Hurtigruten-Tour, Tag 10: Polarkreis II – Sandnessjøen – Brønnøysund – Rørvik

Heute reden wir mal über norwegische Essgewohnheiten. Aus Gründen.

Dass wir auf unserer Hurtigruten-Schiffsreise entlang der Küste zwischen Bergen und Kirkenes jede Menge Fisch essen, versteht sich. Morgens, mittags und oft auch abends, ich erwähnte es bereits, gibt es Fisch: Lachs geräuchert, gebeizt und mariniert, Kabeljau, Saibling, Heilbutt, gebackener Stockfisch, Seelachs, Forelle, Hering, dazu Muscheln und Garnelen, und einmal liegen auch Dornhai und Königskrabben auf dem Buffet. Immer ist auch Gemüse im Spiel, oft Wurzelgemüse und Kartoffeln. Ich persönlich mag außerdem Brunost, einen braunen, nach Karamell schmeckenden Käse – aber damit gehöre ich offenbar einer Minderheit an.

Die individuelle Menükarte, die zu jedem Abendessen gehört, erzählt immer auch ein wenig über die Herkunft der Zutaten, die auf den Tisch kommen. „Während Sie letzte Nacht schlummerten, haben wir in Sortland angelegt, um frischen Saibling vom Sigerfjord an Bord zu bringen“, lesen wir da beispielsweise über einen Hauptgang, der uns mit Rahmkohl und Kartoffeln serviert wird. Zuvor gab es eine Hühnersuppe, im Anschluss ein Joghurtkuchen mit Løvetannsirup aus Rolvsøy, wo „Kinder sich im arktischen Frühling das Taschengeld mit dem Pflücken von Löwenzahn aufbessern“, worauf eine Norwegerin namens Siss daraus in sicherlich liebevollster Handarbeit Löwenzahnsirup herstellt – so in etwa schildert es unsere Menükarte. Wem sollte es da nicht schmecken?

Die Lachsschaumvorspeise …

 

Lachs aus Aukra, laut Menükarte „heute morgen frisch in Trondheim aus dem Meer gefischt“, mit gebackenen Karotten, Kartoffeln und Eierbutter.

 

Pudding aus Dickmilch mit Beeren. Die Rørosmeieriet stand vor einigen Jahren vor dem Problem, dass sämtliche Bakterienkulturen für die Produktion dieser Dickmilch aufgebraucht waren. Die Molkerei wandte sich an die Öffentlichkeit: Wer noch Bestände zuhause habe, möge sie bitte einsenden. Der Aufruf hatte Erfolg, die Bakterienkulturen konnten wieder aufgebaut werden.

Zwischendurch (aber zum Glück nicht allzu oft) gibt es immer mal wieder Fleisch, gerne begleitet von einer dickflüssigen beerigen oder auch dunklen Sauce: Ente, Rinderbraten, Hellesylter Lammkeule, Kalbssteak und Finnbiff – Rentierfleisch aus der Finnmark, ein Genuss, der lediglich durch die Tatsache getrübt wird, dass das Ren in Begleitung von Rosenkohl auf den Tisch kommt. Ein wenig aus der Reihe scheinen die Rippchen zu tanzen, die wir am letzten Abend bekommen – doch wir erfahren, dass sie fester Bestandteil der traditionellen norwegischen Küche sind.

Rippchen vom Hampshire-Schwein aus Trøndelag mit karamellisierten norwegischen Äpfeln, Kraut, Rotweinsauce und Kartoffeln. Überraschenderweise sind Schweinerippchen ein traditionelles norwegisches Gericht, das seit Jahrtausenden in Skandinavien gegessen wird – heutzutage meist zu Weihnachten.

Norwegen hat nur wenig Platz für Landwirtschaft. 70 Prozent der Fläche des Landes, so schreiben Gísli Egill Hrafnsson und Inga Elsa Bergbórsdóttir in ihrem mit wahren Sehnsuchtsfotos illustrierten Kochbuch „Skandinavien“, sind für den Ackerbau nicht geeignet. Hinzu kommen kurze Vegetationszeiten im norwegischen Winter. Viehzucht mit Kühen, Schweinen, Schafen und Ziegen gibt es überall im Land verstreut, oft in kleinen Betrieben, doch die norwegische Landwirtschaft spielt sich im Wesentlichen im Süden ab: Gerste, Hafer, Weizen und Kartoffeln werden hier angebaut, Obst und Gemüse hier gezogen – teilweise in Gewächshäusern.

Norwegische Lebensmittel: Teuer und subventioniert

Die schwierigen Bedingungen machen landwirtschaftliche Produkte in Norwegen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr teuer. Ein Liter Milch kostete in Norwegen im Jahr 2015 laut Eurostat im Schnitt umgerechnet 1,87 Euro – in Polen lag er im selben Jahr bei durchschnittlich 63 Cent. Insgesamt rangieren die Lebensmittelpreise in Norwegen laut der Zeitung „Aftenposten“ um mehr als 60 Prozent über dem EU-Durchschnitt.

Norwegen will sich aller Widrigkeiten zum Trotz eine eigene Landwirtschaft leisten – und betreibt entsprechend Protektionismus. Es gibt Einfuhrbeschränkungen für Lebensmittel und hohe staatliche Zuschüsse für die heimischen Bauern. Die OECD beobachtet das seit Jahren skeptisch und mahnt Änderungen an der abgeschotteten Lebensmittelpolitik Norwegens an.

Manche Entwicklung in der norwegischen Lebensmittelbranche könnte man sich aber auch abschauen. Tine (das ist nicht etwa der Name einer unternehmerisch erfolgreichen Milchbäuerin, sondern der der größten Molkerei des Landes und bedeutet „Milchtonne“) führt gerade neue Haltbarkeitskennzeichnungen ein: „Mindestens haltbar bis, aber nicht schlecht nach …“ steht künftig auf den Verpackungen.

Abgeschaut haben wir uns zum Nachkochen zuhause folgendes Menü:

  • Grüne Spinatsuppe, wie sie schon die Wikinger aßen (Rezept);
  • Heilbutt (Rezept), den wir mit Lauch und Karotten zubereitet haben – und mit dem günstigeren schwarzen Heilbutt, denn als der Fischverkäufer mir den Kilo-Preis für weißen Heilbutt nannte, kippte ich fast rückwärts aus dem Laden;
  • Suksessterte (Rezept), ein beliebtes Dessert, mit dem der norwegische Polarforscher Børge Ousland laut der Hurtigruten-Menükarte 1995 Weihnachten feierte, nachdem er den Südpol auf Skiern erreicht hatte. Wieder was gelernt.

Kommen wir nun zum eigentlichen Anlass dieser kulinarischen Vorrede.

Hmmm, lecker Lebertran!

Was für viele hierzulande eine schauderhafte Kindheitserinnerung ist (ich selbst gehöre zur etwas glücklicheren Generation Sanostol), das ist für die Norweger – nunja, vielleicht nicht wie das tägliche Smørrebrød, aber doch noch sehr präsent auf dem Speiseplan. Lebertran steht mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit in den Supermarktregalen, und auch auf Frühstücksbuffets der Hotels fanden wir die Flaschen mit dem Fischöl vor. Die Norweger, die ja viel Zeit des Jahres mit wenig Licht auskommen müssen, schwören offenkundig auch heute noch auf die Vitamin-D-Bombe mit Omega-3-Fettsäuren, die den Cholesterinspiegel senken und noch allerlei weitere positive Wirkungen auf die Gesundheit haben sollen.

Dorsch-Lebertran: Da müssen wir durch. Bild: Hege Børresen.

„Wenigstens tun wir was für unsere Gesundheit“, sagen wir uns am Morgen von Tag 10 unserer Seereise. An diesem Morgen überqueren wir den Polarkreis zum zweiten Mal, und nach der Eiswasser-Taufe auf dem Weg nach Norden stellen wir uns auf der südgehenden Route auf Deck 8 nun einer weiteren Herausforderung. 

 

Eine englische Mitreisende beteuert nach erfolgreich bestandener Zeremonie, sie habe es „nur für den Löffel getan“ – den nämlich dürfen wir behalten. Eine schöne Erinnerung an diesen Morgen am nördlichen Polarkreis, die mir nun täglich ins Auge fällt, wenn ich daheim die Besteckschublade öffne.

Das Zertifikat für die südgehende Polarkreis-Überquerung.

An den Fotos oben habt ihr schon gesehen: Das Wetter hat sich erneut eingetrübt. Und so stecken die Sieben Schwestern, denen wir mittags südlich von Sandnessjøen begegnen, ihre Köpfe in eine Wolkendecke. Botnkrona, Grytfoten, Skjæringe, Kvasstinden, Breitinden und die beiden Tvillingene sind der Sage nach zu Stein erstarrte Jungfrauen. Nunja.

 

Zwischen 900 und 1100 Meter hoch sind die Berge der „Sieben Schwestern“ bei Sandnessjøen.

Am Nachmittag laufen wir Brønnøysund an – und sind damit in der Mitte Norwegens. In beide Richtungen – nach Norden bis zum Nordkapp und nach Süden bis Lindesnes – sind es von hier aus exakt 840 Kilometer. Auch am längeren Tag merken wir, dass wir uns wieder Richtung Süden bewegen: Gegen 16 Uhr ist die Sonne zwar untergegangen, aber ganz dunkel ist es noch nicht.

Die Mitte Norwegens: Brønnøysund.

Der letzte Stopp am Abend ist Rørvik, bevor wir auf die offene Seestrecke Folda kommen. Die See wird nun ein bisschen rauer, die MS Spitsbergen schaukelt sich südwärts – und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Tag erwartet.

