Auf dem Dach Neuenglands

Bunt bemalte Steine türmen sich inmitten grauer Felsblöcke. “9/11 – we always remember” steht auf einem. Ein anderer ist in den Farben der amerikanischen Flagge angepinselt. Wir legen zwei Kiesel dazu, die wir auf den Gipfel gebracht haben. Die kleine inoffizielle 9/11-Gedenkstätte hat ist ein Geocache, der kurz nach den Anschlägen vor zehn Jahren hier oben gelegt wurde, auf dem Gipfel des Mount Washington im Appalachen-Gebirge im US-Bundesstaat New Hamsphire. Mit steinernen Mitbringseln sorgen Geocacher aus aller Welt dafür, dass die Gedenkstelle weiter wächst. Es ist der höchstgelegene Cache, den ich je fand: Gut 1900 Meter über dem Meeresspiegel.

Unten an der Basisstation herrscht T-Shirt-Wetter, hier oben müssen wir uns in eine Doppelschicht Pullover und winddichte Jacken hüllen. Wolken umwehen den Gipfel, und wir stehen mittendrin. “Der schlimmste Schlechtwetterberg der Welt” wird der Mount Washington genannt: Über lange Zeit hielt er mit 372 km/h Windgeschwindigkeit den Weltrekord.

Der höchste Berg im Nordosten der USA überragt eine ganze Reihe von weiteren nach Präsidenten benannten Gipfeln in den White Mountains. Man kann ihn zu Fuß erklimmen (und das tun viele, wie die überfüllte Registrierstelle für Wanderer auf dem Gipfel zeigte). Man kann die berüchtigte Auto Road nehmen und sich anschließend den Aufkleber “This car climbed Mt. Washington” auf das lädierte Blech kleben. Wir entscheiden uns für die dritte Möglichkeit, nicht weniger abenteuerlich: Wir nehmen die Cog Railway, eine von einer Diesellok geschobene Zahnrad-Bergbahn, die die zweitsteilste Bahnstrecke der Welt erklimmt – mit Steigungen bis zu 37 Prozent.

Die damaligen Behörden erklärten Sylvester Marsh für verrückt, als er in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts mit der Idee ankam, eine “Bahn zum Mond” zu bauen. Trotzdem gaben sie grünes Licht für das Vorhaben, und nach drei Jahren Bauzeit zog im Jahr 1869 die erste dampfbetriebene Mini-Lokomotive der Welt (genannt “Old Peppersass”) den ersten Waggon mit 60 wagemutigen Passagieren an Bord auf den Gipfel. Der Verrückte, der dieses Wunderwerk der Technik schuf, wird seither hier als amerikanischer Held gefeiert. Dass “Old Peppersass” auf ihrer letzten Fahrt 1929 ungebremst zu Tal sauste, weil ein Zahn gebrochen war, schmälert die Verehrung kein bisschen. Fast alle Passagiere konnten sich damals mit einem Sprung aus dem Wagen retten.


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