Hurtigruten-Tour, Tag 9: Harstad – Risøyrenna – Stokmarknes – Svolvaer

Heute sind wir schon früh an Deck, denn Tag 9 unserer Seereise an der Küste von Norwegen beginnt mit einem Bilderbuch-Sonnenaufgang. Die Barentssee haben wir am Vortag verlassen und fahren auf der südgehenden Strecke wieder durch das angrenzende Europäische Nordmeer.

Rosarot schimmert der Horizont, als wir frühmorgens Harstad anlaufen. Die Hauptstadt der größten Vesterålen-Insel Hinnøya hat etwa 25.000 Einwohnerinnen und Einwohner – in dieser dünn besiedelten Gegend 250 Kilometer nördlich des Polarkreises kann man das fast als Großstadt bezeichnen.

Harstad auf Hinnøya liegt an einer Bucht des Vågsfjords.

Alljährlich im Juni kommen noch viele Künstlerinnen und Künstler und zahlreiche Besucher dazu, wenn in Harstad die Festpillene i Nord-Norge stattfinden. Theater- und Tanzaufführungen, Konzerte und Ausstellungen geben bei den Nordnorwegen-Festspielen einen Eindruck von der modernen Kunst der arktischen Region – und mit nachgestellten Wikingerschlachten erinnern die Nordnorweger bei der Gelegenheit an den etwas weniger filigranen Teil ihrer Geschichte.

Die Vesterålen-Inseln am Morgen.

Auf dem Weg in den Risøysund.

Die Brücke führt nach Risøyhamn, dem kleinsten Hafen, den die Hurtigruten-Schiffe anlegen.

Wir werden heute ebenfalls in die Historie abtauchen: In Stokmarknes erzählt uns das Hurtigruten-Museum von der Geschichte der Postschifflinie. Um dorthin zu gelangen, muss die MS Spitsbergen aber zunächst ein Nadelöhr passieren, das noch vor 100 Jahren unschiffbar war.

Durch die Risøyrenna

In langsamer Fahrt gleitet das Schiff durch die Risøyrenna. Der Kanal ist knapp fünf Kilometer lang, die Hurtigruten-Schiffe können ihn erst seit 1922 passieren, nachdem der flache Sund zwischen den Vesterålen-Inseln Andøya und Hinnøya auf Betreiben des geschäftstüchtigen Reederei-Gründers Richard With auf einer Breite von 50 Metern ausgebaggert worden war.

Durchfahrt durch die Risøyrenna.

Es heißt, man könne hier manchmal Robben beobachten. Leider lassen sie sich heute nicht blicken.

Die Markierungen der engen Fahrrinne geben einen prima Aussichtspunkt für Vögel ab.

Richard With, der Gründer von Hurtigruten, wird uns heute in Stokmarknes begegnen. Am ursprünglichen Sitz der Reederei hat man dem „Vater“ der Postschiff-Linie ein Denkmal gesetzt, und in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude erzählt das Hurtigruten-Museum, wie alles anfing.

Eine regelmäßige Verbindung an der norwegischen Küste, die Tag und Nacht bedient wird, im Sommer wie im Winter, durch schwierige, mit Schären und Holmen gespickte Gewässer – und all das ohne die Navigationsmittel der heutigen Zeit, ja, sogar ohne genaue Karten? Die Reedereien winken reihenweise ab, als das Verkehrsministerium in Oslo diesen Auftrag Ende des 19. Jahrhunderts ausschreibt. Nur einer greift zu: Richard With, Reeder und Kapitän der Vesterålen Dampfschifffahrtsgesellschaft. Auf vielen Fahrten haben er und sein Lotse sich akribisch Notizen über den Verlauf der Küstenlinie, der Fjorde und Inseln gemacht. Das kommt ihnen nun zugute.

Am 2. Juli 1893 um 8:30 legt Kapitän With Trondheim ab, 67 Stunden später läuft das Dampfschiff DS Vesterålen in Hammerfest ein. Unterwegs hat sie Stopps in neun Häfen gemacht. Die Jungfernfahrt der Hurtigruten („schnelle Verbindung“) ist erfolgreich absolviert, Richard With und seine Vesterålen Dampfschifffahrtsgesellschaft – aus der später die Reederei Hurtigruten hervorgeht – haben den ersten Vierjahresvertrag für eine wöchentliche Verbindung von Trondheim nach Tromsø (im Winter) und weiter bis nach Hammerfest (im Sommer) in der Tasche.

Die anfangs so zögerlichen anderen Reedereien steigen später ebenfalls mit ein. Zur Verbindung Trondheim – Hammerfest kommen zwei weitere: Bergen – Trondheim und Hammerfest – Vadsø. 1908 wird diese bis Kirkenes verlängert, und 1936 verbindet man die drei Strecken zur durchgehenden Route Bergen – Kirkenes, wie sie bis heute gefahren wird.

