Die Angst der Föhrer vor der Versyltung

Mögen sich „Hauptstädter“ in Wyk und die Landföhrer in den elf Inseldörfern auch in vielerlei Hinsicht nicht grün sein – wenn es um die schnieke Nachbarin Sylt geht, ist man sich einig: „Die haben sich verkauft.“ Mehrfach bekommen wir diesen Satz auf Föhr zu hören, wenn es um den Wohnungsmarkt geht.

Mutmaßlich unerschwinglich: Bauernhaus bei Witsum auf Föhr. Bild: Monika Gemmer

Vor einigen Jahren konnte ich auf Sylt besichtigen, was das heißt: Mehrere tausend Menschen, die auf der Insel arbeiten, reisen morgens mit der Bahn vom Festland an und kehren abends dorthin zurück, denn fast niemand, der sein Geld in Gastronomie oder Hotelgewerbe, im Handwerk, Einzelhandel oder in sonstigen stinknormalen Berufen verdient, kann sich mehr eine Wohnung auf Sylt leisten. Gleichzeitig stehen überall Häuser leer, deren Besitzer nur ein paar Wochen im Jahr dort sind. Nur noch zehn Prozent der Immobilieneigner auf Sylt seien Einheimische, so erzählt uns ein Föhrer Busfahrer.

Längst ist die Entwicklung auch zu den Nachbarinnen Föhr und Amrum hinübergeschwappt. Aktuell wird über Immobiliensout24 auf ganz Föhr exakt eine Wohnung angeboten (9 Zimmer, 260 Quadratmeter, 2300 Euro Kaltmiete im Monat – nicht gerade das, was jetzt die Durchschnittsmieterin so suchen würde.) Der Wyker Blogger Peter warnte bereits 2014 Neuankömmlinge vor zu viel Optimismus:

Bitte nicht glauben, dass man auf Föhr, speziell in Wyk und Umgebung, was zu Mieten findet. Schaut in den entsprechenden Facebookgruppen nach, durchsucht das Internet und die lokale Presse hier (aka Inselbote am Samstag). Da ist so gut wie nie was. Wenn dann 10€/qm kalt einrechnen. Wenn einen das nicht schreckt, dann davon ausgehen, dass man eine gaaaanze Weile in einer FeWo verbringt und die eigenen Sachen in Dagebüll im Container zu liegen hat.

Ans Kaufen ist für normale Leute eh kaum zu denken. Die Immobilienpreise gehen auch auf Föhr durch die Decke. 5000 Euro pro Quadratmeter für eine Eigentumswohnung in guter Lage von Wyk – „vor ein paar Jahren noch üblich“, berichtet unser Busfahrer. Heute würden bis zu 13.000 Euro aufgerufen. Und auch in den Dörfern sei eine Immobilie selbst für Gutverdiener kaum noch zu bezahlen. „Schauen Sie sich zum Beispiel dieses Haus an“, sagt der Busfahrer und deutet auf ein kleines, sehr unscheinbares und sehr in die Jahre gekommenes Backsteingebäude am Rande des Ortes, den wir gerade passiert haben. „Dafür würde der Eigentümer 600.000 Euro kriegen. Mindestens. Das garantier ich Ihnen!“ Jedenfalls dann, wenn das Haus an einen solventen Auswärtigen gehe. EIn Verkauf an Insulaner würde allenfalls ein Drittel der Summe bringen. Verkauft sich Föhr also auch?

Geld stinkt weder auf Sylt noch auf Föhr, und hier wie dort sehen sich Erbengemeinschaften oft zum Verkauf gezwungen, weil einer ausbezahlt werden will. Dann aber nehmen die Leute halt, was sie kriegen können. Wer kann es ihnen verdenken? Auf Sylt hörten wir vor ein paar Jahren, dass einer der ersten, der nach einem Todesfall an der Haustür der Erben klingelt, der Makler sei – ein Angebot im Gepäck, das die wenigsten ablehnen würden.

Auf Föhr wird ein Haus nach dem Besitzerwechsel nicht selten weggerissen, erzählt unser Busfahrer weiter, und mehrere neue an seiner Stelle gebaut. Mit großen Ferienwohnungen drin, bodentiefen Fenstern, bei denen das ganze Jahr über die Plissees von unten bis auf Hüfthöhe zugezogen seien. Obendrauf ein Reetdach (das Reet stammt meist aus Polen oder Rumänien), denn Touristen wollen unbedingt unter Reet urlauben. Nach jedem Regenguss, wenn das nasse Dach den Mobilfunk abwürgt, sehe man sie dann verzweifelt ihre Handys aus dem Fenster halten auf der Suche nach einem Netz.

