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	<title>The Daily Mo &#187; Geschichte</title>
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		<title>Als Mutter Goethe ihr Herz verlor</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Feb 2010 15:00:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Lokales]]></category>

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		<description><![CDATA[Für Skandale war nicht nur Johann Wolfgang Goethe gut. Noch bevor der Sohn im fernen Weimar seine wilde Ehe mit Christiane Vulpius begann, stürzte sich seine Mutter Katharina Elisabeth in Frankfurt in eine Liaison mit einem sehr viel jüngeren Mann. Mochte die Frankfurter Gesellschaft noch so die Nase rümpfen &#8211; um Frau Aja, wie Goethes [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für Skandale war nicht nur Johann Wolfgang Goethe gut. Noch bevor der Sohn im fernen Weimar seine wilde Ehe mit Christiane Vulpius begann, stürzte sich seine Mutter Katharina Elisabeth in Frankfurt in eine Liaison mit einem sehr viel jüngeren Mann. Mochte die Frankfurter Gesellschaft noch so die Nase rümpfen &#8211; um Frau Aja, wie Goethes Mutter von dessen Freunden genannt wurde und sie selbst viele ihrer Briefe unterschrieb, war es geschehen, als sie den jungen Mann das erste Mal erblickte. Altersunterschied hin oder her.<br />
<span id="more-1737"></span><br />
Karl Wilhelm Ferdinand Unzelmann kommt 1784 als Schauspieler an den Main, um hier zu arbeiten. Er ist 31 Jahre alt, hat bereits erfolgreich auf einigen deutschen Bühnen gestanden und gewinnt mit seinen Auftritten am Frankfurter Komödienhaus offensichtlich auf Anhieb das Herz der theaterbegeisterten 53-jährigen Katharina Elisabeth Goethe, seit drei Jahre Witwe.</p>
<p>Ihr Faible für die Schauspielerei ist legendär. Sie versäumt kaum eine Vorstellung. Noch heute erinnert man sich in Frankfurt an eine Anekdote, die Bettina von Arnim damals notiert: Als die Besucherplätze bei warmem Wetter einmal nur zur Hälfte besetzt sind, habe die Frau Rat zur Bühne gerufen: &#8220;Sie können anfangen. Ich bin da.&#8221; Und sicher ist es kein Zufall, dass sich Katharina lisabeth später, nachdem sie das Haus am Hirschgraben verkauft hat, für eine Wohnung am Roßmarkt entscheidet &#8211; in unmittelbarer Nachbarschaft zum damaligen Schauspielhaus.</p>
<p>Am 19. April 1784 hat Karl Wilhelm Ferdinand Unzelmann sein Frankfurter Debüt als Schauspieler. Im Publikum, wie immer: Katharina Elisabeth Goethe. Offenbar verliebt sie sich augenblicklich in den 22 Jahre jüngeren Mann. Man darf davon ausgehen, dass der Altersunterschied ihr nicht allzu viel Kopfzerbrechen bereitet hat: Sie selbst war 17, als sie 1748  mit dem 38-jährigen Johann Kaspar Goethe verheiratet wurde.</p>
<p>Die Witwe Goethe sucht die Nähe des jungen Schauspielers. Unzelmann macht es sich &#8220;zur Gewohnheit, nach jeder Darbietung zu ihrer Loge hinaufzuschauen&#8221;, schreibt Silke Wustmann in &#8220;Frankfurter Liebespaare&#8221;. Heiraten indes wird er im Jahr darauf eine andere: die 17-jährige Stieftochter des Theaterdirektors Großmann, Friederike Bethmann. Den Kontakt zur Frau Rat hält er dennoch aufrecht &#8211; sie ist nicht die einzige Affäre, wie es scheint. Unzelmanns junge Gattin jedenfalls glaubt, viele Gründe zur Eifersucht zu haben:</p>
<blockquote><p>Er flatterte und flunkerte überall umher, war alltäglich verliebt und allwöchentlich in eine andere, endlich sogar in die Frau Rat, die Mutter Goethes, die ihn so beherrschend gängelte, dass ich nichts ohne ihren Einfluss tun durfte. Ich war eine siebzehnjährige unbedachtsame Frau, eitel auch, und meinte: Zieht er dir eine vor, die hübscher ist als du, so wäre das zu begreifen, aber die Frau Rat! </p></blockquote>
<p>Einfluss verschafft sich Katharina Elisabeth unter anderem durch finanzielle Zuwendungen. Unzelmann hat Schulden. Goethes Mutter hilft immer wieder aus, macht Geschenke, bezahlt seine Möbel. Und sie versucht, zu schlichten, wenn der egozentrische Schauspieler wieder einmal Streit im Theater hat. Als die Auseinandersetzungen im Ensemble eskalieren, schmeißt Unzelmann hin. 1788 verlässt er mit seiner Frau die Stadt in Richtung Berlin, wo er sich einen neuen Job verschafft hat. Er geht ohne Abschied. Katharina Elisabeth Goethe bleibt zurück &#8211; bitter enttäuscht und mit gebrochenem Herzen. </p>
<p>Dann flattert ihr eine hilflos wirkende Depesche aus Berlin ins Haus:</p>
<blockquote><p>Oh Elisabeth, was habe ich getan!</p></blockquote>
<p>Doch Elisabeth will nichts hören, nicht auf seine Rückkehr hoffen. Ihre Antwort fällt deutlich aus:</p>
<blockquote><p>Oh! Täuschen Sie mich nicht wieder! Oh! Blasen Sie nicht den toten Funken wieder an – überlassen Sie mich lieber meinem Gram, der eine solche Höhe erstiegen hat, wo schwerlich was drüber geht. Bei einem Gewitter verkündigt doch der Donner die Annäherung des Blitzes – aber hier war Blitz und Schlag so eins, dass mich&#8217;s ewig wundern wird – dass mich meine Lebensgeister nicht den Augenblick alle verließen. </p>
