Berliner Mauerweg (2): Von Lichtenrade nach Potsdam

Kirschblütenallee bei Teltow

Kirschblütenallee bei Teltow

Rund 40 Kilometer vom Südosten in den Südwesten Berlins – im Zickzack über idyllische Wege an der Stadtkante entlang, von Lichterfelde-Süd und Kleinmachnow über Babelsberg bis zur Glienicker Brücke und rüber nach Potsdam. Am Teltowkanal blühen die Kirschbäume, wo Jahrzehnte zuvor „Grenzverletzer“ ihr Leben lassen mussten. Und beim Anblick des ehemaligen Grenzkontrollpunkts Dreilinden kommt eine unangenehme Erinnerung an die DDR hoch.

Ein Blick zurück auf den Transit

Im Herbst 1988 fuhr ich mit dem Auto nach Berlin. Irgendwo auf halber Transitstrecke wurden wir von der Polizei herausgewunken, weil wir angeblich zu schnell unterwegs waren. Es war die reine Schikane: Das Schild war hinter einer Kurve platziert worden und erst im letzten Moment zu sehen. Direkt dahinter wurde „gemessen“.

Ich machte eine flapsige Bemerkung, worauf einer der Uniformierten sich vor mir aufbaute und verkündete: „Die deudsche demogradische Reb’lig machd geene Widze!“ Das klang überzeugend. Die Herren verschwanden mit unseren Reisepässen und ließen sich eine gefühlte Ewigkeit Zeit, um uns ein bisschen zu erschrecken. Der Plan ging auf. Nervös lief ich auf dem Parkplatz der Transitautobahn herum und fragte ich mich, auf welches Recht wir uns berufen könnten, würden die uns jetzt einfach mitnehmen. Ich hatte mich selten so hilflos gefühlt.

Als sie endlich wieder aus ihrem Bus stiegen und uns unsere Ausweise aushändigten, war ich längst weich gekocht und bereit, jeden Preis zu zahlen. In D-Mark natürlich. Die VoPos kassierten und ließen uns ziehen, Richtung West-Berlin. Als wir die Grenzübergangsstelle Drewitz-Dreilinden südlichwestlich von Berlin passiert und wieder BRD unterm Fahrwerk hatten, machte ich drei Kreuze.

Ehemalige Raststätte am Kontrollpunkt Dreilinden

Ehemalige Raststätte am Kontrollpunkt Dreilinden

Fast 25 Jahre später bin ich zurück an diesem Ort, stehe mit dem Fahrrad auf der Königswegbrücke, die über die Autobahn hinwegführt, und sehe hinunter auf die leerstehenden Gebäude der Raststätte Dreilinden. Geisterhaft wirkt das verlassene Areal, ein paar wenige Autos parken dort, vereinzelt läuft jemand über den Asphalt. Die ehemalige Raststätte steht unter Denkmalschutz, man streitet darüber, wie das Gelände künftig genutzt wird. Unter mir rauschen Autos von Nord nach Süd und retour, als habe es hier, am so genannten Checkpoint Bravo, nie eine Grenze mit akribischer Passkontrolle, mit gefilzten Fahrzeugen und tragisch gescheiterten Fluchtversuchen gegeben. Wie überall an dieser Grenze starben auch hier Menschen. Ein kleines Kind war darunter, dessen Eltern sich in einem Auto zusammengekauert versteckt hatten. Die Mutter hatte Angst, das Baby würde schreien, und hielt ihm den Mund zu. Ihr war nicht klar, dass es wegen einer Erkältung nicht durch die Nase atmen konnte. Als sie im Westen ankamen, war das Kind in ihren Armen tot.

Fassungslos lesen wir auf unserem Weg von diesem Schicksal. Am Checkpoint Bravo hören wir Erich Mielke. Der Stasi-Chef äußert sich in einer internen Dienstbesprechung im April 1989 zum Umgang mit Flüchtlingen an der Grenze. „… wenn man schon schießt, dann muss man dat so machen, dass nicht der Betreffende noch bei wegkommt, sondern dann muss er eben dableiben bei uns. Ja, so ist die Sache …“

Medaillen für vorbildlichen Grenzdienst

Bis zuletzt haben die in DDR-Oberen im Politbüroprozess geleugnet, dass es einen Schießbefehl gab. Doch die, die mit den „Grenzverletzern“ konfrontiert waren – sie haben geschossen. An die tödlichen Folgen erinnern auch auf der Südroute des Berliner Mauerwegs viele Stelen.

