Hurtigruten-Tour, Tag 10: Polarkreis II – Sandnessjøen – Brønnøysund – Rørvik

Heute reden wir mal über norwegische Essgewohnheiten. Aus Gründen.

Dass wir auf unserer Hurtigruten-Schiffsreise entlang der Küste zwischen Bergen und Kirkenes jede Menge Fisch essen, versteht sich. Morgens, mittags und oft auch abends, ich erwähnte es bereits, gibt es Fisch: Lachs geräuchert, gebeizt und mariniert, Kabeljau, Saibling, Heilbutt, gebackener Stockfisch, Seelachs, Forelle, Hering, dazu Muscheln und Garnelen, und einmal liegen auch Dornhai und Königskrabben auf dem Buffet. Immer ist auch Gemüse im Spiel, oft Wurzelgemüse und Kartoffeln. Ich persönlich mag außerdem Brunost, einen braunen, nach Karamell schmeckenden Käse – aber damit gehöre ich offenbar einer Minderheit an.

Die individuelle Menükarte, die zu jedem Abendessen gehört, erzählt immer auch ein wenig über die Herkunft der Zutaten, die auf den Tisch kommen. „Während Sie letzte Nacht schlummerten, haben wir in Sortland angelegt, um frischen Saibling vom Sigerfjord an Bord zu bringen“, lesen wir da beispielsweise über einen Hauptgang, der uns mit Rahmkohl und Kartoffeln serviert wird. Zuvor gab es eine Hühnersuppe, im Anschluss ein Joghurtkuchen mit Løvetannsirup aus Rolvsøy, wo „Kinder sich im arktischen Frühling das Taschengeld mit dem Pflücken von Löwenzahn aufbessern“, worauf eine Norwegerin namens Siss daraus in sicherlich liebevollster Handarbeit Löwenzahnsirup herstellt – so in etwa schildert es unsere Menükarte. Wem sollte es da nicht schmecken?

Die Lachsschaumvorspeise …

 

Lachs aus Aukra, laut Menükarte „heute morgen frisch in Trondheim aus dem Meer gefischt“, mit gebackenen Karotten, Kartoffeln und Eierbutter.

 

Pudding aus Dickmilch mit Beeren. Die Rørosmeieriet stand vor einigen Jahren vor dem Problem, dass sämtliche Bakterienkulturen für die Produktion dieser Dickmilch aufgebraucht waren. Die Molkerei wandte sich an die Öffentlichkeit: Wer noch Bestände zuhause habe, möge sie bitte einsenden. Der Aufruf hatte Erfolg, die Bakterienkulturen konnten wieder aufgebaut werden.

Zwischendurch (aber zum Glück nicht allzu oft) gibt es immer mal wieder Fleisch, gerne begleitet von einer dickflüssigen beerigen oder auch dunklen Sauce: Ente, Rinderbraten, Hellesylter Lammkeule, Kalbssteak und Finnbiff – Rentierfleisch aus der Finnmark, ein Genuss, der lediglich durch die Tatsache getrübt wird, dass das Ren in Begleitung von Rosenkohl auf den Tisch kommt. Ein wenig aus der Reihe scheinen die Rippchen zu tanzen, die wir am letzten Abend bekommen – doch wir erfahren, dass sie fester Bestandteil der traditionellen norwegischen Küche sind.

Rippchen vom Hampshire-Schwein aus Trøndelag mit karamellisierten norwegischen Äpfeln, Kraut, Rotweinsauce und Kartoffeln. Überraschenderweise sind Schweinerippchen ein traditionelles norwegisches Gericht, das seit Jahrtausenden in Skandinavien gegessen wird – heutzutage meist zu Weihnachten.

