Schreiben gegen das quälende Rätsel des Todes: Theodor Storm zum 200. Geburtstag

Trauer oder Glückseligkeit, Schuldgefühle oder Leidenschaft: Der Mann schreibt sich sein Leben lang alles von der Seele, was er empfindet. Lyrik für die Heimat, Liebesgedichte für die Ehefrau (und für die Geliebte), Märchen für seine insgesamt acht Kinder – und Novellen für sich selbst: Sie handeln oft von seinen größten Ängsten, von Vergänglichkeit, Verlust, Zerfall und Tod. Für den zu Depressionen neigenden Theodor Storm ist das Schreiben immer auch eine Selbsttherapie.

Heute hat er Geburtstag: Am 14. September 1817, also vor genau 200 Jahren, wird Theodor Storm in Husum geboren, und im Feuilleton der Frankfurter Rundschau darf ich ihm heute ausgiebig gratulieren.

Husum an der Westküste Nordfrieslands gibt sich heute alle Mühe, das Bild von der grauen Stadt abzuschütteln, das Theodor Storm ihr mit einem seiner berühmtesten Gedichte so nachhaltig angeheftet hat. Vor 200 Jahren aber passt die Charakterisierung recht gut. Zwar wird Theodor Storm in eine immer noch ziemlich privilegierte Familie hineingeboren, doch auch der Junge aus der Husumer Oberschicht kann nicht die Augen davor verschließen, dass die Stadt ihre beste Zeit hinter sich hat.

Die Sturmflut hatte Husum groß gemacht, und die Sturmflut beendete die Blütezeit auch wieder: Bei der Groten Mandränke von 1362 hatte sich das Meer so weit ins Land gefressen, dass der unbedeutende Flecken über Nacht zur Küstenstadt wurde und zum Handelsknotenpunkt aufsteigen konnte. Rund 300 Jahre später, im Jahr 1634, verschlang der Blanke Hans neben 6000 Menschen auch Husums Kornkammer und läutete seinen langsamen Niedergang ein. Die letzten Zuckungen spielen sich vor den Augen des jungen Theodor Storm ab: Der Handel stockt, der Hafen verschlickt, über die Gassen und Häuser legt sich – eben jenes Grau.

Theodor Storm hängt nicht nur an seiner öden Heimatstadt, wo sich die Friesen, wenn es draußen dunkel wird, beim Tee gegenseitig gespenstische Spökenkiekereien erzählen. Er hängt auch an den Menschen, an seiner Familie, vor allem an seiner jüngeren Schwester Lucie, die mit sieben Jahren stirbt. Der trauernde Bruder streift durch Geest und Marsch und findet „die Poesie auf Heiden und Mooren, an der Meeresküste und an den feierlich schweigenden Weideflächen hinter den Deichen“. Hier liegt die Heide still, hier summen die Bienen verschlafen, weht am Strand das Gras. Hier lehnt sich ein alter Mann des Mittags aus der Tür seiner Kate hinaus. Die Wimper fällt ihm zu. Und „kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit.“

Doch der Klang der aufgeregten Zeit dringt, wenn auch mit großer Verspätung, irgendwann eben doch ins dänisch regierte Husum – und er zwingt Theodor Storm, seine Heimat zu verlassen.

In jungen Jahren aber geht er zunächst ganz freiwillig – nach Lübeck aufs Gymnasium, das „Katharineum“, dann nach Kiel und Berlin zum Jura-Studium – in dem Beruf, den auch sein Vater ausübte, wird er sein Leben lang neben der Schriftstellerei arbeiten. Weit weg von Husum entdeckt er die Dichter Eichendorff und Heine, lernt Geibel und Mörike kennen, freundet sich mit den Brüdern Tycho und Theodor Mommsen an. Seelenverwandt mit Storm wird sich später der nachgeborene Thomas Mann fühlen – er verteidigt den Husumer 1930 gegen den Vorwurf, ein heimattümelnder Provinzdichter gewesen zu sein, und bescheinigt dessen Werk „absolute Weltwürde der Dichtung“.

Weniger würdevoll verhält der launische Storm sich in Liebesdingen. Eine erste, vorschnelle Verlobung mit seiner Jugendliebe Emma Kühl hat er offenbar bereut und ist vermutlich heilfroh, als die Föhrerin sie von sich aus wieder löst. Als 19-Jähriger verliebt Storm sich in die zehnjährige (!) Bertha von Buchan. Seinen Heiratsantrag – wenigstens wartet er damit, bis sie 16 ist – lehnt sie dankend ab. Nach dem Studium zurück in Husum, eröffnet er seine eigene Kanzlei und bietet seiner Cousine Constanze Esmarch die Ehe an, um gleich nach der Hochzeit eine Affäre mit Dorothea Jensen zu beginnen. Erst als diese Beziehung nach anderthalb Jahren endet, wendet Storm sich seiner Frau zu – und wird offenbar doch noch ein verantwortungvoller und liebender Ehemann und Famlienvater.

