Ich krieg’n App.
Sagte irgendwann letzte Woche einer aus unserem iPad-Team und meinte sowas wie Plaque, Pickel oder “so’n Hals”. Gute Güte, was da alles schiefgehen kann, wenn man versucht, eine Tageszeitung zu einem digitalen Magazin zu machen.
Trotzdem gibt es die Frankfurter Rundschau jetzt dreifach: Auf Papier, online und als App auf dem iPad. Irgendwie passt das: Nach meinen Anfängen im Print habe ich neun Jahre fr-online.de gemacht – nun ist Zeit für was Neues, und die Gunst der Stunde hat mir einen Platz in dem Team beschert, das täglich das digitale Magazin erstellt. eMagazine geht mir noch nicht gut von den Lippen, muss ja auch nicht. Digitales Magazin ist mir sympathischer, oder meinetwegen App. Im Newroom nennt man uns auch die Äppler oder (i)Paddler.
MehrUnruhen im Bundespräsidialamt
Zugegeben: Für ihr Tagesschau Extra zum Rücktritt von Horst Köhler hatten die Kollegen wenig Zeit. Eine knappe halbe Stunde verging zwischen der ersten Einblendung der Neuigkeit ins laufende Programm und dem Beginn der Sondersendung. Aber, ach: Hätten sie’s doch bleiben lassen und gewartet, bis sie genug Material zusammen haben.
Denn außer den Bildern von Köhlers Pressekonferenz hatten sie – nichts. Immerhin, von diesem Nichts haben sie kreativ Gebrauch gemacht.
Aus Brüssel wird Markus Preiß zugeschaltet, um mitzuteilen, dass die EU sich noch nicht offiziell geäußert habe. Das sei aber nicht ungewöhnlich, denn die EU wäre an Meldungen von ganz anderem Kaliber gewohnt, dem Rücktritt ganzer Regierungen wie der belgischen etwa.
Es folgt der Korrespondent aus Neu Delhi, Florian Meesmann. Er war live dabei. Also, nicht bei der Rücktrittserklärung oder so. Sondern bei dem Afghanistanbesuch Köhlers, an dessen Rande die umstrittene Äußerung über Bundeswehreinsätze gefallen war. “Am Rande” ist hier ein arg ausgedehnter Begriff: Köhler gab das Interview erst, nachdem er das Feldlager in Masar-e-Scharif (und damit auch den dort weilenden ARD-Korrespondenten Meesmann) verlassen hatte. Das wissen wir jetzt, dank der Schalte nach Neu Delhi.
Weiter geht die Reise um die Welt. Der Kollege in Paris vermeldet: Keine Reaktionen aus dem Elysée-Palast. Kein Wunder: Viele der eiligst angerufenen Kontaktleute aus der französischen Diplomatie hätten mit dem Namen Köhler erstmal nichts anfangen können, räumt der Korrespondent ein. Danke, Michael Strempel, nach Paris!
Jetzt aber: Berlin! Die ARD besinnt sich darauf, dass hier die Chancen größer sein sollten, jemanden zu finden, der Horst Köhler kennt. Doch statt Merkel oder Westerwelle sehen wir Ulrich Deppendorf, der die Rücktrittsbegründung Köhlers noch einmal in eigenen Worten zusammenfasst und mit sichtlicher Betroffenheit mitteilt, dass die Kanzlerin den Besuch im Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft abgesagt habe. Ob hinter dem Rücktritt denn nicht mehr stecke als die Kritik an Köhlers Bundeswehr-Äußerungen, wird Deppendorf gefragt – und gerät ins Spekulieren, über “Unruhen im Bundespräsidialamt”. Eine prima Überleitung zu den jüngsten Unruhen im Nahen Osten: Deppendorf geht kurz und einigermaßen zusammenhanglos auf den israelischen Angriff auf die Hilfsflottille vor der Küste Gazas am selben Tag ein – was für ein Nachrichtentag! – und stellt sich durch die Verquickung dieser beiden Themen selbst ein Bein: Der Köhler-Abgang jedenfalls “ist hier eingeschlagen wie eine…” naja, wer will in dieser Situation schon “Bombe” sagen. “…ja, eine Riesen-Sensation.” Das klingt ja sogar irgendwie positiv.
