Hurtigruten-Tour, Tag 3: Kristiansund – Trondheim – Rørvik

Der dritte  Tag unserer Hurtigruten-Reise auf der klassischen Postschiff-Strecke von Bergen nach Kirkenes beschert uns zugleich die längste Etappe zwischen zwei Häfen. Von Trondheim bis Rørvik wird unser Schiff fast neun Stunden ohne Zwischenstopp unterwegs sein.

Die MS Spitsbergen reist mit bis zu 15 Knoten, das sind etwa 27 km/h – für eine gemächliche Fahrt an der norwegischen Küste reicht das völlig, immerhin haben wir für die rund 5300 Kilometer fast elf Tage Zeit. Aber als das Schiff im Jahr 2008 vom Stapel lief, galt es als zu lahm: Die „Atlântida“, die im Auftrag einer portugiesischen Reederei 2007 auf Kiel gelegt wurde, sollte eigentlich als Personen- und Autofähre auf den Azoren verkehren. Während des Baus wurde mehrfach umgeplant – mit dem Ergebnis, dass das Schiff nach Fertigstellung die vertraglich vereinbarte Geschwindigkeit nicht mehr erreichte. Die Portugiesen winkten ab, das Schiff blieb jahrelang ungenutzt. Irgendwann warf Venezuelas Staatschef Hugo Chavez ein Auge darauf, wollte es als Kreuzfahrtschiff für den Einsatz auf dem Amazonas haben, verlor dann aber offenkundig doch das Interesse. Schließlich griff die Reederei Hurtigruten AS zu. Die Norweger rissen das Autodeck komplett raus, bauten das Schiffsinnere quasi neu auf und nahmen es 2016 als bislang jüngsten Zugang in ihre Flotte auf. Es ist seither im „Wechseldienst“ unterwegs: Im Winter im Linienverkehr an Norwegens Küste, im Sommer auf Expeditionsfahrten im Nordmeer, nach Grönland, Island oder Kanada.

Die MS Spitsbergen am Hafen von Trondheim.

Nördlich des 62. Breitengrades fahren die Hurtigruten-Schiffe ausschließlich mit Marinedieselöl. Das ist angeblich ein wenig umweltfreundlicher als das Schweröl, mit dem viele Kreuzfahrtschiffe überall auf den Weltmeeren die Umwelt verpesten – wirklich sauber ist es gewiss nicht. Hurtigruten baut deshalb gerade zwei neue Schiffe mit Hybrid-Antrieb, die 2018 und 2019 in Dienst gehen sollen. 20 Prozent weniger Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß verspricht die Reederei. Bis zu einer halben Stunde am Stück sollen die neuen Schiffe mit Strom aus den Akkus geräuschlos durch die Fjorde und an der Eiskante entlanggleiten. 

Natürlich zeigt man uns an Bord auch ein Werbe-Video von einem der neuen Schiffe, die nach den norwegischen Polarhelden Roald Amundsen und Fridtjof Nansen benannt werden. Ganz ehrlich: Mal abgesehen von den durchaus erfreulichen Fortschritten beim Antrieb hat es uns mit seiner wuchtigen Form (der verstärkte Rumpf ermöglicht Fahrten durch Eisfelder), vor allem aber mit seiner Ausstattung mit drei (!) Restaurants, einem Pooldeck und Suiten mit privaten Whirlpools nicht wirklich gefallen. Viel zu viel Kreuzfahrtschick! Man kann nur hoffen, dass sich Hurtigruten nicht zu weit von dem eher bodenständigen Image entfernt, das die Reederei von TUI, Costa & Co unterscheidet.

In Kristiansund, dem Hafen nach Molde, haben wir mitten in der Nacht angelegt. Im Halbschlaf und aus dem Kabinenfenster betrachtet sieht es nach einem netten Städtchen aus. Wir nehmen uns vor, Kristiansund auf dem Rückweg näher anzuschauen – und ahnen noch nicht, dass es dazu nicht kommen wird.

Trondheim, das Herz Norwegens

Der Tag steht ganz im Zeichen von Trondheim. Wir sitzen noch am Frühstückstisch, als die MS Spitsbergen gegen 8:30 Uhr in Norwegens drittgrößter Stadt anlegt. Fast 190.000 Menschen leben hier, darunter 30.000 Studierende.

Wir wollen Trondheim auf eigene Faust erkunden – und schlüpfen dafür einmal mehr in regenfeste Klamotten, denn auch heute ist es trüb. Nach einer Viertelstunde Fußweg erreichen wir die Innenstadt: Überraschend breite, luftige Boulevards, die durch kleinere, von Holzhäusern gesäumte und mit Kopfstein gepflasterte Gassen verbunden sind. Das Zentrum schmiegt sich auf einer Halbinsel an das hufeisenförmig geschwungene Ufer des Flusses Nidelva, der hier ins Meer mündet – daher der frühere Name der Stadt Nidaros (Mündung der Nidelva).

Trondheim

Das Zentrum von Trondheim aus der Vogelperspektive. Mitte rechts: der Nidarosdom. Foto: beagle84, CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0), via Wikimedia Commons

Erbitterter Kampf um den Stadtnamen

Die Bezeichnung Trondheim setzte sich im späten Mittelalter durch und wurde unter dänischer Herrschaft zum dänischen „Trondhjem“. 1905, als Norwegen ein von seinen Nachbarn Dänemark und Schweden vollständig unabhängiger Staat wurde, saßen die Ortsnamen aus der Zeit der Fremdherrschaft den norwegischen Nationalisten wie Stachel im Fleisch. Jahrzehntelang propagierten sie die Rückkehr zu ursprünglichen Bezeichnungen. Im Fall von Trondheim zunächst mit Erfolg: Das Parlament beschloss 1930 die Umbenennung der Stadt in Nidaros.

Dabei hatten die Politiker allerdings die Rechnung ohne die Trondheimer gemacht: Die protestierten energisch, und es folgte ein erbitterter Namenskrieg. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss: Trondheim bleibt Trondheim, allerdings in der norwegischen und nicht in der dänischen Schreibweise. Trotzdem wird die Stadt auch heute noch hier und da „Trondhjem“ genannt.

Der Name Nidaros ist dennoch untrennbar mit Trondheim verbunden. Nah am Fluss Nidelva erhebt sich der Nidarosdom, ein von Bäumen umgebener gotischer Kirchenbau, der als das religiöse Zentrum des Landes gilt.