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde
Teil 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik
Teil 4: Polarkreis – Bodø – Lofoten
Teil 5: Vesterålen – Tromsø
Teil 6: Honningsvåg – Nordkapp – Kjøllefjord – Mehamn
Teil 7: Berlevåg – Kirkenes – Berlevåg
Teil 8: Barentssee – Hammerfest – Tromsø
Teil 9: Harstad – Risøyrenna – Stokmarknes – Svolvaer

Hurtigruten-Tour, Tag 9: Harstad – Risøyrenna – Stokmarknes – Svolvaer

Heute sind wir schon früh an Deck, denn Tag 9 unserer Seereise an der Küste von Norwegen beginnt mit einem Bilderbuch-Sonnenaufgang. Die Barentssee haben wir am Vortag verlassen und fahren auf der südgehenden Strecke wieder durch das angrenzende Europäische Nordmeer.

Rosarot schimmert der Horizont, als wir frühmorgens Harstad anlaufen. Die Hauptstadt der größten Vesterålen-Insel Hinnøya hat etwa 25.000 Einwohnerinnen und Einwohner – in dieser dünn besiedelten Gegend 250 Kilometer nördlich des Polarkreises kann man das fast als Großstadt bezeichnen.

Harstad auf Hinnøya liegt an einer Bucht des Vågsfjords.

Alljährlich im Juni kommen noch viele Künstlerinnen und Künstler und zahlreiche Besucher dazu, wenn in Harstad die Festpillene i Nord-Norge stattfinden. Theater- und Tanzaufführungen, Konzerte und Ausstellungen geben bei den Nordnorwegen-Festspielen einen Eindruck von der modernen Kunst der arktischen Region – und mit nachgestellten Wikingerschlachten erinnern die Nordnorweger bei der Gelegenheit an den etwas weniger filigranen Teil ihrer Geschichte.

Die Vesterålen-Inseln am Morgen.

Auf dem Weg in den Risøysund.

Die Brücke führt nach Risøyhamn, dem kleinsten Hafen, den die Hurtigruten-Schiffe anlegen.

Wir werden heute ebenfalls in die Historie abtauchen: In Stokmarknes erzählt uns das Hurtigruten-Museum von der Geschichte der Postschifflinie. Um dorthin zu gelangen, muss die MS Spitsbergen aber zunächst ein Nadelöhr passieren, das noch vor 100 Jahren unschiffbar war.

Durch die Risøyrenna

In langsamer Fahrt gleitet das Schiff durch die Risøyrenna. Der Kanal ist knapp fünf Kilometer lang, die Hurtigruten-Schiffe können ihn erst seit 1922 passieren, nachdem der flache Sund zwischen den Vesterålen-Inseln Andøya und Hinnøya auf Betreiben des geschäftstüchtigen Reederei-Gründers Richard With auf einer Breite von 50 Metern ausgebaggert worden war.

Durchfahrt durch die Risøyrenna.

Es heißt, man könne hier manchmal Robben beobachten. Leider lassen sie sich heute nicht blicken.

Die Markierungen der engen Fahrrinne geben einen prima Aussichtspunkt für Vögel ab.

Richard With, der Gründer von Hurtigruten, wird uns heute in Stokmarknes begegnen. Am ursprünglichen Sitz der Reederei hat man dem „Vater“ der Postschiff-Linie ein Denkmal gesetzt, und in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude erzählt das Hurtigruten-Museum, wie alles anfing.

Eine regelmäßige Verbindung an der norwegischen Küste, die Tag und Nacht bedient wird, im Sommer wie im Winter, durch schwierige, mit Schären und Holmen gespickte Gewässer – und all das ohne die Navigationsmittel der heutigen Zeit, ja, sogar ohne genaue Karten? Die Reedereien winken reihenweise ab, als das Verkehrsministerium in Oslo diesen Auftrag Ende des 19. Jahrhunderts ausschreibt. Nur einer greift zu: Richard With, Reeder und Kapitän der Vesterålen Dampfschifffahrtsgesellschaft. Auf vielen Fahrten haben er und sein Lotse sich akribisch Notizen über den Verlauf der Küstenlinie, der Fjorde und Inseln gemacht. Das kommt ihnen nun zugute.

Am 2. Juli 1893 um 8:30 legt Kapitän With Trondheim ab, 67 Stunden später läuft das Dampfschiff DS Vesterålen in Hammerfest ein. Unterwegs hat sie Stopps in neun Häfen gemacht. Die Jungfernfahrt der Hurtigruten („schnelle Verbindung“) ist erfolgreich absolviert, Richard With und seine Vesterålen Dampfschifffahrtsgesellschaft – aus der später die Reederei Hurtigruten hervorgeht – haben den ersten Vierjahresvertrag für eine wöchentliche Verbindung von Trondheim nach Tromsø (im Winter) und weiter bis nach Hammerfest (im Sommer) in der Tasche.

Die anfangs so zögerlichen anderen Reedereien steigen später ebenfalls mit ein. Zur Verbindung Trondheim – Hammerfest kommen zwei weitere: Bergen – Trondheim und Hammerfest – Vadsø. 1908 wird diese bis Kirkenes verlängert, und 1936 verbindet man die drei Strecken zur durchgehenden Route Bergen – Kirkenes, wie sie bis heute gefahren wird.

Auf Grund gelaufen, in Brand geraten, von Torpedos versenkt: Verluste auf der Hurtigruten

2018 feiert Hurtigruten seinen 125. Geburtstag. Viel Zeit für jede Menge Umbrüche: Zwei Weltkriege mit den damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben und den Schwierigkeiten, den Linienverkehr überhaupt aufrechtzuerhalten, der Übergang von der Dampf- zur Motorschifffahrt in den 1960ern, die wachsende Konkurrenz durch Straße, Schiene und Luftverkehr seit den 1970ern, der Verlust einer der Kernaufgaben – des Posttransports – in den 1980ern.

Klar: Das Hurtigruten-Museum in Stokmarknes feiert Richard With und pflegt den Gründungsmythos, es will zeigen, wie die Postschifflinie groß wurde, wie sie die technologischen und wirtschaftlichen Umbrüche der letzten 125 Jahre bewältigt hat. Doch die Ausstellung spart auch die Schattenseiten nicht aus.

Im Zweiten Weltkrieg verliert die Flotte etliche Schiffe. Sie werden beschlagnahmt, zu Gefangenentransporten zweckentfremdet, aus der Luft bombardiert, von U-Booten torpediert und nicht selten komplett versenkt – und das nicht nur von den Deutschen, sondern auch von der sowjetischen, der britischen und einmal sogar von der norwegischen Marine (eine tragische Verwechslung). Insgesamt kommen nach Angaben der Reederei mehr als 700 Menschen an Bord der Schiffe ums Leben.

Auch in Friedenszeiten gibt es tödliche Havarien. Nur einige Beispiele: Die „Haakon VII“ läuft im Oktober 1929 bei Florø auf Grund, legt sich auf die Seite und läuft voll Wasser. Ein Bootmann schafft es, 55 Menschen über einen Felsen in Sicherheit zu bringen, doch 18 sterben bei dem Unglück. Im März 1931 gerät die „Hera“ in stürmische See, läuft auf Grund und sinkt. Sechs Menschen kommen um.  Die „Nordstjernen“ ereilt im September 1954 im Raftsund das gleiche Schicksal. Sie sinkt innerhalb von 20 Minuten. Vier Passagiere und ein Besatzungsmitglied überleben die Katastrophe nicht.

Das bislang größe Unglück in Friedenszeiten trifft 1962 die „Sanct Svithun“, auch sie läuft auf Grund und reißt 41 Menschen in die Tiefe.

Einer der jüngsten Vorfälle ereignet sich 2011, als ein Feuer im Maschinenraum der „Nordlys“ ausbricht. Alle Passagiere können gerettet werden, doch zwei Besatzungsmitglieder sterben.

15. September 2011: An Bord der Nordlys bricht ein Feuer aus, als das Schiff gerade den Hafen von Ålesund anläuft. Bild: Olav Helge Matvik / Kystverket (Norwegian Coastal Administration), Lizenz: CC BY-NC 2.0, via Flickr

Wirtschaftliche Schlagseite

In den 1970er Jahren beginnen die  Passagierzahlen zu sinken: Der Ausbau von Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken und Flugverbindungen macht Hurtigruten die Rolle als „Reichsstraße Nummer 1“ immer mehr streitig. Und je besser die Infrastruktur, umso mehr ziert sich der norwegische Staat, die ehemalige Postschifflinie weiter in der gewohnten Höhe zu subventionieren. Hurtigruten gilt zwar nach wie vor als nicht verzichtbar, doch die Linienverbindung wird zugleich nicht mehr so dringend gebraucht, wie das mal der Fall war. Die Postbüros auf den Schiffen sind seit 1983 geschlossen. Nach wie vor wird Fracht transportiert – das Ein- und Ausladen von Paletten können wir auf unserer Reise an vielen Häfen beobachten. Das Hauptgeschäft aber ist der Tourismus, und die neuen Schiffstypen sind auf jene Sorte Kreuzfahrtpublikum ausgerichtet, die zwar kein Schickimicki wollen – aber trotzdem Komfort. Damit versucht Hurtigruten, sich in die Zukunft zu retten.

Ein verlassenes Schiff

Reisen auf einem Hurtigruten-Schiff: Wie das noch bis in die 1990er Jahre aussah, können wir uns ebenfalls in Stokmarknes anschauen. Die MS Finnmarken, 1956 in Dienst gegangen, wurde 1993 ausgemustert – und seit 1999 liegt sie auf dem Trockenen und ist als Museumsschiff zugänglich.

Man kann die MS Finnmarken auf eigene Faust erkunden. Neugierig schauen wir uns alles an, laufen treppauf und treppab über alle Decks und durch die Salons, werfen mit ein wenig Schaudern einen Blick in die Gemeinschafts-Nasszellen und in die Kabinen mit Doppelstockbetten (immerhin: eigene Waschbecken!).

