Geschichte eines Mega-Projekts: Frankfurts neue Altstadt

„Verrückte Idee“, dachte ich, als in Frankfurt der Plan reifte, die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Altstadt rund 70 Jahre später in Teilen zu rekonstruieren. Gotische Fachwerkhäuser auf dem Stand der 1920er Jahre originalgetreu wieder aufbauen, dazu 20 weitere Gebäude, die sich architektonisch in das historisierende Ganze einfügen, Straßenzüge wiederherstellen, ein ganzes (wenn auch kleines) Viertel „wiederauferstehen“ zu lassen? Das klingt so absurd wie die Bezeichnung „neue Altstadt“.

Dann fielen nach sechs Jahren in diesem Frühjahr die Bauzäune. Und ich muss sagen: Diese unansehnliche Ecke von Frankfurt hat enorm gewonnen. Jaja, ich weiß: Das ist keine Kunst, denn alles scheint besser als das Technische Rathaus, dieser potthässliche Waschbeton-Klotz, mit dem in den 1970er Jahren ein großer Teil dieses Areals überbaut wurde. Als der „Elefantenfuß“ 2012 abgerissen war, eröffnete sich die Chance zum Teil-Wiederaufbau der Altstadt.

Und so sieht es nun dort aus:

Heute spaziere ich gerne nach Feierabend durch die neue Gassen. Wenn sich die Touristenflut bei Einbruch der Dämmerung zurückzieht, hat man die Altstadt fast für sich alleine – noch. Viele Läden und Lokale sind noch nicht eröffnet, Wohnungen noch nicht bezogen. Ich schätze, dass es mit den offen zugänglichen Innenhöfen bald vorbei sein wird: Sobald die neuen Altstädtler sich ihren hochpreisigen Wohnungen eingerichtet haben, werden sie wohl recht schnell genervt die Tore verrammeln.

Aber bis dahin gibt es noch viel zu entdecken. Bei jedem Gang durch die Altstadt nehme ich neue Details wahr. Den Apfelweintrinker, der an der Braubachstraße / Ecke Neugasse aus der Ecke eines Gebäudes schaut – ein Eckstein aus dem Jahr 1940, der zurückgekehrt ist, ebenso wie der den Hühnermarkt dominierende Stoltzebrunnen oder das barocke Portal, das viele Jahre im Garten des Liebieghauses untergekommen war. Der rustikale Brunnen in einem Hof hinterm rekonstruierten Gasthof Zum Rebstock.

Interaktive Web-Reportage

Die FR-Story zur Frankfurter Altstadt

Für die FR habe ich ein interaktives Webdossier zur Frankfurter Altstadt umgesetzt. Darin erzählen wir die Geschichte dieses Mega-Projekts in Texten, Bildern, Grafiken, 360-Grad-Panoramen (wie oben zu sehen), in historischen Aufnahmen und Vorher-Nachher-Vergleichen. Wir beschreiben die Jahrzehnte nach der Zerstörung im Bombenhagel von 1944, als eine Brache das Zentrum der Stadt bildete, sprachen mit Menschen, die sich noch an die Zeit erinnern, als das Areal zwischen dem Rathaus Römer und dem Dom als Parkplatz diente, bis es in den 1970er Jahren im damals modernen Stil des Brutalismus überbaut wurde. Als gut 40 Jahre später die Entscheidung fiel, das Technische Rathaus wieder abzureißen, gab es nur wenige in der Stadt, die ihm eine Träne nachweinten.

Stattdessen erlebte Frankfurt die erstaunliche Karriere einer Idee, über die anfangs fast alle politischen Akteure die Köpfe schüttelten. Doch offenkundig hatte sie einen Nerv getroffen. Wir schildern die hitzige Debatte um das Für und Wider der Altstadt-Rekonstruktion und den Sinneswandel der Stadtpolitker, die sich am Ende mit großer Mehrheit hinter die Pläne stellten. Am Ende waren die Kritiker in der Minderheit – und mancher von ihnen fand als Architekt schließlich sogar Gefallen an der Möglichkeit, am Nachbau einzelner Gebäude mitzuwirken.

Das Dossier zeigt auch, was in den sechs Jahre Bauzeit hinter den Zäunen passierte, wirft einen Blick auf die Rohbauten und in die Werkstätten der beteiligten Handwerksbetriebe, die vor der ungewöhnlichen Herausforderung standen, Schnitzereien und Steinmetzarbeiten nach historischen Vorbildern zu verwirklichen. Die fertig rekonstruierten Häuser hat unsere Fotografin Renate Hoyer in Szene gesetzt.  Das Dossier lebt nicht zuletzt auch von ihren herausragenden Bildern.

