Wahre Größe

Als wir den Hund im Spätsommer 1988 zum ersten Mal sahen, waren wir entsetzt. Der lange Körper mit dem struppigen, staubfarbenen Fell stand auf vier spindeldürren Beinchen, der Schwanz drehte sich über ihrem Hinterteil kreisförmig in die Höhe, und aus dem weißen Gesicht schauten uns zwei riesige schwarze Augen an. Vor allem aber war sie so schrecklich… klein!

D. und ich, wir waren andere Kaliber gewohnt: Anka, Laika und auch Benny waren groß und kräftig gewesen – Hunde eben. Nun also dieses… diese… Chica. So hatte die in Spanien lebende Deutsche das Findelkind der Einfachheit halber gerufen, bevor sie ein neues Zuhause für sie suchte. Und wir, D. und ich, wir hatten am Telefon zugesagt, den Hund aufzunehmen. Ohne ihn je gesehen zu haben. Selber schuld.

Also, sie ist… ziemlich klein.
Nunja, sie ist ja auch noch ganz jung. Ein Jahr oder so.
Das heißt wohl, sie wächst nicht mehr?
Vermutlich nicht.

Wir seufzten und taten das einzig Mögliche: Wir breiteten die Arme aus und schlossen das merkwürdige Tier bedingungslos in unsere Herzen.

Platz ist in der kleinsten Hütte!Sie verstand es blendend, ihre Körpergröße zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ob zwischen Umzugskartons, Koffern, Tapetenrollen, Matratzen oder Autositzen, sie suchte und fand stets ein Plätzchen, das sich unter ausgiebigem Im-Kreis-drehen-und-den-Untergrund-zu-einer-bequemen-Kuhle-platt-treten in ein annehmbares Lager verwandeln ließ. Ein Hund für jede Lebenslage – überall dabei. Chica nannten wir sie bald nur noch zu offiziellen Anlässen (wenn sie etwas angestellt hatte), ansonsten hieß sie Quietschi, ein Name, mit dem ihre Stimmlage hinreichend beschrieben ist.

Rasse: Nordische RobbenhündinQuietschi eroberte uns im Sturm. Frech, selbstbewusst, unkompliziert, gesellig, freundlich, lernbegierig und unendlich verschmust. Sie machte jeden schnell vergessen, wie klein sie war, und dass sie diesen komischen Schweinerüsselschwanz hatte. Wenn Fremde uns mit gerümpften Nasen nach der Rasse fragten, behaupteten wir stolz, sie sei eine nordische Robbenhündin – eine sehr seltene Rasse, und äußerst wertvoll. Und genau das war sie.

Quietschi liebte das alte, ehemalige Bauernhaus im Taunus, in dem sie mit uns lebte, und den Hof, in dem sich wunderbar knöcherne Schätze verbuddeln ließen. Sie betrachtete beide Wohnungen im Haus gleichermaßen als ihr Heim, und wo immer sie gegen die Tür sprang und kurz, aber energisch kläffte, wurde ihr aufgetan, füllten sich Näpfe, bildeten sich einladende Kuhlen auf Sofadecken.

Die große Überfahrt!Sobald sie merkte, dass wir für einen Urlaub packten, verlagerte sie ihren Platz in den nächstbesten offenstehenden Koffer. Sie war gerne unterwegs. Eine Globetrotterin, die alles mitmachte, von der Trekking-Tour bis zum Luxus-Urlaub: Mal wanderte sie mit uns fünfeinhalb Stunden durch die toskanischen Berge, ein anderes Mal ließ sie sich im Allgäu auf einer Radtour im eigens angefertigten Transportkörbchen auf dem Gepäckträger durch die Berge chauffieren.

Der Weg ist noch weit Oder durch dänische Dünenlandschaften tragen. Starke Persönlichkeiten haben eben kein Problem damit, Schwäche zu zeigen.


Am liebsten aber war sie am Meer. Wenn wir zusahen, wie sich das winzige Tierchen furchtlos in die großen Wellen stürzte, konnten wir selbst kaum noch glauben, dass wir ihr Jahre zuvor in den seichten Gewässern der Lahn das Schwimmen erst mühevoll hatten beibringen müssen.

Ausgefeilte RudertechnikAus dem wasserscheuen Wesen war eine Wasserratte geworden, die nur zweimal in Seenot geriet – als sie sich auf der Jagd nach einer Ente versehentlich bis in die Fahrrinne des Rheins manövriert hatte, und als D. sie aus einmal einem Fjord retten musste, wo sie sich im Schilf verfangen hatte.

Der Star des Strandes

Quietschi war fast gar nicht nachtragend. Ok, Pferde hatten bei ihr grundsätzlich verschissen, nachdem eines einmal den frisch beschlagenen Huf auf ihre zarten Zehen gestellt hatte. Mir aber nahm sie es nicht übel, dass ich vor einigen Jahren auszog und den Fellfratz in der Obhut von D. und den anderen in sie vernarrten Menschen in unserem Haus zurückließ. Zumindest ließ sie es mich bei meinem Besuchen nie spüren.Altersweise

Vorgestern kam ich sie zum letzten Mal besuchen. D. und ich tranken Bier, erinnerten uns an unser gemeinsames Leben mit diesem großartigen Hund, verbrachten eine schlaflose Nacht, und am nächsten Morgen hielten wir ihr in der Tierarztpraxis gemeinsam die Pfote, während die Spritze zu wirken begann. Dicke Freundinnen Von unseren leisen Stimmen begleitet, schlief Quietschi auf D.’s Brust ein, und ich hoffe, dass die Dicke sich nicht verspätet und ihre kleine Freundin an der Brücke nach drüben abgeholt hat.