<p>Ich weiß wahrlich nicht, ob ich nach so vielen vorhergegangenen Täuschungen, fehlgeschlagenen Erwartungen, mein Herz der Hoffnung, die mich so oft, so unendlich oft hintergangen hat, ob ich dieser Betrügerin es je wieder öffnen soll: oder ob es nicht besser ist, sie ganz zurückzuweisen, keinen Strahl davon mehr in die Seele kommen lassen  und mein voriges Pflanzenleben wieder anzufangen – ich sage es noch einmal – ich weiß es nicht. </p></blockquote>
<p>Schon im 18. Jahrhundert gilt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die Frankfurter Gesellschaft zerreißt sich das Maul über die verlassene Witwe. Sie, die sich sonst kaum um das Gerede anderer Leute schert, die keinerlei Probleme damit hat, dass ihr Sohn ohne Trauschein mit Christiane Vulpius und dem gemeinsamen Sohn zusammen lebt &#8211; jetzt spürt sie schmerzhaft  die spöttischen Blicke.</p>
<blockquote><p>Die Qual, die ich jetzt leide, ist unaussprechlich – da begegnen mir auf allen Ecken von dem verwünschten Volk, und machen jede Rückerinnerung neu, reißen durch ihren basilisken Blick jede Wunde auf – suchen und spähen, ob in meinen Augen Traurigkeit wahrzunehmen ist – um vielleicht daran ein Gaudium zu haben – und wenn ich an die Messe denke, auf die ich mich sonst so kindisch freute, wie das Großmaul, die St., mit Schadenfreude auf mich blicken wird – und ich mich in dem Punkt so wenig verstellen kann; so weiß ich nicht, was ich tun oder lassen soll. </p>
<p>Aber eins weiß ich – das Otterngezüchte soll aus meinem Haus verbannt sein, kein Tropfen Tyrannenblut soll über ihre Zungen kommen – keine Hand will ich ihnen zur Ehre, oder zur Ermunterung rühren – kurz allen Schabernack, den ich ihnen antun kann, will ich mit Freuden tun – räsonnieren will ich, Bürgers Frau Schnips soll ein Kind gegen mir sein – denn Luft muss ich haben, sonst ersticke ich &#8230; </p></blockquote>
<p>Es gehen noch viele Briefe zwischen Berlin und Frankfurt hin und her. Unzelmann erwägt sogar eine Rückkehr an den Main. Die Frau Rat reagiert erschrocken, schreibt ihm am  16. März 1788:</p>
<blockquote><p>Vor Ihrem Herkommen fürchte ich mich – Sie können leicht begreifen warum!!! Morgen lasse ich Brandbriefe an all meine saumseelige Schuldner ergehen – und dann wird Ihrer gedenken<br />
Ihre Elisabeth.<br />
N. S. An die Frau Gevatterin meinen freundlichen Gruß.</p></blockquote>
<p>Am Ende ist es die Aussicht, seine Gläubiger wieder zu treffen, die Unzelmann aus Frankfurt fernhält. Auch bei der Frau Rat hat er Schulden, deren Begleichung sie im Laufe der Zeit offenbar mit zunehmender Vehemenz einfordert. Einmal noch &#8211; 1805, zwei Jahre nach seiner Scheidung von Friederike &#8211; kommt der Schauspieler für ein Engagement nach Frankfurt. Katharina Elisabeth Goethe notiert:</p>
<blockquote><p>Herr Unzelmann hat hier ohne Beifall drei Rollen gespielt, und das ganze Publikum wünschte ihm eine glückliche Reise.</p></blockquote>
<p>Aller Enttäuschung zum Trotz: In der Rückschau auf die gemeinsamen Jahre in Frankfurt zieht sie ein positives Fazit, schreibt ihm im Dezember 1788:</p>
<blockquote><p>Das war die glücklichste Zeit, in meinem ganzen Leben – Aber dahin ist sie geflohen, die goldne Zeit. (&#8230;) Nun leben Sie wohl, lieber Freund! Möge Ihr Glück in Berlin recht groß und glänzend und von fester Dauer sein. Erfreuen Sie mich von Zeit zu Zeit mit guten Nachrichten, und glauben, dass weder Entfernung noch Zeit Ihr Andenken erlöschen wird, bei<br />
Ihrer Freundin Elisabeth. </p></blockquote>
<p>Am 13. September 1808 stirbt Katharina Elisabeth Goethe. Karl Unzelmann lebt bis zu seinem Tode am 21. April 1832 in Berlin. Fast 100 Jahre nach dem Tod der Frau Rat fällt  1902 im Schauspielhaus am Frankfurter Theaterplatz zum letzten Mal der Vorhang. Die Abschiedsvorstellung: Goethes Iphigenie auf Tauris.</p>
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		<title>Kopfzerbrechen in Weimar</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Dec 2009 16:44:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor längerer Zeit berichtete ich an dieser Stelle über den Schädel Friedrich Schillers &#8211; ein begehrtes Relikt, so begehrt, dass sich seit nunmehr gut 180 Jahren immer wieder Menschen bereit finden, zwischen vermoderten Knochen zu wühlen, um den großen deutschen Dichter zu identifizieren. Zwei Schädel konkurrieren seither um das Privileg, einstmals Schillers Hirn beherbergt zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor längerer Zeit berichtete ich <a href="http://www.dailymo.de/2005/09/27/schiller-dreht-sich-im-grabe-herum/">an dieser Stelle</a> über den Schädel Friedrich Schillers &#8211; ein begehrtes Relikt, so begehrt, dass sich seit nunmehr gut 180 Jahren immer wieder Menschen bereit finden, zwischen vermoderten Knochen zu wühlen, um den großen deutschen Dichter zu identifizieren. Zwei Schädel konkurrieren seither um das Privileg, einstmals Schillers Hirn beherbergt zu haben. </p>
