Zeitreise

Altenberger Dom

Altenberger Dom

Da stehe ich an einem sonnigen Frühlingsabend im Tal der Dhünn im Bergischen Land, sehe einen Reiher auf einer saftigen Wiese herumstaksen und weiß plötzlich: Hier bin ich gerade richtig. Dieses Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Nicht in Gedanken woanders, schon wieder oder immer noch, sondern wunschlos, versenkt an Ort und Stelle wie ein sauber eingeschlagener Nagel in frischem Holz. Eben bin ich aus dem Dom, wo ich Kerzen angezündet habe, in die Abendsonne herausgetreten, und hier draußen hat dieses wunderbare „Alles-ist-gut“-Gefühl auf mich gewartet.

Ein paar Schritte vor mir geht mein Vater. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, ein wenig gebeugt, aber immer noch mit entschlossenen Schritten. Vor 56 Jahren, im Mai 1958, hat er hier meine Mutter geheiratet: Im Altenberger Dom, eine Simultankirche, die sie sich ausgesucht hatten, weil er evangelisch und sie katholisch war.

Im Gehen schaut er sich um, manchmal bleibt er stehen, fixiert einen Punkt. Diese Mauer hier, der Torbogen dort, das Restaurant in dem Fachwerkhaus da drüben: Auf den Schwarzweißfotos, die ich kenne, sind sie im Hintergrund zu sehen, als ein schlacksiger junger Mann und eine strahlende junge Frau ihr gemeinsames Leben beginnen.

Altenberg - 1958 und 2014

Altenberg – 1958 und 2014

Mit Vater und Bruder bin ich in eine Zeitmaschine gestiegen. Zwei Tage sind wir zusammen unterwegs, lassen uns zeigen, wo alles begonnen hat. Das Restaurant, in dem die kleine Hochzeitsgesellschaft damals feierte, hat vor Jahren zugemacht. Wir fahren über Land in den Ort, in dem meine Eltern ihre erste gemeinsame Wohnung bezogen, finden das Haus und eine Nachbarin, die sich an die damaligen Besitzer erinnert. Während sie erzählt, was aus ihnen und anderen geworden ist, freue ich mich an dem rheinischen Dialekt, den meine Großeltern sprachen und den ich lange nicht gehört habe. An ihrem ehemaligen Haus ein paar Dörfer weiter machen wir Halt, und als ich einen Blick in den Garten werfe, kann ich den Hühnerstall riechen, der hier stand, als ich ein Kind war. Mehr als 35 Jahre ist das her.

Johann und Maria, meine Urgoßeltern

Johann und Maria, meine Urgoßeltern

Wir reisen weiter durch die Zeit. In der nahen Stadt rütteln wir zusammen an der verschlossenen Tür zu dem Bunker am Rhein, in dem mein Vater seine Studentenbude hatte. Der jungen Hauptstadt waren die Studenten im Bunker ein bisschen peinlich, weil die junge DDR sich darüber lustig machte. Sie sind trotzdem geblieben, und als einmal der Fluss über die Ufer trat und sie bis zu den Waden im Wasser standen, kam die halbe Stadt zum Helfen. Er lächelt ein wenig stolz, wenn er davon erzählt, und seine Augen blitzen jung.

Am Ende unserer kleinen Fahrt mache ich auf dem Alten Friedhof von Bonn noch einen kurzen Besuch bei einer alten Bekannten: Adele Schopenhauer, der Tochter von Johanna Schopenhauer, Freundin von Annette von Droste-Hülshoff und Geliebten von Sibylle Mertens.

Hier ruht Luise Adelaide Lavinia Schopenhauer nach einem Leben von 52 Jahren ausgezeichnet von Herz, Geist, Talent, beste Tochter, zärtlich und treu ihren Freunden ertrug sie mit edelster Seelenwürde Wechselfälle des Schicksals, und lange schmerzhafte Krankheit mit heiterer Geduld. Sie fand das Ende ihrer Leiden am 25.August 1849. Das Grabmal errichtete die untröstliche Freundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen.

„Hier ruht Luise Adelaide Lavinia Schopenhauer nach einem Leben von 52 Jahren ausgezeichnet von Herz, Geist, Talent, beste Tochter, zärtlich und treu ihren Freunden ertrug sie mit edelster Seelenwürde Wechselfälle des Schicksals, und lange schmerzhafte Krankheit mit heiterer Geduld. Sie fand das Ende ihrer Leiden am 25.August 1849. Das Grabmal errichtete die untröstliche Freundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen.“