Als nächstes wird die Pressekonferenz wiederholt – “für alle, die sich jetzt erst eingeschaltet haben”. Anschließend wird Deppendorf ein zweites Mal nach den Beweggründen gefragt und wiederholt seine Spekulationen über jenen “letzten Stein, der ihn bewogen hat, das zu tun”. Und für alle, die sich nicht jetzt erst eingeschaltet haben: “Wir haben das ja jetzt mehrfach erwähnt”. Immerhin gibt ihm diese zweite Schalte Gelegenheit, zwei der inzwischen über Agenturen laufenden Reaktionen zu verlesen. Sie stammen von Horst Seehofer und Christian Wulff (sic). Deppendorf mitfühlend: “Gestern hat er noch Lena empfangen, heute das.”
Es folgt ein Beitrag von Anke Hahn über Köhlers Afghanistanbesuch und das Interviewzitat, der mir sehr bekannt vorkommt – vielleicht, weil er in voller Länge bereits am Anfang der Sondersendung gezeigt worden war.
Dann noch eine Schalte, diesmal nach Washington – und wir ahnen es bereits: “Hier gibt es noch keine Reaktionen”, sagt eine frühzeitig aus dem Bett gescheuchte Hanni Hüsch. Außerdem sei heute Feiertag in den USA. Achso. Köhler aber sei hier “ein durchaus bekannter Mann” – weniger wegen seiner Funktion als Bundespräsident, sondern mehr so von früher. Seinen Rücktritt werde man in Washington “zur Kenntnis nehmen, wenn das Land aufgewacht ist.” Gut zu wissen.
War’s das? Nicht ganz. ARD-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller meldet sich noch kurz aus Karlsruhe, um mitzuteilen, dass “Verfassungsrechtler ziemlich sprachlos” seien. Nach seinem Dafürhalten aber sei der Rücktritt “korrekt, jedenfalls nach dem Grundgesetz.”
Was fehlte? Eine Auseinandersetzung mit den Äußerungen Köhlers und der Kritik, die er dafür bekam. Mein Kollege RJ hat bereits hier darauf verwiesen, dass die von Köhler beschriebenen möglichen Gründe für einen Bundeswehreinsatz bereits seit 2008 in dem Papier “Sicherheitsstrategie für Deutschland” der Unions-Bundestagsfraktion stehen. Köhler sprach demnach lediglich aus, was die Union denkt. Vor diesem Hintergrund ist die öffentliche Schelte gerade der CDU für Köhler besonders perfide.
MehrYou are not a newspaper anymore
Regina McCombs wirkte verwundert. Die Journalisten-Ausbilderin vom Poynter Institute hatte soeben einer Schar von knapp 100 deutschen Redaktionsleitern, Chefredakteuren und Online-Journalisten im Institut für praktische Journalismusforschung im bitterkalten Leipzig einen Überblick gegeben über die Crossmedia-Strategien amerikanischer Zeitungsverlage. Sie hatte einige Beispiele mitgebracht, die man hierzulande lange suchen muss:
Talking to the Taliban , eine Multimedia-Reportage der kanadischen Zeitung The Globe and Mail:
13 seconds in August: Die Star Tribune in Minneapolis (bei der McCombs Multimediaredakteurin war) lokalisierte auf einem Satellitenfoto die Menschen, die sich im Sommer 2007 beim Einsturz auf der Mississippi-Brücke aufhielten, und besuchte sie mit der Videokamera

Is it besser to buy or to rent? Eine interaktives Tool für die Immobilien-Finanzplanung:

Regina McCombs hatte berichtet, mit welcher Selbstverständlichkeit sich US-Kollegen in den neuen Medien bewegen, mit wie viel Entdeckerlust viele von ihnen die Möglichkeiten nutzen, die soziale Netzwerke, Twitter, Blogs für sie selbst und ihre Arbeit bieten (Colonel Tribune, Jason DeRusha). Wie Accounts bei Facebook jenseits der Standard-Anmutung aussehen können (Minnesota Daily). Was Apps an Mehrwert bieten können (Indystar). Welche Ideen für lokale Angebote es gibt (Tampabay, Sunlight Labs)
Und dann, nach ihrem durchaus inspirierendem Vortrag, hörte sie dies: “Aber all das kostet doch Zeit!”