Der Nidarosdom in Trondheim.

Frontseite des Nidarosdoms.

80 Prozent der Bevölkerung gehören der Norwegischen Kirche an, einer evangelisch-lutherischen Staatskirche, deren Oberhaupt der König ist. An der Bekehrung ihrer heidnischen Vorfahren zum Christentum hatte einer ganz besonders gearbeitet: Olav  II. Haraldsson, ein Wikingerkönig, der im 11. Jahrhundert lebte. Er hatte sich in Rouen taufen lassen, war nach Norwegen zurückgekehrt und verbrachte seine Zeit fortan damit, das ganze Land zu christianisieren. Sein missionarischer Eifer endete am 29. Juli 1030 gewaltsam auf einem Schlachtfeld.

Wunderliche und teils unappetitliche Legenden rankten sich schon bald um den toten Wikingerkönig: So hieß es etwa, dass Olavs Haare und Fingernägel nach dessen Ableben weiter gewachsen seien. Schnell war er zum Heiligen erklärt, und ein Pilgerstrom zu seinem Grab im darüber errichteten Nidarosdom setzte ein, der bis heute nicht abreißt. Seit 2010 ist der St.-Olavsweg von Oslo nach Trondheim europäisches Kulturgut.

Glockenspiel am Nidarosdom:

 

Dabei sind die Überreste von Olav gar nicht mehr da. Seine Gebeine gelten als verschollen. Der Nidarosdom aber, der das „Herz Norwegens“ einst beherbergte, bleibt ein Nationalheiligtum, das mit seiner wechselhaften Geschichte und mit einer von biblischen Figuren bevölkerten Frontfassade Besucher in Scharen nach Trondheim zieht.

Schauseite des Nidarosdoms.

Biblische Figuren aus Speckstein bevölkern die Fassade.

Wurden in früheren Zeiten, zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts, die Könige des Landes im Nidarosdom gekrönt, dient er heute unter anderem als Schauplatz royaler Hochzeiten – und dafür wird dann auch mal die Decke in dem recht dunklen Kirchengebäude geweißt.

Ganz in der Nähe spannt sich ein weiteres beliebtes Touristenziel über den Fluss: Gamle Bybroen, die Alte Stadtbrücke, verbindet das Viertel rund um den Dom mit dem Stadtteil Bakklandet: kleine Gassen, bunte Holzhäuser, viele Cafes, studentisch geprägt.

Überqueren soll Glück bringen …

… die Alte Stadtbrücke.

Das Überqueren der Brücke bringt Gück, so heißt es. In jedem Fall beschert es einen tollen  Blick auf die bunten Speicherhäuser, die sich am Fluss aneinanderreihen und eines der wohl meistverschickten Postkartenmotive aus Trondheim abgeben.

Speicherhäuser an der Nidelva.

Und noch so viel mehr gibt es zu sehen: Stiftsgården, die aus Holz errichtete Trondheimer Residenz der norwegischen Monarchen, das Wohnhaus* der Schriftstellerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, das Museum Rockheim, das die Geschichte der norwegischen Rock und Popmusik erzählt,  und die Festung Kristiansen, die auf einer Anhöhe über die Stadt wacht. Radfahrer (und davon hat die Uni-Stadt Trondheim viele) haben Glück und kommen recht komfortabel dort hinauf – mit einem pfiffigen Fahrradlift.

 

Auf dem Weg zurück zum Hafen begegnet uns mitten auf dem Marktplatz ein weiterer Olav: In 16 Metern Höhe steht der Gründer der Stadt, Olav I. Tryggvason, der vormehr als 1000 Jahren seinen Königshof hierher an die Mündung des Flusses Nidelva verlegte.

Der Stadtgründer: Olav I. Trygvason.

Heute trägt Olav einen orangefarbenen Schal – so wie viele andere Statuen in Trondheim und weiteren Städten Norwegens. Es ist eine Aktion der Stadtmission, die darauf aufmerksam machen will, dass es Menschen gibt, die ein wärmendes Kleidungsstück gut gebrauchen könnten. An der Orange Scarf Campaign beteiligen sich jedes Jahr viele Stricker*innen.

Nur ungern verlassen wir Trondheim. Unser Schiff fährt an der Insel Munkholmen vorbei – einst Kloster-, dann Gefängnisinsel – und nimmt Kurs auf Rørvik, einen kleinen Fischerort mit ein paar tausend Einwohnern, an dessen Hafen es am Abend nur relativ kurz vertäut wird.

Munkholmen vor Trondheim war früher Kloster-, dann Gefängnisinsel.

Wir sind jetzt nur noch eine Nachtfahrt entfernt vom nördlichen Polarkreis. Die Stopps in Brønnøysund und Sandnessjøen werden wir verschlafen und am frühen Morgen den magischen Breitenkreis 66° 33′ 55“ überqueren.  Davon bald mehr an dieser Stelle!

* Hat Undset tatsächlich mal in Trondheim gewohnt? So wurde es uns erzählt, aber ich kann im Netz nichts dazu finden … vielleicht weiß eine Leserin zufällig mehr?
Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord
Teil 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde

Hurtigruten-Tour, Tag 2: Hjørundfjord – Urke – Ålesund – Molde

An unserem ersten Morgen an Bord der MS Spitsbergen erwachen wir aus eher unruhigem Schlaf. Alles ist ungewohnt: Das leise, gleichmäßige Brummen des Schiffsmotors, nur unterbrochen von zwei kurzen nächtlichen Hafenstopps – einer in Norwegens westlichster Stadt Florø, das wir kurz nach 2 Uhr erreichen, und einer in Måløy morgens gegen halb fünf. Die Bewegungen des Schiffes, anfangs eher ein schlafförderliches Wiegen, gehen am frühen Morgen in ein spürbares Schaukeln über, als wir eine ungeschützte Seestrecke durchqueren.

Meine Erfahrungen mit Schiffsreisen sind überschaubar. Als Kind hatte ich mir auf einer Fahrt von Dänemark nach Schweden mal die Seele aus dem Leib gekotzt. Derartig Skagerrak-gestählt, halte ich mich seither für immun gegen Seekrankheit. In Chile unternahm ich vor fast 20 Jahren meinen bislang längsten Bootstrip: Mehrere Tage lang die patagonische Küste südwärts Richtung Feuerland, vorbei an üppig bewaldeten Inseln (eine davon war mal Drehort für „Jurassic Park“) und an kleinen, von ins Meer kalbenden Gletschern abgebrochenen Eisbergen, die türkisblau schimmernd an unserem recht alterschwachen Schiff vorbeischwammen. Die Nächte verbrachten wir an Deck, weil wir ohnehin kein Bett hatten, nur einen Sitzplatz in einer Gemeinschaftskajüte mit ungefähr 50 anderen überwiegend schnarchenden Passagieren.

