Monika GemmerMein Name ist Monika Gemmer, ich bin Online-Journalistin und arbeite in der Politikredaktion der Frankfurter Rundschau. The Daily Mo ist mein privates Weblog. Hier geht es meist um Medien und Politik. Und das Leben. Und den ganzen Rest.

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Spuren

Von: Mo

Keine ElbvertiefungDas Alte Land liegt im Winterschlaf. Tausende von Apfelbäumen recken ihre nackten Gliedmaßen in den Himmel wie Skelette. Die Obstbauern nutzen die Zeit, um Wassergräben zu entschlicken, und hinterlassen dabei eine pechschwarze Dreckspur an den Straßen. An jedem dritten Haus ragt ein Protestschild aus dem gefrorenen Boden: “Keine Elbvertiefung – wir wehren uns”.

Seltsam: Kaum ist man auf bekanntem Terrain, geht man wie ferngesteuert die vertrauten Wege – auch wenn es andere gibt. Scheinbar ist unser Bedürfnis nach Wiedersehen, nach Wiederkennen übergroß. Und wenn sich dann etwas verändert hat – eine Gasse ist zu einer Straße herangewachsen, manche Läden, ja ganze Häuser und Restaurants sind verschwunden, neue entstanden – fühlt sich das an wie ein gebrochenes Versprechen.

ReeperbahnDie Elbe-Fähre hat ihren Betrieb eingestellt. Den Garaus gemacht hat ihr wohl die Hamburger S-Bahn, die jetzt bis tief hinein in die erste Meile des Alten Landes fährt. Ohne Umsteigen von Stade auf die Reeperbahn: Nahverkehr halt.

Fischmarkt in StadeDie knapp einstündige Fahrt bietet viel Zeit zum Gucken, in Gesichter, die nahezu allesamt – mit Ausnahme der ganz Jungen – Geschichten erzählen. Ich glaube, dass jedes tiefe Gefühl, sei es Trauer, Schmerz, Freude oder Leidenschaft, dauerhaft seinen Platz in einem Gesicht einnimmt, auch in jenen, die auf den ersten Blick einfach nur müde aussehen oder sich hinter grellen Farben verbergen. Wie man den Händen die Arbeit ansieht, die sie verrichten, so sieht man jedem Gesicht das Auf und Ab des Lebens an. So soll das sein.

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Road Movie

Von: Mo

Manchmal muss das sein: Klamotten ins Auto, volltanken, losfahren.  Die Richtung: Norden.

Erste Station: Lüneburg. Vor gefühlten zehn Jahren bin ich mal hier gewesen zu einem privaten Besuch, und neben anderem erinnere ich mich, dass ich die Altstadt damals ziemlich schön fand. Aus Spaß steige ich in einem Hotel ab, das Schauplatz einer ARD-Serie ist. Am ersten Morgen eine Überraschung: Über Nacht hat es geschneit.

Altstadt Lüneburg Altstadt Lüneburg

Die kopfsteingeplasterte Gasse draußen vor dem Hotel ist in ein unnatürliches, gleißendes Licht getaucht. Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen wuseln hektisch herum, Kabel schlängeln sich übers Pflaster, Kameras sind aufgebaut, ein Mann trägt schwer an einem Mikro an einer gut drei Meter langen Angel. “Wir machen bitte eine technische Probe”, ruft eine Frau in ein Walkie-Talkie.

Die Darsteller sind in hässliche blaue Dauenmäntel gehüllt, halten sich verzweifelt an etwas Warmem fest und schlottern trotzdem. Die Szene, die abgedreht werden soll: Die beiden Schwestern Tanja und Jule gehen, ins Gespräch vertieft, eine Straße entlang und treffen dort auf ihren Vater Thomas. “Hallo ihr beiden”, wiederholt Gerry Hungbauer (Thomas Jansen) wieder und wieder. Farbige Kreuze auf dem Boden markieren, wo alle drei stehenbleiben sollen.
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Lokales | Kommentare deaktiviert

Weihnachten in Frankfurt

Von: Mo

Angst essen Seele auf

Von: Mo

Der junge Mann da neben mir ist Robert Basic. Wir waren kürzlich zusammen im Frankfurter Museum für Kommunikation zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der zunächst irritierende Titel: “Das neue Netz”. Neu?

