Stralsund
Nach ein paar stürmischen Tagen klart der Himmel wieder auf: Sonne, ab und zu scheucht die immer noch frische Brise ein paar Schäfchenwolken daran vorbei – perfektes Wetter für eine Radtour an der Küste.
Bei Bansin erhebt sich eine Steilküste über den Strand – also hieß es erstmal klettern, bis hinauf auf den Langen Berg, die höchste Erhebung hier. (Nicht nur für diese Tour, sondern eigentlich für die ganze Insel empfiehlt sich durchaus, beim Fahrradverleih das Mountainbike zu wählen.) Oben schlängelt sich ein teilweise recht abenteuerlicher Wanderpfad am Rand der Steilküste entlang, alle paar Meter öffnet sich der Blick zwischen Bäumen hindurch auf den Strand weit unten und auf Meer, soweit das Auge reicht: Die Pommersche Bucht liegt einem hier gewissermaßen zu Füßen. Zurück an den Rädern, geht der Weg weiter unten durch Wälder und über unbefestigte Wege Richtung Südosten, vorbei am Imbiss Rollmops, wo Rote Fassbrause nach Original-DDR-Rezept ausgeschenkt wird, und an (im Vergleich zu den immer noch vollen Kaiserbädern) angenehm ruhigen Stränden. Kurz vor Ückeritz beginnt ein Campingplatz, der sich parallel zur Küste in einem Wald erstreckt – und scheint nicht wieder enden zu wollen. Kilometer um Kilometer rollt man an Zelten jeder Größe, an Wohnmobilen und Wohnwagen vorbei, einige davon sind ringsherum von Holz ummantelt und wirken wie kleine Häuschen.
Ückeritz selbst besteht aus einigen ehemaligen Fischerhäusern in Strandnähe, in denen heute Pizza, Pasta, Erbseneintopf und Bockwurst angeboten wird, und einem beschaulichen Dorfkern etwas abseits von der Küste, jenseits der Hauptstraße. Und hier, am Ende der Straße, wenn man schon glaubt, sich verfahren zu haben – hier wartet das Achterwasser. Eine Meeresbucht im Hinterland von Usedom, nur durch ein schmales Stück Land von der offenen Se getrennt und doch ruhig, ohne Trubel. Im Cafe Knatter am Hafen von Ückeritz lässt es sich direkt am Achterwasser wunderschön sitzen und gut speisen.
Auf dem Rückweg sollte man in Ückeritz den Schildern zum Hafen Stagnieß folgen – ein versteckt gelegener kleiner Sportboothafen. Der Weg führt durch den Naturpark Usedom mit seinen urigen Wäldern.
Steilküste am Langen Berg
Dass der Wunsch, einfach abzuheben und auf und davon zu fliegen, gerade hier, an diesem Ort, übermächtig wurde – irgendwie kann man es verstehen, wenn man nach Anklam kommt.
Das Hansestädtchen wirkt, als sei es vom Wasser an den Peenestrand gespült und dort vergessen worden. Verwitterte Fassaden, Kopfsteinpflaster, wie ausgestorben scheinende Gässchen, heruntergekommene Schaufenster, ein überdimensionierter Marktplatz, an dessen Rand sich drei, vier rollende Marktstände verlieren, ein Brunnen in der Mitte, wo werktags junge Menschen in nietengespicktem Leder sitzen. Um die Ecke die Nikolaikirche, für deren Instandsetzung auf Plakaten um Spenden gebeten wird, und die damit wirbt, dass in ihren Mauern der berühmteste Sohn der Stadt getauft wurde. Otto Lilienthal.
Die Beobachtung der fliegenden Tiere lehrt, dass es möglich ist, mit Hülfe von Flügeln, welche eigentümlich geformt sind, und in geeigneter Weise durch die Luft bewegt werden, schwere Körper in der Luft schwebend zu erhalten, und nach beliebigen Richtungen mit großer Geschwindigkeit zu bewegen.
Otto Lilienthal 1889 in: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst.
Hier hat er seine ersten Flugversuche gemacht, hat sich zusammen mit Bruder Gustav Schwingen aus Baumwolltüchern und Weidenruten gebastelt. Abenteuerlich, die storchenflügelähnlichen Tragflächen, mit denen Otto Lilienthal dann später in Berlin von Anhöhen heruntersprang, dokumentiert in den ersten Fotografien, so lange, bis es gelang – bis er durch die Luft glitt wie ein Vogel, bis zu 250 Meter weit.
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