Sie ist fast ein wenig unheimlich, diese Erkundungstour durch ein ausgedientes Schiff – wie ein Trocken-Tauchgang zu einem gesunkenen Wrack. Ihr könnt das Schiff übrigens ebenfalls erkunden und müsst dafür nicht einmal nach Norwegen reisen: Das Hurtigruten-Museum bietet auf seiner Website virtuellen Rundgang sowohl auf der MS Finnmarken als auch in den übrigen Ausstellungsräumen. 

Die MS Finnmarken muss einst ein Stolz der Flotte gewesen sein, eines der ersten Hurtigruten-Schiffe, das den Motor achtern hatte und über einen verstellbaren Propeller verfügte, mit Platz für bis zu 585 Passagiere, die sie unzählige Male von Bergen und Kirkenes und zurück brachte, über ruhige wie über raue See.

Das Restaurant wirkt, als sei es eben erst verlassen worden, und man braucht nicht viel Phantasie, um das Stimmengewirr zu hören, das Tellerklappern, das Gläserklirren. Oder die Musik im angrenzenden Salon, wo Menschen an Tischen sitzen, rauchen, trinken, sich die Abende mit Gesellschaftsspielen vertreiben. Inmitten der Unbeschwertheit wirft vielleicht jemand einen besorgten Blick nach draußen, an einem Tag im Februar 1981: Durchs Schneetreiben ist wahrscheinlich kaum etwas zu erkennen, Gischt schlägt hoch. Plötzlich ein schleifendes Geräusch, das ganze Schiff erzittert: An diesem Tag hat die MS Finnmarken im Moldøra-Sund bei Svolvær Grund berührt. Niemand kommt zu Schaden. Der Rumpf aber ist so beschädigt, dass das Schiff evakuiert werden muss.

Von 1956 bis 1993 für Hurtigruten an der norwegischen Küste unterwegs, seit 1999 in Stokmarknes aufgebockt und durch ein Wellblechdach vor Regen geschützt: Die MS Finnmarken.

Manche Kantine hat weniger Charme: Das Restaurant auf der MS Finnmarken.

Die Cafeteria.

In einem der Salons aus der MS Finnmarken.

Aparte Tisch-Deko.

Romantik pur: Doppelkabine auf der MS Finnmarken.

Die Kommunikationsmittel auf der Brücke der MS Finnmarken.

 

Wir sind ganz froh, auf unsere komfortable MS Spitsbergen zurückkehren zu können.  Ohne Zwischenfälle erreichen wir gegen Abend Svolvær, den Hauptort der Lofoten. Einige Mitreisende besuchen das Kriegsmuseum, das von der Besatzungsgeschichte der Lofoten erzählt. Hier ging es den Deutschen nicht um Eisenerz wie in Kirkenes, sondern mehr um Fischöl: Das  daraus gewonnene Glycerin ließ sich als Schmierstoff für die Motoren der Kriegsmaschinerie nutzen. Nach einem Überraschungsangriff durch die Briten 1941 baute die Wehrmacht Svolvær zu einer Festung aus.

Den zweistündigen Aufenthalt in Svolvær nutzen wir für einen ausgiebigen Abendspaziergang durch das Zentrum des 4500-Einwohner-Städtchens.

Die Hafenpromenade von Svolvær.

Lofotposten, eine der größten Tageszeitung Nordnowegens, hat ihren Sitz in Svolvær.

Die Zukunft für Hurtigruten? Ungewiss

Derzeit kann Hurtigruten mit einem jährlichen staatlichen Zuschuss von 640 MiIllionen Norwegischen Kronen (etwa 66 Millionen Euro) rechnen. Solange öffentliche Gelder fließen, dürfen die Schiffe nicht ausgeflaggt werden – sprich: Sie fahren unter norwegischer Flagge und nicht unter der eines Billiglohnlandes. Doch der Vertrag, der die Subventionen zusichert, läuft 2020 aus.

Seit 2015 gehört die Reederei dem britischen Konsortium Silk Bidco AS. Es gibt Gerüchte, dass die Briten das Unternehmen wieder verkaufen wollen …

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde
Teil 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik
Teil 4: Polarkreis – Bodø – Lofoten
Teil 5: Vesterålen – Tromsø
Teil 6: Honningsvåg – Nordkapp – Kjøllefjord – Mehamn
Teil 7: Berlevåg – Kirkenes – Berlevåg
Teil 8: Barentssee – Hammerfest – Tromsø

Hurtigruten-Tour, Tag 8: Barentssee – Hammerfest – Tromsø

Nach dem Wendepunkt in Kirkenes im Nordosten Norwegens fährt das Hurtigruten-Schiff MS Spitsbergen zunächst wieder Richtung Westen. Die Barentssee zeigt sich auch auf dem Rückweg gnädig und ruhig.

Über sanfte Wellen hinweg schauen wir nach Nordwesten: Irgendwo hinterm Horizont, in vielleicht 1000 Kilometer Entfernung, liegt die norwegische Insel Spitzbergen – und dahinter die Packeis-Grenze. Still ist es hier oben, und beim Anblick der ruhigen See fällt es schwer, sich vorzustellen, welche Kämpfe gerade um dieses abgeschiedene Stück der Welt im Norden des Planeten toben.

Klimawandel macht den Weg frei – zum Geldverdienen

Auf dem arktischen Festland werden ungeheure Vorkommen an Seltenen Erden, Nickel, Blei, Zink, Silber, sogar Gold und Diamanten vermutet, und unterm Polarmeer liegen nach Schätzung der wissenschaftlichen Behörde US Geological Survey 90 Milliarden Barrel (Fass) Öl und 47 Billiarden Kubikmeter Gas, davon ein großer Teil hier, in der Barentssee. An all das kam aber bisher niemand dran: Der dicke Eispanzer verhinderte den Zugang zur Schatzkammer, zudem waren die Bohr- und Fördertechnologien für die Extrembedingungen nicht weit genug entwickelt. Nun schmelzen die polaren Eiskappen – und die Bodenschätze rücken in greifbare Nähe. Auch als Handelswege werden die Nordwest- und die Nordostpassage zwischen Atlantik und Pazifik immer besser nutzbar: Klimaforscher rechnen damit, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer komplett eisfrei ist. Schiffe sparen auf dem Weg zwischen Europa und Asien 7000 bis 8000 Kilometer, wenn sie statt des Suezkanals den Weg durch das eisfreie Nordmeer nehmen. 

Handelswege durch die Arktis und Alternativrouten. Von mir hinzugefügt: Markierungen von Spitzbergen, der Barentssee und unseres ungefähren Standorts. Bild: Maximilian Dörrbecker, Lizenz: CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Längst hat es begonnen, das verstärkte Gezerre um Gebietsansprüche zwischen den „Arkischen Fünf“, den Anrainerstaaten Russland, Dänemark (über Grönland), Kanada, Norwegen und USA.  Allein Russland beansprucht 1,2 Millionen Quadratkilometer der Arktis inklusive Nordpol, unter anderem mit dem Argument, dass der Lomonossow-Rücken, ein Unterwasser-Gebirgszug, der bis zum Pol reicht, die geologische Verlängerung von Sibirien sei. Aber auch andere Länder mischen mit, unter anderem, weil im Spitzbergenvertrag von 1920 die Inselgruppe zwar Norwegen zugeschlagen wurde, das Land aber nur eingeschränkte Souveränität hat und den 47 Unterzeichnerstaaten nicht verwehren darf, sich auf Spitzbergen ökonomisch zu betätigen.

Stürmische Zeiten dürften also auf das Nordpolarmeer zukommen, das an diesem Tag so friedlich daliegt. Von Deck 8 aus lassen wir den Blick in die Ferne schweifen, dorthin, wo Spitzbergen und der Nordpol sein müssen, und drücken heimlich die Daumen, dass der Ölpreis niedrig bleibt. Vielleicht bremst das ja die Gier nach den Schätzen der Arktis.

Schneewittchen macht Hammerfest glücklich

Auf unserer Rückreise stehen 31 der 34 Häfen, die wir nordgehend anliefen, nun ein zweites Mal auf dem Programm, und wir hoffen, einige Orte diesmal im Tageslicht besser kennenlernen zu können. Berlevåg, Mehamn, Kjøllefjord und Honningsvåg laufen wir nachts an, und am Morgen des achten Tages haben wir Zeit für ein ausgedehntes Frühstück, bevor wir gegen 10:30 Uhr Hammerfest erreichen.

Ähnlich wie am Nordkap, so stemmt man sich auch Hammerfest trotzig gegen die geografischen Gegebenheiten. Es möchte so gerne die nördlichste Stadt der Welt sein, doch wie erwähnt liegt Barrow in Alaska nördlicher. Und auch in Europa konnte Hammerfest den Titel nicht halten, seit Honningsvåg in der Gemeinde Nordkapp 1998 Stadtrechte bekommen hat. Armes Hammerfest. Doch Christian vom örtlichen Eisbärenclub erzählt uns, dass man sich hier zu trösten weiß. Und zwar mit der Tatsache, dass es weiter im Norden zumindest keine Stadt gibt, die größer ist als Hammerfest mit seinen 10.000 Einwohnern.

Blick auf den Hafen von Hammerfest – und auf unser Schiff am äußeren Kai.

Erneut eine Architektur, die sich von Stockfischgestellen hat inspirieren lassen: Die protestantische Kirche steht auf einer Anhöhe im Zentrum von Hammerfest.

Im Inneren wirkt die Kirche warm und freundlich.

Die Gemeinde hat derzeit aber wahrlich keinen Grund zur Klage. In die Stadtkasse sprudelt so viel Geld, dass sich Hammerfest für seine Hauptstraße beheizte Gehsteige leisten kann. Grundlage für den neuen Reichtum ist Schneewittchen.

So heißt ein Erdgasfeld in der Barentssee etwa 140 Kilometer entfernt, das 1984 entdeckt worden ist. Seit rund zehn Jahren pumpt Statoil das Gas von dort durch Pipelines im Meer bis nach Melkøya, die „Milchinsel“, die direkt vor Hammerfest liegt.

