Alte Liebe VI

Worum es geht.
Was zuvor geschah.

Der Job als Erzieher im Fürstenhaus Wrede wird Levin zunehmend unerträglicher, die Sehnsucht nach Luise immer größer. Der Tod der (zu Lebzeiten betrogenen) Ehefrau des Fürsten trägt zu seinem Stimmungstief zusätzlich bei. Anfang November 1842 schreibt er an Luise:

Der Sturm heult an mein Fenster, die Brände im Ofen sprühen knisternde Funken, unter meinen Füßen liegt eine tote Fürstin, das Leben der kalten, zugigen, meilenlangen Korridore ist ausgestorben – ist das nicht eine Situation für einen Poeten, comme vous daignez me nommer, der über Sturm und Tod hinaus seine Gedanken schweifen lassen will zu seinem treuen (?) Schatz. Mokieren Sie sich nicht über dies Wort; der Schatz ist, wo man sein Kostbarstes niederlegt, und uns armen Söhnen der Minerva sind die Gedanken das Kostbarste; die goldenen Stufen des Throns, auf welchen wir unser Gefühl setzen. Und wenn ich Ihnen nun meine Gedanken anvertraue und mein Gefühl Ihnen zu bewahren gebe, sind Sie dann nicht mein Schatz? …

Sie machen mir das Leben hier sauer, und ich halt‘ es bald nicht mehr aus, die Sohlen brennen mir unter den Füßen. Ich möchte gar zu gern nach Darmstadt, um mich bei dem Fräulein von Gall als ein durchreisender Poet, Herr Meyer oder Herr Müller oder Herr Schultze melden zu lassen, der das Handwerk bei ihr grüßen wolle, dann allgemach das Gespräch auf einen gewissen Schriftsteller Levin Schücking zu bringen und ihn wegen seiner exklusiven hochmütigen Literaturaristokratie, wegen seines katholischen Bigottismus, wegen seines Verkommenseins in der Romantik und dem Mittelalter, wegen seiner totalen Unfähigkeit für das Schiboleth der modernen Welt, freie Presse und freche Stände zu schwärmen, so herunterzumachen, dass ich das innigste Vergnügen hätte, wenn Ihre edlen Züge einen rechtschaffnen inneren Ärger über alle vagabundierenden Literaten ausdrückten.

In der Tat, ich sähe Sie gar zu gern – obwohl ich dann freilich nicht die Freude Ihrer Briefe mehr hätte, wenn ich da wäre, wo ich mich jetzt hinsehne, und es uns dann gehen könnte, wie jenem alten Paare, das endlich, nachdem der alte Herr jahrelang alle Abende um 6 Uhr zum Tee zu ihr gegangen war, sich heiratete und nun – sich wieder scheiden ließ, weil er jetzt nicht mehr wusste, wo er seine Abende zubringen sollte.

Ich finde mich veranlasst, weil ich oben darauf kam, Ihnen mein Glaubensbekenntnis herzusetzen: Ich glaube an Gott, Schutzengel, Ewigkeit, Vorsehung und Gespenster.
Ich halte die Regierungsform für die Beste, wo der Regent unumschränkt wie der Sultan, aber – ein Weiser ist. Da aber das nicht bei unseren Regenten der Fall ist, im Gegenteil es nichts Wahreres gibt, als was Axel Oxenstierna seinem Sohne sagte: „Mein Sohn, du glaubst nicht, von wie wenig Klugheit die Welt regiert wird,“ so glaube ich, daß eine Verfassung dem Könige die Hände binden muss, nach …

Fortsetzung …

Der Briefwechsel von Levin Schücking und Luise von Gall – jetzt auch gebündelt auf einer eigenen Seite!