<p>Inzwischen ist das Rätsel gelöst. Aber: An seine Stelle trat ein neues Geheimnis. Es steht zu vermuten, dass wir es mit einem postmortalen Verbrechen zu tun haben. Und ich habe einen fürchterlichen Verdacht, der, wenn er zutrifft, die Welt der Weimarer Klassik nachhaltig verstören wird &#8230;</p>
<p>Doch von Anfang an:  Schiller, der im Jahr 1805 mit 45 Jahren in Weimar starb, war bei Nacht in einer Gemeinschaftsgruft bestattet worden. Bei mehreren Suchaktionen im 19. und 20. Jahrhundert fanden sich unter den rund 60 in Frage kommenden Toten, die das Kassengewölbe mit Schiller teilten, neben einem einigermaßen passenden Körperskelett zwei Totenköpfe, von denen ihre Finder steif und fest behaupteten, &#8220;ihrer&#8221; sei der Schillersche. Sicherheitshalber wurden beide Schädel &#8211; nach einigen Umwegen &#8211; in der Fürstengruft auf dem Historischen Friedhof zu Weimar neben den sterblichen Überresten Goethes aufbewahrt.</p>
<p>Zum 250. Geburtstag Friedrich Schillers im Jahr 2009 sollte das Rätsel nun endlich gelöst werden &#8211; schließlich hat man heute andere Möglichkeiten als weiland die Schädelforscher des 19. Jahrhunderts. Die Klassik Stiftung Weimar und der MDR (der das populäre Projekt filmisch dokumentierte) ließen also beide Schädel und das Skelett von Anthropologen und Molekularbiologen untersuchen. Das Ergebnis überraschte.<br />
<span id="more-1615"></span><br />
Der kleinere der beiden Schädel schied schnell aus: Die Wissenschaftler waren sich einig, dass er zu einer Frau gehörte, und mittels DNA-Analysen ließ sich feststellen, dass es sich um Luise von Göchhausen handelte, eine Hofdame der Herzogin Anna Amalia. Ernüchterung auch bei der Untersuchung des Skeletts: Nach Auffassung der Forscher stammten die zusammengesetzten Knochen von mehreren, vermutlich drei oder vier Individuen. Vor allem: Sie passten nicht zum Schädel.</p>
<p>Nun richtete sich alle Blicke auf den einzig verbliebenen, vermeintlichen Rest Schillers. Die Anthropologen erstellten Computertomografien von Schädel und Totenmaske Schillers, erstellten daraus 3D-Modelle und kamen nach einem virtuellen Vergleich zu dem Schluss: Perfekte Übereinstimmung. &#8220;Für mich ist das der Schädel von Friedrich Schiller&#8221;, so die beteiligte Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen. </p>
<p><a href="http://www.dailymo.de/wp-content/images/schiller.jpg" title="Virtueller Vergleich der Computertomografien von Schädel und Totenmaske"><img src="http://www.dailymo.de/wp-content/images/schiller-300x100.jpg" alt="schiller" title="schiller" width="300" height="100" class="aligncenter size-medium wp-image-1635" /></a><br />
In Weimar hielt man an die Luft an. Rechtzeitig vor dem Schillerjahr war man dem Nachweis, im Besitz des echten Dichter-Schädels zu sein, so nah wie nie zuvor. Was noch fehlte, war die DNA-Analyse, der endgültige Beweis. Da es keine direkten lebenden Nachfahren gibt, musste erneut die Totenruhe gestört werden. Zuerst wurde Schillers Schwester Christophine exhumiert, DNA-Proben entnommen und mit jenen des Totenkopfes verglichen. Keine Übereinstimmung. &#8220;Beinahe ein Schock&#8221;, heißt es in der <a href="http://www.klassik-stiftung.de/veranstaltungen/veranstaltungen-ausstellungen/ausstellungen.html?tx_konocal_pi1[sid]=1350&#038;tx_konocal_pi1[did]=0&#038;tx_konocal_pi1[y]=&#038;tx_konocal_pi1[m]=12&#038;cHash=7b82e11abe">Ausstellung &#8220;Schillers Schädel&#8221;</a>, die noch bis Ende Januar in Weimar zu sehen ist.</p>
<p>Aber: Es könnte ja sein, dass Friedrich und Christophine keine leiblichen Geschwister waren. Gerüchte darum, dass es sich bei Friedrich Schiller in Wahrheit um einen illegitimen Sohn Carl Eugens von Württemberg handelte, gab es schon lange. Ein Vergleich von DNA-Proben machte dieser Spekulation zwar ein Ende. Doch es blieb die Möglichkeit, dass Friedrich Schiller ein Adoptivkind war.</p>
<p>Also mussten Schillers Söhne herhalten. Auf den Friedhöfen von Bonn und Stuttgart wurden Ernst und Carl Schiller exhumiert. Das Ergebnis der DNA-Analysen: Beide Söhne haben dieselbe Mutter &#8211; Schillers Frau Charlotte. Und beide stammen von demselben Vater. Was nicht von diesem Vater stammt, ist der untersuchte Schädel: Keine Übereinstimmung zwischen der DNA der Söhne und der DNA des Totenkopfs.</p>