 

 

Hier, in Europas größter Erdgasverflüssigungsanlage, wird das Gas auf minus 160 Grad herunterkühlt. Es schrumpft dadurch auf ein Sechshundertstel seines Volumens und kann als LNG (liquefied natural gas) direkt verschifft werden, beispielsweise nach Großbritannien. Als wir in Sichtweite an der Anlage  vorbeifahren, bekommen wir – passend zum Ereignis – einen „Energie-Kaffee“ an Deck serviert. Er besteht aus Kaffee mit Kakao. 8-)

Erdgas-Verarbeitungsanlage auf der Insel Melkøya bei Hammerfest. Foto: Bjørnar Lunga – Eigenes Werk, Copyrighted free use, Link

Reiches Norwegen

Der Export der Öl- und Gasvorkommen haben Norwegen seit den 1970er Jahren zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht, ein Land mit vergleichsweise wenig Arbeitslosigkeit, großzügigen Sozialleistungen, wenig Überstunden, viel Freizeit und dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. „Man verdient hier weit mehr als in Deutschland – in jedem Beruf“, sagt Christian, der uns in Hammerfest herumführt. Muss man auch, so teuer, wie das Leben in Norwegen bei 25 Prozent Mehrwertsteuer ist. Oslo gilt als eine der teuersten Städte der Welt.

Der Staat hat seine Hand auf der Ölförderung, der Konzern Statoil, mehrheitlich in Staatsbesitz, betreibt den Großteil der Anlagen zur Förderung und Verarbeitung. Das Geld, das durch den Export von Erdöl und Erdgas reinkommt, investiert Norwegen in einen Pensionsfonds. Legt man den aktuellen Wert auf die rund fünf Millionen Norweger um, so kommen auf jeden Staatsbürger rund 150.000 Euro, die auf der hohen Kante liegen.

Die „Oljebremse“

Doch es scheint, als würden die fetten Jahre in Norwegen ihrem Ende entgegengehen. So abhängig, wie das Land vom Export seiner Rohstoffe ist, so hart trifft es der fallende Ölpreis. Die wichtigste Branche des Landes, in der vor wenigen Jahren noch rund 300.000 Menschen arbeiteten, streicht  nun Jobs. Seit 2013 – dem Jahr, in dem der aktuelle Preissturz beim Öl begann – ist die Arbeitslosigkeit in Norwegen angestiegen, wenn auch immer noch auf niedrigem Niveau. Aktuell sinkt die Quote zudem wieder, im September 2017 lag sie laut Eurostat bei 4 Prozent.

 

 

Offenbar machen die Norweger das Beste aus der Krise. In Kristansand im Süden Norwegens beispielsweise sei parallel zum Ölpreisverfall die Zahl der Startups in die Höhe geschnellt, berichtet Kathrin Witsch in einer Multimedia-Reportage fürs Handelsblatt. Und im World Happiness Report 2017 ist Norwegen gerade erst auf Platz 1 geklettert und gilt somit als das glücklichste Land der Welt – Krise hin oder her.

In Hammerfest jedenfalls ist von einem Niedergang nichts zu spüren. Die LNG-Anlage vor der Haustür hat der Stadt mehrere hundert neue Arbeitsplätze beschert.

Wie die Erde (auch) in Hammerfest vermessen wurde

Wer sich für die Vermessung der Welt interessiert, findet in Hammerfest ein besonderes Zeugnis dieser Wissenschaft: Auf einer Anhöhe steht ein Vermessungspunkt des Struve-Bogens.

Bereits Isaac Newton vermutete um 1600, dass die Erde keine Kugel, sondern an den Polen abgeflacht ist. 200 Jahre später wollten Forscher um den russischen Astronomen Friedrich Georg Wilhelm Struve herausfinden, wie groß diese Abflachung tatsächlich ist. Dafür suchten sie 265 Punkte entlang eines Meridians aus, also einer Linie auf einem Längengrad in Nord-Süd-Richtung, der sich über 3000 Kilometer von Hammerfest südwärts über Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland und die Ukraine bis nach Ismail am Schwarzen Meer zieht, beobachteten wiederholt den Stand bestimmter Sterne zu ausgewählten Punkten und maßen den Abstand der Breitengrade auf der gesamten Strecke.

Das Monument markiert den Vermessungspunkt des Struve-Bogens.

Fast vierzig Jahre nahm das Projekt des skandinavisch-russischen Meridianbogens in Anspruch. Am Ende wusste man, dass der Abstand zwischen zwei Breitengraden an der norwegischen Küste 359 Meter weniger beträgt als am Schwarzen Meer. Daraus wiederum ließ sich die Krümmung der Erde und die Abflachung am Pol bestimmen.

Viele Staaten in Westeuropa nutzten die Daten, die Struve und sein Team zwischen 1816 und 1855 zusammengetragen hatten, für ihre eigenen Vermessungen – bis moderne Satelliten diese Aufgabe übernahmen.

CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons“ /> Die Punkte des Struve-Meridianbogens. Bild: Bamse/ historicair, CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Heute existieren noch 34 der Vermessungspunkte, vier davon liegen in Norwegen. Der Struve-Bogen wurde 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, und Hammerfest ist stolz, dass der Stadt ein Stückchen davon gehört.

Und Hammerfest hat noch mehr zu bieten:

Das samische Restaurant Mikkelgammen („Michaels Hütte“) am Aussichtspunkt Salen hat leider gerade geschlossen.

Der Eisbären-Club hat weltweit um die 230.000 Mitglieder. Das Foto zeigt eines der Ehrenmitglieder (rechts).

Nach zwei Stunden sagen wir der „nördlichsten Stadt der Welt mit mehr als 10.000 Einwohnern“ Lebewohl und legen wieder ab. Zwischen Øksfjord und Skervøy fahren wir durch ein Stück offene See. Keine Inseln schützen die MS Spitsbergen hier vor dem Westwind, der wieder aufgekommen ist. Wir lenken uns ab mit Lesen, Entspannen – und Essen, versteht sich. Das Schiff hat Stabilisatoren, die das Rollen, also das seitliche Schaukeln, deutlich abmildern. Richtig unangenehm wird es erst in den nächsten Tagen, wenn der Wind von vorne kommt und das Schiff ins Stampfen gerät.

Tromsø erreichen wir um 23:45 Uhr – gerade noch rechtzeitig für das …

Mitternachtskonzert in der Eismeer-Kathedrale

Der Anblick der illuminierten Eismeer-Kathedrale an der Festland-Seite der Tromsøbrücke hat uns schon auf dem Hinweg fasziniert. Eigentlich heißt sie Tromsdalen-Kirche und dient als ganz normale Pfarrkirche. Ihren geläufigeren Namen bekam sie wegen der spitz zulaufenden Seitenwände, die der Kirche die Form eines Eisbergs geben. Vielleicht hat der Architekt aber auch an ein Stockfischgestell gedacht? Wäre ja nicht das erste Mal.

Die Eismeer-Kathedrale inm Stadtteil Tromsdalen: Leuchtröhren zwischen den Lamellen der Seitenwände machen sie zu einem weithin sichtbaren Wahrzeichen.

Die Eismeer-Kathedrale ist mit dem größten Glasmosaik Europas ausgestattet. Die Kronleuchter wirken wie Eiszapfen.

Heute Nacht lernen wir die Kirche von innen kennen. Ein Bus bringt uns über die Brücke zur Kathedrale, wo bereits drei Musikerinnen und Musiker auf uns warten: Die Sopranistin Anne-Berit Buvek, Hanne-Sofie Akselen (Flöten und Joik) und der Pianist Tore Negard.

Die mitternächtliche Konzertstunde füllen sie mit 13 Stücken, darunter viele norwegische Volksweisen, in moderner Bearbeitung. Melancholie liegt in den meisten Melodien – und ich mag das. Eines der Lieder, die wir in dieser Nacht hören, ist Blå salme von Erik Bye. Hört euch dieses wunderschöne Abendlied hier mal in einer Fassung von Hilde Heltberg an:

Neben norwegischen Volksweisen hören wir in der Eismeer-Kathedrale ein romantisches Lied Hans-Christian Andersens, vertont von Edvard Grieg, sakrale Musik und samische Joiks in jazziger Bearbeitung. Gebannt lauschen wir einem Stück nach dem anderen, und die Stunde ist viel zu schnell vorbei. Auch die hervorragende Akustik in der Eismeer-Kathedrale trägt dazu bei, dass das nächtliche Konzert ein besonderen Erlebnis wird. Musikerinnen und Musiker in Tromsø nutzen das gerne und treten regemäßig in der Kirche auf, wie ein Blick auf den Konzertkalender zeigt.

Wir werden gebeten, während des Konzerts nicht zu filmen. Irgendjemand hat es bei anderer Gelegenheit getan, und so könnt ihr euch in diesem Youtube-Video einen kleinen Eindruck von einem Konzert in der der Eismeer-Kathedrale verschaffen – erfreulicherweise mit einem meiner Lieblingslieder: „Both Sides Now“ von Joni Mitchell.

 

Mit einem erinnerungswürdigen Erlebnis mehr im Herzen kehren wir aufs Schiff zurück, das kurz darauf seinen Weg durch die arktische Nacht fortsetzt. Dreieinhalb Reisetage trennen uns noch von Bergen.

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde
Teil 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik
Teil 4: Polarkreis – Bodø – Lofoten
Teil 5: Vesterålen – Tromsø
Teil 6: Honningsvåg – Nordkapp – Kjøllefjord – Mehamn
Teil 7: Berlevåg – Kirkenes – Berlevåg

Hurtigruten-Tour, Tag 7: Berlevåg – Kirkenes – Berlevåg

Es ist die siebte Nacht unserer Seereise entlang der norwegischen Küste. Die Barentssee ganz im Norden ist unerwartet ruhig. Am Morgen werden wir Kirkenes erreichen, ein kleines Städtchen ganz im Nordosten, fast an der russischen Grenze. Auch Finnland ist dann nicht mehr weit.