Dieses kleine große Mädchen hat nahezu unser halbes Leben bereichert. Sie wurde 19 Menschenjahre alt.

Urlaubsimpression mit Hundedame

14 Kommentare

  1. Wie traurig schön! Ich bin sicher, die Dicke war zur Stelle und die beiden toben jetzt uneingeschränkt von Alterswehwechen etc. da oben rum!

  2. Danke, Liisa. Ja, das hoff ich auch. Jetzt tut es nur noch den Menschen weh, auch, wenn im Kopf ganz klar ist, dass es die richtige Entscheidung war. Sich das immer wieder bewusst zu machen, hilft – aber nur ein bisschen.

  3. Ja, es war und ist die richtige Entscheidung. Auch für mich. Ich stelle mir das bei Herrn Müller so vor, dass ich ihm sein Leid abgenommen habe und es fortan mit mir tragen werde. Und das ist manchmal schwer aber gut so, denn ich freue mich noch immer, ihm damit so sehr geholfen zu haben.

  4. Oh –
    ich werde nie vergessen, wie dieses extrem begeisterungsfähige Energiebündel in unserer WG damals in gleichermaßen hoher Frequenz quitschend, hechelnd und wedelnd die Treppe hochgefegt kam und sehr glaubhaft androhte, auch Frauen von 1,80 m einfach über den Haufen zurennen, wenn diese sich nicht freiwillig blitzschnell ‚tieferlegten‘, um damit einen angemessenen Austausch an Zärtlichkeiten zu ermöglichen. Sie hat mich dann allerdings immer sofort schmählich verlassen, wenn Du als ihre damalige nur-am-Wochenende-da-Bezugsperson auf der Bildfläche erschienst. Das aber war keineswegs Charakterlosigkeit sondern bedingungslose Liebe.
    Ich habe sie sehr gern gehabt.

    Sicher tauscht sie sich drüben jetzt auch bei Gelegenheit mit meinen Katzen darüber aus, welche Versionen wir ihnen jeweils von den Marburger Zeiten erzählt habe. Die haben sicher viel zu lachen.

  5. Meine Güte – du willst doch damit nicht etwa sagen, dass du bei deinen Katzen über unsere gemeinsamen Geheimnisse aus dieser Zeit geplaudert hast und dabei von der offiziellen, jugendfreien Version abgewichen bist? Elle! Ich bin schockiert.

  6. Kennst du das Regenbogen-Gedicht? ;) Als ich deine Geschichte las und deine Bilder sah, meinte ich, meinen Anton zu sehen. Denn er hat ein ähnliches Schicksal hinter sich; aber seit dem er hier bei mir ist, geht es ihm SAUGUT!

    Ein Hund, der 19 Menschenjahre alt wurde – WOW! Das ist ein absoluter Beweis dafür, wie gut die Maus es bei Euch hatte. Sicherlich sitzt sie jetzt vor dem Regenbogen und wartet darauf, dass Ihr eines Tages zu ihr kommt…. :)

  7. Das möcht ich auch gern glauben. Nein, das Regenbogen-Gedicht kenne ich nicht – hast du eine Quelle parat, Martina?

  8. Hier ist das Gedicht:

    Die Regenbogenbrücke

    Eine Brücke verbindet Himmel und Erde. Wegen der vielen Farben nennt man sie “Brücke des Regenbogens”.
    Auf dieser Seite des Regenbogens liegt ein Land mit Wiesen, Hügeln und saftigem, grünen Gras.
    Wenn ein geliebtes Tier auf Erden für immer eingeschlafen ist, geht es zu diesem schönen Ort. Dort gibt es immer zu fressen, zu trinken und es ist warm – es ist schönes Frühlingswetter.
    Die alten und kranken Tiere sind hier wieder jung und gesund. Sie spielen den ganzen Tag zusammen. Es gibt nur eins, was sie vermissen:
    Sie sind nicht mit ihren Menschen zusammen, die sie auf Erden so geliebt haben.
    So rennen und spielen sie jeden Tag zusammen, bis eines Tages plötzlich eines innehält und aufsieht:
    die Nase bebt, die Ohren stellen sich auf und die Augen werden ganz groß!!!
    Plötzlich rennt es aus der Gruppe heraus und fliegt förmlich über die grüne Wiese. Die Pfoten tragen es schneller und immer schneller. Es hat Dich gesehen!!!
    Und wenn Du und Dein spezieller Freund einander treffen, nimmst Du ihn in Deine Arme und hälst ihn fest.
    Dein Gesicht wird wieder und wieder geküsst , und Du schaust in die Augen Deines geliebten Tieres, das solange aus Deinem Leben verschwunden war, aber nie aus Deinem Herzen.
    Dann überschreitet Ihr gemeinsam die Brücke des Regenbogens, um nie wieder getrennt zu sein.

  9. heute ist es schon einen ganzen monat her. ich werde sie nie, nie vergessen, NIEMALS. hoffentlich stimmt das mit deinem gedicht martina.Ich freue mich
    schon drauf wieder mit meinem kleinen
    hund zusammen zu sein. danke für deine
    geschichte. und dir mo, vielen dank für den wunderschönen nachruf.

  10. Ja, ich musste heute auch sehr daran denken. Es wird ihr gut gehen – allemal besser als zuletzt. Und wir, wir vergessen nie ihren beherzten Sprung von der Rückbank auf den Beifahrersitz, als das Autodach wegflog. Gell?

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