Sein Leid ist groß, als Constanze nach der Geburt des siebten Kindes stirbt. Als sie noch seine Braut war, hatte er ihr in einem Brief seine Seelennöte offenbart: Jeder Mensch sei doch nur „ein kleines Sandkorn der großen Welt“, das „verweht und vergeht und vergessen wird“. Im Schreiben führe er einen „stillen, unablässigen Kampf“ gegen das „quälende Rätsel des Todes“.

Das aber kann ich nicht ertragen,
Dass so wie sonst die Sonne lacht;
Dass wie in deinen Lebenstagen
Die Uhren gehn, die Glocken schlagen,
Einförmig wechseln Tag und Nacht …

Aus: „Einer Toten“

Als sein erstgeborener Sohn Hans – für ihn hat Theodor Storm 1849 das Märchen vom „Kleinen Häwelmann“ ersonnen – dem Alkohol verfällt, verarbeitet der Vater seine Schuldgefühle literarisch, unter anderem in der Novelle „Carsten Curator“. Das Motiv vom verlorenen Sohn, die menschliche Tragik im Zerfall einer Familie, der Kampf gegen Vergänglichkeit und Tod tauchen in Storms Prosa immer wieder auf. Es sind aus dem Leben gegriffene Schilderungen und Stoffe, die ihn zu einem wichtigen Vertreter des poetischen Realismus machen werden.

Gerne greift er auf die Technik der Rahmenhandlung zurück: Nicht der Autor, sondern ein fiktiver Erzähler schildert das Geschehen aus persönlicher Perspektive, im „Schimmelreiter“ ebenso wie in den Novellen „Im Nachbarhause links“ und in „Pole Poppenspäler“. Die Protagonisten in „Immensee“, Elisabeth und Reinhard, trauern in erinnernden Rückblenden ihrer ungelebten Liebe nach – die Gegenwart hat hier so wenig Handlung, dass nicht nur Storms Freund Tycho Mommsen sich nach der Lektüre fragt: „Warum schreibt er denn so fades Zeug?“ Das fade Zeug wird der größte Erfolg Theodor Storms zu dessen Lebzeiten.

Als die Novelle 1853 erscheint, ist Storm Gerichtsassessor in Potsdam. Das Gezerre zwischen dänischen und deutschen Nationalisten um Schleswig und Holstein, die beiden „up ewig ungedelten“ Herzogtümer, war 1848 kriegerisch eskaliert; Dänemark zwingt den Demokraten Storm, der im Grunde beiden Seiten mit Skepsis begegnet, ins Exil. Vor der „Arbeits-Hetzjagd“ in Potsdam, die ihm Zeit zum Schreiben nimmt, flieht Storm 1856 nach Heiligenstadt. Hier ist er acht Jahre lang Kreisrichter, bevor er 1864 ins inzwischen preußische Husum zurückkehren kann. Bis zum Ende seiner Juristenlaufbahn ist Storm in der Heimatstadt als Landvogt, Amtsrichter und Schriftsteller tätig.

Storm-Museum in Husum

Von Viola sonansEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Seine letzte Wohnstätte in Husum konnte ich vor Jahren besuchen. In dem Haus in der Wasserreihe, heute Storm-Museum, lebt er zwischen 1866 und 1880 mit seiner zweiten Ehefrau Dorothea Jensen. Es ist jene „Do“, mit der er bereits kurz nach seiner Hochzeit eine Affäre hatte. Die beiden haben nach Constanzes Tod geheiratet.

1880 verlässt der Dichter Husum ein drittes und letztes Mal. Er tauscht sein „Poetenstübchen“ in der Wasserreihe gegen einen Alterssitz in Hademarschen. Im Gepäck hat er die Idee, die ihn schon sein Leben lang begleitet: Storm will die Legende vom „Schimmelreiter“ erzählen.

Schon als Junge hat Theodor Storm in einer Zeitschrift die Sage von einem Deichbauer gelesen, der den Menschen nach seinem Tod erscheint und vor Sturmfluten warnt. Sie spielt allerdings ursprünglich gar nicht in Norddeutschland, sondern an den Deichen der Weichsel nahe Danzig. Storm verlegt sie nach Nordfriesland, lässt sich von einem Deichbauingenieur mit der Thematik vertraut machen und sammelt so viel Fachwissen, dass er meint, er werde „nächstens auch einen Koog eindeichen können“. Nun aber kommt ihm die Gesundheit in die Quere: Theodor Storm erkrankt an Magenkrebs. Noch einmal wird die Familie zum schützenden Bollwerk: Einer seiner Söhne, der Arzt ist, macht dem Vater gegen alle Prognosen genug Mut, so dass Storm sich noch einmal aufraffen kann.

Die Publikation des „Schimmelreiter“ in einer Zeitschrift 1888 erlebt er noch mit, den Druck in Buchform nicht mehr: Theodor Storm stirbt am 4. Juli 1888 in Hademarschen.

2 Kommentare

  1. Sehr schön, der Beitrag im Deutschlandfunk – danke für den Link! Die beiden Theodors waren wohl wie Feuer und Wasser, das kommt da gut rüber. Und nebenbei liefert der Beitrag noch ein paar merkenswerte Zitate, wie: „Das Schicksal winkt nicht, es schubst“. ;) Dir ein schönes Wochenende!

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