In Kirkenes endet die nordgehende Route, unser Schiff wendet und macht sich auf den rund 2500 Kilometer weiten Rückweg nach Bergen.

Als habe sich kurz vor dem Wendepunkt endlich jemand ein Herz gefasst und den Vorhang zur Seite gezogen, reißt der Himmel in dieser Nacht auf. Endlich haben wir eine Chance, das Nordlicht zu sehen!

Hunting the light

Vor der Reise habe viel über das Naturphänomen gelesen. Wie es entsteht, habe ich immer noch nicht im Detail verstanden. Mein Versuch einer Erklärung (über die Polarlichtkennerinnen vermutlich die Stirn runzeln werden):  Die Sonne schleudert permanent  elektrische Teilchen von sich. Wenn die Bestandteile dieses Sonnenwinds auf das Magnetfeld der Erde treffen, feiern die Atome diese Begegnung mit einem Illuminationsfestival. Wie sehr die Party ausufert, hängt unter anderem von der Intensität des Sonnenwindes ab.

Das Zusammentreffen findet in ungefähr 100 Kilometern Höhe im Norden und Süden unseres Planeten statt, denn die Sonnenwinde werden vom Magnetfeld dorthin geleitet, wie Nordlicht-Forscher Helge Nylund aus Tromsø in diesem Interview erklärt. Wenn sie als Polarlicht sichtbar werden, geschieht das an beiden Polen zur gleichen Zeit – als Südlicht oder Aurora australis, oder als Nordlicht bzw. Aurora borealis in der Gegend, in der wir gerade unterwegs sind.

Das Ganze passiert eigentlich ständig und nicht nur im Winter, doch meistens können wir es nicht sehen. Es braucht es einen möglichst dunklen Standort ohne die übliche Lichtverschmutzung der Städte (ein Schiff auf See ist also prima geeignet), wolkenfreie Sicht –  und natürlich Glück und Geduld. Eine gute Zeit für die Sichtung soll zwischen 23 und 24 Uhr sein, hat uns einer der lokalen Tourenführer bei einem Landgang gesagt.

Wir haben uns mehrere Nordlicht-Apps installiert, die eine Pushnachricht schicken, wenn die Chancen am aktuellen Standort steigen. Berechnet wird das anhand der Stärke des Sonnenwindes, der ungefähr 18 Stunden braucht, bis er auf das Magnetfeld der Erde trifft. Und dann gibt es ja noch den Polarlicht-Alarm an Bord der MS Spitsbergen.

Es wird sich zeigen, dass wir gut daran tun, uns auf all das nicht zu verlassen.  Wir kleben an diesem Abend förmlich am Kabinenfenster und lassen den Himmel kaum aus den Augen.

Und plötzlich ist es da.

Nordlicht in der Nähe von Berlevåg.

Ein gezacktes Lichtband, das am Horizont erst diffus aufschimmert und schnell an Farbintensität zunimmt, bis es neongrün leuchtet. Ich schnappe Stativ und Kamera und wir rennen an Deck.

Nur eine Handvoll Passagiere sind oben, denn eine Durchsage hat es nicht gegeben. Wir schauen gebannt zum Himmel, wo das grüne Band sich von Steuerbord quer über unsere Köpfe hinweg bis nach Backbord ausdehnt und uns nun überwölbt. Einige Passagiere zeigen ungläubig nach oben, manche flüstern, andere lachen, ein spanischer Mitreisender macht Luftsprünge vor Freude. Ich kann gar nichts sagen, nur gucken. Und staunen. Und nur ein Wort denken: Wow.

Wow, wow, wow.

Im Augenwinkel wird es hell. Die Lichter des nächsten Hafens Berlevåg sind in Sicht, und wir ahnen: Der Zauber ist gleich vorbei. Einmal kann ich noch auf den Auslöser drücken, bevor wir in den Hafen einlaufen, dann wird das grüne Lichtband schwächer, bis es schließlich ganz verschwindet.

Über Berlevåg wird das Polarlicht schwächer.

Der Himmel gehört wieder den Sternen. Wir stehen noch lange an Deck und warten. Vielleicht kehrt es noch einmal zurück, wenn wir wieder auf See sind …

Leider tut es das in dieser Nacht nicht. Trotzdem sind wir selig. Natürlich hatten wir darauf gehofft, einen Moment wie diesen auf unserer Reise in den hohen Norden zu erleben, aber eine Garantie gibt es eben doch nicht. Nun ist der Traum wahr geworden. Ich bin zutiefst dankbar dafür.

Auch Wochen nach unserer Tour, längst zurück in Mitteleuropa, wo die Himmelserscheinung allenfalls ein-, zweimal im Jahr zu sehen sein kann, wenn denn die Intensität der Sonnenwinde stark genug ist, ertappen wir uns dabei, wie wir in klaren Nächten Ausschau halten. In Frankfurt! Lachhaft, ich weiß. Aber Nordlicht macht süchtig. Ich will es unbedingt wieder sehen – und plane bereits, wo und wann ich wieder auf Polarlicht-Jagd gehen kann. :)

Über Båtsfjord und Vardø, Norwegens östlichste Stadt, kommen wir am frühen Morgen nach Vadsø, die Hauptstadt der Provinz Finnmark, gelegen am Varangerfjord. Es ist der letzte Hafen vor Kirkenes.

Frühmorgens machen wir Station in Vadsø, Hauptstadt der Provinz Finnmark.

Von der Barentssee vor der norwegischen Nordküste biegen wir Richtung Südwesten in den Varangerfjord ab.

Nur noch ein paar Meilen bis Kirkenes.

Die Grenze zu Russland ist nah.

Beim Frühstück am nächsten Morgen zeigt sich, dass das nächtliche Erlebnis die Passagiere gewissermaßen in zwei Gruppen gespalten hat. Die, die das Nordlicht gesehen haben, bestätigen sich gegenseitig, wie wundervoll dieses Erlebnis war. Die, die es verpasst haben, schwanken zwischen Traurigkeit und Empörung über die fehlende Durchsage der Crew. Wir bedauern vor allem jene, die in Kirkenes von Bord gehen. Viele machen nur die nordgehende Tour und fliegen von hier aus zurück. Für sie war das die letzte und einzige Chance, das Polarlicht von Bord aus zu sehen.

Ankunft in Kirkenes

Nach mehr als 2500 Kilometern entlang der norwegischen Küste, durch viele Fjorde, an unzähligen Inseln und Schären vorbei und ein gutes Stück durch die kalte Barentssee, legen wir pünktlich um 9 Uhr in Kirkenes an. Bei strahlendem Sonnenschein und leichten Minusgraden gehen wir von Bord.

Die MS Spitsbergen am Kai von Kirkenes.

Morgens in Kirkenes: Viel höher steigt die Sonne um diese Jahreszeit nicht.

… die Schatten sind lang im Winter in Norwegen.

Kirkenes mit seinen heute etwa 3500 Einwohnern hat eine bewegte Geschichte. Der Name der Stadt rührt her von der Form der Landzunge, auf der das Dorf einst stand. Wie eine Nase ragte sie ins Meer, und zu den wenigen Häusern auf der „Nase“ (nes) gehörte eine Kirche (kirke) – voilà: Kirkenes.

Die Landzunge gibt es heute nicht mehr, die Bucht wurde aufgefüllt mit Gestein aus den Eisenerzgruben. Das Eisenerz hat Kirkenes einst groß gemacht – und der Fall der Weltmarktpreise drückt es nun nieder.

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt der Aufstieg des Fleckens, der am Ende der Welt zu liegen scheint. Südlich von Kirkenes wird Eisenerz abgebaut, und über den eisfreien Hafen mit Anbindung zum Polarmeer kann es praktischerweise gleich von Ort und Stelle aus in die Welt verschifft werden. Die Jobs im Tagebau locken nach dem Ersten Weltkrieg Tausende aus vielen Ländern nach Kirkenes. Die Einwohnerzahl schnellt in die Höhe, bis zu 10.000 Menschen leben zeitweise in Kirkenes.

Das Eisenerz, aber mehr noch die Lage der Stadt nahe der russischen Grenze bringt sie im Zweiten Weltkrieg in eine extrem bedrückende Situation.

Kirkenes wird zum Schlachtfeld

Im arktischen Norden wähnen sich die Bewohner der Stadt weit weg vom Kriegsgeschehen, auch dann noch, als die deutsche Wehrmacht Norwegen im April 1940 besetzt. Gleichwohl haben die Deutschen von Beginn an ein Auge auf die Eisenerzvorkommen in Norwegen, auch jene in Kirkenes, geworfen. Als die Nazis im Juni 1941 auch gegen Russland den Krieg eröffnen, wird Kirkenes zu einem noch wichtigeren Punkt auf der Landkarte – wegen seiner Nähe zu Russland. Nach Murmansk sind es nur 200 Kilometer. Über den einzigen eisfreien Hafen mit Zugang zum Polarmeer versorgen die Alliierten die Sowjetunion mit Waffen. Die Deutschen wollen diese Nachschublinie kappen.

Die Wehrmacht verlegt mehr 30.000 Soldaten nach Kirkenes, um von hier aus den Russen die Kontrolle über ihre wichtige Hafenstadt zu entreißen. Der abgelegene Ort im nordöstlichsten Zipfel Norwegens ist zur Frontstadt geworden.

Deutsche und Russen machen aus der Gegend ein Schlachtfeld. Kirkenes gilt als eine der meistbombardierten Städte Europas während des Zweiten Weltkriegs. Von 300 Luftschlägen ist die Rede. Die Bevölkerung wird zwischen den Kriegsparteien regelrecht aufgerieben.

