Wo Göring und Mielke sich breitmachten

Die ältere Dame steht, auf einen Gehstock gestützt, an der Promenade von Bansin und schaut sich um. Seit den 50er Jahren kommt sie aus Berlin hierher, um auf Usedom Urlaub zu machen. Sehr viel habe sich seitdem verändert, erzählt sie – zu viel für ihren Geschmack. „Wissense – ik bin en schlichtes Jemüt. Früher hat mir dit besser jefalln hier.“

Noch sehr viel früher, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als hier wie in anderen Seebädern an der Ostsee eine Gründerzeit-Villa nach der anderen errichtet wurde, mit ornamentgeschmückten Fassaden, mit Säulen, Türmchen, Erkern, hochherrschaftlichen Treppenaufgängen, Loggien und großen Fenstern, da sah es hier vermutlich ganz ähnlich aus wie heute. Zu DDR-Zeiten präsentierte sich die berühmte Bäderarchitektur dagegen reichlich verfallen.

Und zu jeder Zeit machen sich die Bonzen und Machthaber in den schönsten und prachtvollsten dieser Häuser breit – ob sie ihnen gehören oder nicht. Die Villa Bleichröder in Heringsdorf zum Beispiel: 1890 lässt Gerson von Bleichröder sie bauen, ein jüdischer Bankier mit besten Kontakten zu den Rotschildts und Finanzberater von Bismarck. Seine Nachkommen müssen 1938 vor den Nazis fliehen. In ihrer Villa machen fortan Hermann Göring und andere führende Nationalsozialisten Urlaub. Nach 1945 zieht ein Sanatorium der sowjetischen Truppen ein.

Aufs Enteignen verstand sich auch die DDR-Regime. 1953 werden in der „Aktion Rose“ an der ganzen Ostseeküste Hotelbesitzer aus ihren Häusern vertrieben, unter dem Vorwand, sie würden „laufend gegen die Gesetze der DDR verstoßen“ und „eine Basis für Spionage und Agententätigkeit bilden“. Die Staatsmacht übergibt viele der Villen dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, der einen eigenen Feriendienst betreibt und Massenurlaub für Arbeiter organisiert. Viele Häuser werden umgebaut, zumeist ohne Rücksicht auf die Bauhistorie. Auch die Villa Bleichröder gehört dazu – sie heißt zu DDR-Zeiten „Villa Richard Schmidt“ und wird bereits Ende der 70er Jahre umfassend saniert. Die große Restaurierungswelle rollt seit den 90er Jahren. Heute sind nur noch vereinzelte Gebäude unsaniert, etwa aufgrund ungeklärter Eigentumsverhältnisse.

Kleine Villen-Schau:

2 Kommentare

  1. Könntet ihr schon mal ein Domizil für freiwillig oder unfreiwillig berentete Mitarbeiter einer unabhängigen Tageszeitung aussuchen? Da ist doch bestimmt was nettes, (von Abfindungen) bezahlbares dabei für eine Alters-WG ;-}

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