Joah. Stimmt. Is so.
Man stelle sich kurz vor, dies sei keine Journalistentagung, sondern ein Chirurgenkongress. Und auf einen kurzen Abriss der modernen Technologien in der Mikrochirurgie würde der Einwand folgen: Fein, ja, aber hey: Eigentlich habe ich nicht die Zeit, mich damit zu beschäftigen.
Berufsbilder ändern sich. Alle. Vielleicht sind Blogs, Twitter, Facebook (oder welcher Dienst auch immer den nächsten Hype prägen wird) tatsächlich nicht die richtigen Plattformen für die eigene Arbeit – mag sein. Aber um das zu beurteilen, sollte man diese Werkzeuge zumindest kennen. Von gestandenen Kollegen hörte ich neulich, Web 2.0 sei ein Sumpf, in den man sich am besten gar nicht erst hinein begebe. Dabei ist das schon immer unser Job gewesen: die Spreu vom Weizen, die relevanten Informationen vom Blabla zu trennen.
Regina McCombs hatte ein paar Empfehlungen für ihre deutschen Kollegen im Gepäck:
- Vergrößert eure Kenntnisse und Fähigkeiten. Lernt. Setzt Menschen in eure Newsrooms, die es verstehen, den richtigen Kanal zu finden und Stories medienübergreifend zu erzählen.
- Kommuniziert ernsthaft mit euren Lesern. Dafür gibt es viele Wege. Wählt euch die passenden aus.
- Findet eure Nische. Fragt euch: Was nutzt den Usern, besonders jenen in unserer Gegend? Befasst euch mit Geo-Kodierung, entwickelt lokalisierbare Inhalte. Sorgt dafür, dass eure interaktiven Inhalte leichter gefunden werden.
- Stellt euch auf mobile Dienste ein. Entwickelt attraktive Angebote. Spätestens 2020 wird das der dominierende Weg ins Web sein.
- Kümmert euch um Branding. Nicht nur für das Medienunternehmen, sondern auch für den einzelnen Journalisten.
- Habt keine Angst vor der Feststellung: Wir sind keine Zeitung mehr. Hört auf, so zu handeln, als wärt ihr nur ein Printmedium.
- Nehmt euch die Zeit für all das. Sonst läuft sie für euch ab.
Bookmark-Sammlung “Best Practices” – Weitere Beispiele für Multimedia-Journalismus
MehrSeuchengefahr
Unter allen schlechten Nachrichten aus Haiti ist immer wieder auch eine, die bei erfahrenen Katastrophenhelfern Kopfschütteln auslöst: Von Toten, die nicht schnellstens unter die Erde kommen, gehe Seuchengefahr aus. Richard Munz bringen Fehlinformationen wie diese nach eigenem Bekunden “fast zur Verzweiflung”. Munz ist Notfallchirurg und war in vielen Katastrophengebieten im Einsatz. Statt ob der Lernresistenz der Medien zu verzweifeln, meldete er sich bei der FR: “Entgegen den jetzigen stereotypen Meldungen gibt es kein Leichengift und Leichen nach Naturkatastrophen stellen also auch keinerlei Seuchengefahr dar”. Die gehe vielmehr von den Lebenden aus – von ihren Ausscheidungen, die, wenn Toiletten fehlen, das Trinkwasser verseuchen können.
Die Hektik, mit der Tote nach Katastrophen in Massengräbern beerdigt werden, habe vor allem eins zur Folge: Sie bringe Leid über Familien, die nicht wissen, wo sie ihre Angehörigen betrauern können. Seuchengefahr werde durch solchen Aktionismus nicht gebannt. “Ich werde auf jeden Fall versuchen, diese Botschaft in Haiti in jedes Mikrofon zu schreien, das mir entgegengehalten wird.”
Mit der Mär vom Leichengift räumt auch das Bestatterblog auf.
