Showdown im Mittelmeer

Die Vorgänge im Mittelmeer werden immer grotesker. Europa schottet sich immer weiter ab, die Kernländer der EU lassen die Mitgliedsstaaten an den Außengrenzen völlig allein, Politiker reden fast ausschließlich über die bösen Schlepper und nun auch über die bösen NGOs, auf deren Schultern die Mühe um die Rettung von Menschenleben inzwischen quasi allein ruht. Aus dem ohnehin nicht ernstgemeinten Gerede über das Bekämpfen von Fluchtursachen ist ein vehementes Bekämpfen von Schlauchbooten und Außenbordmotoren geworden. Das ist nur noch zynisch. Weiterlesen →

Quiz zur Bundestagswahl: Die Wahlprogramme im Wortwolken-Vergleich

In elf Wochen ist Bundestagswahl – und der Satz „Ich weiß nicht, was ich wählen soll“ fällt in meiner Filterblase diesmal noch öfter als sonst. Die Ereignisse des vergangenen Jahres scheinen viele, die sich bislang klar einem Lager zugehörig fühlten, verunsichert zu haben. Eine unionsgeführte Bundesregierung hat die Wehrpflicht abgeschafft, den zweiten Atomausstieg initiiert, das Dosenpfand eingeführt. Auf dem Höhepunkt der Fluchtkrise bleibt ausgerechnet Merkel als Einzige besonnen (um dann knallhart die Asylgesetze zu verschärfen). Und am Ende macht die Kanzlerin auch noch den Weg für die Ehe für alle frei (um dann dagegen zu stimmen): Das soll die Anhänger beider Lager mal nicht verunsichern!

Es hilft nichts: Wir werden uns die Mühe machen müssen, Wahlprogramme zu lesen.

Einen allerersten (und mitunter unerwarteten) Eindruck gibt die Wortwolke: Welche Begriffe kommen im Programm besonders häufig vor, sind also den Parteien offenkundig wichtig? Die quantitative Auswertung gibt darüber Auskunft. Berücksichtigt sind jene Parteien, die (voraussichtlich, seufz) in den Bundestag einziehen werden. Weiterlesen →

Meine #goa17-Lieblinge

Mist, knapp daneben!, dachte ich im ersten Moment, als ich sah, dass bei der Verleihung der Grimme Online Awards in der Kölner Flora der Morgenmagazin-Moderator Mitri Sirin erschien – und nicht seine Kollegin Dunja Hayali. ;) Und das war kein bisschen gerechtfertigt, denn Mitri Sirin erwies sich als äußerst freundlicher, kein bisschen arroganter, dafür aber kluger und engagierter Laudator. Ein guter Griff des Grimme-Instituts, wie überhaupt die Laudator*innen des Jahrgangs 2017 fast durchweg gut ausgewählt waren. Neben Sirin traten unter anderem Friedrich Küppersbusch, Oliver Wnuk und Pinar Atalay als Preispaten auf.

Die Flora in Köln

„Ich habe syrisch-türkische Wurzeln, und ich habe eine autistischen Sohn“, begann Mitri Sirin seine Laudatio. „Ich habe also einige Erfahrung mit den Themen Integration und Inklusion.“ Und er betonte den Unterschied: Integration braucht Bewegung in beide Richtungen, Inklusion hingegen ist eine Einbahnstraße. Die ohne Beeinträchtigung haben sich auf die mit Beeinträchtigung einzustellen, nicht umgekehrt.

Die mit den Händen tanzt

Die Laudatio hielt Sirin auf Die mit den Händen tanzt, eine Webreportage des HR mit und über Laura M. Schwengber. Sie übersetzt Musik in Gebärdensprache – ja, das geht, schaut euch das unbedingt an!


Der Wochenendrebell

Etliche Podcasts habe ich in der Sichtungsphase für die Arbeit in der Nominierungskommission gehört, und einige hatten echt Längen – buchstäblich. Dieser aber hat mich gepackt und begeistert: Der Radiorebell ist der begleitende Podcast des Blogs Wochenendrebell.

Mirco von Juterczenka klappert seit Jahren mit seinem an Asperger-Autismus erkrankten Sohn die Fußballstadien der Republik ab, um eine Entscheidungsgrundlage für die Frage nach dem Lieblingsverein zu schaffen, und bloggt darüber. Ein Beziehungsprojekt ist daraus geworden, und inzwischen füllen Vater und Sohn mit dem Podcast Radiorebellen ein weiteres Format. Für jede Episode ziehen sie ein Thema aus der Lostrommel und – reden miteinander.

Nehmt euch die Zeit und hört euch zum Beispiel diese Episode an, in der Jay-Jay selbst, aber auch sein Vater davon erzählen, was Asperger-Autismus für das tägliche Leben der Familie bedeutet.

Jay-Jay hat ein Wort erfunden, das er dem Begriff „Behinderungen“ an die Seite stellt: „Behilflichkeiten“. Das sind die Fähigkeiten, die der Autismus ihm ermöglicht, und die andere nicht haben.

