Von gestern

Aus der Pressemitteilung des Deutschen Journalistenverbandes
DJV sieht Leserreporter kritisch:

Es entwertet die Arbeit von Redaktionen, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken, wenn ambitionierte Amateure die Aufgaben professioneller Journalisten übernehmen. Der Mitmachjournalismus schadet auf Dauer dem Qualitätsprodukt Zeitung.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, wann die Damen und Herren vom Deutschen Journalistenverband das letzte Mal eine Lokalredaktion von innen gesehen haben. Schon während meiner Volontärszeit – und das ist jetzt mehr als zehn Jahre her – habe ich nicht eine einzige Redaktion erlebt, in der nicht auf die Berichte von ambitionierten Amateuren zurückgegriffen wurde. Jeder Pressemensch eines örtlichen Vereins weiß genau, worauf er achten muss, damit sein Text gute Chancen hat, ins Blatt zu kommen. Ein wenig redigiert, allenfalls. Und – tschuldigung – auch die Heerscharen von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ohne die kein Blatt existieren kann, sind seit eh und je meist nichts anderes als ambitionierte Amateure. Warum also die Aufregung?

Vielleicht, weil der DJV ahnt, dass es ernst wird. Dass es diesmal um mehr geht als um das billige Abfüllen von Zeitungsspalten. Dass professionelle Journalisten künftig zunehmend nicht mal mehr fürs Redigieren gebraucht werden könnten.

Ja, wir müssen wirklich alarmiert sein. Unser Berufsstand ist tatsächlich bedroht. Doch die Bedrohung geht nicht von „Leserreportern“ aus (oder von Volkskorrespondenten, wie sie in den 1920er Jahren hießen). Sie geht vor allem von der eigenen Bräsigkeit aus, mit der wir (Print-)Journalisten uns strikt weigern, auf die veränderte Mediennutzung unserer (Noch-)Kundschaft zu reagieren. Zu viele halten sich noch immer an einem Monopol auf Nachrichtenvermittlung fest wie Kinder an einem exklusiven Spielzeug – dabei haben all die anderen in diesem immer voller werdenden Sandkasten längst ihr eigenes Förmchen.

Dieses starrsinnnige Festhalten an einem anachronistischen Berufsbild ist es, das dem Qualitätsprodukt Zeitung am meisten schadet. Und nicht das bisschen Mitmachjournalismus, dem der ganz große Boom erst noch bevorsteht.

4 Kommentare

  1. Es fragen sich ohnehin genügend Leser, wo denn eigentlich die Qualität beim professionellen Journalismus bleibt? Beim unhinterfragten Durchschleusen von Agenturmaterial? Bei den vielen oberflächlich und desinteressiert recherchierten Beiträgen in den Tageszeitungen? Beim effektiven Schnorren am kalten Buffet nach Pressekonferenzen?

    90 Prozent aller Blogs mögen Bullshit sein, aber in den restlichen zehn Prozent stehen sachkompetente Beiträge – weil diese Blogger über die Dinge schreiben, von denen sie was verstehen.

    Während der „professionelle Journalist“ in der Regel viel Ahnung von nichts hat.

  2. Naja – es reicht ja nicht, von einer Sache etwas zu verstehen, man muß auch schreiben können, gelle? Der professionelle Journalist hat oftmals weniger Ahnung, er beherrscht aber – in der Regel – das Handwerk. Auch nicht zu verachten.

  3. Wunderbar. Was ich hier immer wieder liebe ist die berufsmässig korrekte und handwerklich gute Auseinandersetzung mit den zeitgemässen Formen schriftlicher Berichterstattung.

    Du kultivierst die wichtigste Grundeigenschaft jedes Journalisten, ob Mann oder Frau: Neugierde und Lernfähigkeit und -willen.

    Danke.

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