Es ging um Web 2.0 in vielen Erscheinungsformen, und für einen Teil des Publikums mag die eine oder andere Anwendung durchaus neu gewesen sein. Letztlich muss man aber auch nicht zwingend selbst twittern, flickern oder einen Avatar haben, um darüber nachzudenken, “wie das Internet die Gesellschaft verändert” – so der Untertitel der Veranstaltung.

Die Diskussion drehte sich dann doch mehr darum, wie das Netz die Medien verändert – und hier vor allem mit Blick auf Gefahren, weniger auf Chancen. Chancen, die darin liegen, dass Medienkonzerne ihre Machtposition einbüßen, nicht mehr über Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung von Themen entscheiden, nicht mehr in dem Maße gebraucht werden wie vor zehn, fünfzehn Jahren – und dass unsere Arbeit mehr denn je unter öffentlicher Kritik steht (eine bittere Wahrheit, die manche Print-Journalisten immer noch nicht realisiert haben). Klar ist das alles bedrohlich – für Verlage. Die haben noch kaum die Medienkrise vom Anfang des Jahrhunderts verdaut, da krebsen sie erneut vor sich hin, streichen Budgets und Personal zusammen, dampfen Redaktionen ein und suchen ebenso verzweifelt wie vergeblich nach einem Geschäftsmodell fürs Netz. Vielen fällt dabei nicht mehr ein als – noch ‘ne Komjuhnitiii.

Und wenn wir ehrlich sind: Hätten Renate Ehlers, Leiterin der Intendanz beim Hessischen Rundfunk, oder ich an diesem Abend ein tragfähiges Konzept für die Zukunft der klassischen Medien in der Tasche gehabt, wir wären inzwischen wohl mit goldenen Nasen ausgestattet. Inmitten dieser Ratlosigkeit haben Öffentliche-rechtliche ja immerhin noch den Vorteil, mit dem Finger auf die Politik zeigen zu können (”Rundfunkstaatsvertrag!”), während Printmedien so schnell keinen anderen Schuldigen finden außer sich selbst oder – in letzter Zeit seltener – das böse Web. (Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, die ich auf der Buchmesse eben dieses Klagelied über die Kostenloskultur im Internet und die furchtbaren Folgen für Qualitätsmedien anstimmen hörte, dürfte inzwischen die Ausnahme sein.)

Aber wenn man schon nicht weiß, wie es weitergeht, könnte es ja mal mit einem Ausschlussverfahren versuchen und formulieren, wie es auf keinen Fall weitergeht. Nämlich so: Noch weniger Geld in Journalismus investieren. Noch weniger Fachleute beschäftigen. Noch billiger Inhalte produzieren. Noch mehr bei Wikipedia abschreiben, ohne sich um die Spielregeln zu scheren (Matthias Schindler, der ebenfalls auf dem Podium saß, kann davon ein Lied singen). Leider scheint aber genau das der Weg zu sein, für den sich viele Medienkonzerne gerade entscheiden; eine Entwicklung, vor der an diesem kalten Winterabend in Frankfurt auch Verena Kuni, Kunst- und Medienwissenschaftlerin an der Goethe-Universität, dringend warnte.

Die wichtigste Frage aber erörterten Robert Basic und ich am Rande und ganz unter uns – nachdem er gehört hatte, dass ich auch 2009 Mitglied der Jury für den Grimme Online Award sein werde. Das Ergebnis dieser Verhandlungen darf dann im Frühsommer 2009 durchs Blog-Dorf getrieben werden.


Robert Basic, ich, Renate Ehlers