Auf Grund gelaufen, in Brand geraten, von Torpedos versenkt: Verluste auf der Hurtigruten

2018 feiert Hurtigruten seinen 125. Geburtstag. Viel Zeit für jede Menge Umbrüche: Zwei Weltkriege mit den damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben und den Schwierigkeiten, den Linienverkehr überhaupt aufrechtzuerhalten, der Übergang von der Dampf- zur Motorschifffahrt in den 1960ern, die wachsende Konkurrenz durch Straße, Schiene und Luftverkehr seit den 1970ern, der Verlust einer der Kernaufgaben – des Posttransports – in den 1980ern.

Klar: Das Hurtigruten-Museum in Stokmarknes feiert Richard With und pflegt den Gründungsmythos, es will zeigen, wie die Postschifflinie groß wurde, wie sie die technologischen und wirtschaftlichen Umbrüche der letzten 125 Jahre bewältigt hat. Doch die Ausstellung spart auch die Schattenseiten nicht aus.

Im Zweiten Weltkrieg verliert die Flotte etliche Schiffe. Sie werden beschlagnahmt, zu Gefangenentransporten zweckentfremdet, aus der Luft bombardiert, von U-Booten torpediert und nicht selten komplett versenkt – und das nicht nur von den Deutschen, sondern auch von der sowjetischen, der britischen und einmal sogar von der norwegischen Marine (eine tragische Verwechslung). Insgesamt kommen nach Angaben der Reederei mehr als 700 Menschen an Bord der Schiffe ums Leben.

Auch in Friedenszeiten gibt es tödliche Havarien. Nur einige Beispiele: Die „Haakon VII“ läuft im Oktober 1929 bei Florø auf Grund, legt sich auf die Seite und läuft voll Wasser. Ein Bootmann schafft es, 55 Menschen über einen Felsen in Sicherheit zu bringen, doch 18 sterben bei dem Unglück. Im März 1931 gerät die „Hera“ in stürmische See, läuft auf Grund und sinkt. Sechs Menschen kommen um.  Die „Nordstjernen“ ereilt im September 1954 im Raftsund das gleiche Schicksal. Sie sinkt innerhalb von 20 Minuten. Vier Passagiere und ein Besatzungsmitglied überleben die Katastrophe nicht.

Das bislang größe Unglück in Friedenszeiten trifft 1962 die „Sanct Svithun“, auch sie läuft auf Grund und reißt 41 Menschen in die Tiefe.

Einer der jüngsten Vorfälle ereignet sich 2011, als ein Feuer im Maschinenraum der „Nordlys“ ausbricht. Alle Passagiere können gerettet werden, doch zwei Besatzungsmitglieder sterben.

15. September 2011: An Bord der Nordlys bricht ein Feuer aus, als das Schiff gerade den Hafen von Ålesund anläuft. Bild: Olav Helge Matvik / Kystverket (Norwegian Coastal Administration), Lizenz: CC BY-NC 2.0, via Flickr

Wirtschaftliche Schlagseite

In den 1970er Jahren beginnen die  Passagierzahlen zu sinken: Der Ausbau von Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken und Flugverbindungen macht Hurtigruten die Rolle als „Reichsstraße Nummer 1“ immer mehr streitig. Und je besser die Infrastruktur, umso mehr ziert sich der norwegische Staat, die ehemalige Postschifflinie weiter in der gewohnten Höhe zu subventionieren. Hurtigruten gilt zwar nach wie vor als nicht verzichtbar, doch die Linienverbindung wird zugleich nicht mehr so dringend gebraucht, wie das mal der Fall war. Die Postbüros auf den Schiffen sind seit 1983 geschlossen. Nach wie vor wird Fracht transportiert – das Ein- und Ausladen von Paletten können wir auf unserer Reise an vielen Häfen beobachten. Das Hauptgeschäft aber ist der Tourismus, und die neuen Schiffstypen sind auf jene Sorte Kreuzfahrtpublikum ausgerichtet, die zwar kein Schickimicki wollen – aber trotzdem Komfort. Damit versucht Hurtigruten, sich in die Zukunft zu retten.

Ein verlassenes Schiff

Reisen auf einem Hurtigruten-Schiff: Wie das noch bis in die 1990er Jahre aussah, können wir uns ebenfalls in Stokmarknes anschauen. Die MS Finnmarken, 1956 in Dienst gegangen, wurde 1993 ausgemustert – und seit 1999 liegt sie auf dem Trockenen und ist als Museumsschiff zugänglich.

Man kann die MS Finnmarken auf eigene Faust erkunden. Neugierig schauen wir uns alles an, laufen treppauf und treppab über alle Decks und durch die Salons, werfen mit ein wenig Schaudern einen Blick in die Gemeinschafts-Nasszellen und in die Kabinen mit Doppelstockbetten (immerhin: eigene Waschbecken!).

