Bei Gerhart Hauptmann auf Hiddensee

Ein Junitag in Kloster auf Hiddensee: Hinter dem modernen Pavillon, der zugleich Buchladen, Ausstellungsraum und Ticketshop für das dahinter gelegene Hauptmannhaus ist, hat sich ein gutes Dutzend junger Leute in der Sonne gemütlich gemacht, um Werke des Literaturnobelpreisträgers zu besprechen.

Gerhart Hauptmann. Foto: Wilhelm Willinger. Public Domain, via Wikimedia Commons

Ich schaue hinüber zum „Haus Seedorn“, das in exponierter Lage zwischen Bäumen auf einem Hügel über dem Kirchweg steht, und stelle mir vor, wie ein älterer Herr den Kopf zum Esszimmer-Fenster herausstreckt. Er lässt seinen weißen Haarkranz im Ostseewind flattern und heftet den Blick wohlwollend auf die jungen Rezitatoren, die ihm zu Ehren – anders kann es ja nicht sein – auf die langgestreckte Insel westlich von Rügen gepilgert sind. Gerhart Hauptmann mochte es, bewundert zu werden.

Das Wort an sie gerichtet hätte er wohl eher nicht, denn frei sprechen war nicht die Stärke Gerhart Hauptmanns. Schreiben übrigens auch nicht, also: selbst schreiben. Meist diktierte er seine Werke, und die Frauen in seinem Leben – seine erste Frau Marie Thienemann, seine zweite Frau Margarete Marschalk, seine Sekretärin Elisabeth Jungmann – brachten alles zu Papier.

Haus Seedorn in Kloster auf Hiddensee: Gerhart Hauptmann ließ zum ursprünglichen Sommerhaus (im Vordergrund) einen Anbau (links im Hintergrund) errichten. Foto: Monika Gemmer

Als Gerhart und Margarete Hauptmann 1930 das Häuschen in Kloster kauften, war er längst berühmt, ein Nationaldichter, den die Nazis als einen der ihren betrachteten (wogegen er gar nichts hatte, im Gegenteil). In den Augen der Insulaner hingegen sollte Gerhart Hauptmann nie einer der ihren werden, da konnte der Schriftsteller noch so oft den Sommer bei ihnen auf Hiddensee verbringen. Der prominente Sommergast galt als unnahbar, manchen gar als arrogant. Was ihn immer wieder hierher zog, seitdem er 1885 als frisch verheirateter 23-Jähriger die Insel das erste Mal betreten hatte, waren nicht die Menschen – denen ging er lieber aus dem Weg. Es war die Landschaft, das perlmuttglänzende Meer, der Gesang der Vögel, seine „Produktivspaziergänge“ am Strand, die er mit Stift in der Hand und Kladde im Arm absolvierte.

Hiddensee. Foto: Monika Gemmer

Die Ehe mit der Bankierstochter Marie (Mary) Thienemann hatte ihn von finanziellen Sorgen befreit und ihm den Weg zu einem Dasein als Künstler eröffnet. Zunächst hatte er es, wenig erfolgreich, mit der Bildhauerei versucht. Nun konzentrierte er sich aufs Dichten.

Mondschein liegt um Meer und Land
dämmerig gebreitet;
in den weißen Dünensand
Well‘ auf Welle gleitet.
Unaufhörlich bläst das Meer
eherne Posaunen;
Roggenfelder, segenschwer,
leise wogend raunen.

aus: Gerhart Hauptmann, „Mondscheinlerche“, 1885

Obwohl Hiddensee es Hauptmann – wie vielen nach ihm – vom ersten Moment an angetan hatte, dauerte es eine ganze Weile, bis er wiederkam. Zwischen dem ersten und dem zweiten Besuch lagen elf Jahre, mehrere Theaterskandale, ausgelöst durch seine sozialkritischen Dramen „Vor Sonnenaufgang“ und „Die Weber“ – und die Trennung von Marie. Als Gerhart Hauptmann 1896 nach Hiddensee zurückkehrte, war er in Begleitung seiner Geliebten Margarete Marschalk, die er 1904 – nach der Scheidung von Marie – heiratete. Zwischen den beiden Frauen wird sich Hauptmann fast zeitlebens hin- und hergerissen fühlen (was ihn nicht hinderte, kurz nach seiner zweiten Hochzeit eine Affäre mit einer 16-Jährigen zu beginnen).