Wenn man den Podcast hört, spürt man: In dieser Beziehung ist der Sohn der Chef. Er entscheidet, wie das Gespräch verläuft und über welche Nebengleise das ausgeloste Thema führt. Der Vater nimmt seinen Sohn ernst. Selbstbestimmtheit scheint ein zentrales Element im Zusammenleben dieser Familie. Und eben die war auch zu sehen, als Vater und Sohn auf der Bühne in der Kölner Flora den Grimme Online Award in Empfang nahmen. Vater Mirco trat in den Hintergrund, als Jay-Jay entschied, die Fragen der Moderatorin selbst zu beantworten – und der Zwölfjährige nutzte das auch, um uns, die NomKom und die Jury, für unsere Kategorisierung von wochenendrebell.de zu rügen. „Kultur und Unterhaltung“ passe ja überhaupt nicht, meinte Jay-Jay, der kundig über Physik, Mathematik und schwarze Löcher zu sprechen weiß. „Wissen und Bildung“ fände er angemessener.

Eine der Äußerungen aus der oben verlinkte Episode, die mir im Gedächtnis blieb, war übrigens diese:

„Unsere Welt ist viel zu groß und viel zu interessant, um die gesamte Kindheit nur Fußball zu spielen. Ich war auf fast jeder Kontinentalplatte unserer Erde. Das ist eine erfüllte Kindheit.“

#ichbinhier

Und dann sind da noch jene rund 35.000 Preisträgerinnen und Preisträger, die in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet wurden: Über den Grimme Online Award für die Facebook-Gruppe #ichbinhier freue ich mich total (und bin so froh, dass ich den Vorschlag ins Gremium getragen habe). Die Mitglieder von #ichbinhier gehen gezielt in Diskussionen, wo Hasskommentare einen Anteil von 50 oder mehr Prozent haben. Dort versuchen sie, die Debatte zu versachlichen,  sprechen Hater direkt an, stellen ihnen Fragen und beziehen Position gegen Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung. Eine wichtige Intervention und vermutlich weitaus sinnvoller als jedes Netzwerkdurchsetzungsgesetz. In Köln auf der Bühne standen stellvertretend Hannes Ley, der die Initiative aus Schweden für Deutschland adaptierte, und Tom Keller, einer der Administratoren.

Die Arbeit der Gruppe wird von bestimmter Seite als Propaganda und konzertierte Beeinflussung des Meinungsbildes diskreditiert. Der Vorhalt folgte denn auch prompt nach der Bekanntgabe der Auszeichnung – und wie einige Mitglieder der Gruppe hier darauf reagieren, mag exemplarisch stehen für die Vorgehensweise, die auch Tom Keller empfahl: Jemand verbreitet Hass und Vorurteile? Stell ihm (oder ihr) sachliche Fragen, gib ihm (oder ihr) die Chance, noch einmal nachzudenken. Manchmal hilft’s.

Hach, Frankfurt

Ich habe Sehnsucht nach dem Land. Ich möchte in die Ferne gucken und den Horizont sehen statt der Fassaden auf der anderen Straßenseite, ich möchte nach Feierabend in der Erde wühlen oder auf meiner Terasse sitzen oder noch eine Runde in den Wald gehen. Mir geht der Lärm auf den Keks und die zugeparkten Radwege und die Huperei auf den Kreuzungen und die Aggro-Stimmung auf der Zeil. Auch die Freundinnen und Freunde reden immer öfter von Stadtflucht, und zusammen tagträumen wir beim Sauergespritzten von gemeinsamen Wohnprojekten, die, so ist das nunmal, sich keiner von uns leisten kann, jedenfalls nicht in der Stadt und auch nicht im Umland.

Und dann ist endlich Sommer. Und Frankfurt wird zum schönsten Ort der Welt. Ein Dorf, wo das Leben sich draußen abspielt, auf den Wiesen in den schattigen Parks, wo immer irgendwer Musik macht. Unter den Obstbäumen am Lohrberg, im schilfbestandenen Enkheimer Ried und am lange schon stillgelegten Alten Flugplatz in Bonames, wo die Platanen aus dem Asphalt brechen, die Frösche quaken und die Bauern Heu machen, die Kulisse der Stadt im Rücken. Wo du in den dörflichen Stadtteilen über altes Kopfsteinpflaster läufst und dich keine halbe Stunde später in den Glasfassaden des Bankenviertels spiegelst. Wo du alles, wirklich alles mit dem Fahrrad erreichen kannst. Wo das nächste Kino, die nächste Kneipe, das nächste Wasserhäuschen nie weit ist. Wo der aufgesprühte Schrei nach „Stadt für alle“ zum städtischen Inventar gehört. Wo es noch Hausbesetzer gibt. Wo die halbe Stadt abends am Mainufer hockt und Beine und Seele baumeln lässt und auf die Skyline glotzt, bis es dunkel wird.

Zwischen zwei Seufzern weiß ich genau: Ich hätte große Sehnsucht nach dieser Stadt, würde ich nicht mehr hier wohnen. Ich mag Frankfurt.

Vielleicht halte ich es doch noch eine ganze Weile hier aus. Und notfalls ist ja auch Offenbach mit dem Hafen2 nicht weit weg.

Ostpark

Verrammelte Türen am Ostbahnhof.

Günthersburgpark

Die stillgelegte Start- und Landebahn am Alten Flugplatz Bonames.

Zwischen Offenbach und Frankfurt.

Abendliches Tänzchen vor der Alten Oper.

Feierabend am Mainufer.