Norwegen hat nur wenig Platz für Landwirtschaft. 70 Prozent der Fläche des Landes, so schreiben Gísli Egill Hrafnsson und Inga Elsa Bergbórsdóttir in ihrem mit wahren Sehnsuchtsfotos illustrierten Kochbuch „Skandinavien“, sind für den Ackerbau nicht geeignet. Hinzu kommen kurze Vegetationszeiten im norwegischen Winter. Viehzucht mit Kühen, Schweinen, Schafen und Ziegen gibt es überall im Land verstreut, oft in kleinen Betrieben, doch die norwegische Landwirtschaft spielt sich im Wesentlichen im Süden ab: Gerste, Hafer, Weizen und Kartoffeln werden hier angebaut, Obst und Gemüse hier gezogen – teilweise in Gewächshäusern.

Norwegische Lebensmittel: Teuer und subventioniert

Die schwierigen Bedingungen machen landwirtschaftliche Produkte in Norwegen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr teuer. Ein Liter Milch kostete in Norwegen im Jahr 2015 laut Eurostat im Schnitt umgerechnet 1,87 Euro – in Polen lag er im selben Jahr bei durchschnittlich 63 Cent. Insgesamt rangieren die Lebensmittelpreise in Norwegen laut der Zeitung „Aftenposten“ um mehr als 60 Prozent über dem EU-Durchschnitt.

Norwegen will sich aller Widrigkeiten zum Trotz eine eigene Landwirtschaft leisten – und betreibt entsprechend Protektionismus. Es gibt Einfuhrbeschränkungen für Lebensmittel und hohe staatliche Zuschüsse für die heimischen Bauern. Die OECD beobachtet das seit Jahren skeptisch und mahnt Änderungen an der abgeschotteten Lebensmittelpolitik Norwegens an.

Manche Entwicklung in der norwegischen Lebensmittelbranche könnte man sich aber auch abschauen. Tine (das ist nicht etwa der Name einer unternehmerisch erfolgreichen Milchbäuerin, sondern der der größten Molkerei des Landes und bedeutet „Milchtonne“) führt gerade neue Haltbarkeitskennzeichnungen ein: „Mindestens haltbar bis, aber nicht schlecht nach …“ steht künftig auf den Verpackungen.

Abgeschaut haben wir uns zum Nachkochen zuhause folgendes Menü:

  • Grüne Spinatsuppe, wie sie schon die Wikinger aßen (Rezept);
  • Heilbutt (Rezept), den wir mit Lauch und Karotten zubereitet haben – und mit dem günstigeren schwarzen Heilbutt, denn als der Fischverkäufer mir den Kilo-Preis für weißen Heilbutt nannte, kippte ich fast rückwärts aus dem Laden;
  • Suksessterte (Rezept), ein beliebtes Dessert, mit dem der norwegische Polarforscher Børge Ousland laut der Hurtigruten-Menükarte 1995 Weihnachten feierte, nachdem er den Südpol auf Skiern erreicht hatte. Wieder was gelernt.

Kommen wir nun zum eigentlichen Anlass dieser kulinarischen Vorrede.

Hmmm, lecker Lebertran!

Was für viele hierzulande eine schauderhafte Kindheitserinnerung ist (ich selbst gehöre zur etwas glücklicheren Generation Sanostol), das ist für die Norweger – nunja, vielleicht nicht wie das tägliche Smørrebrød, aber doch noch sehr präsent auf dem Speiseplan. Lebertran steht mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit in den Supermarktregalen, und auch auf Frühstücksbuffets der Hotels fanden wir die Flaschen mit dem Fischöl vor. Die Norweger, die ja viel Zeit des Jahres mit wenig Licht auskommen müssen, schwören offenkundig auch heute noch auf die Vitamin-D-Bombe mit Omega-3-Fettsäuren, die den Cholesterinspiegel senken und noch allerlei weitere positive Wirkungen auf die Gesundheit haben sollen.

Dorsch-Lebertran: Da müssen wir durch. Bild: Hege Børresen.

