Schubladen

Tagelang hatte ich vergangene Woche mühsam drumherum formuliert – um den rassistischen Mordanschlag, um den Deutsch-Äthiopier, um den fremden- und ausländerfeindlichen Überfall.

Was am frühen Ostersonntag an dieser Straßenbahnhaltestelle in Potsdam passiert ist – als zufällig diensthabende Onlineredakteurin vermochte ich das genau so wenig zu sagen wie die Nachrichtenagenturen. Die aber tickerten so selbstverständlich rassistischer Mordversuch, als hätten sie daneben gestanden.

Dass wir als Presse die juristische Einordnung eines Verbrechens (Mord, versuchte Tötung, Körperverletzung mit Todesfolge?) den Gerichten überlassen sollten und ein Verdächtiger (sogar ein Täter, der gestanden hat) so lange auch in den Medien kein Mörder ist, bis er als solcher verurteilt wurde, habe ich schon als Volontärin gelernt. Aber das ist nur ein Randaspekt.

Als Belege für einen rassistischen Überfall werden unter anderem die Worte herangezogen, die in dem Streit unmittelbar vor der Gewalttat gefallen sein sollen. Wie die meisten habe auch ich mir die Aufnahme mit den Täterstimmen angehört – verstanden hab ich kaum ein Wort. Das kann an meinem Hörvermögen liegen, aber dennoch war mir wohler, nachdem ich beim Redigieren der Agenturtexte Begriffe wie mutmaßlich und vermutlich und penibel Konjunktive und Zitatquellen eingefügt hatte. Vielleicht war so viel Spitzfindigkeit nicht nötig – vielleicht aber doch. Das weiß man, wenn überhaupt, erst hinterher.

Der Deutsch-Äthiopier (die Deutsch-Irakerin, der Deutsch-Libanese etc.) entsteht im alltäglich gewordenen Huddel-Journalismus immer dann, wenn der Deutsche äthiopischer Herkunft (die Deutsche irakischer Abstammung, der im Libanon geborene Deutsche) zu sperrig, zu lang, zu zeitaufwändig, kurz: zu umständlich ist für das schnelle Nachrichtengeschäft. Ein Mensch mit einem deutschen Pass mag aus einem anderen Land stammen – er ist in aller Regel Deutscher, nicht Deutsch-Sonstwoher. Ihn zu einem Ausländer, einem Fremden gar zu schreiben, das ist sachlich falsch. Aber nicht nur das.

Womöglich bedient der Umgang mit der Gewalttat in Potsdam genau das beschränkte Denken, das es anprangern möchte? Womöglich spielen wir als Presse, als Politiker, als Verbände, als Diskutanten in der Kneipe, als Blogger (oder in welcher Form auch immer wir uns am öffentlichen Diskurs beteiligen) mit unseren reflexartigen Reaktionen eben jenen in die Hände, deren Blut-und-Boden-Parolen wir zutiefst verabscheuen? Werden Rechte, die „national befreite Zonen“ schaffen wollen, sich angesichts von Katalogen mit so genannten No-Go-Areas nicht die Hände reiben?

Sollte sich herausstellen, dass dieser eine Fall nicht das ist, wonach er aussieht – was wird das bedeuten für die Initiativen gegen Rechts, die den Kampf gegen die Kürzung ihrer Zuschüsse aus eben diesem Anlass wieder neu ausfechten? Was setzt sich vor einer solchen Kulisse in den Köpfen fest, wenn ein Bundesinnenminister mal eben lapidar die Gegenrechnung aufmacht und die Gewalttaten von Menschen nichtdeutscher Herkunft gegen blonde, blauäugige Deutsche erwähnt? Vielleicht ein ebenso lapidares Siehst du – wir sind gar nicht so. Die schon ?

Der Verfassungsschutzbericht 2004 (pdf) vermeldete rund 12.000 Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund, darunter 640 Körperverletzungen und sechs versuchte Tötungsdelikte. Im Jahr 2005 ist diese Zahl offenbar deutlich gestiegen. Angesichts einer Dunkelziffer und Taten, die nicht als „rechts“ erkannt oder eingeordnet werden, dürften es noch mehr sein. Mag sein, dass die meisten dieser Vorfälle von Medien unterbelichtet werden (obwohl jeder, der aufmerksam Zeitung liest, davon erfahren kann). Insofern ist es nicht nur gut, sondern höchste Zeit, wenn nun lauter darüber geredet wird. Allerdings unabhängig von dem Fall in Potsdam.