<p>Wieder ein Aber: Es könnte ja sein, dass Schiller weder der leibliche Bruder seiner Schwester noch der leibliche Vater seiner Kinder war. Und dass sein Schädel deshalb nicht &#8220;passt&#8221;. Auch dieser letzten theoretischen Möglichkeit gingen die Forscher nach, indem sie die DNA von Schillers Schwester mit jener von Schillers Söhnen verglichen. Ergebnis: Verwandte ersten Grades. Damit stand endgültig fest: Der Totenkopf, den Schädelforscher schon seit 1826 und Anthropologen bis in die heutige Zeit für Schillers Schädel halten, gehörte einem anderen.</p>
<p>In der Fürstengruft zu Weimar steht man nun vor einem leeren Sarg. Gehen wir einfach mal davon aus, dass die Menschen, deren Knochen hier jahrhundertelang verehrt wurden, diese Verehrung auf irgendeine Weise verdient haben.</p>
<p>Eines aber lässt den Forschern keine Ruhe. Wie kann es sein, dass unter einer überschaubar kleinen Anzahl von 63 Totenköpfen einer ist, der dem echen Schillerschen so verblüffend ähnelt, dass selbst Anthropologen von heute zu dem Schluss kommen: &#8220;Für mich ist das der Schädel von Friedrich Schiller&#8221;? Es scheint darauf nur eine Antwort zu geben: Schillers Totenkopf wurde gezielt gegen einen &#8220;Zwillings&#8221;-Schädel ausgetauscht. Wenn das, wie Forscher meinen, irgendwann zwischen 1805 und 1826 passiert ist, dann wären wohl unbekannte Grabräuber am Werk gewesen &#8211; die allerdings hätten fundierte anatomische Kenntnisse im Allgemeinen und über Schillers Kopf im Besonderen haben müssen. </p>
<p>Es könnte aber auch anders gewesen sein: Was, wenn der erste Fund doch echt war? Wenn der Schillersche Schädel bei der ersten Suche 1826 wirklich geborgen wurde? Der Totenkopf ging damals durch viele Hände und wurde schließlich am 17. September 1826 in einem feierlichen Akt in der Großherzoglichen Bibliothek (heute: Anna Amalia Biblothek) im Holzsockel einer Marmorbüste Schillers verschlossen. Den Schlüssel bekam der damalige Bibliotheksleiter. Dieser Herr war mehr als ein Bewunderer Schillers, er war ein enger Freund, der Schiller leidenschaftlich betrauerte. Und er war ein Schriftsteller, der Schiller unendlich dankbar war, denn seine Schreibblockade hat sich nach eigenem Bekunden erst durch die Bekanntschaft mit dem jüngeren Friedrich, dem Bruder im Geiste, gelöst. Er hieß Johann Wolfgang Goethe.</p>
<p>Goethes Tagebuch vermerkt, dass er am 18. September 1826 in die Bibliothek ging, um &#8220;die gestrigen Gaben zu betrachten&#8221;. Nachgewiesen ist auch, dass Goethe den Schädel an sich nahm und eine Zeitlang in seinem Haus am Frauenplan aufbewahrte, wo er ihn unter dem Siegel der Verschwiegenheit Wilhelm von Humboldt zeigte. Und bekannt ist, dass sich wenige Tage nach dem 17. September 1826 in Goethes Haus einige Anatomen einfanden. Wurde der Schädel bei dieser Gelegenheit ausgetauscht?</p>
<p>Miss Marple und Hercule Poirot würden mir wohl zustimmen: Goethe hatte ein Motiv und die Gelegenheit. Wer weiß: Vielleicht befindet sich Schillers echter Schädel schon seit fast 180 Jahren ganz in der Nähe &#8211; im Nachbarsarg, in dem Goethe ruht?</p>
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		<title>Zurück in die Zukunft</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Nov 2006 19:44:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Entschuldigung, wenn hier derzeit wenig los ist. Ich vergrabe mich gerade in Details über Straßenbau und Postwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im ländlichen Westfalen. Ich sach nur: Rückständigkeit, dein Name ist Paderborn! Zwischendurch suche ich nach ollen Sachen; am Wochenende unterlag ich knapp bei der Versteigerung eines Halbjahrsgangsbandes des Westfälischen Merkur, Januar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Entschuldigung, wenn hier derzeit wenig los ist. Ich vergrabe mich gerade in Details über Straßenbau und Postwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im ländlichen Westfalen. Ich sach nur: Rückständigkeit, dein Name ist Paderborn! Zwischendurch suche ich nach ollen Sachen; am Wochenende unterlag ich knapp bei der Versteigerung eines Halbjahrsgangsbandes des Westfälischen Merkur, Januar bis Juni 1838, trauerte drei Tage und stellte dann erleichtert fest: Das, was ich suchte, war gar nicht drin, sondern erschien erst im August desselben Jahres. Glück gehabt!</p>
<p>Ich weiß gar nicht, warum ich so lange keinen Fuß mehr in die Frankfurter Uniblibliothek gesetzt habe: Das verjüngt ungemein! <em>Ich brauche dann noch Ihren Studentenausweis</em>, meinte der freundliche Herr an der Anmeldung &#8211; und guckte prüfend (!), als ich antwortete, mein Studium sei zwölf Jahre her. Und was sich da alles verändert hat! Ok, das taschenprüfende Faktotum am Eingang zum Lesesaal scheint noch ein Restbestand von damals, aber sonst&#8230; jede Menge PC-Arbeitsplätze und Internetzugänge auf mehreren Etagen, eine loungige Cafeteria in der Halle, endlich reichlich abschließbare Spinde im Keller, und sogar der verknitterte Zettelkatalog ist digitalisiert. Überhaupt: Recherche im Bestand, Bestellung der Bücher &#8211; geht alles online. Nur zum Abholen muss man noch an die &#8220;Theke&#8221; (das hieß damals auch schon so). Und der Ausweis, den ich schließlich auch ohne Studentinnenstatus bekam, ist auch nicht mehr von Pappe.</p>