Beruflich ging es für ihn steil bergauf. Hauptmann avancierte zum Meister des Naturalismus, schrieb ein Theaterstück nach dem anderen, daneben Lyrik und Novellen wie den „Bahnwärter Thiel“. Man überhäufte ihn mit Ehrungen. 1912 wurde ihm die Größte zuteil: Er bekam den Nobelpreis für Literatur.

1912 bekam Gehart Hauptmann den Literaturnobelpreis. Foto: Monika Gemmer

Thomas Manns süße Rache

Ab 1921 wohnten die Hauptmanns während ihrer sommerlichen Hiddensee-Aufenthalte in der Pension „Haus am Meer“. Dort bekamen sie 1924 hohen Besuch: Noch-Nicht-Nobelreisträger Thomas Mann reiste, einer Einladung des Nobelpreisträgers folgend, mit der ganzen Familie an. Die Sache ging nicht gut. Offenbar behagte es den Manns nicht, dass die Hauptmanns auf der Insel im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Nach einer Woche reisten sie weiter nach Usedom. Ein paar Monate später stieß Hauptmann bei der Lektüre des soeben erschienenen Romans „Der Zauberberg“ im letzten Kapitel auf die Figur des Mynheer Pepperkorn, erkannte sich – und war empört.

… einem Holländer, einem Säufer, einem Giftmischer, einem Selbstmörder, einer intellektuellen Ruine, von einem Luderleben zerstört, behaftet mit Goldsäcken und Quartanfieber, zieht Thomas Mann meine Kleider an. Der Golem lässt Sätze unvollendet, wie es zuweilen meine Unart ist. Wie ich, wiederholt er oft die Worte „erledigt“ und „absolut“. Ich bin sechzig Jahre alt, er auch. Ich trage, wie Peeperkorn, Wollhemden, Gehrock, eine Weste, die bis zum Halse geschlossen ist. In dem herrlichen Hiddensee’er Klima hatten sich meine Fingernägel beinahe zu Teufelskrallen entwickelt, wie die Peeperkorns. Meine Augen sind klein und blass und werden nicht größer, wenn ich auch, wie Peeperkorn, nach Kräften versuche, die Augenbrauen heraufzuziehen.

In seinem Tagebuch notierte Hauptmann am 13. Januar 1925:

Ich habe 60 Jahre nichts vermisst und doch ohne Thomas Mann gelebt. Heute bedaure ich sogar, ihm begegnet zu sein. Ich werde jedenfalls mein frühere Thomas Mannfreies Dasein, soweit es bei mir liegt, ohne Bedauern wieder aufnehmen.

Der Vorsatz hielt nicht lange. Thomas Mann schrieb einen liebenswürdigen und schmeichelhaften Entschuldigungsbrief und bekam stante pede ein Telegramm:

Fern von allem Groll begrüße ich Sie in alter Herzlichkeit. Brief folgt. Gerhart Hauptmann

Trinkfeste Abendgesellschaft

Ein paar Jahre später konnten die Hauptmanns mit dem Kauf von Haus Seedorn ihren langgehegten Traum vom eigenen Domizil auf Hiddensee verwirklichen. In der kleinen Residenz, die er sommers gegen die Villa im schlesischen Agnetendorf eintauschte, verschanzte sich Hauptmann nun hinter eigens gepflanzten Bäumen und Sträuchern, kaufte sogar noch Grund und Boden hinzu, um sich besser abschotten zu können. Das sorgte für Ärger mit der benachbarten Biologischen Station: Hauptmann hatte den Forschern den direkten Weg zum Wasser, wo sie täglich Proben entnahmen, abgeschnitten. Mühsam wurde ihm der Kompromiss abgerungen, einen Durchgang zu öffnen, der noch heute „Biologenweg“ heißt.

