Hat gar nicht wehgetan

So. Geschafft. Und es hat gar nicht wehgetan. Im Gegenteil: Es fühlt sich gut an.

Letzte Woche bin ich 50 geworden, am Wochenende durfte ich mit fast allen Menschen, die ich an diesem Tag um mich haben wollte, feiern – und obwohl der Tag komplett verregnet war, haben sie es am Alten Flugplatz in Frankfurt-Bonames ordentlich mit mir krachen lassen. Mittendrin: Mein Vater, 88 Jahre alt und vor kurzem noch dem Tod von der Schippe gesprungen, der eine bewegende Rede hielt, später mit mir auf der Tanzfläche abhottete – und nun eine Art Fanclub hat, so angetan waren meine Gäste von ihm. Ich natürlich auch. Mir zuliebe hat er, der Wissenschaftler, sogar die Gesetze der Natur gedehnt, als er darauf bestand, ich sei nun „in die zweite Hälfte“ meines Lebens eingetreten.

Nun denn: Auf geht’s in die zweite Hälfte.

50 – was, jetzt schon?

Rieselt in meinem Hirn der Kalk
Hat aus dem Nacken sich der Schalk
Verkrümelt? Frag‘ ich mich beklommen
Hat meine Jugend über Nacht
Sich leise aus dem Staub gemacht
Und ich hab’s gar nicht mitbekommen?
50? Ja, wohl schon –

Da ist so was wie Dankbarkeit
Mit einem Lächeln seh‘ ich weit
Im Zeitraffer über mein Leben:
Das ist o. k. so, ja, ich denk‘
Die gute Fee hat ein Geschenk
An meiner Wiege abgegeben
50? Ja, wohl schon –
Na, herzliche Gratulation.
Reinhard Mey

Showdown im Mittelmeer

Die Vorgänge im Mittelmeer werden immer grotesker. Europa schottet sich immer weiter ab, die Kernländer der EU lassen die Mitgliedsstaaten an den Außengrenzen völlig allein, Politiker reden fast ausschließlich über die bösen Schlepper und nun auch über die bösen NGOs, auf deren Schultern die Mühe um die Rettung von Menschenleben inzwischen quasi allein ruht. Aus dem ohnehin nicht ernstgemeinten Gerede über das Bekämpfen von Fluchtursachen ist ein vehementes Bekämpfen von Schlauchbooten und Außenbordmotoren geworden. Das ist nur noch zynisch. Weiterlesen →

Quiz zur Bundestagswahl: Die Wahlprogramme im Wortwolken-Vergleich

In elf Wochen ist Bundestagswahl – und der Satz „Ich weiß nicht, was ich wählen soll“ fällt in meiner Filterblase diesmal noch öfter als sonst. Die Ereignisse des vergangenen Jahres scheinen viele, die sich bislang klar einem Lager zugehörig fühlten, verunsichert zu haben. Eine unionsgeführte Bundesregierung hat die Wehrpflicht abgeschafft, den zweiten Atomausstieg initiiert, das Dosenpfand eingeführt. Auf dem Höhepunkt der Fluchtkrise bleibt ausgerechnet Merkel als Einzige besonnen (um dann knallhart die Asylgesetze zu verschärfen). Und am Ende macht die Kanzlerin auch noch den Weg für die Ehe für alle frei (um dann dagegen zu stimmen): Das soll die Anhänger beider Lager mal nicht verunsichern!

Es hilft nichts: Wir werden uns die Mühe machen müssen, Wahlprogramme zu lesen.

Einen allerersten (und mitunter unerwarteten) Eindruck gibt die Wortwolke: Welche Begriffe kommen im Programm besonders häufig vor, sind also den Parteien offenkundig wichtig? Die quantitative Auswertung gibt darüber Auskunft. Berücksichtigt sind jene Parteien, die (voraussichtlich, seufz) in den Bundestag einziehen werden. Weiterlesen →

Meine #goa17-Lieblinge

Mist, knapp daneben!, dachte ich im ersten Moment, als ich sah, dass bei der Verleihung der Grimme Online Awards in der Kölner Flora der Morgenmagazin-Moderator Mitri Sirin erschien – und nicht seine Kollegin Dunja Hayali. ;) Und das war kein bisschen gerechtfertigt, denn Mitri Sirin erwies sich als äußerst freundlicher, kein bisschen arroganter, dafür aber kluger und engagierter Laudator. Ein guter Griff des Grimme-Instituts, wie überhaupt die Laudator*innen des Jahrgangs 2017 fast durchweg gut ausgewählt waren. Neben Sirin traten unter anderem Friedrich Küppersbusch, Oliver Wnuk und Pinar Atalay als Preispaten auf.