Mehr“Trauer kennen sie nicht”
Stille. Die Nachricht vom Tod Robert Enkes löst für einen kurzen Moment etwas aus, das in Zeitungsredaktionen sehr selten ist, auch in unserer. Die Redaktion ist nur noch spärlich besetzt um diese Zeit, lediglich die Spätdienste für Print und Online sind noch da. Ein gedämpftes Raunen wandert dann durch den riesigen Raum. Wer ist tot? Was hatte der denn? Wie ist das denn passiert? Es dauert kaum einen Augenblick, dann wird die Stille von hektischer Betriebsamkeit abgelöst. Denn das ist ja unser Job: diese Fragen zu beantworten. Der Sport-Kollege greift zum Telefon, versucht, mehr Informationen zu bekommen. Für die erste Online-Meldung begnügen wir uns mit einem mageren Absatz; noch weiß man ja kaum mehr, als dass der Nationaltorwart tot ist, tot sein soll, müssen wir vorsichtiger formulieren, aber schon Minuten später wird die Nachricht hart. Die Gestaltung der Zeitungstitelseite und des Sportressorts wird umgeworfen. Wir durchsuchen das elektronische Archiv nach älteren Bildern von Robert Enke. Eine Stunde später ist der Agenturtext auf der Homepage durch ein Autorenstück ersetzt, zeigen wir Enkes Karrierestationen in Bildern, haben wir ein Interview mit ihm von Weihnachten vor einem Jahr aus dem Archiv geholt.
Nachts, auf dem Heimweg in der Tram, denk ich: Morgen geht das erst richtig los. Dann werden die unscharfen Bilder von der Unglücksstelle, die die Agenturen seit 21:30 Uhr liefern (da ist Enkes Sprung vor einen Zug kaum mehr als drei Stunden her) zu üppigen Fotogalerien aufgeblasen. Dann werden Kommentarfelder umfunktioniert zu elektronischen Kondolenzbüchern (Büchern?) – man weiß gar nicht, wo man zuerst kondolieren soll, und ahnt schnell: Ums Kondolieren geht’s gar nicht. Kein Angehöriger kriegt das je zu sehen. Andere “Selbstmörder” werden ausgegraben, buchstäblich – um sie als Suizid-Parade in Bilderstrecken zu Klicks zu verwursten. Eine Agentur liefert eine “Karte zum Selbstmord von Robert Enke (Hochformat 60 x 120 mm)”: ein paar Straßenlinien, darüber zwei Pfeile mit Info-Fenstern (“geparkter Wagen”, “Unglücksstelle”). Damit wir uns das alles besser vorstellen können. Damit wir alle dabei sein können. Damit der Wirtschaftszweig, für den ich arbeite, möglichst viel Geld verdient.
Die Pietätlosigkeit der Medien zu geißeln mag müßig sein. Sie selbst haben sich davon nie bremsen lassen. Trauer kennen sie nicht, sie sind über etwas schon hinweg, bevor es geschehen ist.
schreibt Dirk Gieselmann bei den 11 Freunden so treffend. Autsch.
Muss das so sein? Geht das nicht anders? Pietätvoller? Nachdenklicher? Oder einfach nur etwas weniger geschmacklos?
Klar geht das.
Wo endet unser Job, umfassend zu informieren, und wo beginnt der blanke Voyeurismus, der sich nicht um Gefühle anderer schert? Im reflexbehafteten Arbeitsalltag bleibt schon mal unbemerkt, dass die Grenze überschritten ist. Man muss ja nicht gleich jeden Tag aufs Neue ins Philosophieren kommen, darüber, dass die Leute sowas nun mal lesen/hören/sehen wollen, und dass Medienkonzerne nun mal gewinnbringend arbeiten müssen. Oft geht’s durchaus auch eine Nummer kleiner.
Alles, was es braucht, ist ein wenig Innehalten. Eine Art inneres Stoppschild. Man könnte sich am Schreibtisch zum Beispiel mal kurz die simple Frage stellen: Was werden die Angehörigen empfinden, wenn sie sehen, was ich hier tue? Oder, wenn so viel Empathie schwer fällt: Wie würde ich das finden, wenn ich direkt betroffen wäre? So viel Zeit muss nicht nur sein – so viel Zeit ist meist auch. Wir haben ja auch sonst Zeit für jeden Scheiß. Vielleicht hilft der Rückgriff aufs eigene Empfinden, um sich bei der journalistischen Arbeit wieder mal zu erden. Medien mögen Trauer nicht kennen, aber Medienleute kennen sie. Gott sei Dank.
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