ihr entfallen, sie war bereits todkrank, als sie das aufschrieb, ich sehe es an ihrer zittrig wirkenden Handschrift. Vor ihrer Erkrankung schrieb sie in gleichmäßig geschwungenen Buchstaben, und beim Rezitieren von Gedichten war sie stets textsicher gewesen. Hier aber fehlen die Worte

„… ganz geringe
Wird der Wert der ird’schen Dinge“.

Ich lese weiter:

„Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht ich noch erleben.“

Eine Handvoll Momente hat es gegeben, da ich mir wünschte, sie hätte sie noch erleben können. Einer davon wird der Moment sein, wenn ich nach Hause komme. In einigen Monaten wohne ich wieder auf dem Land, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich großgeworden bin. Ich werde die vertrauten Wege durch die Felder gehen (und feststellen, dass die Häuser viel näher herangerückt sind), werde in ihrem Garten in der Erde wühlen und wohl auch mit ihrem hochbetagten Witwer schimpfen, wenn er mit seinen über 90 wieder einmal auf eine Leiter klettern will.

Ich werde ihr wieder öfter begegnen, an dieser Waldlichtung, an jener Bank am Feldrand, auf diesem einen Spielplatz, den es immer noch gibt, auf dem Friedhof sowieso – und in dem Boden, den sich fruchtbar gemacht hat. Ich freue mich unbändig darauf und fürchte mich ein ganz klein wenig. Wo mich doch schon dieser Zettelfund so aus der Fassung bringt. 

Nach Hause kommen

Wenn im Gottesdienst in den Fürbitten dein Name fällt, dann bist du gewöhnlich gestorben. Dass meine Pfarrerin mich heute im Sonntagsgottesdienst erwähnte, hat einen erfreulichen Anlass: Sie hieß mich in der Gemeinde willkomen.

Vor fast 30 Jahren bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dem Verein, der Menschen (nicht nur wie mich) systematisch ausgrenzt, habe ich nie eine Träne nachgeweint, dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft schon. In den letzten zwei Jahrzehnten bin ich einigen Menschen begegnet, die ich als Seelsorger*innen im Wortsinn erleben durfte. Da war der evangelische Pfarrer, der – anders als sein katholischer Amtsbruder – an die Tür meiner Familie klopfte, als unsere Verzweiflung am größten war. Der mit uns am Sterbebett meiner Mutter saß und Worte fand, die irgendwie durch diese Vakuumschicht zu uns durchdrangen, die uns seit Monaten von der Welt trennte. Ich erlebte Pastorinnen und Pfarrer, die ihren Platz auf der Kanzel nutzen, um zu tun, was Aufgabe der Kirche ist: sich einmischen. Haltung zeigen. Politisch Position beziehen, Menschenfeindlichkeit beim Namen nennen. Und die ihr wichtigstes Handwerkszeug, die Sprache, bewusst handhaben, um Menschen sichtbar zu machen.

Vor zwei Tagen habe ich ein langes Gespräch mit der Pfarrerin meiner zuständigen Gemeinde geführt. Als ich zurück in meine Wohnung kam, durch die Tür, über der seit vielen Jahren ein Kreuz hängt, war ich evangelisch geworden.

Fühlt sich gut und richtig an.

Und, ja, auch der junge Dorfpfarrer, der die Weihnachtsgeschichte am Heiligen Abend spontan von zunächst verdutzten, dann amüsierten Gottesdienstbesucher*innen nachstellen ließ, hat seinen Anteil daran. ;)

Ahoi!

Das Ufer kommt näher, und ich merke: Ich bin zu schnell. Das Boot droht unsanft an die Kaimauer des Frankfurter Westhafen zu rumpeln. Ich ziehe am Gashebel, bis er mittig einrastet, und schalte den Motor so in den Leerlauf. Das Boot wird langsamer und gleitet nun im spitzen Winkel auf die Mauer zu, an der ich anlegen will. Als sich Bordwand und Beton berühren, fangen die Fender den Stoß ab. So weit, so gut. Aber wo ist die Leiter, an der ich eigentlich anlegen wollte? Ich habe sie verfehlt.

