Hurtigruten-Tour, Tag 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik

Der dritte Tag unserer Hurtigruten-Reise auf der klassischen Postschiff-Strecke von Bergen nach Kirkenes beschert uns zugleich die längste Etappe zwischen zwei Häfen. Von Trondheim bis Rørvik wird unser Schiff fast neun Stunden ohne Zwischenstopp unterwegs sein.

Die MS Spitsbergen reist mit bis zu 15 Knoten, das sind etwa 27 km/h – für eine gemächliche Fahrt an der norwegischen Küste reicht das völlig, immerhin haben wir für die rund 5300 Kilometer fast elf Tage Zeit. Aber als das Schiff im Jahr 2008 vom Stapel lief, galt es als zu lahm: Die „Atlântida“, die im Auftrag einer portugiesischen Reederei 2007 auf Kiel gelegt wurde, sollte eigentlich als Personen- und Autofähre auf den Azoren verkehren. Während des Baus wurde mehrfach umgeplant – mit dem Ergebnis, dass das Schiff nach Fertigstellung die vertraglich vereinbarte Geschwindigkeit nicht mehr erreichte. Die Portugiesen winkten ab, das Schiff blieb jahrelang ungenutzt. Irgendwann warf Venezuelas Staatschef Hugo Chavez ein Auge darauf, wollte es als Kreuzfahrtschiff für den Einsatz auf dem Amazonas haben, verlor dann aber offenkundig doch das Interesse. Schließlich griff die Reederei Hurtigruten AS zu. Die Norweger rissen das Autodeck komplett raus, bauten das Schiffsinnere quasi neu auf und nahmen es 2016 als bislang jüngsten Zugang in ihre Flotte auf. Es ist seither im „Wechseldienst“ unterwegs: Im Winter im Linienverkehr an Norwegens Küste, im Sommer auf Expeditionsfahrten im Nordmeer, nach Grönland, Island oder Kanada.

Die MS Spitsbergen am Hafen von Trondheim.

Nördlich des 62. Breitengrades fahren die Hurtigruten-Schiffe ausschließlich mit Marinedieselöl. Das ist angeblich ein wenig umweltfreundlicher als das Schweröl, mit dem viele Kreuzfahrtschiffe überall auf den Weltmeeren die Umwelt verpesten – wirklich sauber ist es gewiss nicht. Hurtigruten baut deshalb gerade zwei neue Schiffe mit Hybrid-Antrieb, die 2018 und 2019 in Dienst gehen sollen. 20 Prozent weniger Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß verspricht die Reederei. Bis zu einer halben Stunde am Stück sollen die neuen Schiffe mit Strom aus den Akkus geräuschlos durch die Fjorde und an der Eiskante entlanggleiten. 

Natürlich zeigt man uns an Bord auch ein Werbe-Video von einem der neuen Schiffe, die nach den norwegischen Polarhelden Roald Amundsen und Fridtjof Nansen benannt werden. Ganz ehrlich: Mal abgesehen von den durchaus erfreulichen Fortschritten beim Antrieb hat es uns mit seiner wuchtigen Form (der verstärkte Rumpf ermöglicht Fahrten durch Eisfelder), vor allem aber mit seiner Ausstattung mit drei (!) Restaurants, einem Pooldeck und Suiten mit privaten Whirlpools nicht wirklich gefallen. Viel zu viel Kreuzfahrtschick! Man kann nur hoffen, dass sich Hurtigruten nicht zu weit von dem eher bodenständigen Image entfernt, das die Reederei von TUI, Costa & Co unterscheidet.

In Kristiansund, dem Hafen nach Molde, haben wir mitten in der Nacht angelegt. Im Halbschlaf und aus dem Kabinenfenster betrachtet sieht es nach einem netten Städtchen aus. Wir nehmen uns vor, Kristiansund auf dem Rückweg näher anzuschauen – und ahnen noch nicht, dass es dazu nicht kommen wird.