Bei Teltow

Bei Teltow

Am Teltow-Kanal bei Lichterfelde-Süd, an dem wir heute friedlich entlangradeln können, starb vor mehr als 50 Jahren Roland Hoff: Der 27-Jährige nutze Ende August 1961 eine günstige Gelegenheit und mischte sich unter die Arbeiter, die das Ufer rodeten. Er sprang ins Wasser und versuchte, das West-Berliner Ufer zu erreichen. Vier Grenzpolizisten eröffneten das Feuer. Roland Hoff wurde am Kopf getroffen und versank. „Bitte nicht schießen!“, hatte er zuvor noch gerufen.

Grenzsoldaten erschossen hier auch den gerade mal 17-Jährigen Karl-Heinz Kube, der gemeinsam mit einem Freund 1966 die Flucht wagte. Die DDR verlieh den Schützen anschließend Medaillen für „vorbildlichen Grenzdienst“. Den Mantel des Schweigens breitete das Regime dagegen über den Tod von Günter Seling. Der Grenzpolizist kam durch die Kugel eines Kameraden zu Tode, der ihn für einen Republikflüchtling hielt.

Die Etappe im Überblick (42 Kilometer):

Geglückte Tunnelflucht – weil die Stasi nicht aufs Wetter achtete

Bei Babelsberg überqueren wir die Parkbrücke und gelangen nach Klein Glienicke. Hier, auf der nördlichen Seite des Griebnitzsees, war eigentlich BRD – doch Klein-Glienicke bildete hier eine ostdeutsche Enklave. Dieses Stückchen DDR war ringsherum von West-Berlin umgeben und nur von Süden über die Parkbrücke erreichbar.

Hier erfährt man von einer geglückten Flucht: Zwei Familien gruben sich hier im Juli 1973 mit Kinderschaufeln in den Westen. Ihr Vorteil: Das DDR-Regime glaubte, eine Tunnelflucht sei hier wegen des hohen Grundwasserspiegels unmöglich. Was die Stasi nicht bedachte: Während einer Hitzewelle sank der Wasserspiegel.

Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam[/caption]Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Glienicker Brücke, der berühmten „Agentenbrücke“ über die Havel, die Berlin mit Potsdam verbindet. 1962 wurden in der Mitte der Brücke und somit auf der Grenze der sowjetische Agent Rudolf Abel gegen den US-amerikanischen Piloten Francis Powers ausgetauscht. In diesem kurzen Film erinnert sich ein ehemaliger Passkontrolleur an die insgesamt drei Austausche auf dieser Brücke.

Parkbrücke zwischen Babelsberg und Klein Glienicke

Die Parkbrücke verband die Enklave Klein Glienicke mit der DDR

Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam

Glienicker Brücke über die Havel zwischen Berlin und Potsdam – die „Agentenbrücke“

Schloss Cecilienhof in Potsdam

Schloss Cecilienhof in Potsdam – Schauplatz der Potsdamer Konferenz 1945


Auf der anderen Seite der Glienicker Brücke radeln wir durch den Neuen Garten zu einem Abstecher ins Schloss Cecilienhof und schaffen gerade noch den letzten Einlass, um uns einen anderen Ort der Zeitgeschichte anzuschauen – den Tagungsraum, in dem die Alliierten Stalin, Churchill (bzw. sein Nachfolger Attlee) und Truman sich 1945 zur Potsdamer Konferenz trafen. Auffallend viele russischsprachende Touristen tummeln sich hier – sie besichtigen das Blumenbeet im Innenhof in Form eines sowjetischen Sterns und recken die Köpfe, um von außen einen Blick in Stalins Arbeitszimmer zu werfen.

Der Berliner Mauerweg im Überblick

Der GPS-Track weicht hier und da vom Radweg ab – etwa, um das jeweilige Hotel anzusteuern. Oder einfach, weil wir uns verfranst hatten. ;) Den exakten Verlauf des Berliner Mauerwegs als GPX-Track findet man u.a. im Radreise-Wiki.
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