Veränderung

„Eigentlich ist alles nichts“, steht auf dem quadratischen vergilbten Papier, das wohl von einem dieser Zettelblöcke stammt. Ich habe es aus einer Kiste gefischt, in der ich Post aller Art aufbewahrt habe. Weil ein Umzug bevorsteht, nehme ich mir nach und nach alle Regale, Kommoden, Schubladen und Kartons vor, sortiere, trenne mich. Und hebe auf.

Die Schrift erkenne ich sofort, es ist die meiner Mutter, und ich werde diesen Zettel ebenso wie ihre anderen Briefe, Karten, Fotos, Dokumente wieder sorgfältig zusammenlegen und in die neue Wohnung tragen. Es ist ein Auszug aus einem Gedicht von Theodor Fontane.

„Eigentlich ist alles nichts
Heute hält’s und morgen bricht’s
Hin stirbt alles …“

Hier fehlen zwei Zeilen, vielleicht waren sie ihr entfallen, sie war bereits todkrank, als sie das aufschrieb, ich sehe es an ihrer zittrig wirkenden Handschrift. Vor ihrer Erkrankung schrieb sie in gleichmäßig geschwungenen Buchstaben, und beim Rezitieren von Gedichten war sie stets textsicher gewesen. Hier aber fehlen die Worte

„… ganz geringe
Wird der Wert der ird’schen Dinge“.

Ich lese weiter:

„Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht ich noch erleben.“

Eine Handvoll Momente hat es gegeben, da ich mir wünschte, sie hätte sie noch erleben können. Einer davon wird der Moment sein, wenn ich nach Hause komme. In einigen Monaten wohne ich wieder auf dem Land, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich großgeworden bin. Ich werde die vertrauten Wege durch die Felder gehen (und feststellen, dass die Häuser viel näher herangerückt sind), werde in ihrem Garten in der Erde wühlen und wohl auch mit ihrem hochbetagten Witwer schimpfen, wenn er mit seinen über 90 wieder einmal auf eine Leiter klettern will.

Ich werde ihr wieder öfter begegnen, an dieser Waldlichtung, an jener Bank am Feldrand, auf diesem einen Spielplatz, den es immer noch gibt, auf dem Friedhof sowieso – und in dem Boden, den sich fruchtbar gemacht hat. Ich freue mich unbändig darauf und fürchte mich ein ganz klein wenig. Wo mich doch schon dieser Zettelfund so aus der Fassung bringt. 

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