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		<title>Die Eroberung der Geschichtsschreibung</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Mar 2006 08:00:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Dritte Reich gehört ihm schon lange, auch den Vatikan hat er längst besetzt. Er macht uns das Wunder von Bern und den Kalten Krieg und die deutsche Einheit so gegenwärtig, dass die Vergangenheit dagegen verblasst. Ob Nazis oder Topspione oder Päpste, über sie alle flüsterte er uns so viele intime Details zu, dass sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Dritte Reich gehört ihm schon lange, auch den Vatikan hat er längst besetzt. Er macht uns das Wunder von Bern und den Kalten Krieg und die deutsche Einheit so gegenwärtig, dass die Vergangenheit dagegen verblasst.  Ob Nazis oder Topspione oder Päpste, über sie alle flüsterte er uns so viele intime Details zu, dass sie ungewollt zu  guten Bekannte wurden. Beim Untergang Dresdens dürfen wir dieser Tage live dabei sein. Und kürzlich hat er auch noch die Ex-DDR geschluckt.  </p>
<p>Manchmal wird mir ein wenig bang angesichts der Knoppisierung unserer kollektiven Erinnerung.</p>
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		<title>Schiller dreht sich im Grabe herum</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2005 19:13:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Für zwei Euro Eintritt darf man in Weimar eine steinerne Treppe hinab in ein muffiges Gewölbe steigen. Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben. Dann sieht man die Särge. In der Fürstengruft auf dem städtischen Friedhof fanden Mitglieder der herzoglichen Familie ihre letzte Ruhestätte. Die Hauptrolle hier unten spielen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für zwei Euro Eintritt darf man in Weimar eine steinerne Treppe hinab in ein muffiges Gewölbe steigen. Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben. Dann sieht man die Särge.<br />
In der Fürstengruft auf dem städtischen Friedhof fanden Mitglieder der herzoglichen Familie ihre letzte Ruhestätte. Die Hauptrolle hier unten spielen aber weder die sterblichen Überreste von Carl August noch Anna Amalia, sondern die Gebeine von Goethe und Schiller. Einträchtig stehen <a href="http://www.zdf.de/ZDFde/img/72/0,1886,2475720,00.jpg">ihre schweren Eichensärge</a> nebeneinander. Und andächtig stehen ihre Bewunderer davor, Tag für Tag, jahrein, jahraus. Und jeder zahlt dafür zwei Euro.<br />
Auch wir standen da &#8211; und hätten wir an jenem Tag bereits gewusst, was wir heute wissen &#8211; ich hätte mein Geld zurück verlangt.<br />
<span id="more-625"></span><br />
<strong>1805:</strong> In einer mondhellen Nacht wird Schiller beigesetzt &#8211; oder besser gesagt: fallengelassen. Totengräber verfrachten ihn durch eine Falltür hinab in eine Gemeinschaftsgruft. Der gefeierte Autor der &#8220;Räuber&#8221;, der Dichter des &#8220;Wallenstein&#8221;  &#8211;  fortan modert er in dem Kassengewölbe am Jakobsfriedhof in Gesellschaft anderer Leichen vor sich hin.</p>
<p><strong>1819: </strong>Die Zeitung &#8220;Berliner Gesellschafter&#8221; empört sich über den despektierlichem Umgang mit dem Dichter, andere Blätter folgen. Die Weimarer Obrigkeit wird nervös. </p>
<p><strong>1826: </strong>Mit dem festen Vorsatz, die Schillerschen Überreste  zu bergen, um ihnen eine würdigere Ruhestätte zu geben, öffnet der Bürgermeister von Weimar um Mitternacht die schwere Falltür zum Kassengewölbe und steigt hinab. Drei Tage dauert das Stöbern zwischen Sargresten und Knochen, erträglich gemacht nur durch <em>eifrigsten Tabakonsum</em>, wie die Chronik vermerkt, dann klettern der Bürgermeister und seine beiden Helfer mit einem Sack voller Schädel wieder nach oben. 23 sind es. Und einer davon ist der des Dichters. Ganz sicher!</p>
<p>Mediziner werden herbeigerufen, sie vergleichen den Abguss der Totenmaske mit den Fundstücken und entscheiden: Der größte Kopf ist jener Friedrich Schillers.<br />
Zunächst wird er in der Anna-Amalia-Bibliothek aufbewahrt, Staatsminister Goethe nimmt ihn zwischenzeitlich mit nach Hause und lässt das Kassengewölbe erneut durchsuchen, um auch den Rest des toten Freundes zu finden. </p>
<p><strong>1827:</strong> Schädel und Gebeine von Friedrich Schiller werden in der neu errichteten Fürstengruft beigesetzt. Oder doch nicht?</p>