Föhr first

Wenn ja wenigstens jemand drin wohnt, und seien es auch nur Touristen. Mitunter aber stehen Häuser fast das ganze Jahr über leer. Luxusferiendomizile, für die man 500 Euro pro Tag hinblättern muss. Vor allem aber Zweitwohnsitze, die nicht vermietet werden. Wenn unser Busfahrer nach Einbruch der Dämmerung durch Witsum fährt, wo eine dieser Siedlungen steht, dann sehe er in gerade mal zwei oder drei der 20 Häuser Licht brennen.

Klingt alles so, als sei Föhr bereits auf dem besten Wege in die Versyltung. Aber man stemmt sich dagegen: Seit einigen Jahren werden Neubaugebiete exklusiv für Einheimische ausgewiesen, die teilweise verpflichtet werden, auch später nicht an Auswärtige zu verkaufen. Föhr first.

Tja. Da bleibt einem nichts, als sich von dem alten Traum vom Wohnen auf der Insel zu verabschieden. Oder vielleicht doch nicht? Der Mensch braucht schließlich Träume! Meinem hab ich auch diesmal wieder einen Besuch abgestattet:

Steht immer noch und wartet auf mich: Mein Traumhaus am Föhrer Südstrand (und Drehort für die TV-Serie „Reiff für die Insel“). Bild: Monika Gemmer

Die Wahrheit über das Biiken

Fünf Freundinnen auf Föhr – das könnte glatt der Titel einer Serie sein, erweist sich aber als einmalige und höchst vergnügliche Cliquen-Reise auf die Nordseeinsel, mit langen Strandspaziergängen, Inselrundfahrten, Museumsbesuchen, gemütlichen Teestunden und Friesentorten-Testessen quer durch alle Konditoreien, die gerade nicht Betriebsferien haben, Einkaufsbummeln, Raclette-Gelagen und Spieleabenden am großen Tisch der Wohnstube, in die wir uns eingemietet haben. Und auch, wenn es sich heute eingeregnet hat: Alles in allem haben wir Glück mit dem Wetter. Draußen kommt nun der schon für die Wochenmitte angekündigte Wind auf (von Sturm ist hier erst die Rede, wenn die Schafe keine Locken mehr haben), wir haben uns beim Kaufmann mit den wichtigsten Lebensmitteln (Maiswaffeln, Wein etc.) eingedeckt und uns verkrochen. Morgen wird der Himmel wieder blankgefegt sein – so wie am vergangenen Dienstag, dem Tag des Biikebrennens.

Unterwegs zwischen Wyk und Goting-Kliff.

Denn das war der Anlass unserer Reise. Vom romantischen Feuer, mit dem die Friesen alljährlich am Abend des 21. Februar den Winter vertreiben, habe ich im Freundeskreis so lange geschwärmt, bis ich sie soweit hatte, mich zu begleiten, und so machten wir uns zu fünft im Abteil auf den Weg in den Norden. Hier, im Friesenmuseum von Wyk auf Föhr, fuhr mir dann die Museumsführerin Astrid in die Parade, als sie meinen Mitreisenden verriet, dass das Biikebrennen keineswegs eine uralte Tradition ist und schon gar nichts mit der Verabschiedung der Walfänger am Vorabend des Petritages zu tun hat, wie ebenfalls oft behauptet wird. Die Nordfriesen veranstalten die kollektive Fackelei mit anschließenden Grünkohlessen erst seit dem 19. Jahrhundert, und später haben sich die Nazis auch diesen Brauch unter den Nagel gerissen. Heute, meint die Museumsführerin Astrid, ist die ganze Biikebrennerei eher ein riesiges Entsorgungsfest für ausrangierte Weihnachtsbäume und Grünschnitt. Tatsächlich beobachten wir man in den Tagen zuvor überall fleißige Föhrer in ihren Gärten beim Bäumestutzen und Heckeschneiden.

Ach – was soll’s. 50 Biikefeuer brennen in Nordfriesland, 14 davon alleine auf Föhr, und wir wandern schon am Nachmittag los, denn wir wollen das Feuer am Goting-Kliff erleben.

Nach acht Kilometern Strandwanderung kommen wir dort an – und finden einen aufgeschichteten, aber einsamen Biikehaufen.

Fast alles bereit fürs Biikebrennen am Goting-Kliff – nur einer fehlt noch, der Piader.

Wir sind viel zu früh, noch brennt hier lange nichts. Auch der Piader, die von den Mädels genähte Strohpuppe, die obenauf gesteckt wird und möglichst abbrennen soll, ohne umzufallen, fehlt. Das nahe Kliffcafe hat zu, wir frieren uns nach dem Marsch den Hintern ab – nach einer halben Stunde bestellen wir uns ein Taxi zurück nach Wyk und wandern zum dortigen Biikehaufen, der nicht halb so schön gelegen, dafür aber von idyllischen Punsch-Ständen flankiert ist. 

27. Januar

Weil das Erinnern umso wichtiger wird, je lauter die schreien, die all das am liebsten vergessen (machen) wollen.