Ich erinnere mich an den alles überwölbenden nächtlichen Sternenhimmel über dem Pazifik, ein Anblick, von dem ich nicht genug bekommen konnte – nie zuvor hatte ich so viele Sterne gesehen. Dieser Anblick, so hoffe ich, wird mir über der Küste Norwegens erneut vergönnt sein. Und auch Landschaft, die mich nun hoch im Norden Europas erwartet, dürfte viel Ähnlichkeit mit den Bergen, Inseln und Fjorden in Südamerika haben …

Bilderbuch-Norwegen ohne Bilderbuch-Wetter

Fjordnorwegen: Hohe, schneebedeckte Gipfel und blaue, in der Sonne schimmernde Wasserarme, die tiefe Täler in diese spektakuläre Berglandschaft schneiden … Es sind diese Bilder, die Norwegen-Reisende im Kopf haben – wir natürlich auch. Nun, an der Farbe des Himmels müssen wir Abstriche machen: Beim ersten Blick aus dem Fenster präsentiert er sich nicht strahlend blau wie in der Hurtigruten- Werbung, sondern grau in grau.

Egal! Ab zum Frühstück und dann rauf auf Deck!

Im Hjørundfjord.

Warm und einigermaßen regenfest gekleidet, finden sich immer mehr Passagiere auf Deck 8 ein. Hier oben lässt sich am besten verfolgen, wie die MS Spitsbergen langsam in den Hjørundfjord hineingleitet, einen der längsten Fjorde Norwegens, östlich von Ålesund gelegen. Auf 35 Kilometern Länge schneidet der Fjord die Sunnmøre-Alpen in zwei Teile. Links und rechts  erheben sich steile Felswände, der pyramidenförmige Slogen ist mit mehr als 1500 Metern einer der höchsten Gipfel des Gebirges. An den Ufern des zwei Kilometer breiten Fjords leben rund 1400 Menschen.

Hier ein Eindruck von dem „königlichen Fjord“ bei besserem Wetter. Doch ich versichere euch: Die Kulisse ist auch ohne Sonnenschein atemberaubend schön.

Landgang in Urke

Den Abstecher in den Hjørundfjord machen die Schiffe nur auf der nordgehenden Route und auch nur im Winter. Es ist das Alternativprogramm zum vielbesuchten Geirangerfjord, den wir auf unserer Reise nicht sehen werden. Bald schon biegen wir in einen schmalen Seitenarm ein, den Norangsfjord, an dessen Ufern das Dorf Urke liegt. Unser Schiff ist zu groß, um anzulegen, deshalb steigen wir in ein Tenderboot um. Eine gute Stunde haben wir Zeit für unseren ersten Landgang.

Zur Innenstadt geht’s hier lang.

53 Menschen leben in Urke, darunter zehn Kinder. Am Hafen begegnen sie uns, eine fröhliche Schar Jungs und Mädchen in quietschgelben Warnwesten, die mit mehreren Betreuer*innen unterwegs sind. Regen und Nebel sind ihnen offenkundig völlig wurscht.

Familienland Norwegen

Norwegen gilt als familienfreundliches Land. Was das konkret heißt, wird bereits für flüchtige Betrachterinnen sichtbar: Schon in Oslo war uns beispielsweise aufgefallen, wie sehr bei der Stadtplanung auch an Kinder gedacht wird. Spielplätze finden sich quasi überall dort, wo Menschen zusammenkommen.

Bereits an Nachmittagen sieht man viele Familien zusammen unterwegs (und nicht, wie bei uns, eine mehr oder weniger abgehetzt wirkende Mutter allein mit Kind im Schlepptau). Der legendär frühe Feierabend der Norweger macht das möglich – und eine ausgeprägtere  Selbstverständlichkeit für Männer und Frauen, sich die Familienarbeit zu teilen.

In der Regel sind beide Eltern berufstätig, und auch Vollzeitstellen sind häufig mit familienfreundlichen Arbeitszeiten für Mütter und Väter ausgestaltet. Niemand, so entnehmen wir Erfahrungsberichten, wird scheel angeguckt, wenn er pünktlich Feierabend macht oder ein Meeting früher verlässt, weil er zur Kita muss – auch Männer nicht.

Während der Elternzeit bekommen norwegische Familien bis zu 56 Wochen (13 Monate) lang 80 Prozent des Gehalts, bei 45 Wochen sind es 100 Prozent. Ähnlich wie bei uns verfällt der Anspruch für Väter, wenn sie keine Mindest-Elternzeit nehmen.

Ab dem ersten Lebensjahr haben Kinder Anspruch auf den Platz im Kindergarten. Die meisten Eltern machen davon Gebrauch: 80 Prozent der Kleinkinder gehen in die ganztägige Betreuung. Zu ihnen gehören offenbar auch die Steppkes, die an diesem Morgen im Dorf Urke am Norangsfjord lachend durch die Pfützen stapfen.

Zwei der vierbeinigen Einwohner von Urke.

Sie und wir, die Ausflügler von der MS Spitsbergen, sind die einzigen, die bei dem Sauwetter draußen unterwegs sind. Katzen betrachten uns mitleidig aus den Holzhäusern, während wir unseren Rundgang durch das Dorf machen.

Es gibt ein Ladengeschäft, eine Gärtnerei, die auch Gemüse verkauft, ein Hafencafé, ein lokales Kraftwerk – und eine ganze Reihe von Ferienhütten, denn Urke liegt in einem beliebten Wandergebiet und ist im Sommer bevorzugtes Ziel von Touristen, die Ruhe und Natur mögen.

Komfort für den Postboten: Briefkästen in der Nähe des Hafens.

14 der 53 Dorfbewohner finden ihr Auskommen direkt im Dorf. „Wir, die wir hier wohnen und uns erholen, mögen unseren friedlichen und schönen Ort“, schreiben die Einwohner in einem Flyer, den ein Mann am Hafen uns in die Hand gedrückt hat. „Brauchen wir sonst noch was, fahren wir nach Ørsta oder Ålesund. Aber am liebsten mögen wir hier selbstversorgt sein.“

Nach Ålesund machen auch wir uns nun auf den Weg. Farvel, Urke!