Den Rest besorgt die Wehrmacht, als sie 1944 den Rückzug aus Nordnorwegen antreten. Nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ lassen die Deutschen in Kirkenes (wie auch in vielen anderen Orten der Finnmark) kaum ein Haus stehen. Die überlebenden Bewohner müssen den arktischen Winter in Tunneln und Schächten verbringen. Sie kommen erst zum Vorschein, als die Russen 1945 in Kirkenes einmarschieren.

Einer dieser Tunnel ist die Andersgrotta, benannt nach dem Ingenieur, der ihn baute. Ein lokaler Stadtführer nimmt uns mit in den Schacht unter der Stadt. Unvorstellbar für uns, dass sich hier mehrere tausend Menschen drängten, in Dunkelheit, Kälte und ständiger Angst um ihr Leben.

Den Wegweiser haben die Deutschen zurückgelassen. Im Hintergrund der Zugang zur Andersgrotta.

In dem Tunnel unter Kirkenes suchten mehrere tausend Menschen Schutz vor den Bombardierungen und vor dem kalten Winter.

Nach dem Wiederaufbau läuft auch die Arbeit in den Eisenerzgruben wieder an.  In den 60er und 70er Jahren erlebt die Stadt einen neuen Aufschwung. Doch Anfang der 1990er Jahre ist es damit vorbei. Die Weltmarktpreise sind so stark gefallen, dass der Betrieb unrentabel wird. 1996 macht die Grube dicht. Tausende verlieren ihre Jobs.

Später versucht eine australische Firma noch einmal ihr Glück und lässt den Tagebau wieder anlaufen. Doch das geht nicht lange gut. 2015 ist erneut Schluss. Seither wird nur noch Gestein aus den Gruben geholt, um es als Baumaterial nach Russland zu verkaufen, und in einem großen Gebäudekomplex, der früheren Separierungsanlage, halten ein paar verbliebene Mitarbeiter die Stellung.

Kirkenes hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann an seine blühende Vergangenheit anknüpfen zu können. „Wir warten alle darauf“, sagt unser Stadtführer. Bis dahin leben sie hier vom Königskrabbenfang und vom Tourismus. Jedes Jahr im Dezember bauen die Kirkeneser ein Schneehotel außerhalb der Stadt. Und jedes Jahr im Frühling schmilzt es wieder.

Kleiner Grenzverkehr

Norwegen und Russland, Nato und Warschauer Pakt, Schengen-Raum und Ostblock: Hier oben am Polarmeer stoßen seit langem Welten aufeinander. Dabei lupfte sich hier schon Mitte der 1960er Jahre der Eiserne Vorhang ein wenig: Die Sowjetunion gewährte Norwegern ohne Visum den Zutritt ins russische Grenzdorf Boris Gleb, wo die sich gerne am Wodka gütlich tun durften – gegen Eintritt und Devisen.

Heute kann ungehindert die Grenze passieren, wer dauerhaft in einem Radius von fünfzig Kilometern wohnt – egal auf welcher Seite. Die Norweger tanken im Nachbarland ihre Autos auf mit Sprit, der nur ein Drittel als der aus der heimischen Zapfsäule kostet. Die Russen aus der Grenzregion kommen gerne zum Einkaufen, weil Kirkenes näher ist als Murmansk, und weil hier manche Dinge hier leichter zu bekommen sind. Einmal im Monat findet ein „Russenmarkt“ im Zentrum von Kirkenes statt. 

Die Kluft scheint groß zwischen offizieller Politik einerseits und Lebensalltag der Menschen hier oben andererseits. Dass Norwegen die Sanktionen der EU gegen Russland wegen der Krim-Annexion unterstützt, und dass Russland im Gegenzug Lebensmittelimporte aus Europa verbietet – in der arktischen Hafenstadt kümmert das offenbar nur wenige.

Auf dem Weg zur  russischen Grenze macht unser Begleiter uns auf die Vegetation aufmerksam: Die Nadelwälder, die wir südlich von Kirkenes sehen, sind Ausläufer der sibirischen Taiga. Der Waldgürtel zieht sich von hier bis zur Beringsee. Bären leben in diesen Wäldern.

 

Russland in Sichtweite: Quer über den Fluss Patsoyoki verläuft die Grenze.

Die Straßenschilder nennen Ortsnamen auch in kyrillischer Schrift.

Ein paar Kilometer folgen wir der Europastaße 105. Sie führt von der arktischen Barentssee über die norwegisch-russische Grenze durch die Kola-Halbinsel nach Murmansk und weiter bis hinunter ans Schwarze Meer.  Wir hingegen biegen unmittelbar vor der Grenzstation Storskog von der E105 auf einen Parkplatz ab, steigen aus und beschränken uns auf den Blick hinüber.

Hunderte Syrer, die die Arktis-Route über Moskau und Murmansk nach Kirkenes in Norwegen nahmen, standen genau dort 2015 vor einem kuriosen Problem: Ohne Fahrzeug ging es nicht weiter. Russland verwehrt Fußgängern den Übertritt. Die Geflüchteten kauften sich deshalb Fahrräder, strampelten damit die paar hundert Meter bis nach Norwegen und warfen die Räder dort weg.

 

Hier endet die Schengen-Region.

Fußgänger veboten: Nur mit Fahrzeugen darf die norwegisch-russische Grenze passiert werden.

Inzwischen ist der Weg über die kalte Arktis-Route so dicht wie die Balkan-Route. Die norwegische Regierung hat neue Grenzzäune ziehen lassen und das Asylrecht verschärft. Mit diesem Ergebnis:

 

 

Auf die südgehende Route

Am frühen Nachmittag legt die MS Spitsbergen vom Hurtigruten-Kai in Kirkenes ab. Wir machen uns auf den weiten Weg zurück nach Bergen.

Ein letzter Blick auf Kirkenes: Um die Mittagszeit beginnt es bereits zu dämmern.

Den Hafen Vadsø lässt das Schiff auf der südgehenden Route aus. Als wir Vardø erreichen, ist die Sonne bereits untergegangen.

Viele der verbliebenen Passagiere zieht es an diesem Abend erneut auf Deck 8 in der Hoffnung, das Polarlicht zu sehen. Nur ein paar Wolken sind am Himmel.

Nordlicht-Jäger an Deck.

Eine dieser Wolken fällt uns auf, weil sie ungewöhnlich schimmert. Nach einer Weile hören wir tatsächlich eine Durchsage: Aurora borealis auf der Backbord-Seite! Farbiges Licht aber ist weiterhin nicht zu sehen. Aus Spaß drücke ich auf den Auslöser der Kamera. Und staune nicht schlecht, denn erst auf dem Display leuchtet die schimmernde Wolke grün: Fotografisches Polarlicht, so lernen wir, ist für das bloße Auge nicht sichtbar.

Fotografisches Polarlicht – mit bloßem Auge war dieser Streifen nichts als eine Wolke, die ein bisschen zu schimmern schien.

Wir haben die Polartaufe überlebt, uns von Huskys im Schlitten ziehen lassen, am Nordkap gestanden, das Polarlicht gesehen: Von dieser Fülle an wunderschönen Momenten werden wir lange zehren. Und dabei haben wir erst die Hälfte der Strecke hinter uns …

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde
Teil 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik
Teil 4: Polarkreis – Bodø – Lofoten
Teil 5: Vesterålen – Tromsø
Teil 6: Honningsvåg – Nordkapp – Kjøllefjord – Mehamn

Hurtigruten-Tour, Tag 6: Honningsvåg – Nordkapp – Kjøllefjord – Mehamn

Fünfzig Schattierungen von Grau? Inzwischen kenne ich sie alle. Nach nahezu jedem Landgang auf unserer Hurtigruten-Schiffsreise muss ich mich aus einer pitschnassen Jacke schälen und bin heilfroh, mir kurz vor der Abreise noch eine wasserfeste Hose mit Fleece-Futter angeschafft zu haben. Statt der Sonne lachen weiterhin schwere graue Wolken am Himmel – und zwar Tränen.

Wolkenverhangene Inseln in der Nähe des 71. Breitengrads.

Ein wenig frustrierend ist das schon, wenn man sich jahrelang auf eine Traumreise freut und dabei stets die Bilder von glitzerndem Schnee und sonnenbeschienenen Fjorden unter blitzblauem Himmel vor Augen hat.

Doch eine Messenger-Nachricht von zuhause stoppt den Anflug von Übelgelauntheit, den das Wetter in mir aufkommen lässt: „Du kannst es genießen oder nicht genießen. Genießen ist auf alle Fälle die bessere Wahl“ – gefolgt von einem weiteren guten Ratschlag.

Manchen Ratschlägen muss man einfach folgen. 

Stimmungsaufhellende Mittel: Aquavit

Wer auf einer Reise Land und Leute kennenlernen möchte, muss sich natürlich auch mit Ernährungsgewohnheiten beschäftigen – ist ja klar. Der Aquavit, das „Wasser des Lebens“, ist Nationalgetränk in den skandinavischen Ländern. Und wenn die mit Kümmel versetzte Spirituose monatelang über die Weltmeere schippert, macht sie das nur noch wertvoller! So entstand, der Legende nach, die Sorte Linie Aquavit.

Bei einer Lieferung nach Übersee sollen Anfang des 19. Jahrhunderts ein paar Fässer übrig geblieben und nach Norwegen zurückgekehrt sein. Als man sie nach der langen Seereise öffnete und den Inhalt verkostete, stellte man fest: Schmeckt besser als vorher! Die Norweger führten das auf die Schaukelei auf See und die Temperaturschwankungen zurück, und seither wird unter dem Namen Linie Aquavit jene Sorte verkauft, die in Sherryfässern auf Schiffen die weite Reise über den Äquator (Linie) und zurück gemacht hat.

Versuchen kann man’s ja mal. Wir schauen bei unserem aus der Türkei stammenden Barkeeper in der Explorer Lounge vorbei, bestellen zwei Aquavit, einen „Linie“ und zum Vergleich einen, der nicht zur See gefahren ist, schütten das kümmelige Zeug runter – und schütteln uns. Brrrrr!