<p><strong>1912:</strong> Ein Tübinger Anatom schlägt Alarm:  Wer auch immer in dem Sarg in der Fürstengruft ruhe &#8211; Schiller sei es nicht! Die Argumente des Professors: Ein Hut des Dichters, der nicht auf den angeblichen Schiller-Schädel passt, und ein Gebiss, das nicht den Ernährungsgewohnheiten Schillers entspricht.  Abermals wird das Kassengewölbe durchwühlt, und das, was der Anatom als echten Schiller ans Tageslicht befördert, wird fortan in einem kleineren Sarg ebenfalls in der Fürstengruft verwahrt &#8211; man kann ja nie wissen. Endlich hat die liebe Dichterseele Ruh&#8217;. Oder doch nicht?</p>
<p><strong>1957:</strong> Am Schillersarg macht sich Fäulnis bemerkbar. Er muss geöffnet werden. Eine Kapazität aus der Sowjetunion reist in die DDR, begutachtet die Gebeine und befindet: Er ist&#8217;s doch, der echte Schiller! Der Sarg trage seine Aufschrift zu Recht, und der Schädel im kleinen Sarg sei der einer Frau. Der große Bruder muss es wissen. Oder doch nicht?</p>
<p><strong>1962:</strong> Wissenschaftler aus Jena und Halle wagen es, den Sowjets zu widersprechen! Dem offiziell zum knöchernen Behältnis des Dichterhirns deklarierten Schädel seien nachträglich falsche Zähne eingesetzt worden, sagen sie, und folgern: Er ist&#8217;s doch nicht! Oder doch?</p>
<p>Zwei Särge stehen heute in der Fürstengruft, einträchtig nebeneinander. <em>Goethe</em> steht auf dem einen, <em>Schiller</em> auf dem anderen. Nur wer sich im Halbdunkel genauer umschaut, entdeckt einen dritten, kleinen Sarg.  Sicher ist sicher.  Oder doch nicht?</p>
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		<title>Aus der Reihe Verkannte Spione</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Jun 2005 13:16:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Heute: Die Stasi-Vase. Ja, die gab es. Schwarz, bauchig, glänzend, mit einem weißen Emblem, auf dem eine rote Fahne am Lauf eines aufgestellten Maschinengewehrs im Wind flattert&#8230; romantisch. Es gibt sie noch, ein Exemplar mindestens. Das steht im Wendemuseum in Los Angeles, wo drei junge Amerikaner Artefakte des Sozialismus ausstellen. Zwischen 20 Jahrgängen Neues Deutschland, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute: Die Stasi-Vase.<br />
Ja, die gab es. Schwarz, bauchig, glänzend, mit einem weißen Emblem, auf dem eine rote Fahne am Lauf eines aufgestellten Maschinengewehrs im Wind flattert&#8230; romantisch.<br />
Es gibt sie noch, ein Exemplar mindestens. Das steht im <a href="http://www.wendemuseum.com/main.html">Wendemuseum in Los Angeles</a>, wo drei junge Amerikaner Artefakte des Sozialismus ausstellen. Zwischen 20 Jahrgängen Neues Deutschland, Pionierhalstüchern, Bummi-Heftchen und dem Original-Tisch-Gong, mit dem die SED-Kreisleitung Brandenburg zu ihren Sitzungen rief, zeugt die Stasi-Vase dort von der lange unterschätzten Naturverbundenheit ostdeutscher Agenten.</p>
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		<title>Himmel und Hölle</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Mar 2005 19:50:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Straße(n) der Kindheit &#8211; diese Idee hat Liisa aufgegriffen, und ich mache diesmal gerne mit. Der Mühlweg war ein kurzes, abschüssiges Sträßchen, das so unpassend aus einer Kurve der Hauptstraße ragte, als habe irgendein Straßenbauarbeiter noch einen Kübel Asphalt übrig gehabt und die heiße Fracht in die nächstbeste Ecke gegossen. Der Mühlweg führte nirgendwo hin [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Straße(n) der Kindheit &#8211; diese Idee <a href="http://www.charmingquark.de/entry.php?id=01256">hat Liisa aufgegriffen</a>, und ich mache diesmal gerne mit.<br />
<span id="more-494"></span></p>
<p>Der Mühlweg war ein kurzes, abschüssiges Sträßchen, das so unpassend aus einer Kurve der Hauptstraße ragte, als habe irgendein Straßenbauarbeiter noch einen Kübel Asphalt übrig gehabt und die heiße Fracht in die nächstbeste Ecke gegossen. Der Mühlweg führte nirgendwo hin &#8211; er mündete in ein unbebautes Gelände am Rand des Dorfes, das Jahre später zum Naherholungsgebiet erklärt wurde. Für Kinder (und ihre Eltern) war die Lage ein Paradies: Wenn überhaupt mal jemand mit einem Auto in den Mühlweg fuhr, dann, weil er hier wohnte (oder jemanden besuchte). Ruhig kann es trotzdem nicht gewesen sein, denn die Bahnstrecke zwischen unserem Dorf und der Nachbarstadt verlief &#8211; ausgerechnet &#8211; quer durch unsere Straße. Noch heute bilde ich mir ein, mich an das regelmäßige Gebimmel zu erinnern, das ertönte, wenn die Schranken herabgelassen wurden, und das manchem Bewohner die Uhr ersetzt haben mag. In diesen Minuten des Tages waren wir endgültig abgeschnitten vom Rest des Dorfes: Vor uns die Bahnschranke, hinter uns freies Land.</p>
<p>Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus im dritten oder vierten Stock direkt gegenüber einem Bauernhof, und wenn ich meine älteren Brüder heute  mal ärgern will, piesacke ich sie damit, dass sie <i>ihre Kindheit in einem Kuhstall verbracht haben</i>. (In Wahrheit bin ich nur neidisch, weil ich selbst noch zu klein war, um ebenfalls in den Ställen herumzukriechen.)</p>