Trondheim, das Herz Norwegens

Der Tag steht ganz im Zeichen von Trondheim. Wir sitzen noch am Frühstückstisch, als die MS Spitsbergen gegen 8:30 Uhr in Norwegens drittgrößter Stadt anlegt. Fast 190.000 Menschen leben hier, darunter 30.000 Studierende.

Wir wollen Trondheim auf eigene Faust erkunden – und schlüpfen dafür einmal mehr in regenfeste Klamotten, denn auch heute ist es trüb. Nach einer Viertelstunde Fußweg erreichen wir die Innenstadt: Überraschend breite, luftige Boulevards, die durch kleinere, von Holzhäusern gesäumte und mit Kopfstein gepflasterte Gassen verbunden sind. Das Zentrum schmiegt sich auf einer Halbinsel an das hufeisenförmig geschwungene Ufer des Flusses Nidelva, der hier ins Meer mündet – daher der frühere Name der Stadt Nidaros (Mündung der Nidelva).

Trondheim

Das Zentrum von Trondheim aus der Vogelperspektive. Mitte rechts: der Nidarosdom. Foto: beagle84, CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0), via Wikimedia Commons

Erbitterter Kampf um den Stadtnamen

Die Bezeichnung Trondheim setzte sich im späten Mittelalter durch und wurde unter dänischer Herrschaft zum dänischen „Trondhjem“. 1905, als Norwegen ein von seinen Nachbarn Dänemark und Schweden vollständig unabhängiger Staat wurde, saßen die Ortsnamen aus der Zeit der Fremdherrschaft den norwegischen Nationalisten wie Stachel im Fleisch. Jahrzehntelang propagierten sie die Rückkehr zu ursprünglichen Bezeichnungen. Im Fall von Trondheim zunächst mit Erfolg: Das Parlament beschloss 1930 die Umbenennung der Stadt in Nidaros.

Dabei hatten die Politiker allerdings die Rechnung ohne die Trondheimer gemacht: Die protestierten energisch, und es folgte ein erbitterter Namenskrieg. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss: Trondheim bleibt Trondheim, allerdings in der norwegischen und nicht in der dänischen Schreibweise. Trotzdem wird die Stadt auch heute noch hier und da „Trondhjem“ genannt.

Der Name Nidaros ist dennoch untrennbar mit Trondheim verbunden. Nah am Fluss Nidelva erhebt sich der Nidarosdom, ein von Bäumen umgebener gotischer Kirchenbau, der als das religiöse Zentrum des Landes gilt.

 

Der Nidarosdom in Trondheim.

Frontseite des Nidarosdoms.

80 Prozent der Bevölkerung gehören der Norwegischen Kirche an, einer evangelisch-lutherischen Staatskirche, deren Oberhaupt der König ist. An der Bekehrung ihrer heidnischen Vorfahren zum Christentum hatte einer ganz besonders gearbeitet: Olav  II. Haraldsson, ein Wikingerkönig, der im 11. Jahrhundert lebte. Er hatte sich in Rouen taufen lassen, war nach Norwegen zurückgekehrt und verbrachte seine Zeit fortan damit, das ganze Land zu christianisieren. Sein missionarischer Eifer endete am 29. Juli 1030 gewaltsam auf einem Schlachtfeld.

Wunderliche und teils unappetitliche Legenden rankten sich schon bald um den toten Wikingerkönig: So hieß es etwa, dass Olavs Haare und Fingernägel nach dessen Ableben weiter gewachsen seien. Schnell war er zum Heiligen erklärt, und ein Pilgerstrom zu seinem Grab im darüber errichteten Nidarosdom setzte ein, der bis heute nicht abreißt. Seit 2010 ist der St.-Olavsweg von Oslo nach Trondheim europäisches Kulturgut.

Glockenspiel am Nidarosdom:

 

Dabei sind die Überreste von Olav gar nicht mehr da. Seine Gebeine gelten als verschollen. Der Nidarosdom aber, der das „Herz Norwegens“ einst beherbergte, bleibt ein Nationalheiligtum, das mit seiner wechselhaften Geschichte und mit einer von biblischen Figuren bevölkerten Frontfassade Besucher in Scharen nach Trondheim zieht.

