Tschüss, 2010

Anfangs warst du kühl, in der Mitte ziemlich nass und zum Ende hin lausig kalt. Du hast mir lustige Tage beschert und ernste, neue Orte gezeigt, alte Erinnerungen geweckt. Du hast mir ein paar Kilo Lebendgewicht genommen (und inzwischen zurückgegeben), hast mich getrietzt, herausgefordert und bewegt, hast mir eine Menge Aufgaben gestellt. 2010, du warst echt anstrengend! Ich glaube, du hast mich weit mehr als nur das eine Lebensjahr gekostet, das ich dir schuldig war. Nun biste selbst am Ende. Wir werden uns nicht wiedersehen. Aber ich denk manchmal an dich, bestimmt.

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Im Kern

Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht lesen. Ich konnte nie so recht etwas anfangen mit Christoph Schlingensief. Seine Aktionen fand ich oft eher verstörend, vermutlich eben, weil sie irgendwie entlarvend waren – diese Ausländer-raus-Sache mit den Asylbewerbern im Container kann ich mir bis heute nicht ansehen, ich würd’ mich nur aufregen. Und die Operninszenierungen sind vermutlich einfach zu kompliziert für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich das Buch dann doch mitgenommen, als ich nach dem Weihnachtsmarktbesuch noch im Buchladen auf der Neuen Kräme war: “So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein”, Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch. Eine Diagnose, eine Krankheit, ein Schlag wie aus dem Nichts, und das Leben ist von einem auf den andern Moment auf den Kopf gestellt. Leben im Ausnahmezustand. Warum lese ich sowas? Kenne ich das nicht?

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Storno

Die Auszeit, zum Greifen nah, ist abgesagt, der ersehnte Urlaub am Meer storniert. “Irgendwann kommen auch mal wieder ruhigere Zeiten”, sagt man sich oft, aber dummerweise passiert das nie. Die Zeiten werden nicht ruhiger, schon gar nicht von selbst. Irgendetwas ist immer. Unerledigt, unbewältigt, unentschieden. Alles, was man tun kann, ist: Dafür sorgen, dass es Momente dazwischen gibt, in denen das alles gleichgültig erscheint, wenigstens für den Augenblick.

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Erinnerung

An einem Nachmittag im Februar verließen wir das Zimmer, den Ort, der für uns in all den Monaten die einzige Wirklichkeit geworden war, und gingen mit der Ärztin, die sie betreute, nach nebenan. Wir schlossen die Tür, wir sprachen mit gedämpften Stimmen, als würden wir Verbotenes planen oder Unmoralisches.

Wir haben sie gehen lassen an diesem Tag. Sie starb erst Wochen später, aber an diesem Tag, endlich, durfte sie sich auf den Weg machen, weil wir sie nicht länger festhielten in unserer egoistischen Verzweiflung.

Ich hatte zuvor so lange mit mir gehadert, weil ich sie nicht beschützen konnte vor dieser Krankheit, vor den Rückschlägen, den enttäuschten Hoffnungen, vor dem Unausweichlichen. Weil ich ihr nicht helfen konnte. Seit diesem Nachmittag nicht mehr.

Arte wiederholt den Themenabend In Würde sterben heute ab 15.15 Uhr.

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Huch – 38!

Elektronische Glückwünsche bitte hier hinein. :)

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Friedhofsfein

Heute zur Beerdigung, die erste seit fünf Jahren. Während ich eben meine schwarzen Schuhe ungewöhnlich lange und gründlich putze, kommt mir in den Sinn: Nicht mal im Angesicht des Todes lassen wir Äußerlichkeiten in den Hintergrund treten.

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