Hurtigruten-Tour, Tag 11: Über Trondheim zurück nach Bergen

Unsere Seereise an der Küste Norwegens nähert sich ihrem Ziel: Noch anderthalb Tage trennen uns von Bergen, dem Ausgangspunkt unserer Fahrt. Der letzte Teil meines Berichts über unsere Hurtigruten-Tour erzählt vom stürmischen Ende einer Reise, die unvergesslich bleiben wird. In Trondheim, wo wir am Vormittag Station machen, verabschiedet sich Margaret von uns. Sie ist eine von 50 Besatzungsmitgliedern an Bord unseres Schiffes, der MS Spitsbergen. Drei Wochen Arbeit, drei Wochen frei, so sieht der übliche Arbeitsrhythmus für das Hurtigruten-Bordpersonal aus. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen zwei „Umläufe“ auf der nord- und südgehenden Route mit, sind also 22 Tage im Dienst, dann haben sie über einen ebenso langen Zeitraum frei.

Harter Job an Bord

Was die Belegschaft an Bord leistet, ist enorm: Margaret, May-Britt, Fritz, Eva und all die anderen guten Geister sorgen von morgens bis abends dafür, dass die Passagiere satt werden. Aus dem Restaurant scheinen sie kaum herauszukommen: Ab dem zeitigen Morgen kümmern sie sich ums Frühstück, servieren Kaffee, füllen immer wieder das Buffet auf, erfüllen Sonderwünsche, wuseln ständig zwischen Küche und Gästen hin- und her.

Ein Teil des Service-Personals stößt zum Abschied mit uns an.

An manchen Tagen geht die Frühstückszeit fast nahtlos ins Mittagessen über: Wenn Ausflüge so terminiert sind, dass deren Teilnehmer zu den üblichen Essenszeiten nicht an Bord sein können, wird das Restaurant länger geöffnet. Zusätzlich liegen an solchen Tagen Brotpapier und Tüten bereit, damit man sich Proviant zum Mitnehmen machen kann. Matpakke, so nennen die Norweger solche Lunchpakete.

Abends, wenn die Gäste in mehreren „Schüben“ im Restaurant auflaufen, sind die Mitarbeiter*innen ab 18:30 Uhr erneut zur Stelle, nehmen Getränkebestellungen auf, servieren Wein, Wasser und das Drei-Gänge-Menü, sorgen dafür, dass die Tische rechtzeitig abgeräumt und neu eingedeckt sind, bevor die 20:15-Uhr-Schicht zum Essen kommt. Und all das absolvieren sie einem unverminderten freundlichen Lächeln.

Man sollte meinen, dass sich das Service-Personal wenigstens zwischendurch ausruhen kann. Doch viel Zeit kann dafür nicht bleiben: Zwischen den Mahlzeiten reinigen die Mitarbeiterinnen die Kabinen.

Von der nautischen Crew sehen wir relativ wenig, wenn man von der regelmäßigen Begegnung beim Mittagessen absieht, das der Kapitän und eine Handvoll Kolleginnen und Kollegen jeden Tag am Captains Table in einer Ecke des Restaurants zu sich nehmen. Auch der Hotel-Direktor und unser Reiseleiter Haakon gesellen sich oft dazu.

Margaret, die wir fast rund um die Uhr gutgelaunt erleben, sagt uns, dass sie ihren Job liebt und nichts anderes machen will. Jeden Abend bringt sie uns beim Servieren des Essens ein weiteres Wort Norwegisch bei – natürlich lauter praktische und lebensnahe Floskeln wie god kvelt (guten Abend), tusen takk (vielen Dank), god natt (gute Nacht), vann (Wasser), rødvin (Rotwein), reinsdyr (Rentier), Kalvestek und Oksestek (Kalbssteak und Rinderbraten), krydderkake (Gewürzkuchen) und hasselnøttbunn (Haselnusskrokant). Den Abschluss der Lektion bildet jedesmal ein herzhaftes, langgezogenes „vær så god!“ (bitte sehr!).

In Trondheim endet dieser kleine Sprachunterricht also, Margaret geht von Bord, um ihren eigenen Urlaub anzutreten. Wir gönnen es ihr und sagen „farvel!“

Kleines Missgeschick beim Fußballspielen

Bei unserem zweiten Stopp in der quirligen Universitätsstadt nutzen wir die Möglichkeit, den Nidaros-Dom im Rahmen einer Führung von innen zu besichtigen. Neben der Gründungshistorie des Bauwerks rund um den Heiligen Olav, über die ich hier berichtete, erfahren wir auch viel von seiner wechselvollen Geschichte, hören von Zerstörungen durch Brände, Kriegswirren und Blitzeinschläge. Nichts davon berührt uns allerdings so wie die Geschichte von dem Kind, das vor einigen Jahren beim Spielen einen Ball in eines der Buntglasfenster schoss. Ich hoffe sehr, dass es Eltern hat, die es trösteten statt zu schimpfen.