Auch keine Dauerlösung.

Aber hey! Wir sind in Norwegen! Wo ließen sich Wetter-Widrigkeiten leichter ertragen als hier, in einer der spektakulärsten Landschaften der Welt! Und überhaupt: Komfortabel im Sonnenschein in den höchsten Norden Europas reisen kann ja jeder. Nebel, Schneeregen und die erfrischende Polarmeer-Brise, die jeden Aufenthalt an Deck zur Herausforderung macht, lassen unsere Expediton in arktische Gewässer doch gleich viel authentischer wirken! :)

Außerdem: Nach dem tollen Husky-Hundeschlitten-Erlebnis gestern steuern wir heute mit bis zu 15 Knoten Geschwindigkeit gleich auf den nächsten Höhepunkt unserer Reise zu.

An die 2000 Kilometer haben wir inzwischen zurückgelegt, seit wir in Bergen an Bord gingen. Unser Schiff, die MS Spitsbergen, nähert sich dem äußersten Norden Norwegens. Nachts haben wir kurz im 500-Einwohner-Dorf Øksfjord am gleichnamigen Fjord Station gemacht, und am frühen Morgen lagen wir eine Dreiviertelstunde am Hafen von Hammerfest, dessen Erkundung wir uns für den Rückweg aufheben. Jetzt, kurz vor 9 Uhr, erreichen wir Havøysund. Damit befinden wir uns auf dem 71. Grad nördlicher Breite – auf einer Höhe mit Barrow in Alaska, das Hammerfest den Status als nördlichste Stadt der Welt streitig macht. Im Atlantik irgendwo auf unserer Backbordseite liegt Grönland.

Die 1000-Seelen-Ortschaft Havøysund in Nordnorwegen.

Havøysund liegt in der Finnmark, der nördlichsten Provinz Norwegens. Sie hat rund 75.000 Einwohnerinnen und Einwohner – die allerdings verteilen sich über eine Fläche von der Größe der Schweiz! Im Durchschnitt leben in der Finnmark demnach gerade mal 1,5 Personen auf einem Quadratkilometer (Schweiz: 200, Deutschland: 230).

Über die karge Insel aufs Nordkap

Um 11:15 Uhr laufen wir in Honningsvåg ein. Die Hauptstadt der Gemeinde Nordkapp liegt im Süden der arktischen Insel Magerøya, was im Norwegischen „karge Insel“ bedeutet. Und das trifft es. Auch wenn im Sommer die Temperatur im Schnitt auf 14 Grad klettert, lässt der felsige Grund so gut wie nichts gedeihen. Im Winter kann das Quecksilber auf -30 bis -40 Grad fallen, und für lange zweieinhalb Monate herrscht Polarnacht. Ein Stromausfall wäre fatal, nicht nur wegen der langen Dunkelheit: Wie überall in Norwegen wird auch hier mit Strom geheizt. Deshalb hat man den Anschluss ans Netz doppelt abgesichert und zu den Überlandleitungen, die den Winterstürmen nicht immer trotzen können, eine zweite unterseeische Stromtrasse gelegt.

Unterwegs auf Magerøya.

Und es gibt da unten noch mehr Verbindungen. Gleich mehrere unterseeische Straßentunnel verbinden die Insel mit dem Festland. Rund 250.000 Touristen kommen jedes Jahr; zur Zeit der Mitternachtssonne, so hören wir, sei kaum noch ein Bett frei. Das Bild von der abgeschiedenen Insel täuscht also, zumindest im Sommer kann davon keine Rede sein. Der Tourismus ist neben dem Fischfang zur wichtigsten Einnahmequelle geworden. Magerøya mag am Ende der Welt liegen, doch die Insel hat neben Hotels auch Kino, Theater, Konzerthalle, Polizeistation, einen Flugplatz mit fünf Verbindungen täglich via Hammerfest nach Tromsø – und in jedem Dorf, auch im kleinsten mit neun Bewohnern, eine Grundschule.

Etwa 40 Minuten dauert unsere Busfahrt vom Hafen zum rund 30 Kilometer entfernten Nordkap (norwegisch: Nordkapp). Hinter einer völlig unspektakulären Tankstelle in Honningsvåg überqueren wir erneut den legendären 71. Breitengrad Nord. Von dort windet sich die Straße hinaus aus dem Ort, vorbei an Buchten und Seen, stetig bergauf. Schneeverwehungen auf der Fahrbahn zeigen uns an, dass wir in höhere Regionen kommen.

Der Busfahrer scheint von den Straßenverhältnissen gänzlich unbeeindruckt. Mit den im Winter obligatorischen Spikes-Reifen werden hier weitaus schwierigere Passagen gemeistert. Nach Winterstürmen müssen Straßen in Nordnorwegen oft gesperrt werden. Befahren kann man sie oft trotzdem, allerdings nur zu festgelegten Zeiten und dann im Konvoi hinter einer Schneefräse. Wer nicht mit seinem Auto zur rechten Zeit am Schlagbaum ist, hat Pech gehabt und muss auf die nächste Öffnung warten. Auch die Strecke, auf der wir gerade unterwegs sind, wird bei starkem Schneefall in einem solchen Konvoi befahren: Vorne der Schneepflug, hinterdrein die Busse voller Touristen.

Das Nordkap gilt als der nördlichste Punkt Europas. Stimmt zwar nicht, ist aber nur knapp daneben. Denn die Landzunge mit dem für unsereins schwer auszusprechendem Namen Knivskjellodden etwas weiter westlich ragt noch weiter nach Norden. So kann man den tatsächlich nördlichsten Punkt Europas vom Nordkap aus mit bloßem Auge wenigstens sehen.

Die Landzunge Knivskjellodden ragt 1400 Meter weiter nach Norden als das benachbarte Nordkap.

Was soll’s, die schmale Felsnadel würde sich eh nicht eignen, um dem Ansturm der Touristen gerecht zu werden. Die benachbarte Plattform rund 300 Meter über dem Meeresspiegel dagegen ist gut erschlossen für Besucher, ganz gleich, ob sie sich motorisiert, mit dem Fahrrad oder zu Fuß nähern, und sie hat eine touristenfreundliche Infrastruktur mit Restaurant, Souvenirshop und Toiletten. Tief unter der Nordkaphalle, in der sich all diese Einrichtungen finden, wurde in einem Tunnel zudem ein Kino, ein kleines Museum und sogar eine Kapelle gebaut.

Die Hauptattraktion aber steht draußen, am (natürlich) nördlichen Ende des Plateaus. Der Globus bildet die Kulisse für Hunderttausende von Selfies. Hier eins davon:

Fingerzeig: Nordlandfahrerinnen mit Nordkap im Hintergrund.

Wo heute der Globus steht, stand früher eine Statue von König Harald. Dummerweise konnte man die von den Kreuzfahrtschiffen aus nicht so gut erkennen. So sorgten die Reedereien dafür, dass Harald durch eine weithin sichtbare Landmarke ersetzt wurde, einen metallenen Globus, wie man ihn vom Nördlichen Polarkreis kennt.

Der Brite Richard Chancellor konnte sich weder an Königsstatue noch an Globus orientieren, als er 1553  auf der Suche nach der Nordostpassage Richtung China mit dem Schiff „Edward Bonaventure“ hier vorbeischipperte. Er hielt den markanten Inselfelsen für norwegisches Festland – und taufte ihn „Nordkap“.

Nur noch 2100 Kilometer trennen uns nun vom Nordpol.

Das Nordkap-Plateau liegt 307 Meter über dem Meer – und selten ist es dort so nahezu menschenleer wie an diesem Tag.

Das Mitternachtssonnen-Denkmal wurde 1984 aufgestellt. Die Kompassnadel zeigt – natürlich – nach Norden.

Die Reliefs, jedes nach der Vorlage eines Kindes aus einem der sieben Kontinente gestaltet, bilden das „Denkmal der Kinder der Welt“.

Ein achtes Relief erzählt die Geschichte des Denkmals.

In der Nordkaphalle finden sich ein Restaurant, eine Ausstellung, ein Kino, eine Kapelle und – natürlich – ein Souvenirshop.

 

Unseren persönlichen Nordkap-Moment hält ein netter Mitreisender im Foto fest, das ihr weiter unten seht. Wochen später und längst wieder zuhause, entdecke ich ein weiteres Dokument unseres Besuchs am nördlichen Rande des Kontinents. Die Nordkap-Panorama-Webcam zeigt nämlich nicht nur Echtzeitbilder, sondern auch Archivaufnahmen. Und siehe da:

Unser Nordkap-Moment, festgehalten von der Panorama-Webcam auf dem Dach der Nordkaphalle.

Doch, doch, das sind wir wirklich:

Herangezoomt: Wir sind’s wirklich.

Und dies sind die Fotos, die just in jenem Moment entstehen:

Es gibt kein schlechtes Wetter – es gibt nur schlechte Kleidung!

Happy am Nordkap.

Wir fühlen uns ein bisschen wie Francesco Negri, der erste Tourist, der das Nordkap besuchte. Der Italiener war von Ravenna bis in die nördlichste Region Europas zwei Jahre unterwegs, bis er 1664 endlich das Sehnsuchtsziel erreichte und notieren konnte:

Hier stehe ich am Nordkap, an Finnmarks äußerster Spitze – wirklich am Ende der Welt.

Auf seinen Spuren wanderten in den folgenden Jahrhunderten viele zum Felsplateau hinauf, darunter der spätere „Bürgerkönig“ Frankreichs, Louis Philipp I., der König von Schweden und Norwegen, Oskar II., und König Chulalongkorn von Siam.