Ich schaue den Prüfer an. Der Prüfer guckt wortlos zurück und wartet. „Moment, ich korrigiere“, sage ich leicht hektisch, fahre noch ein Stück vor, dann zurück, lege dabei das Ruder in die falsche Richtung, das Heck dreht sich weg vom Ufer. Am Ende steht das Boot mit dem Bug vor der Mauer. So wird das nichts.

„Ich glaube, ich fange nochmal von vorne an“, wende ich mich an den Prüfer, und der nickt. „Das würde ich auch vorschlagen.“

Zum Glück hat man für alle Manöver, die bei der Bootsführerscheinprüfung zu fahren sind, zwei Anläufe. Bislang hatte alles auf Anhieb geklappt – naja, fast alles. Leinen los und ablegen, kursgerechtes Aufstoppen (also das Boot in Fahrt zum Stillstand bringen und dabei nicht vom Kurs abkommen), Wenden auf engstem Raum und vor allem das wichtige Boje-über-Bord-Manöver, bei dem neben den im Ernstfall  für Leib und Leben entscheidenden Handgriffen auch die richtigen Kommandos erwartet werden: Mit all dem war der Prüfer bereits im ersten Versuch zufrieden. Auch meinen Achtknoten und meinen Kreuzknoten, meinen doppelten Schotstek, Webelein- und Palstek segnete er wohlwollend ab. Lediglich beim Belegen der Klampe verhedderte ich mich erst einmal. War klar. Es ist der Knoten, der mir von Anfang an Probleme machte.

Belegen einer Klampe

Ein Seemannsknoten mit Kopfschlag, der mir Kopfzerbrechen bereitete: Das Belegen einer Klampe – links richtig, rechts falsch. Bild: Schorschi2, Lizenz: Public Domain, Quelle: Wikipedia

Dabei scheint es so einfach zu sein, ich muss nur die Münchner Telefon-Vorwahl um zwei Hörner herum legen. Die Null und die Acht klappen ja easy, aber der letzte Schlag, die Neun, will mir lange nicht in den Kopf – bei diesem „Kopfschlag“ wird die Bucht der Leine einmal um die eigene Achse gedreht, bevor sie um das Horn geworfen wird. Immer wieder drehe ich sie in der falschen Richtung, und heraus kommt etwas, das aussieht wie auf dem rechten Bild.

Steuerbord vor Backbord, Lee vor Luv – und warum links manchmal rechts ist (ganz unpolitisch betrachtet)

Bootfahren lernen, die Regeln auf dem Wasser kennen, Schilder, Lichter und Schallzeichen lesen und deuten können, in der Lage sein, ein Schiff zu schleusen, all das fasziniert mich, seit ich denken kann. Wasser und Schiffe haben mich seit jeher angezogen. Nachdem ich als Kind mit großer Ernsthaftigkeit einen Dreimaster nach dem anderen gemalt hatte, fand ich, dass es nun endlich Zeit ist für den nächsten Schritt. ;) Also meldete ich mich beim Segel-Center Frankfurt für den SBF Binnen an, den Führerschein also, mit dem ich Motorboote ab 15 PS aufwärts und mit einer Länge bis knapp 20 Metern auf Bundeswasserstraßen im Binnenbereich steuern darf.

Den Anfang macht das Theorie-Wochenende. In knapp zwei Tagen schippern wir einmal quer durch die  Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung, liebevoll BinSchStrO abgekürzt. Es geht ein bisschen zu wie damals im Autofahrschul-Unterricht: An einer Tafel schieben wir magnetische Bootsrümpfe hin und her und lernen die Verkehrsregeln auf dem Wasser. Es zeigt sich, dass sie jenen auf den Straßen ähneln, jedenfalls dann, wenn sich zwei ebenbürtige Motorsportboote begegnen: Bei kreuzenden Kursen gilt dann rechts vor links, Verzeihung: Steuerbord vor Backbord. Die Variante für Segelboote heißt „Lee vor Luv“: Das Boot auf der dem Wind abgewandten Seite hat Vorfahrt. Segelboote haben zudem grundsätzlich Vorfahrt vor Motorbooten (es sei denn, die Segler werfen zusätzlich den Motor an, dann gilt wieder Steuerbord vor Backbord) und ebenso vor Kanus und Ruderern. Naja, und die Berufsschifffahrt hat sowieso immer Vorrang vor Freizeitkapitänen. Ich merke mir der Einfachheit halber: Mit einem Motorboot weiche ich allen anderen aus. Fast immer und überall.