Ålesund, die Jugendstil-Stadt

Eine umgefallene Petroleumlampe ist der Grund dafür, dass das Zentrum von Ålesund heute ein einmaliges Häuserensemble vorweisen kann, das zahlreiche Gäste anlockt. In der Nacht auf den 23. Januar 1904 löste sie in einer Fabrik ein Feuer aus, das den Ort mit seinen 850 Häusern komplett niederbrannte. Der Wiederaufbau erfolgte innerhalb weniger Jahre und im Stil der damaligen Zeit. So reiht sich in der Stadt mit heute knapp 50.000 Einwohnern eine Jugendstil-Fassade an die nächste.

Die Sonne geht in diesen Breiten und zu dieser Jahreszeit gegen 15:30 Uhr unter, und so ist es bereits dunkel, als wir Ålesund gegen 17 Uhr erreichen. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt und nutzen die Zeit, um uns ausgiebig umzusehen. Die Stadt erstreckt sich über mehrere kleine Inseln, die über Brücken miteinander verbunden sind.

Jugendstil-Fassaden am Wasser in Ålesund.

Keiser-Wilhelm-Gata.

Standbild einer Fischerfrau.

Gründerzeit-Ambiente am Wasser.

In der Nähe des Hafens erinnern Stelen mit Fotografien an die Brandkatstrophe von 1904. Auf den Bildern ist auch Wilhelm II. zu sehen: Der letzte deutsche Kaiser war Norwegen-Fan und kam regelmäßig zum Urlaub hierher.  Dass er den Wiederaufbau der Stadt tatkräftig unterstützte, dankt Ålesund ihm mit einem Denkmal und einer nach ihm benannten Straße. In der Keiser-Wilhelm-Gate findet sich auch ein Lokal namens Keiser Pub & Bar.

Einen guten Eindruck von der Stadt im Tageslicht und ihrer bemerkenswerten „Phönix-aus-der-Asche“-Story gibt dieses Video, in dem auch die nahe Insel Runde kurz zu sehen ist  – bewohnt von 100 Menschen und (im Sommer) 500.000 Vögeln.

Rosen-Stadt Molde

Um viertel vor 10 am Abend erreichen wir Molde, die „Stadt der Rosen“. Unser Schiff wird hier nur für eine halbe Stunde am Kai vertäut. In manchen Häfen auf der Strecke, in der Regel sind es jene, die nachts angelaufen werden, legt das Schiff sogar nur ein Viertelstündchen an – gerade Zeit genug, um Fracht aus- oder einzuladen und Kurzzeit-Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Briefpost wie früher befördern Hurtigruten übrigens längst nicht mehr – auch wenn das Unternehmen an der nostalgischen Beschreibung „Postschiff-Reise“ festhält.

Geschützt am Moldefjord gelegen und, wie die gesamte norwegische Küste, vom Golfstrom begünstigt, bekam der Ort seinen Namen vom fruchtbaren Boden („mold“). Das milde Klima lässt hier sogar Rosen gedeihen. Jahrhundertelang lebte man in Molde von der Holzproduktion und vom Fischfang, insbesondere vom Hering.

Hotel Rica Seilet in Molde. Bild: Nsaa, CC BY-SA 3.0

„Moldejazz“, das älteste Jazzfestival Europas, findet seit 1961 jährlich statt, und auch ein Literaturfest zieht regelmäßig Besucher*innen an.  Unser Schiff fährt in der Dunkelheit an einem weiteren Wahrzeichen vorbei, dem Hotel Rica Seilet, das die Gestalt eines Segels hat.

Die Deutschen haben Molde 1940 dem Erdboden gleichgemacht. Es ist eine Geschichte, die wir in Variationen auf unserer Reise durch Norwegens Städte und Dörfer wieder und wieder hören werden.

Die Nacht ist über Norwegen hereingebrochen, und unser Schiff setzt seine Fahrt fort. Wenn es wieder hell wird, werden wir Trondheim anlaufen, die frühere Hauptstadt und das Ziel vieler christlicher Pilger. Darüber in Kürze mehr an dieser Stelle!

 

Mit Hurtigruten in Norwegen unterwegs
Im November 2017 reisen wir an Bord der MS Spitsbergen mit der Postschiff-Reederei Hurtigruten von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Hier berichte ich über diese Tour.

Teil 1: Bergen: Wir gehen an Bord

Unterwegs mit dem Postschiff der Hurtigruten von Bergen nach Kirkenes

Davon habe ich lange geträumt – und pünktlich zu einem besonderen Anlass in diesem Jahr hatte ich genug zusammengespart, um mir diesen Traum zu erfüllen: Eine Seereise entlang der Küste Norwegens mit Hurtigruten.

Unterwegs an Norwegens Küste

Die legendäre Reederei verbindet seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Orte an der Atlantikküste des Landes. Abertausende von Inseln, Schären, Halbinseln und teils tief ins Land schneidende Fjorde fransen die norwegische Küste so aus, dass sie – führe man ihre Wasserlinie komplett ab – alles in allem auf gut 25.000 Kilometer Länge kommt. Bedingt durch diese Geografie ist der Landweg meist mit enormem Zeitaufwand verbunden – und im Winter sind viele Straßen oft gar nicht passierbar. So dienen die Hurtigruten-Schiffe, die von Anfang an auch Passagiere an Bord nahmen, den Norwegern seit den 1890er Jahren nicht nur als Transportmittel für Post und Frachtgut, sondern längst auch als zuverlässige und schnelle (hurtige) Fährverbindung. Die mehr als 2600 Kilometer lange Hurtigruten-Strecke von Bergen im Süden bis nach Kirkenes im äußersten Nordosten nahe der russischen Grenze gilt im Land als „Riksvei Nummer 1“.

Der Screenshot von Marine Traffic zeigt die Strecke unseres Schiffes.

Auf dem Reichsweg Nummer 1 werden wir nun also elf Tage lang unterwegs sein: Fünfeinhalb Tage nach Norden, fünfeinhalb Tage zurück Richtung Süden. Wendepunkt ist Kirkenes, ein Städtchen ganz im Nordosten Norwegens mit einer dramatischen Geschichte. Unterwegs werden wir  mehr als 30 Häfen anlaufen, die allermeisten zweimal, auf der nordgehenden wie auf der südgehenden Route.

