Greta tut weh

Vielleicht ist ein Teil der Wut, die der Umweltaktivistin Greta Thunberg entgegenschlägt,  im Grunde nichts anderes als eine Enttäuschung. Die Enttäuschung der Wütenden über sich selbst.

Weil wir wissen, dass Greta Recht hat. Weil wir das schon wussten, lange bevor Greta geboren wurde. Weil wir selbst einmal wie Greta waren: rebellisch, stur, kämpferisch und so überzeugt für eine Sache eintretend, dass es uns egal war, was andere von uns halten.

Doch das ist lange her.  Es war vielleicht Ende der 60er Jahre, als es gegen die Alt-Nazis in Behörden und Parlamenten gingen. Oder in den 70ern, als „Die Grenzen des Wachstums“ erschien, uns aufrüttelte – und trotzdem nichts zu bewirken schien, wie heute deutlich wird. Als der Kampf gegen Atomkraft oder für Solidarität mit ausgebeuteten Ländern sich in Sitzblockaden oder Reisen zu Kaffeeplantagen in Nicaragua manifestierte. Vielleicht war es in den 80ern, als wir gegen das Waldsterben zu Felde zogen, für Frieden und gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten, die Bonner Hofgartenwiese schwarz färbten. Einige der heutigen Greta-Kritiker waren vielleicht Teil der legendären Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, andere hausten aus Protest in einem Hüttendorf, an der geplanten Startbahn West in Frankfurt oder in der Republik Freies Wendland.

Egal, bei welcher dieser oder anderer Gelegenheiten: Irgendwann einmal waren viele von uns „Greta“. Wir haben das vergessen. Oder verdrängt. Vor unseren Enthusiasmus schob sich das Leben. Die Bereitschaft (vielleicht auch die Fähigkeit), weiter zu schauen als bis zu den nächsten Schritten in der persönlichen Lebensplanung, schwand. Andere Kämpfe waren wichtiger geworden: um Ausbildung, Job, Familie. Um Gesundheit. Die Zukunft, um die es uns nun ging, war in erster Linie die ganz persönliche. Das Gewissen beruhigen wir seitdem, indem wir Ökostrom beziehen, den Fleischkonsum runterfahren und das Hybrid-Auto so oft wie möglich stehenlassen. Nur manchmal noch schafft es eine alte Melodie, die Erinnerung an kämpferische Zeiten zu wecken: „Alle, die ihr Unbehagen immer nur im Magen tragen, nicht wagen, was zu sagen, nur von ihrer Lage klagen, sollen aufstehen!“

Das soll nicht anklägerisch klingen. Sich ums eigene Leben zu kümmern ist ja nicht verwerflich. Aber vielleicht erklärt es die verstörende Wut auf eine Jugendliche, die nichts anderes tut, als das, was wir in diesem Alter taten – nur konsequenter: Sich kompromisslos für eine wichtige Sache einsetzen. Daran erinnert zu werden, tut weh – weil wir irgendwann aufgegeben haben. „No future“ hieß es damals bei uns, Fridays for Future heißt es in der Generation meiner 14-jährigen Nichte.

Ich bin verdammt stolz auf diese Generation.

Nein.

Ich schau zu lange schon zu. Rede zwar viel über das, was da gerade passiert, über die Nazis, de Rechtsextremen, die Menschenfeinde, die Menschenfänger, die politischen Missbrauchstäter. Über die AfD, diesen politischen Arm einer zutiefst demokratiefeindlichen Bewegung, über die unfassbare Dummheit, die sich auf den Straßen wie im Netz Bahn bricht, und für die der Hutträger aus Dresden nur symbolisch steht. Kein Arbeitstag, keine Redaktionskonferenz, keine abendliche Runde mit Freund*innen mehr, an dem all das nicht Thema ist. Aber eben nur im mehr oder weniger kleinen Kreis. Auch wenn es gut tut, die Fassungslosigkeit, die Empörung, die nackten Sorgen mit alten und neuen Freundinnen und Freunden zu teilen: Es reicht nicht mehr.

Ich war lange genug wie paralysiert, weil das doch eigentlich gar nicht sagbar ist, was die sagen, nicht hier, nicht in diesem Land mit dieser Geschichte. Müssen echt erst die Alten kommen, Konstantin Wecker mit seinen 71 und Hannes Wader mit seinen 76, um Klartext zu sprechen?

Damals hätten wir nie gedacht, dass man sich 40 Jahre später mit einer neuen Generation von hirnamputierten Faschisten wieder herumschlagen muss.

Ok, also Arsch hoch und Zähne auseinander. Es gibt genug Gelegenheiten – und zudem reichlich Klebefläche da draußen.

Das Agitationsmaterial ist eingetroffen.

Showdown im Mittelmeer

Die Vorgänge im Mittelmeer werden immer grotesker. Europa schottet sich immer weiter ab, die Kernländer der EU lassen die Mitgliedsstaaten an den Außengrenzen völlig allein, Politiker reden fast ausschließlich über die bösen Schlepper und nun auch über die bösen NGOs, auf deren Schultern die Mühe um die Rettung von Menschenleben inzwischen quasi allein ruht. Aus dem ohnehin nicht ernstgemeinten Gerede über das Bekämpfen von Fluchtursachen ist ein vehementes Bekämpfen von Schlauchbooten und Außenbordmotoren geworden. Das ist nur noch zynisch. Weiterlesen →

Quiz zur Bundestagswahl: Die Wahlprogramme im Wortwolken-Vergleich

In elf Wochen ist Bundestagswahl – und der Satz „Ich weiß nicht, was ich wählen soll“ fällt in meiner Filterblase diesmal noch öfter als sonst. Die Ereignisse des vergangenen Jahres scheinen viele, die sich bislang klar einem Lager zugehörig fühlten, verunsichert zu haben. Eine unionsgeführte Bundesregierung hat die Wehrpflicht abgeschafft, den zweiten Atomausstieg initiiert, das Dosenpfand eingeführt. Auf dem Höhepunkt der Fluchtkrise bleibt ausgerechnet Merkel als Einzige besonnen (um dann knallhart die Asylgesetze zu verschärfen). Und am Ende macht die Kanzlerin auch noch den Weg für die Ehe für alle frei (um dann dagegen zu stimmen): Das soll die Anhänger beider Lager mal nicht verunsichern!

Es hilft nichts: Wir werden uns die Mühe machen müssen, Wahlprogramme zu lesen.

Einen allerersten (und mitunter unerwarteten) Eindruck gibt die Wortwolke: Welche Begriffe kommen im Programm besonders häufig vor, sind also den Parteien offenkundig wichtig? Die quantitative Auswertung gibt darüber Auskunft. Berücksichtigt sind jene Parteien, die (voraussichtlich, seufz) in den Bundestag einziehen werden. Weiterlesen →

Im Kanzlerbungalow

Es ist eine der begehrtesten Führungen, die das Bonner Haus der Geschichte im Programm hat, und sie ist noch dazu kostenlos: Begleitete Rundgänge durch den Kanzlerbungalow im Bundesviertel sind oft viele Wochen im Voraus ausgebucht. Spontanbesucher bekommen dennoch eine Chance – wenn sie frühzeitig da sind und viel Geduld mitbringen. DailyMo-Leser*innen bekommen hier einen exklusiven Einblick. Folgen Sie mir!

Fünf Kanzler wohnten mit diesem exklusiven Blick auf den Rhein – doch der Preis dafür war hoch. Und damit sind nicht die 3500 Mark Monatsmiete gemeint. Bild: Monika Gemmer

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