Ich lerne, welche Schilder die Durchfahrt an Brücken regeln und welche auf Hindernisse, Untiefen, Fahrrinnenspaltungen oder auf Anker- und Liegeverbote hinweisen. Dass beim Anblick von blauen Flaggen Vorsicht geboten ist: Eine steht für brennbare Fracht, zwei für gesundheitsgefährdende Stoffe, drei für explosive Güter. Ich lasse mir beibringen, wie man in der Dunkelheit anhand der Farbe und Position der Lichter erkennen kann, ob das Schiff, das sich nähert, eine Segeljolle, ein Motorboot, eine Fähre  oder gar ein Schub- oder Schleppverband ist. Und ich lerne nicht nur den Unterschied zwischen Wasserstraße und Fahrrinne, sondern auch den zwischen linkem und rechten Ufer – eine durchaus verwirrende Angelegenheit! Denn linkes Ufer bleibt auch dann linkes Ufer, wenn es in Fahrtrichtung rechts liegt (und umgekehrt). Betrachtet wird das auf Flüssen immer von der Quelle zur Mündung. Stromabwärts ist das linke Ufer also dort, wo der Daumen rechts ist (und umgekehrt). Für Bergfahrer hingegen liegt das rechte Ufer in Fahrtrichtung links (an Backbord) und das linke Ufer an Steuerbord.

Noch mehr verwirrende Regeln gefällig? Bitte sehr: Grün und Rot stehen für linke und rechte Seite – manchmal aber auch für rechte und linke Seite. Es kommt darauf an, ob es sich um Ufer oder Boote handelt. Grüne Spitztonnen markieren stets das (aus Talfahrersicht, siebe oben) linke Ufer und rote Stumpftonnen das rechte Ufer. Doch bei der Lichterführung an Motorbooten ist es genau umgekehrt: Nachts und bei unsichtigem Wetter ist Steuerbord ein grünes Licht zu setzen, Backbord ein rotes Licht. Alles klar?

Übrigens: Linke Uferseite = Grün, rechte Uferseite = Rot habe ich mir recht einfach merken können.  R(rechts) = R(ot) – und „Linksgrün-versifft“. Ha! Endlich sind die täglichen Nettigkeiten, die unsere User der Redaktion an den Kopf werfen, mal für was gut.

Boje über Bord – was nun?

Der Theorie folgt die Praxis. Bevor ich an Bord gehe, lerne ich Umgang und Funktionsweise der automatischen Rettungsweste: Eine integrierte Zellulose-Tablette löst sich bei Kontakt mit Wasser auf, worauf sich eine Feder entspannt und zack! wird die Weste aufgeblasen – raffinierte Erfindung!

Endlich auf dem Wasser, gesellen sich zu „Steuerbord“ und „Backbord“ wunderbare neue Vokabeln wie „achteraus“ und „querab“. Als Rudergängerin darf ich meinem Fahrlehrer Kommandos geben, rufe mit wachsender Begeisterung „Klar zum Ablegen“, „Achterleine los!“, „Fender rein!“, „Boje beobachten!“, „Klar zum Anlegen“ quer durch den Frankfurter Westhafen.

Schippern im Schatten des „Gerippten“: Die Marina Westhafen in Frankfurt.