Der Fahrplan ist so gestrickt, dass viele Orte und Landschaften auf dem Hinweg im Tageslicht und auf dem Rückweg im Dunkeln passiert werden – oder umgekehrt. Meist fahren wir durch ruhiges Gewässer, immer wieder aber auch ungeschützt durch offene See, mitunter bei stürmischer Windstärke 8.

Wir werden Städte wie Ålesund, Trondheim, Tromsø und Hammerfest kennenlernen, den Nördlichen Polarkreis überqueren, durch schmale Fjorde mit steil aufragenden Felswänden gleiten, am Nordkap stehen, eine Schlittenfahrt mit Huskys unternehmen, die traditionelle Kultur der Sami kennenlernen, des Nachts norwegischen Volksweisen in der Eismeer-Kathedrale lauschen – und unterwegs den Himmel überm Polarmeer nach Nordlichtern absuchen.

Und selbst an den abgelegensten Ufern werden wir die typischen rot angestrichene Häuschen sehen. Sie zeugen davon, dass die Orte, die unsereins für das Ende der Welt hält, für andere deren Anfang ist.

Mein mehrteiliger Reisebericht beginnt mit …

Bergen: Wir gehen an Bord!

Von Oslo aus bringt uns ein Flieger in einer Dreiviertelstunde über die Berge in Norwegens zweitgrößte Stadt Bergen. Der Flughafen dort ist übersichtlich, das Gepäck schnell in Empfang genommen, vor dem Flughafengebäude hat Hurtigruten seine eigene Bushaltestelle – alles sehr unkompliziert also. Nach 35 Minuten Fahrtzeit sind wir am Hurtigrutenterminal in Bergen. Wo es regnet. Denn in Bergen regnet es im Schnitt an 225 Tagen im Jahr, also quasi immer. Noch denken wir uns nichts dabei.

Bryggen, die alten Kontorhäuser am Hafen von Bergen, sind Unesco-Weltkulturerbe.

Das Checkin im Erdgeschoss des Terminals verläuft, wie man es vom Fliegen kennt: Ausweis zeigen, Koffer auf ein Band wuchten, wo sie ihren eigenen Weg aufs Schiff nehmen und vor unserer Kabinentür auf uns warten werden. Unser Weg führt in den ersten Stock zur Sicherheitseinweisung. Dort macht man uns mit dem Notsignal vertraut und erklärt uns geduldig und mit Unterstützung eines Videofilms, wo man sich im Notfall einzufinden hat, dass man dort zuerst in einen Thermoanzug (Polarmeer!) und dann in die Rettungsweste schlüpft, bevor man in die Rettungsboote klettert. Solchermaßen für den Fall der Fälle präpariert, dürfen wir endlich an Bord.

Das Schiff: MS Spitsbergen

Für die MS Spitsbergen hatte ich mich entschieden, weil es eines der jüngsten und mit rund 240 Betten eines der kleineren Schiffe der Flotte ist. Längst schippern riesige Kreuzfahrer mit dem weißen Hurtigruten-Schriftzug die Küste auf und ab, das größte der elf Schiffe hat Platz für gut 1000 (!) Passagiere. Auf ein schwimmendes Hotel in dieser Größenordnung hatte ich partout keine Lust. Und auch nicht auf das übliche Kreuzfahrt-Schickimicki. Bei Hurtigruten wird man damit verschont: Kein Captain’s Diner, keine Torten mit brennenden Wunderkerzen und kein Zwang, sich zum Abendessen aufzubretzeln. Auf den Postschiffen laufen die Passagiere von früh bis spät im zweckmäßigen Fleece herum.  Die MS Spitsbergen ist darüber hinaus eines von wenigen Hurtigruten-Schiffen, die keine Fahrzeuge transportieren. Bestimmt gut für die Nachtruhe, dachte ich mir.

Die MS Spitsbergen hat Platz für rund 335 Passagiere. Eine davon geht hier an Bord.

Bis gegen 18 Uhr die Kabinen bezugsbereit sind, erkunden wir das Schiff. Deck 5 beherbergt die meisten der Gemeinschaftsräume. Cafeteria, eine Bar mit Lounge, Rezeption mit Shop und das Restaurant. Auf Deck 6, wo im hinteren Teil auch unsere Kabine liegt, finden wir vorne die „Explorer Lounge“: Wie die Bar ein Stock tiefer ist auch sie mit tiefen Drehsesseln ausgestattet, (in die man sich nicht setzen sollte, wenn man zu Seekrankheit neigt), dazu kleine Sofas und Tische. Das Besondere hier sind die Panoramafenster, die einen 180-Grad-Blick in Fahrtrichtung erlauben.

 

Auf Deck 7 entdecken wir einen Fitnessraum, eine Sauna und, im Freien und mit Blick aufs Meer, zwei Jacuzzis, aus denen das warme Wasser dekadent in die kalte Abendluft dampft. Darüber zieht sich das oberste Deck 8 über die gesamte Länge des Schiffes. Der hintere Teil ist mit einer kleinen Theke ausgestattet – hier finden im Laufe der Reise ein paar besondere Verkostungen regionaler Spezialitäten im Freien statt, außerdem das Event, vor dem wir etwas Bammel haben: die Polarkreistaufe.

Der Bord-Ausweis

Beim Checkin hat man uns einen Umschlag in die Hand gedrückt, der unsere Basis-Informationen enthält (Kabinennummer, Tischreservierung und Essenszeiten im Bordrestaurant, Gutscheine für unsere vorgebuchten Landausflüge, die Zugangsdaten zum Wlan) – und das wichtigste Utensil an Bord: Die „Cruise-Card“. Sie ist so etwas wie der Bord-Ausweis: Ohne sie kommt man nicht runter und auch nicht wieder rauf aufs Schiff. Bei jedem Verlassen und Betreten wird die Karte gescannt. So weiß die Crew zu jeder Zeit, wer sich an Bord aufhält und welche Passagiere noch nicht vom Landgang zurückgekehrt sind. Nicht, dass das Schiff auf verspätete Ausflügler warten würde: Hurtigruten ist bekannt für seine Pünktlichkeit, der Fahrplan wird so präzise eingehalten, wie Windstärke und Seegang es erlauben. Wer zur Ablegezeit nicht vom Landgang zurück ist, muss selbst sehen, wie er sein Schiff am nächsten Hafen wieder erreicht.