„Wenigstens tun wir was für unsere Gesundheit“, sagen wir uns am Morgen von Tag 10 unserer Seereise. An diesem Morgen überqueren wir den Polarkreis zum zweiten Mal, und nach der Eiswasser-Taufe auf dem Weg nach Norden stellen wir uns auf der südgehenden Route auf Deck 8 nun einer weiteren Herausforderung. 

 

Eine englische Mitreisende beteuert nach erfolgreich bestandener Zeremonie, sie habe es „nur für den Löffel getan“ – den nämlich dürfen wir behalten. Eine schöne Erinnerung an diesen Morgen am nördlichen Polarkreis, die mir nun täglich ins Auge fällt, wenn ich daheim die Besteckschublade öffne.

Das Zertifikat für die südgehende Polarkreis-Überquerung.

An den Fotos oben habt ihr schon gesehen: Das Wetter hat sich erneut eingetrübt. Und so stecken die Sieben Schwestern, denen wir mittags südlich von Sandnessjøen begegnen, ihre Köpfe in eine Wolkendecke. Botnkrona, Grytfoten, Skjæringe, Kvasstinden, Breitinden und die beiden Tvillingene sind der Sage nach zu Stein erstarrte Jungfrauen. Nunja.

 

Zwischen 900 und 1100 Meter hoch sind die Berge der „Sieben Schwestern“ bei Sandnessjøen.

Am Nachmittag laufen wir Brønnøysund an – und sind damit in der Mitte Norwegens. In beide Richtungen – nach Norden bis zum Nordkapp und nach Süden bis Lindesnes – sind es von hier aus exakt 840 Kilometer. Auch am längeren Tag merken wir, dass wir uns wieder Richtung Süden bewegen: Gegen 16 Uhr ist die Sonne zwar untergegangen, aber ganz dunkel ist es noch nicht.

Die Mitte Norwegens: Brønnøysund.

Der letzte Stopp am Abend ist Rørvik, bevor wir auf die offene Seestrecke Folda kommen. Die See wird nun ein bisschen rauer, die MS Spitsbergen schaukelt sich südwärts – und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Tag erwartet.

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

3 Kommentare

  1. Ebenfalls Team Sanostol! Boah, die haben Euch echt gezwungen einen Löffel Lebertran zu schlucken? *grusel* Was wäre passiert, wenn Ihr Euch geweigert hättet? An der Stelle bin ich mal sehr froh, nicht in Norwegen, Schweden oder Finnland zu leben. *schüttel*

    Aber ansonsten seid Ihr ja hervorragend beköstigt worden! Gut, auf Rosenkohl zum Ren hätte ich auch lieber verzichtet. ;-)

  2. Oh doch, wir hätten uns durchaus unter Deck verkriechen und uns verweigern können. Aber die hatten ein sehr starkes Druckmittel: den Löffel! Den wollten wir natürlich unbedingt haben.
    Es ist ja allein schon gruselig, Öl zu trinken. Aber wenn das dann auch noch nach Fisch riecht – blärgh! Und wer sich wie ich ein paar Tropfen in den Jackenärmel schüttet, hat richtig lange was davon. :-/
    Sanostol hat, glaub ich, gar nicht so schlecht geschmeckt, oder?

  3. Richtig, aber es ist ja keine Kunst, besser als Lebertran zu schmecken. ;-) Tatsächlich ist mir im weiter darüber Nachdenken aufgefallen, dass es Sanostol nur ausnahmsweise gab. Was ich regelmäßig verabreicht bekam war Mulgatol Gel. Das gibt es tatsächlich auch noch. Da einige Mit-WGler ebenfalls sehr interessiert sind an Deinem Reisebericht, erzählte ich auch von der Lebertran-Episode und wie tapfer Ihr Euch der Herausforderung gestellt habt und eben von Sanostol und Mulgatol. Zwei Tage später, wurde mir mit großem Trara eine Tube Mulgatol Gel überreicht. *lach* … Ich bin jetzt vitamintechnisch also gut gerüstet … und sehr dankbar, dass mir kein Lebertran überreicht wurde! ;-)

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