SoundCite JS: Texte mit Audios anreichern

Stimmt schon: Gut geschriebene Texte brauchen nichts weiter als eine Leserin mit Phantasie, um ihre volle Wirkungskraft zu entfalten. Und doch kann es sich lohnen, Texten noch mehr Tiefe zu geben – mit einer medialen Erweiterung durch Sounds. 

O-Töne, Geräusche, Atmosphäre können eine sinnvolle Ergänzung zu schriftlichen Inhalten im Netz sein. Meist begegnet man ihnen in Gestalt eines Audioplayers, der zwischen zwei Absätzen eingebunden wird und das Lesen somit unterbricht. SoundCiteJS bietet eine anderen Weg: Mit dem Tool lassen sich Töne nahtlos in einen Text integrieren. „Seamless inline audio“ nennt die Werkzeugschmiede Knight Lab dieses Storytelling-Format.

Ein Auszug aus dem Droste-Gedicht „Die Lerche“ mag als Beispiel dienen:

(…) Da krimmelt, wimmelt es im Haidgezweige,
Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,
Streicht an des Thaues Kolophonium,
Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.
Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt,
Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,
Daß heller der Triangel möge klingen;
Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;
Und, immer mehrend ihren werthen Gurt,
Die reiche Katze um des Leibes Mitten,
Ist als Bassist die Biene eingeschritten:
Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln
Das Contraviolon die trägen Hummeln.
So tausendarmig ward noch nie gebaut
Des Münsters Halle, wie im Heidekraut
Gewölbe an Gewölben sich erschließen,
Gleich Labyrinthen in einander schießen;
So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,
Wie’s musizirt aus grünem Haid hervor.
(…)

SoundCite JS: Wie funktioniert’s?

Auf der Plattform SoundCiteJS sind die Clips im Handumdrehen erstellt, die Plattform erklärt das Prozedere in drei Schritten. Eigentlich sind es vier Schritte, denn vorbereitend solltest du …

1.) Sound publizieren: Die Audios müssen online verfügbar sein. Lade ein Soundfile – möglich sind die Formate MP3, M4A, WAV und Ogg, für das Ausspielen auf iOS wird .mp3 empfohlen – entweder auf deinen Webspace oder in deine WordPress-Mediathek und kopiere dir den Link zur Audiodatei in deinen Zwischenspeicher. In WordPress findest du den Link im Bearbeitungsmodus einer Mediendatei hinter dem Button „URL in Zwischenablage kopieren“.

2.) Sound laden: Öffne das Tool SoundCiteJS im Browser deiner Wahl, kopiere den Link zum Audiofile in das erste Feld und drücke „Load“.

3.) Clip erstellen: Ist die Datei geladen, bekommst du mehrere Optionen: Du kannst das Audio anhören, durch Setzen von Start- und Endzeit einen Ausschnitt auswählen (oder die ganze Datei nutzen), festlegen, ob und wie oft der Sound wiederholt wird und hinter welchem Wort in deinem Text er hinterlegt sein soll. All diese Optionen lassen sich auch nachträglich ändern – insbesondere die Wahl des Textabschnitts wirst du womöglich erst später treffen wollen; lass in diesem Fall einfach „listen“ stehen. Ein Klick auf „Create clip“ generiert den Code mit den Parametern, die du in diesem Schritt ausgewählt hast.

4.) Sound im Text einbetten: Kopiere dir den Embed-Code und setze ihn dort ein, wo du ihn brauchst: Im WordPress-Editor deines Beitrag zum Beispiel oder auf einer Website, deren Datei du in einem HTML-Editor bearbeitest. 

Der generierte Embed-Code lässt sich, wie oben erwähnt, leicht anpassen: Start- und Endzeitpunkt sind im Code vermerkt, ebenso, wie oft der Clip abgespielt werden soll („data-plays“). Und natürlich lässt sich „listen“ durch jedes beliebige Wort oder jeden gewünschten Satzteil ersetzen. Im Beispiel oben sieht der Code für das erste hinterlegte Audio so aus:

<span class="soundcite" data-url="https://www.dailymo.de/wp-content/uploads/grillle.mp3" data-start="0" data-end="9000" data-plays="1">Grille</span>

Damit das Ganze funktioniert, fehlt allerdings noch ein letzter Schritt. SoundCiteJS liefert dir unterhalb deiner Clips unter dem Punkt „3“ einen weiteren Code: Er lädt die benötigten Javascript-Dateien, die dafür sorgen, dass der Player tut, was er soll, und muss vor dem eigentlichen Embed-Code deines ersten Clips eingefügt werden. WordPress-User können einfach das zugehörige Plugin installieren.

