Plimoth Plantation: Sprung ins 17. Jahrhundert

Am 6. September 1620 legt die Mayflower im englischen Plymouth ab. An Bord sind 102 Passagiere auf der Suche nach einem besseren Leben in der Neuen Welt. Unter ihnen: Edward und Elizabeth Winslow.

Wir treffen Edward in der Plimoth Plantation. Ok, das hört sich seltsam an – natürlich treffen wir nur den Schauspieler, der Edward verkörpert. Am Rande von Plymoth, Massachusetts, der ersten Siedlung der englischen Zuwanderer, scheint die Zeit stehen geblieben. Die Menschen, die man hier trifft, tragen Kleidung des 17. Jahrhunderts und leben in ärmlichen Hütten, aus Holzbrettern zusammengefügt, in denen sich nicht viel mehr als ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett, eine Kommode findet – mitgebracht aus dem alten Europa – und eine Feuerstelle, auf der verkohltes Holz knistert. Sie bauen ein wenig Gemüse an und halten Schafe. Ein Mann treibt einen Ochsen auf eine Wiese, eine Frau, einen Korb am Arm, schaut bei der Nachbarin herein, eine andere wendet Heu am Rande der Siedlung.

Man schreibt das Jahr 1627. Edward ist inzwischen mit Susanna verheiratet. Seine erste Frau Elizabeth hat die Strapazen des ersten Winters in Neuengland nicht überstanden. Auch Susannas erster Mann, William White, hat nicht überlebt. Die Hälfte der Mayflower-Passagiere stirbt in den ersten Monaten nach der Ankunft. “Der erste Winter war der schwerste”, erzählen uns die Kolonisten – allesamt Schauspieler, ein jeder ist in die Rolle eines bestimmten Siedlers geschlüpft, dessen Existenz verbrieft ist. Die Türen ihrer Hütten stehen offen, und wer neugierig den Kopf hineinstreckt, wird freundlich gebeten, einzutreten und Platz zu nehmen. Vorsichtig erkundigen sich die Besucherinnen, wie es sich lebt in dieser Fremde, so weit von der Heimat entfernt und auf sich selbst gestellt – und schon beginnen die Gastgeber zu erzählen: Von ihrer Überfahrt, dem ersten gescheiterten Versuch, drüben auf Cape Cod zu siedeln, der entbehrungsreichen Zeit, als die Zuwanderer noch keine Behausungen hatten und unter Deck der Mayflower lebten, von ihren Kindern, die sie bei Verwandten im fernen England zurücklassen mussten. Die Schauspieler gehen auf in ihren Rollen, sie sprechen ein altmodisches Englisch, und das Handy eines Besuchers beäugen sie misstrauisch. Und wir, die wir eine mehrwöchige Reise durch die Neuengland-Staaten der Gegenwart hinter uns haben, bestaunen die Szenerie, mit der alles begonnen hat.

Ein paar Schritte weiter findet sich eine rekonstruierte Lagerstätte der Wampanoag-Indianer, ebenfalls Teil des Museums. Sie lebten hier, als die Siedler kamen, rund 1000 von ihnen gibt es heute noch in Neuengland. Mit Europäern, die übers Meer kamen, haben die Wampanoag von damals schlechte Erfahrungen gemacht. Mit den Kolonisten der Mayflower und der Schiffe, die danach kamen, habe es jedoch über Jahrzehnte hinweg eine friedliche Koexistenz gegeben, erzählt man uns. Die Ureinwohner zeigten den Neuankömmlingen, wie man Mais, Bohnen und Kürbisse im Drei-Schwestern-Verfahren pflanzt, und halfen ihnen, zu überleben. Die Indianer, die wir auf der Plimoth Plantation treffen, tragen zwar traditionelle Kleidung, sind aber keine Schauspieler, sondern Angehöriges des Stammes der Wampanoag. Auf Schildern am Zugang zum Lager weisen sie darauf hin und bitten die Besucher, sie anzusprechen wie jeden anderen auch, auf Klischees und Floskeln wie “How!” oder Kriegsgeheul zu verzichten und ihnen keine persönlichen Fragen zu stellen.

Disneyworld in Neueingland? Zum Glück nicht. Plimoth Plantation ist ein mit viel Liebe zum Detail gestaltetes Freiluftmuseum, das vor allem von Gesprächen zwischen den Besuchern und den Bewohnern lebt. Empfehlenswert!

Pilgermütter in Plimoth Plantation

Plimoth Plantation, Plymoth

Mayflower II. im Hafen von Plymoth, ein Nachbau der Mayflower, ist ebenfalls Bestandteil des Museums


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1 Kommentar

  1. Schön war auch die Sprachlosigkeit des Besuchers, der einem Mayflower-Seemannn gegenüber mit seiner Kamera geprotzt hatte und sich eine passende Antwort einfing: ” Camera? That’s a latin word! Yes, yes. I haven’t been to any university but latin it is. ‘Small room’ it says. Well, that’s quite a small room you’ve got there!”

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