Alte Liebe I

Kann man sich ineinander verlieben, bevor man sich persönlich begegnet ist? (Eine rhetorische Frage. Ich kenne die Antwort bereits.) Eine Beziehung, die auf Distanz beginnt, ist vielen suspekt – sie kann nicht ernsthaft, nicht von Dauer sein, und vor allem: Sie wird – gerade von Menschen, die sich wenig im Web bewegen – für eine irgendwie degenerative Erscheinung des virtuellen Zeitalters gehalten. Zu unserer Zeit hätte es das nicht gegeben.

Irrtum.

Ich musste eine Weile suchen, bis ich endlich ein Exemplar eines Buches in die Hände bekommen habe, das das Gegenteil beweist. Über die Online-Fernleihe (eine wunderbare Erfindung übrigens, zu meiner Zeit hat es das leider nicht gegeben) wurde ich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg fündig. Der Anlass war, man ahnt es, die Arbeit am Droste-Projekt, für das ich lediglich ein paar Hintergrundinformationen brauchte. Aber je mehr ich in dem Briefwechsel zwischen einem 28jährigen Juristen und einer um ein Jahr älteren Schriftstellerin las, umso mehr hat mich diese Liebesgeschichte bewegt. Sie beginnt im Spätsommer 1842.

Er, Levin Schücking, kennt sie, Luise von Gall, lediglich vom Hörensagen – und weil er glaubt, dass es an der Zeit ist, eine Braut zu finden, lässt er ihr über einen Freund schriftlich ausrichten, dass er ihr den Hof oder, wie es damals hieß, die Cour machen wolle. Sie, lebenslustig und aufgeschlossen, lässt sich auf das Spiel ein und antwortet. Ein kindisches Abenteuer, eine Art Rollenspiel beginnt, Briefe wechseln hin und her, und langsam, aber stetig öffnen sich beide. Die brieflichen Gespräche werden immer intensiver, die beiden Schreibenden geben immer mehr Privates von sich preis, schicken sich Porträts, und von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von einem Brief zum nächsten werden die oberflächlichen Komplimente seltener und weichen immer ernsthafteren Liebesbekundungen. Als sie sich – noch immer brieflich – verloben, meinen sie es absolut ernst damit. Nach neun Monaten des Briefwechsels ist die Sehnsucht übermächtig, sie vereinbaren ein Treffen, können vor Aufregung kaum noch schlafen oder essen, werfen im letzten Moment alle Planungen über den Haufen und sehen sich – an einem anderen als dem vereinbarten Ort, zu einer anderen als der vereinbarten Zeit. Plötzlich kann es nicht schnell genug gehen.

Wenige Monate später sind sie verheiratet.

Der Briefwechsel von Levin Schücking und Luise von Gall, 1928 in Leipzig herausgegeben, ist eine wunderschöne Liebesgeschichte – schade, dass es heute nicht ganz einfach ist, daran Anteil zu nehmen. Bedauerlicherweise gab es keine Neuauflage des Buches, und die meisten Bibliotheken geben ihr Exemplar nicht außer Haus. Darum wird es hier, an dieser Stelle, ein paar Einblicke in diese Love Story geben – als Fortsetzungsgeschichte. Love Content, sozusagen. ;)

Was bisher geschah: Levin Schücking, 28, hat zwar Jura studiert, will aber eigentlich Schriftsteller werden und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Momentan arbeitet er als Erzieher der beiden Söhne eines Fürsten in Bayern und Österreich, eine Tätigkeit, die er nur widerwillig ausübt. Schücking will etwas ändern in seinem Leben. Er wendet sich an seinen Freund Ferdinand Freiligrath, zu dessen Bekanntenkreis seit kurzem eine Schriftstellerin gehört, die, wie man hört, nicht nur schön, sondern auch klug sein soll. Schücking bittet seinen Freund, ihm “die Sache einzufädeln” und der Unbekannten zu signalisieren, dass er Interesse an ihr habe. Mit der Keckheit von einem, der nichts zu verlieren hat, lässt er Luise von Gall ausrichten, er würde sie gerne heiraten – in sieben Jahren … sie solle schon mal passende Kleidung bereitlegen.

Mein verehrter unbekannter Verehrer!
Freund Freiligrath hat mir zu meiner großen Rührung die mich betreffende Stelle aus Ihrem Briefe vorgelesen. Ich weiß nicht, ob es ein Kompliment für eine Dame ist, wenn jemand, ohne sie gesehen zu haben, um sie wirbt. Auf jeden Fall ist es ein größeres, wenn er es tut, nachdem er sie gesehen hat. Freiligrath meint aber doch, ich müsse mich selbst für die Ehre bedanken und ich tue es auch recht gerne, da ich “im Ernste” einen wahren Anteil an Ihnen nehme.

Von Ihrem Äußeren weiß ich auch weiter nichts, als dass Sie dunkle* Augen haben. Übrigens sind auch für einen Mann sieben Jahre eine Bagatelle, im Gegenteile. Sie werden dabei noch profitieren, da Sie dann in Ihr bestes Alter eintreten. Freiligrath und seine liebe Frau sind so sehr Ihre Freunde, dass ich die herrlichste Meinung von dem Herrn Levin habe. Ich nenne Sie lieber so, wie Schücking, es klingt schöner, und da ich nichts wie Ihren Namen kenne, so hat der noch seine volle Wirkung.

Doch nun zur Sache. Da ich ja eine Kassaweika habe, so kann ich ja Ihren Antrag annehmen und tue es auch, indem ich Ihnen meine Treue verpfände. Nur eine Bedingung mache ich. Ich darf in diesen sieben Jahren niemand sehen, der mir besonders gefällt, da dies übrigens nicht so leicht bei mir der Fall ist, so ist das nicht gefährlich. Aus besonderem Gerechtigkeitsgefühl sollen Sie denselben Vorteil genießen, und wenn Sie jemand finden, der Ihre Augen fesselt, so dürfen Sie die ungesehene Nachtigall vergessen, die nur in tiefer dunkler Blätternacht sich hören lässt.

*Eben höre ich, dass Ihre Augen hell sind – das tut nichts – wenn sie nur glänzen.

Fortsetzung …

8 Kommentare

  1. “Mit der Keckheit von einem, der nichts zu verlieren hat, lässt er Luise von Gall ausrichten, er würde sie gerne heiraten – in sieben Jahren … sie solle schon mal passende Kleidung bereitlegen.”

    Wow, das gefällt mir! Eine sehr schöne Geschichte und wenn dann noch ein Happy-End folgt. Bin gespannt.

    Ina.

  2. Wunderbar, diese Liebesgeschichte. Ja, das bewegt uns. Und natürlich ist es brandaktuell, egal welches Datum die Briefe tragen… ;) Freu mich auf die Fortsetzung, Mo!

  3. Oh, wie schön!!!
    Für´s Herz. Das ist gut.
    Danke.
    Ich bin auch ganz gespannt.

  4. freue mich auf die fortsetzung……….

    bin gespannt wie`s weiter geht!!!!!!

  5. “Eine alte Liebe” wie wunderbar!!

    Ja, das ist genau das richtige für mein Herzchen!!
    Vor allem, weil ich Ähnliches gerade erleben durfte…

    DANKE!!!

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