Das mediale Trommelfeuer, das der Tat von Ostersonntag folgt, scheint mir jedenfalls nicht die beste aller Alternativen zu sein.

7 Kommentare

  1. Auf die Idee von einen „farbigen Deutschen“ zu schreiben, scheint erst gar keiner gekommen zu sein. In deutschen Köpfen ist es immer noch völlig egal wo man geboren und aufgewachsen ist. Das zeigte doch schon die Diskussion um das Video von Grup Tekkan. Es waren 3 „Deutsch-Türken“.
    In Deutschland geboren und aufgewachsen, vielleicht schon in der dritten oder vierten Generation. Wie viele Generationen wird es wohl noch brauchen bis man nicht mehr von einem Deutsch-Sonstwoher, sondern von einem Deutschen spricht? 5? 6? 10?

    Bei Grup Tekkan war es ganz selbstverständlich von Deutsch-Türken zu sprechen. Da hat sich über die Political Correctness niemand Gedanken gemacht. Jetzt, da es um Leib&Leben geht, da wird auch wieder penibel darauf geachtet die richtigen Begriffe zu verwenden.

    Im Grunde genommen ist die ganze Diskussion ein Armutszeugnis. Wäre es ein Obdachloser gewesen, wäre der Bundesstaatsanwalt wohl nicht tätig geworden. So rückt ein Mensch, ein Opfer, in den Hintergrund und wird zum politischen Spielball.
    Stehen demnächst irgendwo wieder Wahlen an?

  2. Es ist eine Frechheit und manchmal frage ich mich von den Politikern ob es Naivität oder beinhartes Kalkühl ist. Da es keine dummen Leute sind, tippe ich auf das Kalkühl und mich erfasst eine innere Leere, die in gleicher Größe vermutlich in so manche Kopf steckt.

  3. Tja. Ich bin froh, dass diese Diskussion geführt wird, aber manches geht mir entschieden gegen den Strich. Gut, dass du an die gebührende Vorsicht beim Weiterverbreiten von Nachrichten erinnerst, finde ich: einerseits. Andererseits: Die Rede, ob der Überfallene politisch-korrekterweise Deutsch-Äthiopier, Deutscher äthiopischer Herkunft, oder wie in der Netzeitung afrikanischstämmiger Potsdamer genannt werden sollte, lenkt vom eigentlichen Thema ab.

    Für mich ist das: Die Gewalt auf der Straße, und wie sie verharmlost wird. Erst in zweiter Linie, dann aber umso heftiger, geht es, natürlich, um Ausländerhass. Und wie er immer wieder von gewissen Politikern hoffähig gemacht wird, indem sie plötzlich anfangen, von blonden Deutschen zu reden, indem sie sich genötigt sehen, dem rechten Rand ihre Aufwartung zu machen.

    Nirgendwo aber lese ich die Frage, wer eigentlich bei solchen Überfällen wegsieht, und warum. Gut, in diesem Fall war offenbar kaum jemand auf der Straße, aber es gibt genügend andere Fälle, wo sich ein Kreis von Menschen bildet und niemand wagt, einzugreifen. Warum nicht? Ich weiß, dass es schwer ist, ich habe solche Situationen selbst erlebt. Wo bleibt die Erziehung zum ganz selbstverständlichen Eingreifen?

  4. vielleicht sollten wir anfangen, demnächst von einem bayerischen Deutschen oder einem deutschen Baden-Württemberger zu schreiben? Nur, um das ganze Theater langsam ad absurdum zu führen?

    @Claudia: Situationen, bei denen nur zugesehen oder schlimmstenfalls weggesehen wird, begegnen uns doch alltäglich. Wir brauchen nur mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen. Courage und Rückrat scheint den meisten unserer Zeitgenossen verlustig gegangen zu sein.

  5. Die Rede, ob der Überfallene politisch-korrekterweise Deutsch-Äthiopier, Deutscher äthiopischer Herkunft, oder wie in der Netzeitung afrikanischstämmiger Potsdamer genannt werden sollte, lenkt vom eigentlichen Thema ab.

    Nun ja – nicht von meinem Thema, das in diesem Beitrag der Umgang der Medien mit diesem Vorfall ist. ;)

    Aber über diesen (Rand-)aspekt hinaus habt ihr grundsätzlich Recht – leider.

  6. Mo, vielleicht ist dies eine leichte Beruhigung:
    Nach meinem emotionalen Ausbruch habe ich glücklicherweise festgestellt, dass doch mehr Blogger sich in „unsere“ Richtung bewegen und insgesamt sensibler werden. Das ist ein Anfang, und wir sollten einfach weitermachen… ;)

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