Lebensverlängerung

Ein Jahr begleitet sie mich nun. Oder ich sie. Jeden Tag in diesem Jahr hatte ich mit ihr zu tun. Selbst wenn ich im Urlaub war, gab es hier täglich einen neuen Brief von ihr zu lesen. Sie hat mich zurück in die Lesesäle der Bibliotheken, in Antiquariate, zum Blättern in brüchigem Papier, zum Lachen und zum Heulen und nebenbei darauf gebracht, dass Goethe einen schwulen Enkel hatte, mir ein paar Minuten Ruhm, ein Jobangebot und den Grimme-Award beschert. Nun mag ich sie nicht sterben lassen, die Annette von Droste.

Sie ist jetzt 51 Jahre alt, sitzt krank in ihrem Zimmer auf der Meersburg am Bodensee, das sie kaum noch verlassen kann, und registriert besorgt den Lärm auf den Straßen, die Vorboten der Revolution von 1848. Sie weiß, dass sie nicht mehr nach Westfalen, nach Münster, ins Rüschhaus – dass sie nicht mehr nach Hause zurückkehren wird. Sie hat ihr Testament gemacht (nach dessen Wortlaut ich lange suchen musste). Fünf Briefe noch sind überliefert – dann ist Schluss, mit ihrem Leben und mit meinem Projekt.

Schluss? Och nööö! Ich zögere das einfach noch ein bisschen heraus. Fange von vorne an, durchwühle die frühere Korrespondenz, finde noch mehr Briefstellen, die zu lesen sich lohnen. Zum Beispiel diesen hier, den man sich unbedingt für schlechte Zeiten bookmarken sollte!

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Natürlich

Gefragt nach den größten deutschen Dichterinnen, würde ich nicht zögern zu nennen: die Droste-Hülshoff, die Lasker-Schüler, die Bachmann. Natürlich ist keine Dichterin vom Format Brechts oder Heines dabei.

Macho Reich-Ranicki im FR-Interview.

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Heute hat’s geklappt

Er habe mit dem lieben Gott eine Verabredung, sagte Kabarettist Hanns Dieter Hüsch schon vor fünf Jahren. Und weil wir beide so wenig Zeit haben, haben wir gesagt, lass uns mal nichts fest machen. Wer kommt, der kommt.

Nachruf (Audio, WDR)

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Krieg der Häkchen

Gänsefüßchen haben Hochkonjunktur.
Sie scheinen überall zu sein.
Geradezu beängstigend wird es, wenn ich an Bord eines Flugzeugs in einem Prospekt lesen muss: Wir wünschen Ihnen einen “guten Flug”. Für mich liest sich das nämlich so: “Hallo, lieber Fluggast, Sie wissen ja, der Ruf unserer Gesellschaft ist nicht gerade der Beste, also erwarten Sie nicht zu viel. Beschwerden bitte direkt in die dafür vorgesehene Spucktüte! Und jetzt heißt es: Anschnallen und beten!”
Der Zwiebelfisch über das grassierende Gänsefüßchen-Virus.

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Die letzte Reise

Die letzte Reise

Die Venezianer wussten ihre glückliche Geografie zu nutzen: Alles, was ihnen nicht geheuer war oder gar gefährlich werden konnte, wurde aus der Stadt und auf einen der vielen schwimmenden Vorposten verbannt. Die Kranken bekamen ihre Insel, die Irren eine andere, die herrenlosen Hunde eine dritte. Und die Toten bekamen San Michele.

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Zu Gast bei Peggy Guggenheim

Zu Gast bei Peggy Guggenheim

Palazzo non finito – der unvollendete Palast, so nennen die Venezianer den Palazzo Venier dei Leonie. Das weiße Gebäude am Canal Grande besteht – anders als all die stolz in den blauen Himmel ragenden Palazzi ringherum – nur aus einem Erdgeschoss. Der Bau blieb Torso – warum, weiß man heute nicht genau. Ich trete auf die Terrasse und lasse den Blick schweifen – nach links, wo sich die hölzerne Ponte dell Accademia über den Kanal spannt und San Marco mit dem Dorsoduro verbindet; nach rechts, wo sich der Canal Grande zur Lagune hin weitet; geradeaus zum anderen Ufer, wo sich die Fassade des prächtigen Palazzo Corner im Wasser spiegelt – und augenblicklich verstehe ich, warum Peggy Guggenheim sich hier, in diesem “unfertigen” Haus, niedergelassen hat.

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