Konzentrationslager Buchenwald

Konzentrationslager Buchenwald
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Fotos: Monika Gemmer

Kurz geknipst

Ehemaliges Spa-Projekt am Westhafen

An der Spa-Ruine im Westhafen scheint sich tatsächlich was zu tun – im Inneren des Rohbaus, der seit Jahren halbfertig in 1a-Lage am Mainufer vor sich hingammelt, wird sichtbar gewerkelt. Schade, dass die Frankfurter nix haben werden von den Boardinghaus-Suiten, die ein Investor aus Qatar da nun baut.
(via Facebook)

Trotz allem: Was schön war 2016

Hoffnung

Was für ein Jahr. Viel zu viele schlechte Nachrichten. Kriege und Krisen auf der ganzen Welt, die unzählige Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, in eine Ungewissheit hinein, die sich unsereins gar nicht vorstellen kann. Offene Feindseligkeit gegen alle, die anders sind. Hass, der immer ungehemmter zur Schau getragen wird. Eine Partei, die Rassismus zum Programm macht. Andere Parteien, die dem nicht etwa entschlossen entgegentreten, sondern kalkuliert mit Ressentiments spielen – das wird 2017 furchtbar schiefgehen.

Mein 87-jähriger Vater, der mit knapp 16 Jahren durch glückliche Umstände und eine kluge Mutter gerade noch so dem Einsatz im „Volkssturm“ entkam, ist erstmals seit dem Ende des Nazi-Diktatur wieder zutiefst besorgt, wie er mir neulich sagte. „80 Jahre nach der verheerenden politischen Entwicklung für Deutschland und die Welt scheint sich die Geschichte zu wiederholen.“ Wie vielen alten Menschen, die die Hitlerzeit erlebt haben, mögen in diesem Jahr ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sein?

Nein, ein gutes Jahr war es wirklich nicht. So viele sind gestorben, namenlos für uns, unter Häusertrümmern in Aleppo, unter Wellblechdächern in Eritrea, im Meer, die Küste des reichsten Kontinents schon fast vor Augen.  Und so viele aus Kultur und Politik, die wir mit Namen kannten. Es war ein Jahr der Nachrufe und der Abschiede, am Ende auch von einem  Menschen aus dem engsten Freundeskreis. 2016 – ich werde dich nicht vermissen.

Aber ich bin dir trotzdem dankbar. Für das, was mir nicht widerfahren ist. Und für die anderen Geschenke, die du mir gemacht hast.

Was schön war

  • Die Momente einer Freundschaft, die seit 40 Jahren trägt – durch die leichten und, wie in diesem Jahr, durch die schweren Zeiten.
  • Die Ausgelassenheit, mit der ich auf gleich zwei Hochzeiten tanzen durfte.
  • Der Frieden, der sich auf meine Seele legte, als ich hier saß – allein mit meinen Gedanken.
  • Das kindliche Staunen, mit dem ich im Trockendock der Meyerwerft beim Bau eines Ozeanriesen zusehen durfte.
  • Die Erleichterung, als nach der fiesen Zahnbehandlung endlich der Schmerz nachließ.
  • Der heimliche Stolz, als ich in Münster den Droste-Experten des Landes traf – und merkte, dass er mich schon seit längerem als Droste-Expertin betrachtet.
  • Meinen Neffen 18 werden, Abi machen und voller Neugier und Optimismus ins Leben starten sehen.
  • Die Freude, als mir die Chefredaktion den Posten als stellvertretende Ressortleiterin anbot.
  • Die Entdeckung der Gleitsichtkontaktlinse.

Was mag 2017 wohl für mich bereit halten?

Ein paar Geschenke sind schon verpackt …

Was schön wird

  • Am Abend des 21. Februar 2017 werde ich auf der Insel am Biike-Feuer stehen und (hoffentlich) Punsch trinken.
  • Im Sommer feiere ich meinen 50. Geburtstag und habe dabei, so hoffe ich, die ganze Familie um mich herum.
  • Und gegen Ende des Jahres stehe am Nordkap (und trage hoffentlich warme Unterwäsche!).

Mach’s gut, 2016. Aber du, 2017: Mach’s besser.

#Zusammen

In mehreren Städten in Deutschland lässt sich der Weihnachtsmarktbesuch heute mit einer Botschaft verbinden, denn von Hamburg bis München wird der Versuch unternommen, sich etwas von der klaren Haltung der Norweger nach den Breivik-Morden abzugucken und ein Zeichen zu setzen.

Wir wissen nicht, warum es zu dieser schrecklichen Tat kam, aber wir wissen, dass sie Hass und Misstrauen säen und uns als Menschen, als Gesellschaft, auseinandertreiben soll.
Unseren Hass bekommt ihr nicht.

Frankfurt am Main #Zusammen findet um 18 Uhr an der Hauptwache am Brockbau-Brunnen auf der Zeil statt.