Quelle für Sounds und Geräusche

Woher bekommt man nun Sounds, wenn man sie nicht selbst erstellen kann? Da lohnt ein Blick in die Hörspielbox. Sie bietet ein gut verschlagwortetes Soundarchiv mit mp3-Dateien – auch einige der oben verwendeten Geräusche entstammen hoerspielbox.de. Der Download ist kostenlos, allerdings wird um eine Spende gebeten. Und: Eine kommerzielle Nutzung bedarf der schriftlichen Zustimmung. Mehr dazu in den Nutzungsrechten.

Offiziell eröffnet: Droste-Lyrikweg zwischen Rüschhaus und Hülshoff

Vor sechs Jahren hörte ich erstmals von diesem Projekt: Der viereinhalb Kilometer lange Weg zwischen den beiden Wohnhäusern der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff bei Münster, dem Rüschhaus im heutigen Stadtteil Nienberge und Burg Hülshoff in Havixbeck, sollte zu einem Lyrikweg“ ausgebaut werden. Damals hatte ich die Strecke mit dem Rad erkundet und ihren ungefähren Verlauf – soweit das heute noch möglich ist – mit der Kamera festgehalten.

Seit wenigen Tagen ist der „Droste-Landschaft – Lyrikweg“ offiziell eröffnet. Er führt ziemlich genau dort entlang, wo auch ich ihn verortet hatte. Nun gibt es entlang der Strecke ein gutes Dutzend ausgebauter Stationen mit Droste- und Gegenwartstexten.

Hier mein Bericht für die FR:

Rahel Levin Varnhagen und der „deutsche Empörungsmut“ gegen Jüdinnen und Juden

Heine nannte sie die „geistreichste Frau des Universums“, Goethe eine „schöne Seele“, die Salonière selbst rühmte ihr Talent zur gesellschaftlichen Konversation. Mit ihrer jüdischen Herkunft haderte sie – weil sie sie zur Außenseiterin machte. Heute vor 250 Jahren wurde Rahel Levin geboren. 

Das genaue Datum ihres Geburtstages im Jahr 1771 kannte Rahel Levin nicht. Sie wusste nur, dass sie in der Nacht vor Pfingsten zur Welt gekommen war – und feierte daher ihren Geburtstag immer zusammen mit dem christlichen Fest. Erst später hat man errechnet, dass es der 19. Mai war, als Rahel in eine wohlhabende jüdische Familie hineingeboren wurde.

Rund 4000 Jüdinnen und Juden lebten um 1800 in Berlin. Die Levins gehörten zu den Familien, die im Besitz des  Königlichen Generalprivilegs waren, eines Schutzbriefes, der ihnen gewisse Niederlassungsrechte einräumte. Doch von einer rechtlichen Gleichstellung, von einer gesellschaftlichen Anerkennung waren auch sie weit entfernt.

Die älteste Tochter hat das früh gespürt. Im Laufe ihres Lebens kommt sie immer wieder auf den „Makel“ zu sprechen, als den sie ihr Jüdischsein empfindet. Sie hadert mit ihrer Herkunft, fühlt sich als „Falschgeborene“: „Was ist es garstig, sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein!“

Porträt Rahel Varnhagen. Lithographie (1834) von Gottfried Küstner nach Moritz Daffingers Pastell von 1818
Porträt Rahel Varnhagen. Lithographie (1834) von Gottfried Küstner nach Moritz Daffingers Pastell von 1818. Quelle: Wikimedia Commons