Sie ist fast ein wenig unheimlich, diese Erkundungstour durch ein ausgedientes Schiff – wie ein Trocken-Tauchgang zu einem gesunkenen Wrack. Ihr könnt das Schiff übrigens ebenfalls erkunden und müsst dafür nicht einmal nach Norwegen reisen: Das Hurtigruten-Museum bietet auf seiner Website virtuellen Rundgang sowohl auf der MS Finnmarken als auch in den übrigen Ausstellungsräumen. 

Die MS Finnmarken muss einst ein Stolz der Flotte gewesen sein, eines der ersten Hurtigruten-Schiffe, das den Motor achtern hatte und über einen verstellbaren Propeller verfügte, mit Platz für bis zu 585 Passagiere, die sie unzählige Male von Bergen und Kirkenes und zurück brachte, über ruhige wie über raue See.

Das Restaurant wirkt, als sei es eben erst verlassen worden, und man braucht nicht viel Phantasie, um das Stimmengewirr zu hören, das Tellerklappern, das Gläserklirren. Oder die Musik im angrenzenden Salon, wo Menschen an Tischen sitzen, rauchen, trinken, sich die Abende mit Gesellschaftsspielen vertreiben. Inmitten der Unbeschwertheit wirft vielleicht jemand einen besorgten Blick nach draußen, an einem Tag im Februar 1981: Durchs Schneetreiben ist wahrscheinlich kaum etwas zu erkennen, Gischt schlägt hoch. Plötzlich ein schleifendes Geräusch, das ganze Schiff erzittert: An diesem Tag hat die MS Finnmarken im Moldøra-Sund bei Svolvær Grund berührt. Niemand kommt zu Schaden. Der Rumpf aber ist so beschädigt, dass das Schiff evakuiert werden muss.

Von 1956 bis 1993 für Hurtigruten an der norwegischen Küste unterwegs, seit 1999 in Stokmarknes aufgebockt und durch ein Wellblechdach vor Regen geschützt: Die MS Finnmarken.

Manche Kantine hat weniger Charme: Das Restaurant auf der MS Finnmarken.

Die Cafeteria.

In einem der Salons aus der MS Finnmarken.

Aparte Tisch-Deko.

Romantik pur: Doppelkabine auf der MS Finnmarken.

Die Kommunikationsmittel auf der Brücke der MS Finnmarken.

 

Wir sind ganz froh, auf unsere komfortable MS Spitsbergen zurückkehren zu können.  Ohne Zwischenfälle erreichen wir gegen Abend Svolvær, den Hauptort der Lofoten. Einige Mitreisende besuchen das Kriegsmuseum, das von der Besatzungsgeschichte der Lofoten erzählt. Hier ging es den Deutschen nicht um Eisenerz wie in Kirkenes, sondern mehr um Fischöl: Das  daraus gewonnene Glycerin ließ sich als Schmierstoff für die Motoren der Kriegsmaschinerie nutzen. Nach einem Überraschungsangriff durch die Briten 1941 baute die Wehrmacht Svolvær zu einer Festung aus.

Den zweistündigen Aufenthalt in Svolvær nutzen wir für einen ausgiebigen Abendspaziergang durch das Zentrum des 4500-Einwohner-Städtchens.

Die Hafenpromenade von Svolvær.

Lofotposten, eine der größten Tageszeitung Nordnowegens, hat ihren Sitz in Svolvær.

Die Zukunft für Hurtigruten? Ungewiss

Derzeit kann Hurtigruten mit einem jährlichen staatlichen Zuschuss von 640 MiIllionen Norwegischen Kronen (etwa 66 Millionen Euro) rechnen. Solange öffentliche Gelder fließen, dürfen die Schiffe nicht ausgeflaggt werden – sprich: Sie fahren unter norwegischer Flagge und nicht unter der eines Billiglohnlandes. Doch der Vertrag, der die Subventionen zusichert, läuft 2020 aus.

Seit 2015 gehört die Reederei dem britischen Konsortium Silk Bidco AS. Es gibt Gerüchte, dass die Briten das Unternehmen wieder verkaufen wollen …

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs

Ein Kommentar

  1. Hui, da sind doch mehr Unglücke geschehen, als ich vermutet hätte. Und Vinni Rabensturmig hat ja noch von einem weiteren in jüngerer Zeit zu berichten gehabt. Gut, dass bei Eurer Tour nichts dergleichen passiert ist! Ich mag mir gar nicht den Frust vorstellen, wenn man ewig auf die Reise gespart hat, und dann passiert ein Unglück und man kommt dabei um, oder wird wieder heimgeschickt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Was ist 8 + 3 ?
Please leave these two fields as-is:
Wichtig: Um den Kommentar abzusenden, musst du diese einfache Matheaufgabe lösen. So weiß ich, dass du ein Mensch und kein Spambot bist. :-)