Das Leben macht uns stur

Anfangs sind wir noch eine weiche, formbare Masse, in der jeder, der zufällig des Weges kommt, seine Abdrücke hinterlassen kann. So tief mitunter, dass wir die Spuren zeitweiser Besiedelung auch nach Jahrzehnten nicht einzuebnen vermögen. Viele von uns werden mit der Zeit äußerlich glatt und rund gewaschen, wie ein Fels im Meer, an dem Ebbe und Flut abwechselnd zerren, und wir lernen Geschmeidigkeit, während wir innerlich versteinern. Doch, doch, wir haben ein großes Herz –

aber auch stets eine Hand an der Kurbel, um die Zugbrücke zu unserer inneren Festung hochzuziehen.

Nur in diesen ganz besonderen Momenten — wenn wir nachts durch ein Fernglas die 380.000 Kilometer entfernten Falten im Gesicht des Mondes betrachten; wenn wir gerade eine winzige Fruchtfliege vor dem Ertrinken in einem Weinglas gerettet haben; wenn unsere Katze voller unerhörtem Urvertrauen ausgestreckt neben unserer Computertastatur einschläft, oder wenn wir in einem Flugzeug sitzen, aus 10000 Metern Höhe auf den Planeten herabschauen und dabei Stings „Fragile“ hören — in diesen Momenten erinnern wir uns an alles. An das weiche Wesen, das wir einmal waren. Daran, dass vieles von dem, was uns den ganzen Tag und oft auch noch die halbe Nacht beschäftigt, nicht wirklich wichtig ist. Daran, dass wir zu fast jedem Zerwürfnis selbst beigetragen haben. In solchen Momenten sind wir in der Lage, (fast) jedem zu verzeihen. Oder aber die Brücken abzubrechen.

Ok, ok. Das Leben ist nun mal kein Transatlantikflug. Aber es würde ja schon genügen, wenn ich ab und an auf meine Katze hörte.

Empfohlene Begleitmusik zu diesem Eintrag: Diana Krall — Abandoned Masquerade

3 Kommentare

  1. Und, Mo, was meinst du: Wenn wir auf die Katze hören – oder auf einen alten Pittl, der auf der Couch schnarchend die alte Frage stellt: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? … Und sollten wir uns dann nicht überlegen, wenigstens die restlichen Jahre unseres Lebens mit dem „Richtigen“ zu verbringen statt mit dem „Falschen“?

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