Schauseite des Nidarosdoms.

Biblische Figuren aus Speckstein bevölkern die Fassade.

Wurden in früheren Zeiten, zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts, die Könige des Landes im Nidarosdom gekrönt, dient er heute unter anderem als Schauplatz royaler Hochzeiten – und dafür wird dann auch mal die Decke in dem recht dunklen Kirchengebäude geweißt.

Ganz in der Nähe spannt sich ein weiteres beliebtes Touristenziel über den Fluss: Gamle Bybroen, die Alte Stadtbrücke, verbindet das Viertel rund um den Dom mit dem Stadtteil Bakklandet: kleine Gassen, bunte Holzhäuser, viele Cafes, studentisch geprägt.

Überqueren soll Glück bringen …

… die Alte Stadtbrücke.

Das Überqueren der Brücke bringt Gück, so heißt es. In jedem Fall beschert es einen tollen  Blick auf die bunten Speicherhäuser, die sich am Fluss aneinanderreihen und eines der wohl meistverschickten Postkartenmotive aus Trondheim abgeben.

Speicherhäuser an der Nidelva.

Und noch so viel mehr gibt es zu sehen: Stiftsgården, die aus Holz errichtete Trondheimer Residenz der norwegischen Monarchen, das Wohnhaus* der Schriftstellerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, das Museum Rockheim, das die Geschichte der norwegischen Rock und Popmusik erzählt,  und die Festung Kristiansen, die auf einer Anhöhe über die Stadt wacht. Radfahrer (und davon hat die Uni-Stadt Trondheim viele) haben Glück und kommen recht komfortabel dort hinauf – mit einem pfiffigen Fahrradlift.

 

Auf dem Weg zurück zum Hafen begegnet uns mitten auf dem Marktplatz ein weiterer Olav: In 16 Metern Höhe steht der Gründer der Stadt, Olav I. Tryggvason, der vormehr als 1000 Jahren seinen Königshof hierher an die Mündung des Flusses Nidelva verlegte.

Der Stadtgründer: Olav I. Trygvason.

Heute trägt Olav einen orangefarbenen Schal – so wie viele andere Statuen in Trondheim und weiteren Städten Norwegens. Es ist eine Aktion der Stadtmission, die darauf aufmerksam machen will, dass es Menschen gibt, die ein wärmendes Kleidungsstück gut gebrauchen könnten. An der Orange Scarf Campaign beteiligen sich jedes Jahr viele Stricker*innen.

Nur ungern verlassen wir Trondheim. Unser Schiff fährt an der Insel Munkholmen vorbei – einst Kloster-, dann Gefängnisinsel – und nimmt Kurs auf Rørvik, einen kleinen Fischerort mit ein paar tausend Einwohnern, an dessen Hafen es am Abend nur relativ kurz vertäut wird.

Munkholmen vor Trondheim war früher Kloster-, dann Gefängnisinsel.

Wir sind jetzt nur noch eine Nachtfahrt entfernt vom nördlichen Polarkreis. Die Stopps in Brønnøysund und Sandnessjøen werden wir verschlafen und am frühen Morgen den magischen Breitenkreis 66° 33′ 55“ überqueren.  Davon bald mehr an dieser Stelle!

* Hat Undset tatsächlich mal in Trondheim gewohnt? So wurde es uns erzählt, aber ich kann im Netz nichts dazu finden … vielleicht weiß eine Leserin zufällig mehr?
Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

2 Kommentare

  1. Hachz!

    Der Fahrradlift ist ja echt pfiffig! Sowas hab ich noch nie zuvor gesehen. Setzt aber schon eine gewisse Gelenkigkeit voraus, oder? Ich denke gerade an ältere Menschen, die ja dann auch etwas in die Schräglage gehen müssen. Ob die dann nicht lieber doch schieben?

    Und natürlich „Danke!“ für die Fortsetzung des Reiseberichts! :-)

  2. Ich hab den Eindruck, die Handhabung dieses Lifts ist eine echte Herausforderung – nicht nur für Ältere! :)

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