Innenansicht des Nidaros-Doms in Trondheim. Foto: Einar Faanes, GFDL, CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Drei Orgeln stehen im Nidaros-Dom. Hier kann man eine davon hören:

 

 

Beim Auslaufen aus Trondheim gleitet die MS Spitzsbergen an einem ganz besonderen Bauwerk vorbei. Wo der Trondheimfjord ins Meer mündet, steht auf einer kleinen Schäre der rote, achteckige Leuchtturm Kjeungskjær. Seit fast 140 Jahren trotzt das Wegzeichen an dieser vielbefahrenen Wasserstraße den Stürmen, die um Trøndelag häufig aufziehen. Bis 1987 wohnte ein Leuchtturmwächter dauerhaft im Turm, seither ist er automatisiert.

 

Leuchtturm Kjeungskjær bei Trondheim.

Bei Windstärke 8 durch die Hustadvika

Das in dieser Gegend unbeständige Wetter macht sich nun auch für uns bemerkbar. Der Himmel zieht sich zu, als wir aus Trondheim auslaufen, Wind zerrt an der Hurtigruten-Flagge, die oben über dem Deck 8 weht, und die Wellen zeigen erste Schaumköpfe – Vorboten der rauen See, die Haakon uns für die Hustadvika vorausgesagt hat. Die offene Seestrecke zwischen Kristiansund und Bud gilt als gefährlich: Das Meer ist seicht und voller Riffe und Schären.  Und nun ist für diesen Abschnitt auch noch stürmische Windstärke 8 angekündigt.

Schon auf dem Weg dorthin muss die MS Spitsbergen gegen den zunehmenden Wind ankämpfen und kommt langsamer voran als vorgesehen. Zum ersten Mal auf unserer Reise droht der Fahrplan durcheinander zu geraten.

Eigentlich wollten wir uns Kristiansund auf dem Rückweg näher anschauen. Daraus wird nichts: Der Kapitän entscheidet, den Zwischenstopp dort auf wenige Minuten zu verkürzen, um die Verspätung aufzuholen. Eilig verlassen einige Passagiere das Schiff: Am Hafen wartet schon der Bus, der sie  zum Marmorbergwerk Bergtatt und von dort weiter nach Molde bringt, wo sie wieder an Bord kommen werden. Unser Reiseleiter Haakon hatte zuvor noch einmal die Werbetrommel für die Teilnahme an diesem Ausflug gerührt und dabei auch als Vorteil gepriesen, dass den Ausflüglern die Passage durch die unruhige See der Hustadvika erspart bleiben würde.

Die Flossen helfen nicht

So schlimm wird’s schon nicht kommen. Brav folgen wir Haakons Anweisungen und präparieren unsere Kabine für rauen Seegang, räumen die Tische frei, verstauen Kamera, Gläser, Bücher und alles andere, das zum Wurfgeschoss werden könnte, sicher in den Schränken, sichern alle Türen – und verziehen uns mit Lesestoff auf die Couch.

Draußen ist es stockdunkel, als wir gegen 18 Uhr die berüchtigte Hustadvika erreichen. Wir müssen beim Blick aus dem Fenster auch gar nichts sehen, um zu bemerken: Die Spitsbergen hat den Schutz der Inseln verlassen. Der Wind trifft uns ungebremst von vorne und von Steuerbord. Das Schiff wird ordentlich durchgerüttelt.

Einige Tage zuvor hatte der Erste Ingenieur uns erklärt, wie die Stabilisatoren das Rollen des Schiffes dämpfen: Die „Flossen“, die sich zu beiden Seiten unter der Wasseroberfläche ausfahren lassen, könnten die seitlichen Bewegungen des Schiffes um bis zu 80 Prozent reduzieren. Hat er gesagt.

Ich halte fest: Bei Windstärke 8 sind auch die verbleibenden 20 Prozent durchaus eine Herausforderung.

Die MS Spitsbergen rollt nicht nur durch die Hustadvika, sie stampft auch. Immer wieder hebt eine Welle den Bug an, um das Schiff anschließend in ein Wellental krachen zu lassen. Könnte man sich auf einen festen Rhythmus einstellen, würde das die Sache erträglicher machen – doch der Seegang variiert. Wie um uns zu ärgern, lässt das Meer uns mit einer Reihe mäßig hoher Wellen glauben, es würde sich langsam beruhigen – nur, um das Schiff dann plötzlich besonders heftig nach oben zu reißen und es dann mit Wucht fallenzulassen. Der Stahl um uns herum knirscht mitunter, als würde die Spitsbergen jeden Moment auseinanderbrechen.

Wir verziehen uns in die Betten und versuchen, uns mit Lesen abzulenken. Zwischendurch traue ich mich mal kurz auf den Balkon und halte die Kamera über die Reling.

Eine Durchsage informiert uns darüber, dass das Abendessen verschoben werden muss: Die Köche sähen sich bei dem Wetter nicht der Lage, zu kochen. Macht aber nichts. Die meisten Passagiere sehen sich vermutlich auch nicht in der Lage, zu essen.