Ein richtig hartleibiger Misanthrop war Gerhart Hauptmann indes nicht. Er umgab sich durchaus mit Menschen, lud sich abends gerne Gäste ein. Die allerdings gehörten einem ausgewählten Kreise an. Zwei wichtige Eigenschaften mussten sie mitbringen: erstens die Fähigkeit, die Monologe Hauptmanns zu ertragen, die – wie er ja selbst einräumt – viele abgehackte Sätze beinhalteten. Und zweitens Trinkfestigkeit. Die Tür zum Weinkeller war nicht umsonst vom Tisch aus in wenigen Schritten erreichbar.

Der Weinkeller unter dem Kreuzgang, der Verbindung von altem Wohnhaus und Anbau, fasst 450 Flaschen. Hauptmann, der jeden Tag zwei Flaschen verputzt haben soll, ließ sich den Wein aus Baden und dem Rheingau anliefern. Foto: Monika Gemmer

Schon lange war Gerhart Hauptmann nicht mehr der einzige Promi auf Hiddensee. Käthe Kruse lebte hier mit ihrem Mann Max und dessen Bruder, dem Maler Oskar Kruse. Gustav Gründgens, Helene Weigel, Albert Einstein, Sigmund Freud, Mascha Kaléko, Heinrich George waren da. Hans Fallada schrieb auf Hiddensee an „Kleiner Mann, was nun?“. Carl Zuckmayer und Joachim Ringelnatz kamen, sie waren Gäste der dänischen Stummfilmschauspielerin Asta Nielsen, die sich ein Haus im Nachbardorf Vitte gekauft hatte.

Den „Run“ auf Hiddensee beobachtete Hauptmann mit Skepsis. Er hatte die Insel als „eins der lieblichsten Eilande“ besungen und sich von ihr zu Werken wie „Die versunkene Glocke“ oder „Die Insel der Großen Mutter“ inspirieren lassen. Nun nannte er sie ein „ekelhaft bekrochenes Eiland“. Zu denen, die ihm ein Dorn im Auge waren, gehörte wohl die Malerin, Schriftstellerin und Musikerin Henni Lehmann, die 1922 einen Künstlerinnenbund auf Hiddensee gründete. Emanzipierte Frauen, die politisieren? Das war nichts für den alten Patriarchen.

Schweigen zur Barbarei

Die Jüdin Henni Lehmann nahm sich 1937 das Leben. Gerhart Hauptmann hingegen blieb auch nach 1933 ein erfolgreicher und gefeierter Schriftsteller. Die Hakenkreuzfahne, die nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten am Haus Seedorn wehte, hatte Hauptmann zwar nicht eigenhändig gehisst. Aber die Loyalitätserklärung der Künstler für Hitler, die Gottfried Benn im März 1933 initiierte, trug auch seine Unterschrift.

Der jüdische Kritiker Alfred Kerr kündigte ihm aus dem Prager Exil die Freundschaft:

… ich liebte, jenseits von allem Dramengeschreib, den Menschen, den Freund in der Stille, den Unverwechselbaren, den Seltenen, den Umleuchteten. Es gibt seit gestern keine Gemeinschaft zwischen mir und ihm, nicht im Leben und nicht im Tod. Ich kenne diesen Feigling nicht. (…) Hauptmann, Gerhart, ist ehrlos geworden.

Als glühenden Nationalsozialisten kann man Hauptmann kaum bezeichnen, eher als einen, der sich durchlavieren wollte, ohne sich öffentlich zu positionieren. Die Barbarei der Nazis empfand er als abstoßend, die Huldigungen des NS-Regimes nahm er gleichwohl gerne entgegen, ließ sich von Hitler zum 75. Geburtstag gratulieren und war Gast bei Joseph und Magda Goebbels.