All diese Herrschaften mussten sich das Erlebnis hart erarbeiten und von der Bucht Hornvika bis aufs Plateau klettern – auf eben jenem Wanderweg, der vor einigen Jahren wiedereröffnet wurde und den auch meine Kollegin Miriam Keilbach abgelaufen ist – in ihrem Blog beschreibt sie ihn. Wem auch diese Herausforderung nicht genügt, kann es ja wie Nicole und Danni machen. Die beiden Schweizerinnen sind im vergangenen Jahr 4000 Kilometer von Basel zum Nordkap marschiert. Auf basel-nordcap.com berichten sie über dieses Abenteuer.

Nun, auch ich verfolgte eine spezielle Mission, als ich mich zum Nordkap begeben habe. Und ich habe sie erfüllt. Hier das Beweisfoto.

Found it: Der nördlichste Geocache Europas.

 

Im Kino der Nordkaphalle wird übrigens ein durchaus sehenswerter Panoramafilm (Trailer) über das Nordkap und die Insel gezeigt. Auf Magerøya kann man nicht nur alljährlich die Mitternachtssonne am Kap erleben, sondern im Herbst auch einen Almabtrieb der besondern Art: Samische Familien, die ihre Tiere auf den Sommerweiden auf der Insel aufgepäppelt haben, treiben sie zum Festland zurück – und zwar übers Wasser. Die Rentiere sind dann stark genug, den knapp zwei Kilometer breiten Sund schwimmend zu durchqueren. Im Frühjahr werden die vom Winter abgemagerten Rentiere dann wieder mit Booten nach Magerøya transportiert.

Wir selbst sind nach einer Woche Hurtigruten-Verköstigung zwar alles andere als abgemagert. Trotzdem verlassen wir Magerøya nicht schwimmend, sondern in unserer warmen, kuschligen Kabine an Bord der MS Spitsbergen. Am nächsten Hafen wartet schon ein weiterer Ausflug auf uns.

Samischer Herbst

Am Abend sind wir bei einer samischen Familie zu Gast. Es ist ein Landgang zwischen zwei Häfen: In Kjøllefjord gehen wir gegen 17 Uhr von Bord, und während das Schiff seinen Weg nach Mehamn fortsetzt, wo es uns später wieder aufnimmt, nehmen wir in einem kleinen Holzhaus auf Rentierfellen Platz. Auf dem Weg hierher hat unser lokaler Guide (erneut ein deutscher Auswanderer) uns schnell noch beigebracht, was „Guten Tag“ auf Nordsamisch heißt, und so begrüßen wir unseren Gastgeber beim Eintreten hochkonzentriert mit den Worten „buorre beaivi“. Ailo, ein Mittfünfziger in traditioneller samischer Tracht, heißt uns willkommen. In den nächsten anderthalb Stunden bringt er uns seine Kultur näher.

Die Sami sind ein indigenes Volk von gut 100.000 Menschen, die vor allem im Norden der Länder Norwegen, Schweden, Finnland und Russland leben. Sapmi nennen sie ihr grenzüberschreitendes Siedlungsgebiet (und nicht etwa Lappland, wie Ailo betont). In Norwegen stellt die Minderheit heute etwa fünf Prozent der Bevölkerung, nur wenige davon leben von der Rentierzucht. Vieles hat sich am Nomadenleben geändert, die Moderne hat auch bei den Sami Einzug gehalten, aber eines ist geblieben: Die Rentierzüchter folgen den Tieren, wenn diese von den Sommerweiden in den Bergen oder an den Küsten zu den Winterquartieren im Flach- und Binnenland ziehen. Die Rene scheren sich dabei nicht um Ländergrenzen. Und sie sind es auch, die entscheiden, wann es Zeit ist für die Wanderung ist.

Sapmi, das Siedlungsgebiet der Sami. Grafik: Rogper, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Zum traditionellen nomadischen Leben passt, dass die ursprüngliche Sami-Kultur so etwas wie „Landbesitz“ nicht kennt. Nach ihrer Überzeugung muss nur eine einzige Instanz um Erlaubnis gefragt werden, bevor sich der Mensch niederlässt: die Natur. Umso schutzloser waren die Sami in der Vergangenheit der Bevölkerungspolitik in den Ländern ausgesetzt, über die sich ihr Lebensraum erstreckt. Immer wieder wurden sie aus angestammten Sommer- oder Winterweidegebieten vertrieben. Eigentlich geht das seit Wikingerzeiten so, und die Verdrängung hat bis in unser Jahrhundert nicht aufgehört.

Dabei können die Sami sich bis heute auf einen mehr als 250 Jahre alten Vertrag berufen, den „Lapp Codicil“, der ihnen seit 1751 das Recht zugesteht, mit ihren Rentierherden frei herumzuziehen. Landnahme, Abholzungen, Industrialisierungen rücken ihnen dennoch immer mehr zu Leibe, und auch die Risiken einer Technologie, die wir im wohlhabenden Deutschland inzwischen als Auslaufmodell erkannt haben, müssen sie ausbaden: Die Katastrophe von Tschernobyl hat Weidegründe der Sami über Jahrzehnte hinweg verseucht und den Handel mit Rentierfleisch einbrechen lassen. In Norwegen springt der Staat ein. Hier wie auch in Schweden und Finnland gibt es seit Ende der 1980er Jahre zudem ein Sami-Parlament, genannt Sameting, das sich auf politischer Ebene um die Interessenvertretung der Minderheit kümmert. Das scheint auch dringend nötig.

Das Gefühl des Verlusts der Heimat hat der 1943 geborene samische Musiker und Autor Nils-Aslak Valkeapää so in Worte gefasst:

So spalten Teerstraßen unsere Gegenden, unsere Rentierweiden. Diese bringen Menschen irgendwo aus der Welt, sie kriechen aus dem Auto und wünschen Bilder von uns zu machen, von uns Eingeborenen. (…) Man hat uns fast alles genommen, was irgendwie Wert gehabt hat. Man hat uns in Gebiete verdrängt, wo andere nicht zurechtkommen und das Leben dort als Strafe empfinden. Und jetzt erweisen sich diese Gebiete als begehrenswert und nützlich. (…) Die Touristen sind gegangen. Ich habe jetzt Zeit, durch diese Steinwüste zu wandern, denn der Fisch ist verschwunden, und der Gänseschwarm am Tarjunsee nur noch Kindheitserinnerung. Irgendwo in meinem Innern wirbelt Schneegestöber. Eiseskälte, die Tür meines Kühlschranks ist offen, der Inhalt zerstreut in alle Windrichtungen. Ich sehe in meiner Badewanne leere Plastikbeutel schwimmen, mein Bett ist geschändet mit zerbrochenen Flaschen, leeren Bierbüchsen. Und mein Esstisch ist zerstört, asphaltiert, Benzintankstelle und Whiskylachen.

In dem Holzhaus zwischen Kjøllefjord und Mehamn kommt das nur am Rande zur Sprache. Ailo betont eher die Fortschritte als die Probleme. Die Zeiten, in denen Kindern in den Schulen verboten war, samisch zu sprechen, seien vorbei, und Norwegen würde die samische Kultur seit den 1990er Jahren verstärkt fördern. Wir Touristen sollen wohl nicht zu sehr mit den Schattenseiten belästigt werden.

Ein interessanter Abend wird es trotzdem. Wir bekommen Einblicke in die traditionelle Kultur der Sami, ihre nomadische Lebensweise, ihren Umgang mit Pflanzen und Tieren – und ihre Musik, den Joik. 

Bei dem traditionellen gutturalen Gesang, der ein wenig an Jodeln oder indianischen Gesang erinnert, geht es mehr um die Melodie als um Worte. Hört euch Ailo und sein Joiken einfach mal an:

Wir erfahren Wissenswertes über das frühere Alltagsleben, über Rentierzucht und die Herstellung von traditioneller Bekleidung aus dem Fell der Tiere, über Werkzeuge und Essgewohnheiten, über Familientraditionen und Trachten, über Schamanentum und Naturverständnis.

Wir bekommen Kostproben davon, wie sich die Sami die Heilkräfte der Natur zunutze machen: Ailos Tochter serviert uns einen magenberuhigenden Tee aus Arznei-Engelwurz aus einer hölzernen Tasse, während Ailo uns an einem Exemplar demonstriert, welche Bestandteile der Pflanze verwertet werden. Später bekommen wir Aspirin in natürlicher Form: Ein Stückchen Weidenrinde, auf dem wir herumkauen – so wie die Sami es früher taten, wenn sie Kopfschmerzen hatten.

Die junge Frau reicht uns einen Teller mit getrocknetem Rentierfleisch, Stockfisch und Moltebeeren, einen Krähenbeerensaft und einen Schnaps aus Rosenwurz. Auch ein paar Brocken Samisch versucht Ailo uns beizubringen, genauer gesagt: Nord-Samisch. Die Dialekte dieser Sprache, so erzählt er, unterscheiden sich so stark, dass er selbst Schwierigkeiten habe, die Sami aus dem Süden zu verstehen.

Zum Abschluss hören wir Ailo noch einmal joiken, dann entlässt er uns in eine mondhelle Nacht. „Die Chancen stehen gut für das Nordlicht“, sagt er zum Abschied mit einem Blick zum Himmel.

Wird er Recht behalten? Immerhin hat er uns erzählt, er sei der Neffe eines Schamanen …

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde
Teil 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik
Teil 4: Polarkreis – Bodø – Lofoten
Teil 5: Vesterålen – Tromsø

Hurtigruten-Tour, Tag 5: Vesterålen – Tromsø

Tag 5 auf unserer Schiffsreise an der norwegischen Küste von Bergen nach Kirkenes: 300 Kilometer nördlich des Polarkreises bahnt sich die MS Spitsbergen am frühen Morgen ihren Weg zwischen den sechs Inseln der Region Vesterålen hindurch. Sie schließen sich gleich an die bekannteren Lofoten an, die wir nachts hinter uns gelassen haben – und von denen wir im Dunkeln leider viel zu wenig sehen konnten. Weiterlesen →