Die Flora in Köln

„Ich habe syrisch-türkische Wurzeln, und ich habe eine autistischen Sohn“, begann Mitri Sirin seine Laudatio. „Ich habe also einige Erfahrung mit den Themen Integration und Inklusion.“ Und er betonte den Unterschied: Integration braucht Bewegung in beide Richtungen, Inklusion hingegen ist eine Einbahnstraße. Die ohne Beeinträchtigung haben sich auf die mit Beeinträchtigung einzustellen, nicht umgekehrt.

Die mit den Händen tanzt

Die Laudatio hielt Sirin auf Die mit den Händen tanzt, eine Webreportage des HR mit und über Laura M. Schwengber. Sie übersetzt Musik in Gebärdensprache – ja, das geht, schaut euch das unbedingt an!


Der Wochenendrebell

Etliche Podcasts habe ich in der Sichtungsphase für die Arbeit in der Nominierungskommission gehört, und einige hatten echt Längen – buchstäblich. Dieser aber hat mich gepackt und begeistert: Der Radiorebell ist der begleitende Podcast des Blogs Wochenendrebell.

Mirco von Juterczenka klappert seit Jahren mit seinem an Asperger-Autismus erkrankten Sohn die Fußballstadien der Republik ab, um eine Entscheidungsgrundlage für die Frage nach dem Lieblingsverein zu schaffen, und bloggt darüber. Ein Beziehungsprojekt ist daraus geworden, und inzwischen füllen Vater und Sohn mit dem Podcast Radiorebellen ein weiteres Format. Für jede Episode ziehen sie ein Thema aus der Lostrommel und – reden miteinander.

Nehmt euch die Zeit und hört euch zum Beispiel diese Episode an, in der Jay-Jay selbst, aber auch sein Vater davon erzählen, was Asperger-Autismus für das tägliche Leben der Familie bedeutet.

Jay-Jay hat ein Wort erfunden, das er dem Begriff „Behinderungen“ an die Seite stellt: „Behilflichkeiten“. Das sind die Fähigkeiten, die der Autismus ihm ermöglicht, und die andere nicht haben.

Wenn man den Podcast hört, spürt man: In dieser Beziehung ist der Sohn der Chef. Er entscheidet, wie das Gespräch verläuft und über welche Nebengleise das ausgeloste Thema führt. Der Vater nimmt seinen Sohn ernst. Selbstbestimmtheit scheint ein zentrales Element im Zusammenleben dieser Familie. Und eben die war auch zu sehen, als Vater und Sohn auf der Bühne in der Kölner Flora den Grimme Online Award in Empfang nahmen. Vater Mirco trat in den Hintergrund, als Jay-Jay entschied, die Fragen der Moderatorin selbst zu beantworten – und der Zwölfjährige nutzte das auch, um uns, die NomKom und die Jury, für unsere Kategorisierung von wochenendrebell.de zu rügen. „Kultur und Unterhaltung“ passe ja überhaupt nicht, meinte Jay-Jay, der kundig über Physik, Mathematik und schwarze Löcher zu sprechen weiß. „Wissen und Bildung“ fände er angemessener.

Eine der Äußerungen aus der oben verlinkte Episode, die mir im Gedächtnis blieb, war übrigens diese:

„Unsere Welt ist viel zu groß und viel zu interessant, um die gesamte Kindheit nur Fußball zu spielen. Ich war auf fast jeder Kontinentalplatte unserer Erde. Das ist eine erfüllte Kindheit.“

#ichbinhier

Und dann sind da noch jene rund 35.000 Preisträgerinnen und Preisträger, die in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet wurden: Über den Grimme Online Award für die Facebook-Gruppe #ichbinhier freue ich mich total (und bin so froh, dass ich den Vorschlag ins Gremium getragen habe). Die Mitglieder von #ichbinhier gehen gezielt in Diskussionen, wo Hasskommentare einen Anteil von 50 oder mehr Prozent haben. Dort versuchen sie, die Debatte zu versachlichen,  sprechen Hater direkt an, stellen ihnen Fragen und beziehen Position gegen Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung. Eine wichtige Intervention und vermutlich weitaus sinnvoller als jedes Netzwerkdurchsetzungsgesetz. In Köln auf der Bühne standen stellvertretend Hannes Ley, der die Initiative aus Schweden für Deutschland adaptierte, und Tom Keller, einer der Administratoren.

Die Arbeit der Gruppe wird von bestimmter Seite als Propaganda und konzertierte Beeinflussung des Meinungsbildes diskreditiert. Der Vorhalt folgte denn auch prompt nach der Bekanntgabe der Auszeichnung – und wie einige Mitglieder der Gruppe hier darauf reagieren, mag exemplarisch stehen für die Vorgehensweise, die auch Tom Keller empfahl: Jemand verbreitet Hass und Vorurteile? Stell ihm (oder ihr) sachliche Fragen, gib ihm (oder ihr) die Chance, noch einmal nachzudenken. Manchmal hilft’s.