Verständnis zeigte einer, der selbst erst spät und nur unter Drängen seiner Tochter Erika Stellung bezog: Thomas Mann.

Ich kann es dem alten Hauptmann nicht übel nehmen, dass er schweigt. Was soll er sich um Habe und Vaterland reden?

Dem scharfen Beobachter Gerhart Hauptmann wird kaum verborgen geblieben sein, was Asta Nielsen 1933 feststellten musste:

Die dunkelhaarigen Künstlertypen wurden von kräftigen blonden Männer und breithüftigen Frauen mit Gretchenfrisur abgelöst. Die stampften großspurig und laut über Felder und Wege und lachten schallend und herausfordernd. (…) Die neue Zeit hatte von der Insel Besitz ergriffen. Ich hatte dort nichts mehr zu suchen.

Gerhart Hauptmann notierte im selben Jahr:

Was kann mir schon passieren? Man kann mich an die Wand stellen und ein Loch in mich schießen. Was weiter? Ich bin alt. Außerdem habe ich für jede Partei ein Stück geschrieben, bei den Nazis kann ich mich auf [das Revolutionsdrama] „Florian Geyer“ berufen, bei den Kommunisten auf „Die Weber“ und bei den Klerikern aufs „Hannele“ [die Traumdichtung „Hanneles Himmelfahrt“].

 

„Schweigen ist die größte Kunst“, „Es lohnt nicht mehr“,“Reden entfernt“: In seinem Schlafzimmer sind noch bis heute Notizen zu erkennen, die Hauptmann in schlaflosen Nächten an die Wand über seinem Bett kritzelte. Foto: Monika Gemmer

„Nu jaja! Nu nee nee!“, sagt der Kleinbauer Ansorge in Hauptmanns Drama über den Weber-Aufstand in Schlesien. Das Unentschlossene, Wechselhafte, Widersprüchliche, wie es in dem Ausspruch zutage tritt, könnte auch den Charakter des Autors selbst treffend beschreiben, findet Hauptmann-Biograf Rüdiger Bernhardt. Ich finde: Wer das Gefühl von Zweifel, von Verzagtheit, von innerer Zerissenheit nicht kennt, werfe den ersten Stein.

Ein Jahr nach Kriegsende starb Gerhart Hauptmann in Schlesien. Am 27. Juli 1946 fand seine  letzte Überfahrt nach Hiddensee statt.

Er wünschte sich, auf Hiddensee seine letzte Ruhe zu finden: Auf dem Inselfriedhof in Kloster erfüllt sich 1946 Gerhart Hauptmanns Wunsch. Seine 1957 verstorbene Frau Margarete ruht seit Anfang der 90er Jahre ebenfalls hier – an sie erinnert der kleine Stein. Foto: Monika Gemmer

Wenige Jahre vor seinem Tod war das letzte Hiddensee-Gedicht entstanden:

Hier, wo mein Haus steht,
wehte einst niedriges Gras:
ums Herz Erinnerung weht,
wie ich dereinst
mit Freunden hier saß.
Wir waren zu drei’n,
vor Jahrtausenden mag es gewesen sein.
Es war einsam hier,
tief, tief!
So waren auch wir.
Verlassenheit über der Insel schlief.
Dann kam der Lärm,
ein buntes Geschwärm:
entbundener Geist,
verdorben, gestorben zuallermeist.
Und nun leben wir in fremdmächtiger Zeit,
verschlagen wiederum in Verlassenheit.
In meines Hauses stillem Raum
herrscht der Traum.

Gerhart Hauptmann, „Die Insel“, 1943

 

Im Esszimmer des Hauptmannhauses. Foto: Monika Gemmer

Zum Weiterlesen
Rüdiger Bernhardt: Auf den Spuren von Gerhart Hauptmann
Gerhart Hauptmann auf Hiddensee (aus der Reihe „Menschen und Orte“)

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(via twitter.com/MonikaGemmer)

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