Die Cruise Card gewährt außerdem den Zutritt zum Restaurant, dient als Schlüsselkarte zur Kabine, öffnet den Fitnessraum und die Sauna. Lässt man sie mit einer Kreditkarte verknüpfen, kann man sie als bequemes Zahlungsmittel nutzen. Das ist ungemein praktisch – und deshalb auch ungemein tückisch. Denn den genauen Überblick darüber, man da alles noch zusätzlich an Bord ausgibt, liefert erst die Abrechnung am Ende der Reise …

Verständigung und Kommunikation

Für die Kommunikation mit den Passagieren ist eine Reiseleitung an Bord. Unser Reiseleiter heißt Haakon, er hat uns an der Rezeption auf Deck 5 empfangen und unsere ersten Fragen beantwortet – auf deutsch. Bei Hurtigruten ist die Reiseleitung stets (mindestens) dreisprachig. Nahezu alle Durchsagen werden auf norwegisch gemacht und auf englisch und deutsch wiederholt. Im Restaurant und in den anderen Service-Bereichen kann man sich (wie überall in Norwegen) ohne Probleme auf englisch verständigen.

Die Durchsagen erreichen alle Passagiere nicht nur in den Gemeinschaftsräumen, sondern auch in den Kabinen über das Telefon. Haakon wird sich auf unserer Reise etliche Male täglich über den Bordlautsprecher melden, uns auf Sehenswürdigkeiten, besondere Orte, Landschaften oder auch Schiffsbegegnungen auf der Strecke aufmerksam machen, für jeden Hafen das Ein- und Auslaufen durchsagen (mit Ausnahme der nächtlichen Hafenstopps), Hinweise zu den Treffpunkten und -Zeiten für Ausflüge geben und uns immer wieder auch zwischen den Mahlzeiten zum Essen zu verführen versuchen. :)

Und so klingt das dann:

 

Die Kabine

Unsere Kabine, die auf Deck 6 an der Steuerbordseite ziemlich weit hinten liegt, hat einen Balkon! Dazu eine Sitzecke, ein Bad mit Fußbodenheizung (auch im Duschbereich, wie geil ist das denn?!) und einen begehbaren Kleiderschrank. Die Landschaft zieht an zwei großen Fenster vorbei. Im Bett liegend können wir über die eigenen Füße hinweg nach draußen sehen.

Balkon-Platz auf der MS Spitsbergen

Auf dem Schreibtisch findet sich neben den Telefon ein Wasserkocher und eine Kaffeemaschine (die mit den bösen Kapseln). Im Schrank unterm Fernseher versteckt sich eine Minibar. Die Preisliste liegt auf dem Schreibtisch und erinnert uns schmerzhaft daran, dass wir in Norwegen sind, einem der teuersten Länder der Welt.

Verpflegung

Der Küche auf den Hurtigruten-Schiffen eilt ein hervorragender Ruf voraus. Nach einer Postschiffreise auf der kompletten Strecke, so heißt es, verlässt man das Schiff gut und gerne fünf Kilo schwerer (und damit sind nicht die Mitbringsel aus dem Bordshop gemeint). Bereits morgens gibt es warmes und kaltes Frühstücksbuffet, das am Mittag noch um einige warme Speisen ergänzt wird.

Das Angebot ist so reichhaltig, dass es eine Weile dauert, bis man das Buffet ganz umrundet hat. Für jeden Geschmack ist was dabei, vor allem natürlich viel Fisch und Meeresfrüchte in vielerlei Variationen wie Lachs, Heilbutt, Makrele, Hering, Kabeljau, Dornhai, Garnelen, (Königs-)Krabben, Muscheln.  Abends wird ein dreigängiges Menü serviert, wobei die Portionen übersichtlich und für meinen Geschmack genau richtig bemessen sind: Am Ende ist man satt, aber nicht voll. Die Menüs sind auf die jeweilige Tagesstrecke abgestimmt, mit lokalen Spezialitäten aus der Gegend, die man gerade durchfährt.

Hygiene

Ein wichtiges Thema auf den Hurtigruten-Schiffen. Deshalb hängt alle Naslang ein Spender mit Desinfektionsmittel, und Schilder in den Kabinen beschwören den Gast, es mit dem Händewaschen bitte bitte sehr genau zu nehmen.

Einer von etlichen Seifenspendern an Bord.

Allzu großes Vertrauen hat man in die Passagiere diesbezüglich scheinbar nicht, denn zum Abendessen wird man am Eingang des Restaurants von einem Crewmitglied mit Seifenspender in der Hand empfangen und zwangsdesinfiziert.

Ich finde ja, das sollte man in Restaurants generell einführen. ;)

Nordlichter

Von Oktober bis März ist die Chance, Nordlichter zu sehen, am größten – weil die Nächte so lang sind (und nördlich des Polarkreises ja zwei Monate lang gar nicht enden). So gibt Hurtigruten für diese Reisezeit sogar ein „Nordlicht-Versprechen“: Wird während der Postschiffreise nicht wenigstens einmal die Sichtung der Aurea Borealis ausgerufen, so bekommt man eine zweite Seereise (mit abgespeckten Leistungen) im Folgejahr geschenkt. Der erste Griff in der Kabine sollte daher zum Telefon gehen: Im Display gibt es die Möglichkeit, den Nordlicht-Alarm zu aktivieren. Sichtet die Brücke Polarlicht am Himmel, wird man informiert – auch nachts. Ob das klappt? Wir sind gespannt.

Programm

Würden Hurtigruten unterwegs eine klassische Kreuzfahrt-Animation bieten, ich hätte diese Seereise nie gebucht. Das Angenehme auf den Postschiffen ist, dass hier alles ein wenig anders zugeht als auf dem „Traumschiff“. Allerdings hat man sich auch hier ein kleines Bordprogramm einfallen lassen.

In der Bar finden regelmäßig mehrsprachige Informationsveranstaltungen statt. So gibt Haakon täglich einen kurzen Überblick über die Häfen und Ausflüge der kommenden Tage, und seine Kollegin, die „Kultur- und Naturvermittlerin“ Hege, hält Vorträge über die Geografie, Flora und Fauna Norwegens oder das Leben der Wikinger.

