Mein Insel-ABC

Drei Wochen Usedom gehen zu Ende – Zeit für ein ganz persönliches Fazit.

Achterwasser bei Ückeritz

Achterwasser bei Ückeritz

A wie Achterwasser: Die Umrisse von Usedom erinnern mit ihren vielen Landzungen und Buchten ein wenig an einen Fetzenfisch. Überall ist Wasser: Vorne die Ostsee, seitlich die Flüsse Peene und Swine – und hinten das Binnenmeer. Wenn man vom Trubel der Kaiserbäder genervt ist: Am Achterwasser herrscht Ruhe.

B wie Bernstein: Leider zu spät gelernt, dass sich Bernstein ausschließlich im „Geschiebe“ findet, in Geröll aus Holz, alten Netzen und anderem leichten Strandgut. Deshalb beharrlich an den falschen Stellen gesucht. Im „Bernstein-Basar“ in Kölpinsee erklärt der Hausherr alles, was man zum Thema wissen muss.

C wie Carola Stern: wurde 1925 als Erika Assmus in Ahlbeck auf Usedom geboren, erlebte hier die Nazizeit. Starb 2006 zwar in Berlin, ist aber auf der Insel begraben, auf dem Friedhof von Benz. In der Bibliothek im Hans-Werner-Richter-Haus in Bansin wird an sie erinnert.

E wie Erdöl: wird seit 1966 auf dem Gnitz gefördert. Mehr dazu hier.

F wie Franka Dietzsch: Nach der Diskuswerferin, die aus Koserow stammt, ist hier eine Sporthalle benannt, wenig ansehnlich, aber das haben Sporthallen ja so an sich.

G wie Gnitz, Halbinsel im Achterland mit „Ende-der-Welt“-Ambiente, Erdölpumpen und Bio-Restaurant in Neuendorf.

Seebrücke Ahlbeck

Seebrücke Ahlbeck

H wie Hans Werner Richter: Der Schriftsteller wurde in Bansin auf Usedom geboren, gründete die Gruppe 47. Sympathischer Zeitgenosse: Richter erklärte Müßiggang zum unverzichtbaren Bestandteil eines kreativen Lebens. Ganz meine Meinung.

K wie „Kaiserbäder“: So nennen sich die Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck, und auch, wenn Kaiser Wilhelm I. hier urlaubte, hat die Bezeichnung keinerlei historischen Hintergrund, sondern entstammt der Kreativität von Marketingstrategen unserer Zeit. Dasselbe gilt für die sogenannten „Bernsteinbäder“, die Sammelbezeichnung für Zempin, Koserow, Loddin und Ückeritz.

L wie Langer Berg: Steilküste bei Bansin, empfehlenswerter Wanderweg mit atemberaubenden Ausblicken auf die Pommersche Bucht.

Verwunschen: Lüttenort

Verwunschen: Lüttenort

M wie Morgenitz, idyllisches Dorf im Achterland, wo die Kirche keinen Turm hat und der Glockenstuhl neben dem Gebäude steht, und wo man auch mal Hühner von der Straße scheuchen muss, um weiterfahren zu können. Und wie Maxim Gorki, der 1922 in Heringsdorf in der Villa Irmgard seine Tuberkulose zu kurieren versuchte.

O wie Otto Niemeyer-Holstein: Maler, der in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts mit einem Boot namens „Lütte“ an der schmalsten Stelle Usedoms anlegte, „Hier will ich bleiben, bis ich sterbe“ rief, einen ausrangierten S-Bahn-Wagen aus Berlin zum Wohnen heranschaffte und den Platz als „Lüttenort“ berühmt machte. Die Nazis wollten die Insel 1945 an dieser Stelle sprengen, was glücklicherweise nicht geschah. Wohnung und Atelier, an dessen Tür Otto Niemeyer-Holstein „Tabu“ geschrieben hat, sind heute zu besichtigen. Magischer Ort.

Verfallen: NVA-Großküche

Verfallen: NVA-Großküche

P wie Peenemünde: trauriger Ort im Norden der Insel, nicht nur wegen seiner Vergangenheit, sondern auch, weil man kaum an eine Zukunft des Dorfes glauben mag, wenn man es heute sieht. Jahrzehntelang Sperrgebiet, erst unter den Nazis, die unter Wernher von Braun hier Raketenwaffen wie „V1“ und „V2“ testen, dafür tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge bluten und sterben lassen. Dann unter dem DDR-Regime, das hier die NVA-Marine stationiert. Heute ist ein Teil des Ortes dem Verfall preisgegeben, einige Ruinen wie das ehemalige Sauerstoffwerk der Nazis stehen unter Denkmalschutz. An anderen Stellen wie am Hafen, in Sichtweite der verfallenen Gebäude, werden neue Einfamilienhäuser gebaut. Irritierender Kontrast.

R wie Rechtsextreme: In einschlägigen Foren schwärmen Rechte davon, dass Usedom so „angenehm frei“ von Ausländern sei. Peenemünde mit seiner Nazi-Vergangenheit ist beliebtes Ausflugsziel auch von Neonazis. Im Seebad Heringsdorf bekommt die NPD bei der Landtagswahl 2006 mehr als 20 Prozent der Zweitstimmen. Der Fahrradverleiher meint erfreut bemerken zu müssen, dass mein Name „deutsch“ klinge.

Trübe Aussichten: Tauchgondel in Zinnowitz

Tauchgondel in Zinnowitz

S wie Streckelsberg in Koserow: Lohnt ebenso wie der Lange Berg den Aufstieg, denn man wird mit einem tollen Ausblick über die Ostsee bis hin nach Rügen belohnt. Die Nazis hatten hier einen ihrer Beobachtungsposten, um den Flug der von ihnen gebauten Raketen zu prüfen.

T wie Tauchgondel: Touristenfalle, die an der Seebrücke von Zinnowitz rund 20 Urlauber samt deren Eintrittsgeldern für eine gute halbe Stunde anderthalb Meter tief in die Ostsee absenkt, wo sie sich aufgrund schlechter Sichtverhältnisse einen Film über das Meer anschauen können, das sie gerade umgibt. Die Urlauber tauchen wieder auf, das Geld ist weg.

U wie UBB: Die Usedomer Bäderbahn verbindet Peenemünde im Norden mit Swinemünde im Südosten und die Insel mit Stralsund. Unverzichtbar für Radwanderungen, auf kürzeren Strecken relativ teuer (Tageskarte lohnt oft), unschlagbar günstig auf längeren Strecken (4 Stunden Bahnfahrt Usedom – Stralsund und zurück für knapp über zehn Euro/Person mit Ticket „Usedom Plus“).

Wolgast: Hubbrücke nach Usedom

Wolgast: Hubbrücke nach Usedom

V wie Villen: heißen Alice, Irmgard, Henriette, Petra, Charlotte, Diana – oder Seeschloss, Seeblick, Strandperle, Strandblick, Dünenschloss, Dünenblick, Dünenresidenz … Mehr dazu hier.

W wie Waffelbäckerei am Wasserschloss Mellenthin: beste Waffeln der Insel, serviert in einem ehemaligen Kuhstall, möbliert mit alten Kirchenbänken.

Z wie Zufahrt: Für Autofahrer gibt es davon zwei auf die Insel, eine Brücke in Wolgast und eine bei Anklam. Samstags Stau.

Ein Kommentar

  1. Selbst für ein Inselkind ein kurzweiliges Insel-ABC. Es zaubert ein Lächeln aufs Gesicht.
    Vielen Dank dafür und unbedingt weiterführen ;)

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