Wir sehen nicht so aus, aber wir fühlen so

Herman van Veen? B.‘ s Mitbewohner schüttelt langsam den Kopf. Nein, glaub nicht. Kenn ich nicht. Höflich wartet er noch kurz und sieht sich mit uns noch eine halbe Minute vom Konzertmitschnitt an, bevor er unauffällig aus dem Zimmer verschwindet. Wir bleiben und hören und schauen und lachen und kriegen feuchte Augen – wie immer.

Das ist so. Das kennen wir nicht anders. Unsere Vorliebe für den holländischen Lulatsch mit der Halbglatze kann nicht jeder nachvollziehen. Mit dem singenden Flieger aus Berlin geht es uns ähnlich. Aber das macht nichts. Wir sind nicht allein. Wir haben ja uns, eine in den 70er Jahren begründete Plattensammlung und ein analoges Tonabnehmergerät, das immer noch funktioniert.

Eine kleine Handvoll Abende pro Jahr gehören nur B. und mir und den ollen Kamellen. Wir öffnen eine Flasche Wein, philosophieren erst, tratschen dann und glucksen schließlich, machen dabei einen gigantischen Käseteller platt, und irgendwann zu vorgerückter Stunde sagt eine von uns mit schwerer Stimme: Komm, leg ma auf! Die andere greift ins hinterste Regal, da, wo das Vinyl endlagert, guckt verschwörerisch, pustet den Staub von der Nadel, lässt sie in Rille holpern – und spätestens jetzt verlieren wir jegliche Gesellschaftsfähigkeit.

Wir werden dann sehr laut. Wir singen. Wir tanzen. Wenn der Wein besonders schwer war, tun wir wenigstens etwas, das entfernt an Singen und Tanzen erinnert. Wir deklamieren mit Inbrunst Liedertexte: Schwarz war der See und kein Mensch in der Näh‘!Sagen wir doch einfach, dass es regnete! Wollten vor Glück nicht ans Ufer zurück! Dass es nur ein kurzer Schauer war! Texte, deren Herkunft kaum noch jemand kennt außer uns.

Und deshalb ist es gut, dass da auch niemand ist außer uns. Wir sind ungestört. Unsere Liebsten kennen das nämlich. Die wissen schon, dass man B. und mich an diesen Abenden am besten nicht stört. Großzügig geben sie die Bude frei: Jaja, macht ihr mal, viel Spaß.

Gestern also dieser 3sat-Mitschnitt von vor einigen Tagen, eine Aufzeichnung vom Spätsommer: Hermann van Veen und ein wunderbares Ensemble mit Hut ab! im Mainzer Zeltfestival. Hach! – ist eh ausverkauft, haben wir damals gedacht. Heute schau ich unter www.hermannvanveen.com nach aktuellen Tourdaten und finde – Hermanns Weblog. (Guck nur, B.! Hermann bloggt!) Und das bloggt er:
Wir haben manchmal ein seltsames Problem: Mit den Jahren denken Zuschauer und Journalisten mehr und mehr: Es wird bestimmt ausverkauft sein, also… Wenn jeder das denkt… Wir hören es immer häufiger. „Mein Gott, ich dachte…“ Versuche es zu verhindern, bevor es Schaden anrichtet.

Notiz an mich und B.: Bis April 2006 müssen Wein und Käse reichen.

7 Kommentare

  1. Oh, wie ich das kenne, das ist auch meine Welt: „Was sollen wir trinken, sieben Tage lang… dann wollen wir schaffen, sieben Tage lang…“, weißt noch, Bots? Oder: „Sie soll, so sagt man, wortkarg sein…“. Und ganz besonders toll: „Komm, gieß mein Glas noch einmal ein mit jenem billjen roten Wein, in ihm ist jene Zeit noch wach, heut trink ich meinen Freunden nach…“ – da krieg ich immer noch die Gänsehaut.

  2. Oha – HvV. An den kann ich mich auch noch erinnern… wohnte damals mit einem Schauspielschüler zusammen, der hörte auch Klaus Hoffmann und all das Zeug, und deklamierte es dann zu Stimmübungszwecken… Von HvV mochte ich immer am liebsten das Sprechstück vom lieben Gott und dem kleinen Kerl — weiß aber nicht mehr wie es heißt.

  3. Meinst du die, bechtie?
    Und Gott lief fröhlich pfeifend aus der Kirche auf den Platz. Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl in der Sonne sitzen. Und Gott schob sich neben das Männlein, schlug die Beine übereinander und sagte: „Kollege!“

    Georg, dann kennst du diese Sorte Abende ja. Kennst du auch die noch?
    In Erwägung, es will euch nicht glücken
    uns zu schaffen einen guten Lohn
    übernehmen wir jetzt selber die Fabriken
    in Erwägung, ohne euch reicht’s für uns schon.

    Ach, und Stefan: Klar! Ich bring meinen iPod mit! :)

  4. Danke für den Hinweis. Vor lauter Rührung habe ich mein volles Glas Latte vom Schreibtisch in die offene Schublade mit CD´s geschubst,war aber coffeinfreier. Wie schon gesagt „Dich mach ich nocht zur Frau Paul, dich mach ich noch zur Frau……

  5. Öhem – „ich nehm dich zur Frau“, heißt es nach meiner Erinnerung. Herrjeh, oder haben wir da nächtens lautstark was anderes gesungen!?

Kommentare sind geschlossen.