Es kommen Menschen zu Wort, die die Altstadt-Entstehung begleitet haben – Architekten und Vereinsvorsitzende, Befürworterinnen und Kritiker. Vor allem aber fragen wir Passanten und Besucherinnen nach ihrer Meinung und sammeln Reaktionen.

Die verwendeten Tools

Das Projekt war für mich eine gute Gelegenheit, neue Tools auszuprobieren. Pageflow, eines der beliebtesten Werkzeuge zum Erstellen von Multimedia-Reportagen (ich habe hier und dort damit gearbeitet) ist schließlich nicht die einzige Storytelling-Plattform im Angebot. Wie rasant der Markt dieser Werkzeuge gewachsen ist, zeigt ein Blick auf bleiwüsten.de. Die beiden Journalist*innen Daniela Späth und Michel Penke bloggen hier über neue Tools und Programme, mit denen sich digitale Geschichten erzählen lassen. Fast immer, wenn ich das passende Werkzeug für die Umsetzung einer Idee suche, werde ich hier fündig. Diesmal fiel meine Wahl auf PictureStory.

Storytelling mit PicturyStory

PictureStory ist keine Software mit einem Editor, sondern ein Set von Dateien, die man mit eigenen Inhalten füllt und dann via FTP auf den eigenen Webspace hochlädt. Kernstück ist ein Template, das man mit dem Web-Editor seiner Wahl auf dem eigenen Rechner bearbeitet. Ohne HTML-Kenntnisse geht hier also nichts. Dafür behält man die Hoheit über alle Dateien und kann jeden beliebigen Code einbinden. Und kostenlos ist PictureStory auch. Michel Penke beschreibt hier genauer, wie es funktioniert.

Um eine Geschichte wie die des Altstadt-Projekts zu erzählen, drängen sich Formate wie Vorher-Nachher-Vergleiche, 360-Grad-Fotos und Bilder mit markierten und klickbaren Bereichen geradezu auf. Für all diese Darstellungsformen fand ich geeignete Werkzeuge, die sich kostenlos nutzen lassen.

Vorher-Nachher-Vergleich mit Juxtapose

Auf die Angebote aus der Storytelling-Tool-Schmiede KnightLab greife ich immer wieder gerne zurück. Neben dem oben erwähnten Template PicturyStory zum Zusammenstellen und Präsentieren einer Geschichte mit Bildern und Multimedia-Elementen, Timeline JS für Zeitleisten, StoryMap für die Präsentation von Reiserouten und Soundcite zum Verknüpfen von Textlinks mit Audios gibt es mit Juxtapose JS ein tolles Tool für Vorher-Nachher-Vergleiche. Zwei Bilder (die eine identische Größe haben müssen) lassen sich stufenlos überblenden. Die Bedienung könnte einfacher nicht sein: URL der Fotos eingeben (Dropbox-Anbindung möglich), optional Bildunterschriften, Credits und die Position des Sliders bestimmen, Embed-Code holen und einbinden.

360-Grad-Panoramen mit Scene VR

Ebenfalls von Knightlab stammt  Scene VR. Das Tool macht 360-Grad-Fotos zu navigierbaren Diashows. Die Panorama-Bilder habe ich mit dem Smartphone und der App Google Street View gemacht. Die Fotos lädt man in Scene VR hoch, sortiert sie nach Belieben, fügt Bildunterschriften hinzu und bekommt auch hier am Ende einen Einbettungscode. Das Tool benötigt die Anmeldung mit einem Google-Konto – und es trackt die Nutzung mit Google Analytics!

Imagemaps mit Pictogon

Um Bereiche auf einem Bild zu markieren, klickbar zu machen und mit Infofenstern zu bestücken, wollte ich zunächst das bewährte Thinglink nutzen. Die Abo-Tarife starten bei 20 Dollar monatlich.  Es gibt auch eine Free-Version, die allerdings einen entscheidenden Haken hat: Erreicht man das Traffic-Limit, funktioniert die Imagemap dauerhaft nicht mehr. Auch in wenig frequentierten Blogs ist die Grenze irgendwann erreicht, wie ich in der Vergangenheit betrübt feststellen musste.

In Pictogon fand ich eine gute Alternative. Auch dieses Tool hat natürlich eine Bezahlversion, aber mit der kostenlosen Variante lassen sich immerhin drei Imagemaps erstellen. Hier ein Anwedungsbeispiel von Knightlab, auf dem Gebäude markiert sind:

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