Herzstück des Reiseprogramms aber sind die Landausflüge. Jeden Tag kann man an einer oder gar mehreren Unternehmungen teilnehmen. Die Stadtführungen, Wanderungen, Besichtigungen, Ausritte, Wikingerfeste, Bootstouren können gehörig ins Geld gehen. Bucht man sie vorab, gibt es wenigstens ein bisschen Rabatt. Auch ist es offenbar zur Hochsaison im Sommer nicht leicht, an Bord noch Restplätze zu ergattern.

Trotz Vorbuchungen und Vollpension kommt an Bord einiges an Zusatzkosten zusammen. Alles mögliche wird extra berechnet: Das Glas Wein zum Abendessen, jeder Drink in der Bar (oder Minibar) oder auch die Getränke, die zu den Sonder-Verkostungen gereicht werden. Dann locken natürlich die zusätzlich angebotene Ausflüge, für die je nachdem zwischen 50 und 150 Euro fällig werden. Und jeden Tag passiert man mehrmals diesen Bordshop, der so geschickt am Durchgang zwischen Restaurant und Bar platziert ist … Dass man bei jedem Bezahlvorgang nur die Bordkarte zücken und auf einem Display unterschreiben muss, trägt ein übriges dazu bei, unterwegs viel mehr als geplant auszugeben.

Seegang

Über weite Strecken fahren die Hurtigruten-Schiffe durch Fjorde oder zwischen Küste und schützenden Inseln hindurch, wo man keinen nennenswerten Wellengang spürt. Aber es gibt auch ein paar Abschnitte, die das Schiff je nach Witterung ordentlich ins Schaukeln bringen. Ich habe vor allem den Vestfjord zwischen Festland und Lofoten in Erinnerung, Teile der Strecke zwischen Tromsø und Skervøy, Folda zwischen Trondheim und Rørvik und die nicht ungefährliche, weil seichte Hustadvika zwischen Kristiansund und Molde, wo wir auf dem Rückweg Windstärke 8 hatten und das Abendessen verschoben werden musste, weil die Küchencrew bei dem Geschaukel nicht kochen konnte. Auch weiter im Norden, wenn die Fahrt durch die Barentssee führt, kann es rau werden. Wir hatten hier Glück und relativ ruhige See in beide Richtungen. Für Besitzer empfindlicher Mägen liegen überall auf dem Schiff diese aparten Tüten aus, und im Shop werden Armbänder verkauft, die angeblich Seekrankheit mildern. Wenn gar nichts mehr geht: Ab in die Kabine. Im Liegen ist der Seegang deutlich besser zu ertragen.

Mit dem Schiff und den Gepflogenheiten haben wir uns nun vertraut gemacht, jetzt kann es losgehen. Pünktlich um 20 Uhr legt die MS Spitsbergen in Bergen ab. Lange sind wir noch wach, wollen nicht schlafen, nichts verpassen von der Landschaft, an der das Schiff vorbeigleitet. Selbst in der Dunkelheit wird unser Fenster zu einem Landschaftsgemälde mit einem Motiv, das mit jeder Minute neu gemalt wird: Die Umrisse der Berge zeichnen eine nicht enden wollende schwunghafte Linie an den Horizont, und auf von Wellen umspülten Felsen weisen Leuchtfeuer unserem Schiff den Weg. Irgendwann schlummern wir dann doch ein, dem ersten Tag der Seereise entgegen. Wir werden den spektakulär schönen Hjørundfjord passieren, den ersten Landgang ins kleine Selbstversorger-Dorf Urke am Norangsfjord unternehmen und schließlich das sehenswerte Jugendstil-Städtchen Ålesund erreichen. In Kürze mehr darüber im zweiten Teil meines Reiseberichts!

Wie Frankfurt gewählt hat

Die Bundestagswahl ist gelaufen, der Zorn über den (erwartbaren) Einzug von Rechtsextremen ins Parlament, darunter brandgefährliche Demagogen, legt sich hoffentlich nicht so schnell. Sich an Nazis im Bundestag zu gewöhnen, als sei ihre Existenz ein Naturgesetz, ist keine Option. Dabei ist mir ganz wurscht, in welcher Partei die Rassisten sitzen. Das Geschwafel vom Schließen offener rechten Flanken lässt hier nichts Gutes erwarten. Eine Hoffnung: Falls die Grünen sich auf ihren alten Kampfgeist und ursprüngliche Positionen besinnen, könnte ihnen in einer „Jamaika“-Koalition eine wichtige Rolle zukommen. Allein – mir fehlt der Glaube …

Frankfurts Sympathie für „Jamaika“

Wie steht eigentlich Frankfurt am Main zu „Jamaika“? Inspiriert von einer Visualisierung auf Spiegel Online (die ihrerseits inspiriert wurde von The Two Americas of 2016 der New York Times) habe ich für 376 Frankfurter Wahlbezirke ausgewertet, wie stark der gemeinsame Anteil an Zweitstimmen von CDU, Grünen und FDP jeweils ausfällt. Das Ergebnis ist eine Karte, erstellt mit Carto, die anschaulich macht, wo die Sympathie für die „Jamaika“-Parteien stärker ausgeprägt ist, und wo sie ohne Mehrheit dasteht.

Stärkste Parteien in den Wahlbezirken

Eine weitere Karten-Visualisierung – ebenfalls auf Wahlbezirk-Ebene – zeigt auf einen Blick, welche Partei stärkste Kraft geworden ist (und nach dem Klick auch alle Ergebnisse des Wahlbezirks). Die Karte macht auch ein interessantes Detail sichtbar: In drei Wahlbezirken gibt es ein Zweitstimmen-Patt. In den Wahlbezirken 58001 (Wahlgebäude Helene-Lange Schule) in Höchst und 41003 (Kerschensteinerschule) in Hausen kommen CDU und SPD übereinstimmend auf jeweils 24,3 Prozent. Kurios das Patt im Innenstadt-Wahlbezirk 7001 (Julius-Leber-Schule): Hier liegt die CDU mit 19,1 Prozent der Zweitstimmen gleichauf mit – den Linken!

Alle Wahlbezirke als Diagramm

Neben den 376 dargestellten Wahlbezirken hat Frankfurt 114 Briefwahlbezirke, die bei der Kartenvisualisierung außen vor bleiben. Um auch sie verfügbar zu machen, habe ich zusätzlich ein interaktives Diagramm mit Datawrapper umgesetzt, das die Ergebnisse filterbar nach allen 490 Wahlbezirken zeigt.