Nach dreieinhalb Stunden kommen die Lichter von Molde in Sicht – und damit Besserung. Gegen 21:20, nur etwas mehr als eine halbe Stunde verspätet, nähert die Spitsbergen der Mole, und das Restaurant bittet zum Abendessen. Einige Plätze bleiben an diesem Abend im Restaurant frei, doch uns schmeckt’s schon wieder. Wir sind aufgekratzt, denn wir glauben, mit der Hustadvika auch die Fahrt durch stürmische See hinter uns zu haben.

Ein Irrtum.

Kaum haben wir Molde wieder verlassen und Kurs auf Ålesund genommen, da geht die Schaukelei erneut los. Sie begleitet uns die ganze Nacht hindurch. Wir machen kaum ein Auge zu, müssen uns mitunter an der Matratze festhalten aus Sorge, aus dem Bett zu rollen. Es ist, als wolle die norwegische See uns den Abschied leichter machen.

Als wäre nichts gewesen

Irgendwann gegen Morgen beruhigt sich das Meer. Sogar die Sonne kommt heraus. Zwischen Maløy und Florø schenkt sie uns mehrere Regenbögen – vielleicht eine Art Entschuldigung, weil sie sich in den vergangenen elf Tagen so selten blicken ließ.

In gemächlicher Fahrt schippert die Spitsbergen früh morgens an Stabben fyr vorbei. Der Leuchtturm markiert sein 150 Jahren die Zufahrt nach Florø. Die kleine Schäre, auf der er steht, bedeckt der denkmalgeschützte Bau vollständig.

Leuchtturm Stabben fyr bei Florø.

Wenig später passieren wir den norwegischen Löwen, wie die Insel Alden auch genannt wird. Der knapp 500 Meter hohe Berg diente den Schiffsbesatzungen seit jeher als natürliches Seezeichen.

Die Insel Alden wird auch der norwegische Löwe genannt.

Die gepackten Koffer haben wir schon vor dem Frühstück vor die Kabinentür gestellt, sie werden wie bereits beim Einchecken in Bergen vom Personal von Bord gebracht. Mittags müssen auch wir selbst unsere Kabine Nr. 630 endgültig räumen.

In der Panorama-Lounge haben sich bereits viele Passagiere mit ihrem Handgepäck für die letzten Stunden eingerichtet. Ich schaue mich um und versuche, in den Gesichtern meiner Mitreisenden zu lesen. Manche sind in ein Buch vertieft, andere im leisen Gespräch miteinander, die meisten aber lassen den Blick durch die großen Fenster schweifen, über die bergige Küstenlinie, die Fjorde und Inseln. Vermutlich geht es ihnen wie mir: Ich möchte die Momente und Bilder dieser Reise fest in meiner Erinnerung verankern.

 

 

Pünktlich um 14:30 Uhr macht die Spitsbergen am Hurtigruten-Terminal in Bergen fest. Wehmütig  packen wir unsere Sachen zusammen, reihen uns in die Schlange der Passagiere ein, gehen ein letztes Mal die Treppen runter zum Deck 4, lassen die Bordausweise scannen, hören ein letztes Mal das bestätigende Piepsen, sagen Haakon und Hege auf Wiedersehen – und gehen von Bord.

Ich bin glücklich und dankbar für dieses Abenteuer.

Nachtrag: Wieder zuhause, kommt der Moment der Wahrheit. Wir erinnern uns: Hurtigruten-Reisende nehmen unterwegs mehrere Kilo zu, heißt es. Bei mir zeigt die Waage – ein Kilo weniger als vor der Abreise. Verblüffend, bei all dem Krydderkake. :)

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

4 Kommentare

  1. Großartig! Was für eine wunderbare Reise! Ich freue mich sehr, dass Du Dir diesen Wunsch endlich erfüllen konntest und alles so gut gelaufen ist. Danke vielmals für den ausführlichen Reisebericht. Ich habe es sehr genossen, Eurer Tour zu folgen und die vielen tollen Fotos zu sehen!

  2. Und ich danke dir fürs treue Verfolgen der Reiseberichte! So weiß man wenigstens, dass man nicht ins Leere schreibt! :)

  3. Teil 11 habe ich mit viel Genuss verschlungen, die Beschreibung und die Fotos sind wunderbar, vielen Dank dafür! Der Teil über die Sturmnacht auf der Hustadvika hat die Erinnerungen an die Ostsee-Überquerung wieder wachgerüttelt, die ich mal mit der Autorin zusammen überstanden habe.
    Jetzt bin ich auf den Geschmack für die anderen 1o Teile gekommen!

  4. Vielen Dank, Rainer! Die Erinnerung an die Ostsee-Überquerung hat auch Eingang in den Norwegen-Reisebericht gefunden, wie du feststellen wirst! Hat uns beide ja offensichtlich nachhaltig beeindruckt. :)

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