<p>Ohnehin waren wir auf dem Sprung: Spätestens mit meinem Einzug in den Mühlweg im August 1967 wurde meinen Eltern klar, dass die Wohnung zu klein ist. Sie nahmen ihren Mut zusammen und einen Kredit auf, kauften ein Grundstück am anderen Ende des Ortes, oben auf einem Hügel, und begannen dort zu bauen. Als wir schließlich sehr viel später tatsächlich umzogen, war ich drei.</p>
<p>Aus dem Mühlweg nahm ich vor allem diese Erinnerung mit: Mein Vater rüttelt mich nachts aus meinen Träumen und scheucht mich aufgeregt aus dem Bett. In der Küche sehe ich meine Mutter und meine beiden Brüder am Fenster stehen, in dessen Glasscheibe ein helles Licht flackert. Ich drücke mich an den Jungs vorbei, stelle mich auf die Zehenspitzen und schaue auf die lichterloh brennende Scheune der Nachbarn. <i>Macht euch bereit, wir müssen raus aus der Wohnung</i>, so oder ähnlich sprach mein Vater und sah traurig auf die Scheune, in der gerade sein Fahrrad verbrannte. Und so kam es.</p>
<p>Die zweite Straße meiner Kindheit war &#8211; Überraschung! eine abschüssige Straße, die im Nichts endete, und umgeben von Wald und Wiesen. Hier, im Imkerweg, lernte ich rollschuh- und fahrrad- und autofahren und eine meiner bis heute besten Freundinnen kennen. Ringsherum wuchsen neue Häuser, jeder Bauplatz ein perfekter Abenteuerspielplatz, und mit jeder Familie kamen neue Mitspieler dazu. Das Leben spielte draußen, zwischen Bauschutt und Waldrand, mit gefangenen Grashüpfern und aus dem Tümpel gefischten Kaulquappen, die im Glas erwachsen werden mussten, bevor wir sie wieder hüpfen ließen.</p>
<p>Der Imkerweg war der Grund, auf dem wir unsere Welten malten &#8211; in regenarmen Sommern fand sich bald kaum noch ein schwarzer Fleck zwischen all den kreidebleichen Straßen und Kreuzungen und Parkplätzen und Schildern und Ampeln und Sonnen und Monden und Vögeln und Tigern. Und Hüpfkästen. Vor allem Hüpfkästen! Ein Leben in <i>Himmel und Hölle</i>, zwischen denen wir sorglos hin- und hersprangen, bis irgendjemandem einfiel, dass gerade eine neue Folge von <i>Roots</i> im Fernsehen anfing &#8211; dann erst stoben wir auseinander. </p>
<p>Kreide war damals das wichtigste Werkzeug. Einmal fraß ich sie sogar. Aber nur, weil ich die weißen Bröckchen, die mir ein Nachbarsmädchen reichte, für Traubenzucker hielt. Ich sagte artig danke und schob sie in den Mund.</p>
<p>Ihr Blick war wirklich sehenswert.</p>
<p>Nur ein einziges freies Grundstück war nach Jahren übrig geblieben, eine kleine unbebaute Fläche ganz unten am Ende der Straße &#8211; unser Bolzplatz. Wir nannten uns 1. FC Biene (folgerichtig), und meistens stand ich im Tor (folgenreich). Bis der Nachbar, dessen Haus unmittelbar an unser lärmendes Heimstadion grenzte, das Grundstück kurzerhand aufkaufte und einen Zaun drumherum zog. </p>
<p>Vor einigen Jahren kam ich noch einmal zurück in den Imkerweg. Ich zog für ein paar Monate in die Straße und das Haus meiner Kindheit &#8211; eine Übergangslösung, um mich neu zu sortieren.  In dieser Zeit hörte ich nachts lautes Rufen auf der Straße. Ich zog mich an, trat hinaus in das typische Halbdunkel einer Anliegerstraße, in der die sparsame Gemeinde nur jede zweite Laterne brennen lässt, und lauschte. Die Rufe kamen aus dem letzten Haus unten an der Straße &#8211; dem Haus, in dem noch immer der Nachbar wohnte, der uns damals unseren Fußballplatz abspenstig gemacht hatte. Die Nachbarschaft hatte mich vorgewarnt: Der Mann, dement mittlerweile, schrie jede Nacht aus Leibeskräften, aber er rief nicht um Hilfe: Er schimpfte! Manche Dinge ändern sich nie, sagte ich mir, trat an den alten Holzzaun, der unseren Bolzplatz umgab, und prüfte ganz rechts unten zwei Latten. Sie waren noch immer lose.</p>
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		<title>Hinter vorgehaltener Hand</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Nov 2004 22:06:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwischen den unvergessenen Jahren 1991 und 2002 war mein Zuhause ein ehemaliger Bauernhof in einem Fachwerkstädtchen im Taunus &#8211; in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Gebäude, das einst ein Wohnhaus von imposanter Größe gewesen war. Zu meiner Zeit wurde es längst als Geschäftshaus mit Laden im Erdgeschoss und Lagerräumen in den oberen Stockwerken genutzt &#8211; die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zwischen den unvergessenen Jahren 1991 und 2002 war mein Zuhause ein ehemaliger Bauernhof in einem Fachwerkstädtchen im Taunus &#8211;  in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Gebäude, das einst ein Wohnhaus von imposanter Größe gewesen war. Zu meiner Zeit wurde es längst als Geschäftshaus mit Laden im Erdgeschoss und Lagerräumen in den oberen Stockwerken genutzt &#8211; die Lage günstig, die Räumlichkeiten üppig &#8211; und die Besitzer vermögend.<br />