Das wichtigste Pflichtmanöver ist die Rettung eines über Bord gefallenen Crew-Mitglieds. Mein Fahrlehrer schmeißt unerwartet eine Boje ins Wasser und ruft „Boje über Bord an Steuerbord“ – nun muss alles ganz schnell gehen: Sofort den Motor auskuppeln, damit der Propeller stoppt und kein Blutbad anrichten kann, und das Ruder in Richtung der einen Menschen markierenden Boje legen, wodurch sich das Heck mit dem Außenborder von ihr wegdreht – auch dies eine Sicherheitsmaßnahme gegen Verletzungen. Dann eine Person bestimmen, die den über Bord Gegangenen nicht aus den Augen verlieren soll, das Kommando „Rettungsmittel auswerfen“ nicht vergessen, wieder einkuppeln und zunächst drei oder vier Bootslängen mit dem Wind bzw. mit der Strömung wegfahren. Dann drehen und langsam wieder nähern – gegen den Wind, weil sich das Boot so sicherer manövrieren lässt. Ein bis zwei Bootslängen entfernt den Motor wieder auskuppeln (von wegen Blutbad-Gefahr), das letzte Kommando „Aufnehmen an Steuer- bzw. Backbord“ geben und laaaaaangsam an der Boje vorbeigleiten, so dass sie an Bord genommen werden kann.

Zwei Fahrstunden lang übe ich dieses und andere Manöver, dann naht bereits die Prüfung. Theorie und Praxis werden am selben Tag stattfinden.

• — • — • — • — • — oder: Bleib weeeeeeg! Bleib weeeeeeg! Bleib weeeeeeeg! Bleib weeeeeeeg! Bleib weeeeeeeg!

Passenderweise habe ich zuvor eine Woche Urlaub – Zeit zum Pauken. Ich lerne Schilder und Farben und Schallsignale, merke mir, dass ein langer Ton für „Achtung!“ steht, ein kurzer Ton für Steuerbord, zwei kurze Töne für Backbord, ein langer und ein kurzer Ton für „Wende über Steuerbord“, zwei lange und zwei kurze Töne für „Überhole an Ihrer Backbord-Seite“, drei lange Töne für „Biege in Hafen oder Einmündung ab“, drei kurze für „Fahre rückwärts“, vier kurze Töne für „Oje, bin manövrierunfähig“, und hoffe, dass ich nie in die Verlegenheit kommen werde, die Folge „lang kurz lang kurz lang kurz lang kurz …“ zu vernehmen – das gefürchtete „Bleib-weg-Signal“. Beim Lernen hilft diese Website sowie eine App, mit der ich alle 15 offiziellen Fragebögen, ein jeder mit 30 Multiple-Choice-Fragen, beantworten kann. In der Prüfung wird einer davon vor mir liegen.

Morgennebel in Frankfurt-Fechenheim: Gleich werde ich hier die Theorieprüfung ablegen.

Ziemlich aufgeregt – meine letzte Prüfung ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann – finde ich mich an einem Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe im Veranstaltungsraum eines Bootsclubs am Main im Frankfurter Stadtteil Fechenheim ein, um mit ungefähr 50 weiteren Anwärterinnen und Anwärtern die Theorieprüfung abzulegen. Mir wird der Fragebogen Nummer 15 zugelost. Nach zehn Minuten kann ich ihn ausgefüllt abgeben.

Für die Praxis muss ich einmal quer durch die Stadt zum Frankfurter Westhafen. Dort stehe ich wenig später in Rettungsweste am Ruder des Fahrschul-Motorboots und habe mich beim Anlegeversuch heillos vermanövriert. „Nur die Ruhe“, spricht der Prüfer, als ich zum zweiten Versuch ansetze. Der muss sitzen, sonst war’s das. Und es klappt. Ich drehe eine Runde, halte erneut im spitzen Winkel auf die Kaimauer zu, kupple diesmal rechtzeitig aus, lasse das Boot mit der Steuerbordseite an die Mauer gleiten, warte zwei Sekunden, drücke dann den Schalthebel nach unten in den Rückwärtsgang und lege das Ruder Richtung Ufer. Brav zieht der Radeffekt das Heck zur Leiter in der Kaimauer. „Leinen über und fest!“, rufe ich und schaue den Prüfer an. „Rückwärts ein bisschen zu viel Gas gegeben“, moniert er und lächelt dann: „Aber das ist nur ein Schönheitsfehler.“ Bestanden. Ich habe den Bootsführerschein!

Und gut drei Wochen später ist das gute Stück dann endlich in der Post.

Was lange währt… da isser!