Die Schwächen von Datawrapper

Erststimmen und Zweitstimmen in 45 Frankfurter Stadtteilen sowie in zehn angrenzenden Wahlkreisen im Rhein-Main-Gebiet: In der Wahlnacht und an den Tagen danach waren mehr als 120 Ergebnis-Grafiken zu erstellen. Datawrapper zeigt bei so einer Massenproduktion eine schmerzhafte Schwäche: Es gibt keine Möglichkeit, Zahlenformate (z.B. eine Stelle nach dem Komma) oder Farben (etwa der Parteienbalken) voreinzustellen – jedenfalls nicht in dem von uns genutzten Tarif Single Flat, der 29 Euro im Monat kostet. Nervig – und zeitaufwändig.

Für die Präsention der Ergebnisse in den beiden Frankfurter Wahlkreisen habe ich erneut Genially genutzt:

 

Tools und Quellen
Wahlbezirk-Geodaten auf offenedaten.frankfurt.de
Kartenvisualisierungstool Carto
Diagramm-Tool Datawrapper
Storytelling-Tool Genially
Wahlergebnisse vom Bürgeramt, Statistik und Wahlen
Tabellenkalkulation, hier: Open Office
Link: Bundestagswahl-Ergebnisse – Wie Frankfurt zu „Jamaika“ steht
Link: Bundestagswahl in Frankfurt – So hat Ihre Nachbarschaft gewählt

Visuelles Storytelling mit Genially

Die Bundestagswahl bietet eine gute Gelegenheit, neue Tools im Redaktionsalltag zu testen. Für die Präsentation von Kandidatenporträts auf FR.de habe ich ein Werkzeug eingesetzt, das ich im Frühjahr auf der re:publica kennengelernt hatte: Genially.

Es dauert einen Moment, bis man sich reingefuchst hat, dann aber ist Genially ein mächtiges Tool, das visuelles Storytelling auf einem hohen gestalterischen Niveau möglich macht. Es bietet ein ganzes Füllhorn an Design-Elementen und Funktionalitäten, um Inhalte interaktiv, multimedial und non-linear zu erzählen – und dabei auch noch gut auszusehen. Texte, Fotos, Grafiken, animierte Gifs, Karten, Video, Audios lassen sich kombinieren, jedes Element animieren und/oder mit Interaktivität ausstatten.

Hier mein Praxisbeispiel: In der Zeitung und auf FR.de porträtieren wir vor der Bundestagswahl die Direktkandidat*innen für insgesamt zehn Wahlkreise in Frankfurt und den angrenzenden Regionen. Das kann man einfach in Textform machen, Bild dazu und fertig. Oder man kann es mit einem Tool wie Genially machen, das sieht dann beisielsweise so aus:

Hier, in meinem Blog, ist es für dieses Genially ein wenig zu beengt. Wählen Sie am besten den Vollbildmodus mit einem Klick unten rechts und blättern Sie sich mal durch die Seiten. Wir haben das Projekt hier prominent platziert und ihm reichlich Raum gegeben.

Vorgefertigte Layouts machen den Start leichter.

Vorgefertigte Layouts machen den Start leichter.

Als Ausgangspunkt kann eines der vorgefertigten Layouts dienen – oder aber man beginnt das eigene Projekt mit einer leeren Seite, „from the scratch“.

Im Prinzip besteht ein Genially aus aneinandergereihten Slides. In meinem Beispiel hat jeder Wahlkreis eine eigene Seite. Die Inhalte – Hintergrund, Texte, Bilder, Buttons – sind in Ebenen angeordnet, wie man sie beispielsweise aus Photoshop kennt.

Offen für externe Inhalte

Jedes Element lässt sich mit Interaktivität versehen. In diesem Fall öffnet sich bei einem Klick auf die Fotos und den Button jeweils ein neues Fenster, mit porträtierenden Texten und einer Balkengrafik. An dieser Stelle habe ich die Möglichkeit genutzt, externe Inhalte einzubinden: Die Grafiken sind mit Datawrapper erstellt und via iFrame im Genially eingebettet. Hier zeigt das Tool eine seiner großen Stärken: Es ist offen für viele Arten externer Inhalte, erleichtert das Einbetten aus gängigen Video- und Audioplattformen, Social-Kanälen, Diagramm-Tools, von Dateien aus Google Drive und Karten aus Google Maps und sogar von Artikeln etwa aus Wikipedia. Aber auch so ziemlich alles andere lässt sich via Code einbetten.

Die Embed-Funktion in Genially bietet viele Optionen.

Die Embed-Funktion in Genially bietet viele Optionen.

Mit Animationen war ich zurückhaltend, das Genially sollte kein Klickibunti werden. Ich habe mich im wesentlichen auf die kreisrunden Kandidatenfotos auf jedem Slide beschränkt: Sie zoomen etwas größer, wenn man mit der Maus darüberfährt – als Hinweis, dass der Klick darauf zu weiteren Inhalten führt.

Alle Wahlkreise sind über eine Karte auf dem Startbildschirm ansteuerbar. Zu diesem Zweck habe ich die Wahlkreise auf der Karte (erstellt mit Carto) mit transparenten Flächen versehen und mit den jeweiligen Wahlkreis-Slides verlinkt. Alternativ kann man, wie oben erwähnt, auch durch die Slides blättern.

Genially bietet die Möglichkeit, jedes Element oder auch die ganze Seite zu animieren.

Genially bietet die Möglichkeit, jedes Element oder auch die ganze Seite zu animieren.

Pro-Funktionen für Einzelprojekt freischalten

Alle wesentlichen Funktionalitäten sind in der kostenlosen Version von Genially verfügbar. Das fertige Projekt lässt sich auch ohne Premium-Account einbetten, verlinken, über Socials verbreiten oder per Mail versenden. Zahlende Kunden können das Projekt herunterladen und auf dem eigenen Server speichern, den „Genially“-Schriftzug verschwinden lassen oder haben Einblick in Zugriffszahlen. Die Premium-Modelle sind gestaffelt, mit monatlichen Abo-Preisen zwischen 10 für den Pro- bis zu 100 Euro für den Master-Account. Für gelegentliche Nutzer gibt es eine coole Alternative: Einige Pro-Funktionalitäten lassen sich für ein paar Euro auch für ein Einzelprojekt freischalten.

Einen guten Einblick in Genially bieten die Kolleg*innen der Bleiwüsten – sie waren es auch, die mich in einem Workshop auf der re:publica in Berlin mit dem Tool bekannt gemacht haben. Vielen Dank dafür!