Gewöhnung an den Ausnahmezustand

Der Ausnahmezustand fühlt sich mehr und mehr nach Regelzustand an. Man gewöhnt sich: An geschlossene Geschäfte, an die immer länger werdenden Haare auf dem Kopf, an Flatterbänder, die Spielplätze und Sportstätten zu verbotenen Zonen deklarieren, an die Leerstellen in den Regalen, wo sonst Klopapier und Hefe lagern. Daran, dass das Einkaufen länger dauert, weil wir im Supermarkt wie selbstverständlich Umwege nehmen, wenn der direkte Weg zum gewünschten Produkt die Gefahr zu großer Nähe zu einem fremden Menschen birgt. Daran, dass die große Mehrheit der Einkaufenden, wenn sie doch mal unvermittelt in einem Gang aufeinandertreffen, sich entschuldigend anlächeln und bereitwillig ausweichen. Dass an den Kassen Klebebänder auf dem Boden und bewestete Mitarbeiter uns wenigstens für eine kurze Zeit von davon entlasten, das Einhalten von anderthalb bis zwei Metern Abstand mit bloßem Augenmaß zu bestimmen. Obwohl – ich glaube, darin sind wir inzwischen ganz gut. Manche scheinen sich aber auch so sehr an die latente Gefahr zu gewöhnen, dass sie auf den Mindestabstand inzwischen pfeifen.

Man gewöhnt sich an Verzicht – wenn der nicht allzusehr wehtut. Nie war das Fasten so einfach wie in diesem Jahr: Sieben Wochen ohne Alkohol lassen sich recht gut durchhalten, wenn es keine Gelegenheit für Geselligkeitstrinken gibt. Der gebuchte Kurs an der VHS, die Tickets für Konzerte und das gemeinsame Singen in der Scheuer, das Abo fürs Theater: Es kneift kurz, aber neben dem Kneifen ist da auch ein Gefühl der Erleichterung. Der Shutdown als Vorwand, um sich zu fast nichts aufraffen zu müssen. 

Man gewöhnt sich an die Leere: im Terminkalender, auf den Plätzen, auf den Gleisen, am Bahnhof, wo allenfalls ein paar Jugendliche im Wartehäuschen abhängen, sich die Zeit vertreiben, zu viert, zu fünft, zu sechst, Schulter an Schulter und unbekümmert dem Kontaktverbot trotzend.

Auch wir bleiben mit den Freundinnen und Freunden verbunden. Schicken uns täglich Nachrichten und aufmunternde Botschaften, telefonieren mehr als je zuvor. Einen Geburtstag feierten wir im Gruppen-Videochat, ein Escape-Room-Rätsel lösten wir gemeinsam online. Nachbarn verabreden sich einmal die Woche zum Pizzaessen via Skype. Die Freundinnen, die in der Nähe wohnen, schauen regelmäßig vorbei, zum Plausch durchs Fenster oder zum „Straßenkaffee“, den wir unseren Besucherinnen dann auf den Bordstein bereitstellen. Ganz ohne solche Begegnungen, ohne den persönlichen Kontakt, ohne das Gleichzeitig-Sein in Raum und Zeit, geht es doch nicht: Es gibt so viel zu bereden, das Bedürfnis, sich auszutauschen, die Erfahrungen dieser Wochen zu teilen und sich dabei in die Augen zu sehen, ist einfach zu groß.

Carolin Emcke, die bei der Süddeutschen ein lesenswertes Corona-Tagebuch führt (Woche 1, Woche 2, Woche 3), stellt Fragen, darunter diese:

Welche der Aktivitäten, die Sie im Augenblick als existentiell erleben, welche der sozialen Praktiken, welche der solidarischen Gesten, welche der kreativen Formate, welche der ökonomischen Hilfsangebote sind unverzichtbar, spenden Trost, mildern die Not, verweisen auf eine Gemeinschaft, die es auch anschließend geben sollte?

Das erste, das mir einfällt, ist die erhöhte Aufmerksamkeit füreinander, im Kleinen wie im Größeren: Beim wöchentlichen Einkaufen für meinen hochbetagten Vater geht es längst nicht mehr nur ums Beschaffen und Abliefern der Lebensmittel, sondern um Gelegenheit für das Zusammensein und Miteinandersprechen in seinem Garten (das gute Wetter der letzten Zeit ist uns Komplize).  Mehr Aufmerksamkeit auch für die Relevanz der Tätigkeiten, die seit je beschämend unterbezahlt sind – man weiß das seit langem, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen herrscht seit Jahrzehnten Ausnahmezustand, doch außer publikumswirksamem Beklagen in Talkshows ist so gut wie nichts dagegen getan worden. Nun lässt es sich nicht länger verdrängen, wir werden brutal gezwungen, hinzuschauen. Ob dieses Mehr an Aufmerksamkeit von Dauer sein, und ob es Konsequenzen haben wird? Ich hoffe es sehr und habe zugleich Zweifel.

Zweifel haben und äußern, diesen Zug empfinde ich in diesen Wochen geradezu als vertrauenbildende Maßnahme. Den Epidemologinnen, den Virologen, den Entscheiderinnen, die offen einräumen, dass wir alle auf Sicht fahren müssen, dass niemand genau wissen kann, wie sich die Pandemie weiter entwickelt, dass auch die Fachleute täglich dazulernen – ihnen glaube ich weit mehr als den Wodargs oder Lindners oder anderen, die mit einer bemerkenswerten Selbstgewissheit fordern und verkünden, was sie für die Wahrheit oder das Gebot der Stunde halten. Hoffentlich werden wir uns später daran erinnern, wer zur Demut fähig war und wer nicht. Wer verantwortlich handelte und wer sich selbst der Nächste war.

Mir ist bewusst, dass ich Glück habe. Es geht mir gut. Niemand in meinem Umfeld ist an CoVid-19 erkrankt. Dafür bin ich dankbar – und auch dafür, dass ich wirtschaftlich in einer privilegierten Lage bin. Es ist leicht, sich an den Ausnahmezustand zu gewöhnen, wenn das, was man wirklich braucht, weiterhin verfügbar ist, und die Mittel weiterhin vorhanden sind, es sich zu beschaffen.  Vieles von dem, was ich in diesen Wochen genießen kann – die Abwesenheit von (Groß-)Veranstaltungen zum Beispiel, die geschenkte Zeit, die mir tägliche Spaziergänge rund ums Dorf erlauben – , stürzt andere Menschen in existenzielle Sorgen. Diese Corona-Wochen oder vermutlich wohl eher Corona-Monate schärfen den Blick für Unterschiede, schon deshalb, weil ein singuläres Ereignis uns alle so unterschiedlich trifft. Vielleicht schaffen wir es ja, dieses In-Betracht-Ziehen so verschiedener Lebensumstände zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen. Dann wäre viel gewonnen.

PS: Happy birthday, Mom.

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