„Fräulein Nettes kurzer Sommer“

Hey, Annette von Droste-Hülshoff in den Buch-Charts! Hammer, oder?

Gut, ok: Es sind nicht ihre Gedichte, nicht ihre Balladen, nicht ihre Komödie „Perdu“, nicht einmal ihr populärstes Werk, der Krimi „Die Judenbuche“, die zeitweilig auf vordere Verkaufsränge drängen. Es ist ein historischer Roman rund um einen Vorfall im Juli 1820, bei dem ihr in jungen Jahren übel mitgespielt wurde. Die Intrige, die einige Mitglieder der mütterlichen Familie zusammen mit einem besonders windigen Freund des Hauses gegen die 23-Jährige ausgeheckt hatten, bildet den Hintergrund für das fast-600-Seiten-Werk „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve.

Das Komplott und seine Folgen habe ich hier schon mal beschrieben:

Droste im Paderborner Land (1): Die Intrige im Bökerhof

Nun also ist aus dem Stoff ein historischer Roman geworden. Schon wenn man das dicke Buch zur Hand nimmt, wird klar, dass es sich nicht auf die Schilderung der wenigen, für die Betroffenen durchaus dramatischen Sommertage des Jahres 1820 beschränkt. Karen Duve nutzt die Gelegenheit, um das Bild einer ganzen Epoche zu zeichnen. Das bietet sich an, denn in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts war ja verdammt viel los – Napoleon überrannte Europa und wurde wieder vertrieben, Hungersnöte brachen aus aus, weil auf auf Indonesien ein Vulkan ausgebrochen war, Studenten forderten den deutschen Nationalstaat und bekamen stattdessen erstmal Repression, ein Selbstmordattentat in Mannheim gegen einen „Vaterlandsverräter“, den anti-liberalen Dichter August von Kotzebue, bewegte die Gemüter. Und vieles davon berührte auch die Familie Droste-Hülshoff und ihr Umfeld unmittelbar.

Karen Duve: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Galiani Berlin, 592 Seiten, 25 Euro. Bild: Verlag

Auf der Frankfurter Buchmesse konnte ich neulich zuhören, wie Karen Duve über die Entstehung ihres Romans sprach. Dass das Biedermeier eine so bewegte Epoche und die Biedermeier-Dichterin so ein „lebendiges und freches Wesen“ war, habe sie überrascht, erzählte sie dort.

Duve fand einen reich gedeckten Tisch an Material, Dokumenten und Quellen vor. Alle Welt schrieb damals Tagebuch, viele waren über ein entschleunigtes soziales Netzwerk namens „Brief“ miteinander verbunden,  und viele dieser Briefe sind erhalten, erschlossen und publiziert. So hätten sich Ereignisse wie den Besuch der Familie Droste bei den Grimms in Kassel quasi Stunde für Stunde rekonstruieren lassen, sagt Karen Duve, und was eigentlich nur ein Büchlein über den Vorfall im Juli 1820 werden sollte, wurde ein kleiner Wälzer über die Jahre 1817 bis 1821. Er schildert gesellschaftliche und politische Umbrüche, zeichnet die sozialen Netzwerke des 19. Jahrhunderts nach, in denen die Männer klüngeln (zum Namedropping gehören Grimm, Hoffmann von Fallersleben, Knigge, Heine). Und es beschreibt den (Adels-)Alltag, zum Beispiel das mühe- und schmerzvolle Reisen, eingepfercht in stickigen Kutschen, die auf schlammigen Wegen stecken bleiben, oder das Kuren wie in Bad Driburg, wo Annette von Droste Erholung von ihren zahlreichen „Uebligkeiten“ suchte.

Zwischen historischer Genauigkeit und Interpretation

Ein historischer Roman ist immer eine Gratwanderung. Lücken, die die (Literatur-)Forschung nicht füllen kann, weil Motive oder Abläufe im Dunkeln liegen, muss der Roman mit Spekulation oder Interpretation auffüllen. Auf der Buchmesse sagte Karen Duve dazu: „Um die Wissenschaft sollen sich die Wissenschaftler kümmern.“ Trotzdem bleibt sie über weite Strecken dicht dran an belegten Ereignissen und Äußerungen. Wer sich ein bisschen mit Annette von Droste beschäftigt, entdeckt in den Dialogen  alle Naslang authentische Zitate etwa aus Briefen wieder. Häufig fällt der Ausruf „Ei Sapperment!“, die 19.-Jahrundert-Version für „Ach du grüne Neune!“, einmal schmunzelt man über „Hätte, hätte, Epaulette“. Doch abgesehen von eingestreuten Sprachbildern und charakeristischen Redewendungen verlegt Duve die Sprache der Protagonisten in unsere Zeit – um der Verständlichkeit willen. „Ich wollte, dass man sich mittendrin fühlt, also habe ich mich nur sporadisch in der Zeit bedient“, erklärte sie dem Buchmesse-Publikum.

Duve nennt ihren Roman einen „Hybrid – historisch ziemlich genau, bis auf die Liebesgeschichte“. Der genaue Ablauf der Begegnungen zwischen Heinrich Straube und Annette von Droste ist nicht überliefert, und man weiß auch nicht, wie weit die Zuneigung tatsächlich ging. Es gibt Anlass zur Vermutung, dass nur Heinrich richtig verknallt war, während Annette ihn eher geschwisterlich liebte. Duve hat sich anders entschieden. Sie habe den Ehrgeiz gehabt, die Geschichte „im historisch Möglichen und psychologisch Wahrscheinlichen auszuarbeiten.“ Bei ihr ist es die große, beiderseitige Liebe.

Wer mehr über den Roman wissen möchte: Hier geht’s zu meiner Rezension für die Frankfurter Rundschau.

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