Es hieß, dass Haus habe früher einer jüdischen Familie gehört. Es hieß, die jetzigen Besitzer hätten es irgendwann &#8220;übernommen&#8221;. Es hieß, der Verbleib der eigentlichen Eigentümer sei unbekannt.<br />
<span id="more-428"></span></p>
<p>Den Namen allerdings, den kannten wir &#8211; die Vorbesitzerin unseres Hauses  hatte ihn uns hinterlassen, bevor sie sich an einem Ostersonntag mit 98 Jahren an einen Ort begab, wo es weder Krückstöcke noch Kriege gibt, sondern ewiges Licht und nie versiegende Rotweinquellen. Löwenstein, so hätten sie geheißen, die früheren Nachbarn. Was mit ihnen geschehen war, das wollte oder konnte sie uns nicht sagen.<br />
Irgendwann einmal stöberte ich halbherzig im Stadtarchiv nach dem Namen &#8211; ohne Ergebnis. Später recherchierte ich für eine Artikelreihe zur Stadtgeschichte &#8211; aber der Name Löwenstein tauchte nicht auf. Ich vergaß ihn fast.<br />
Bis heute. Dank <a href="http://rungholt.blogg.de/eintrag.php?id=361">Lila</a>, die darauf aufmerksam macht, dass die Gedenkstätte Yad Vashem eine <a href="http://www.yadvashem.org/wps/portal/IY_HON_Welcome">Opferdatenbank</a> online verfügbar gemacht hat, kam heute auch ein Vorname dazu: Ruth. Ruth Löwenstein.<br />
Und so weiß ich nun, dass Ruth Löwenstein 1923 geboren und 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Mit zwanzig Jahren.</p>
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		<title>Mein Mauerfall</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Nov 2004 08:11:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Der 9. November 1989? Aber sicher erinnere ich mich! Ich weiß noch ganz genau, was ich an diesem Tag getan habe. Es ist, als wäre es gestern gewesen, als ich &#8230; &#8230; mit einem halben Dutzend Mitstreiterinnen aus dem Frauenreferat der Uni die Herren Professoren, die soeben in ihrer Konventsitzung den Frauenförderplan kippen wollten, mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der 9. November 1989? Aber sicher erinnere ich mich! Ich weiß noch ganz genau, was ich an diesem Tag getan habe. Es ist, als wäre es gestern gewesen, als ich &#8230;<br />
<span id="more-415"></span></p>
<p>&#8230; mit einem halben Dutzend Mitstreiterinnen aus dem Frauenreferat der Uni die Herren Professoren, die soeben in ihrer Konventsitzung den Frauenförderplan kippen wollten, mit Tampons bewarf. Nicht ohne diese zuvor in Farbe getaucht zu haben. Altrot. 2,5 Liter. Eigens eingeschmuggelt.<br />
Irgendwann am späten Abend, trunken von der revolutionären Tat und ihrer anschließenden Begehung mit einigen Gläsern Kräusen im Havanna 8, kehrte ich glücklich in mein winzigen Zimmerchen zurück, das ich zur Untermiete bewohnte. Meine Vermieterin kam mir entgegen, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und wiederholte immerzu: &#8220;Die Mauer is weg!&#8221; Mauer? Ach. Echt?<br />
Irgendwie fühlte ich mich um die Show bestohlen.</p>
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		<title>Schweres Erbe</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2004 16:19:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Nachlass meiner Mutter findet sich ein vergoldeter Männerring, in den jemand einst mit einem spitzen Gegenstand ein Wort und eine Jahreszahl geritzt hat: DARNIZA 1943. Vielleicht ein russischer Frauenname? Ich stellte mir eine heimliche Romanze meines Großvaters vor, von dem ich weiß, dass er ein oder zwei Jahre nach dem Krieg aus russischer Gefangenschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Nachlass meiner Mutter findet sich ein vergoldeter Männerring, in den jemand einst mit einem spitzen Gegenstand ein Wort und eine Jahreszahl geritzt hat:<br />
DARNIZA 1943.<br />
Vielleicht ein russischer Frauenname? Ich stellte mir eine heimliche Romanze meines Großvaters vor, von dem ich weiß, dass er ein oder zwei Jahre nach dem Krieg aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte. Ich lächelte. Dann gab ich den Namen in eine Suchmaschine ein.  Und wurde fündig.<br />
<span id="more-360"></span><br />
In einer <a href="http://www.fleetairarmarchive.net/RollofHonour/POW/Camp_list.htm">Liste deutscher Kriegsgefangenenlager</a> wird Darniza, ein Stadtteil von Kiew, als Stalag 339 geführt &#8211; <i>Stammlager für kriegsgefangene Mannschaften und Unteroffiziere</i>. Ein Jahr lang, zwischen Januar 1942 und Februar 1943, pferchten die Deutschen hier alliierte Kriegsgefangene zusammen.<br />
Wem der Ring einmal gehörte, wie er in den Besitz meiner Familie kam,  wer die Gravur darin hinterlassen hat &#8211; ich werde es nie erfahren. Und ich bin keineswegs sicher, ob ich es überhaupt wissen will.</p>
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