In ihren Salon in Berlin, den sie  – ungewöhnlich – als ledige Gastgeberin ab etwa 1793 in der Jägerstraße führt, strömen sie dennoch zuhauf, die Künstler*innen und Geistesgrößen dieser Zeit: Denker wie Friedrich Schleiermacher, Friedrich Schlegel, die Humboldts, Schauspielerinnen wie Friederike Unzelmann, Diplomaten und Politiker wie Friedrich Gentz, Gualtieri, Louis-Ferdinand von Preußen,  Schriftstellerinnen und Salonièren wie Henriette Herz und Dorothea Veit, die spätere Dorothea Schlegel. Man könnte glatt auf die Idee kommen, der Erfolg der jüdischen Salons in Berlin um 1800, der Zeit der Frühromantik, wäre ein Zeichen: für die Emanzipation der Jüdinnen und Juden, für eine wachsende Anerkennung in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, repräsentiert durch die „Habitués“, die Salongäste … Tatsächlich aber war es wohl eher so, dass diese sich zwar gerne von Rahel Levin, Henriette Herz oder anderen jüdischen Salonièren bewirten ließen, außerhalb dieser Zirkel aber keinerlei Drang verspürten, der herrschenden Judenfeindlichkeit entgegenzutreten. Im Gegenteil, einige, wie Friedrich Gentz, Ludwig Tieck oder Clemens Brentano, äußerten sich antisemitisch. Wilhelm von Humboldt sagte von sich: „Ich liebe die Juden eigentlich auch nur en masse, en détail gehe ich ihnen sehr aus dem Wege.“

Reaktionen Rahel Levins auf solche Äußerungen, so sie überhaupt Kenntnis davon bekam, sind nicht überliefert, wohl aber, dass sie mit Entsetzen auf die antijüdischen Pogrome reagierte, die 1819 von Würzburg ausgingen und sich überall im Gebiet des Deutschen Bundes ausbreiteten: „Ich bin gränzenlos traurig und in einer Art wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebener thun. Behalten wollen sie sie; aber zum Peinigen und Verachten; zum Judenmauschel schimpfen; zum kleinen dürftigen Schacher; zum Fussstoss, und Treppenrunterwerfen. Die Gesinnung ist’s die verwerfliche, gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum herzlosen Schrek.“ 

Schon 1815 schrieb sie in einem Brief an ihren Mann Karl August Varnhagen: „Ich kenne mein Land! Leider. Eine unselige Kassandra! Seit drei Jahren sag’ ich: die Juden werden gestürmt werden; ich habe Zeugen. Dies ist der Deutsche Empörungsmuth“.

Über ihr ambivalentes Verhältnis zum Jüdischsein, ihre Versuche, die eigene Herkunft durch Heirat hinter sich zu lassen, ihr Talent zur Kunst der Konversation und natürlich über Rahel Levins ersten und berühmtesten Salon in Berlin schreibe ich zum heutigen 250. Geburtstag in der Frankfurter Rundschau: „Kann ein Frauenzimmer dafür, wenn es auch Mensch ist?“

Die Pandemie als Scheinwerfer

Corona leuchtet uns direkt ins Gesicht und macht sichtbar, wie hässlich wir sind.

Wintertag am Dorfrand

Danke, 2020

Was bleibt von diesem Jahr, dessen Ende viele so sehnlichst herbeiwünschen? Was bleibt von den Erkenntnissen des Frühjahrs, als viele Menschen merkten und mitteilten, dass sie der Pandemie bei allem Unglück auch etwas Positives abgewinnen können – Entschleunigung, Besinnung, geänderte Prioritäten, die Erfüllung eines Urlaubs in den heimischen Wäldern statt in irgendeinem Resort auf einem anderen Kontinent, dessen austauschbare Freizeitangebote vergessen machen, in welchem Land man sich eigentlich aufhält?

Ich wäre gerne optimistisch und würde gerne glauben, dass wenigstens etwas davon die Zeit der Pandemie überdauert. Und wenn es nur die Dankbarkeit ist. Davon hat sich bei mir viel angesammelt. Weiterlesen →

Corona-Projekt: Drostes „Unruhe“ ist jetzt vertont

Droste-Rezitation

Aufnahme im Corona-Studio.

Der Plan reifte schon vor der Pandemie, nahm im wanderreichen Corona-Sommer weiter Gestalt an – nun, im Herbst, haben wir ihn in die Tat umgesetzt. Dora Michel komponierte und mischte, ich rezitierte und verhaspelte mich, am Ende können wir stolz unser Werk präsentieren: Die Vertonung des Droste-Gedichts „Unruhe“. Weiterlesen →