Irans Angst vor Bloggern

„Wir sollten uns gratulieren: Wir haben das westliche Phänomen des Bloggens so iranisch gemacht, dass sogar Ahmadinedschad, der radikalste antiwestliche Politiker, es unterstützt.“ Hossein Derakhshan beobachtet mit großem Interesse, dass sich der iranische Präsident jetzt auch als Blogger versucht. Von Kanada aus schreibt der in Teheran geborene Journalist Derakhshan in seinem Weblog kritisch über die Situation in seinem Heimatland. Seine Website wird, wie die vieler anderer Blogger, im Iran zensiert.

Derakhshan macht sich keine Illusionen über die Motive des Präsidenten, sich des Mediums zu bedienen. Dennoch sieht er darin „eine Garantie, dass die Regierung sogar unter Ahmadinedschad das Internet nicht als Ganzes abschaltet.“ Solange ein Populist an der Macht sei, würden wenigstens die Blogdienste vermutlich nicht vom Netz genommen.

Derakhshan gilt als Gründer der iranischen Blog-Szene, seitdem er eine Anleitung zur Einrichtung eines Weblogs in Farsi (Persisch) veröffentlicht hat. Die Zahl der Blogs im Iran – einem Land mit sehr junger Bevölkerung – schnellte in die Höhe, der Service Blogcensus zählt zwischen 40.000 und 110.000 aktive Online-Journale.

„Während nahezu alle reformistischen Zeitungen in Iran geschlossen wurden und viele Journalisten im Gefängnis landeten, eröffneten Blogs die Möglichkeit für regimekritische Diskussionen und die Verbreitung von Ideen, wie es sie in keinem anderen Forum gibt“, schrieb Ben Macintyre in der Times. In vielen iranischen Blogs sei eine starke Sehnsucht zu spüren – und eine anhaltende Wut: „Ich führe ein Weblog, um in dieser erstickende Atmosphäre atmen zu können“, zitierte Macintyre einen Blogger. Muslimische Frauen würden das Medium nutzen, um ihr Leben hinter dem Schleier zu beschreiben. Derakhshan schätzt, dass etwa 35 Prozent der iranischen Blogs von Frauen betrieben werden.

Blogger im Iran leben gefährlich. „Bedrohungen, Verhöre, Vorladungen, Festnahmen, willkürliche Internierung nehmen stark zu“, berichtet die Organisation Reporter ohne Grenzen. Der 25-jährige Mojtaba Saminejad sitzt im Gefängnis, weil er das behördliche Vorgehen gegen drei andere Blogger kritisiert und später über die Schikanen gegen ihn selbst berichtet hatte. Die beiden Online-Journalisten Mohamad Reza Nasab Abdolahi und Mojtaba Lotfi sind seit Februar 2005 in Haft. Im Januar 2005 wurde Arash Sigarchi festgenommen; in seinem Weblog hatte er Repressionen durch die iranischen Behörden kritisiert. Dennoch: Sigarchi glaubt fest daran, dass auch die Führung seines Landes in Zukunft das Recht auf Informationsfreiheit respektieren werde.

„Das Land bleibt das größte Gefängnis des Nahen Ostens für Journalisten und Blogger“, fasst Reporter ohne Grenzen die derzeitige Situation zusammen. Nur Präsident Ahmadinedschad hat nichts zu befürchten – nicht einmal kritische Kommentare in seinem Weblog. Die werden offenkundig nicht veröffentlicht.