Hannah Arendt – die Anti-Ikone

Sie raucht wie ein Schlot, spricht ein Englisch mit sehr deutschem Akzent, führt ein offenes Haus und ein geselliges Leben im New Yorker Exil. Sie scheut keine politische Auseinandersetzung, und wenn dabei Freundschaften auf der Strecke bleiben, wirkt das wie ein Kollateralschaden: nicht schön, aber eben unvermeidbar. Tief im Inneren aber leidet sie darunter. Barbara Sukowa ist als Hannah Arendt einfach großartig, und der Kinofilm ist rundum zu empfehlen.

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Stimmung! Aber richtig!

Fußball-WM! Public Viewing! Bier und Fähnchen, Stimmung auf den Straßen und in den Kneipen, Autokorso und Fangesänge bis in die Nacht! Mei, wia schee, endli wieda, nach oi den Jahrn! Woaßt, des eizige, wos stört, sind diese Tinnitus-Drötn, diese Wu-wu-Dinger! Nein, des geht ja gar ned. Unerträglich! Unzumutbar! Des konn am den ganzn Spoass verderbn. A Frechheit von dene Ne Afrikanern da untn. Schlimm, des. Schlimma ois des Sparpaket. Verbotn gehört des. Des mit den Drötn, ned des mit dem Sparn bei dene Hartzvierlern.

Da zappt man einmal ins bayerische Fernsehen und landet ausgerechnet an Helmut Markworts Stammtisch, dieser öfffentlich-rechtlichen Plapperrunde, wo sich ein paar süddeutsche Mannsbilder gerade in bester Kolonalherrenmanier über Kulturunterschiede erregen. Diese Vuvuzelas, pikiert sich gerade der Gastgeber, sei wohl ein ortsüblicher Ausdruck von Stimmung, aber das wisse man ja, dass Stimmung ganz anders ausgedrückt gehört, nämlich so, wie wir das hier gewohnt sind. Markwort, du alte Stimmungskanone! Selten so krampfhaft gelacht. Und die Fußball-WM gehört ja eigentlich seit 2006 uns, gell? Und deshalb ist unser Kulturkreis der Maßstab, so stimmungstechnisch, oder wie jetzt?

Herrgottsakra! Man muss kein Freund der Vuvuzela sein, um sie am Kragen packen zu wollen, diese Stammtisch-Tröten. Man möchte ihnen den Marsch blasen, und zwar mit einer mitteleuropäischen Stadionhupe direkt ins Ohr, man möchte sie fragen, was als nächstes kommt: Wollt ihr vielleicht Fürstin Gloria aus ihrem Privatkapellchen zerren, damit sie uns mal wieder erläutern darf, wie er so ist, der (Süd-)Afrikaner? Wollt ihr eine Petition bei der Fifa einreichen? Wollt ihr uns jetzt wirklich für den Rest der Weltmeisterschaft mit eurem selbstgefälligen Genörgel über fremdartige Geräusche langweilen?

Ok, wenn’s sein muss. Aber dann bitte mit schwarz-rot-goldenen Perücken auf den Hohlköpfen. Stimmung muss sein!

Doping aus dem Kopfhörer

Gewöhnlich laufe ich mit Podcast im Ohr, meist ist es eine Der-Tag-Sendung von HR2, das kommt längenmäßig ziemlich genau hin, oder drei bis vier Zeitzeichen-Geschichten von NDR Info, oder ein Funkhausgespräch von WDR 5 (wobei ich hier neulich unvermutet die Stimme meines Chefs im Ohr hatte – an meinem freien Tag.) Ich lasse mir gerne was erzählen, während ich so durch den Wald trabe – und ja, ich stelle auch ganz brav die Lautstärke so niedrig, dass ich nicht nur hinterrücks heranpreschende Radfahrer rechtzeitig höre, sondern auch noch was vom Vogelgezwitscher über mir mitbekomme. Wozu ist man schließlich draußen in der Natur?

Podcasts beim Sport haben für mich einen Vor- und einen Nachteil. Sie lenken mich wunderbar von der Müdigkeit in meinen Beinen ab. Aber sie machen mir auch keine – Beine, meine ich. Will sagen: Beim Hören von “Sein Kampf – Götz Aly rechnet mit 1968 ab” hat man vielleicht einige Aha-, aber keine Geschwindigkeitsrausch-Erlebnisse. Und mit einer Hart-aber-fair-Sendung zum Thema “Wer kann sich Altern in Würde leisten” im Ohr neigt man eher dazu, unterwegs schlaff die Schultern hängen zu lassen, statt sich an Tempo-Intervallen zu versuchen – nach dem Motto: “Ach – nützt ja eh nix mehr.”

Um mich zum gezielten Training zu motivieren, sind meine Stamm-Podcasts also ungeeignet. Ein spezieller Lauf-Podcast vielleicht? Ich habe ich es mit dem Jogmap-Trainingspodcast probiert – nicht schlecht, aber ich fühlte mich so beobachtet (“Noch ein bisschen schneller! Komm, da geht noch was! Los, anstrengen! Ja, schon besser.”)

Also doch lieber Musik, um auf Touren zu kommen? Aber was? Sting und Mercedes Sosa wärmen zwar die Seele – bei diesen sommerlichen Temperaturen ist das eher kontraproduktiv. Der ganze Jazz-Kram bringt’s nicht. Rebekka Bakken (“There are so many men, and I love all of them”)? Passt beim Laufen weder musikalisch noch textlich. Hilfe! Ich brauche Tipps. Welche Musik geht direkt vom Ohr in die Beine und verleiht auf halbem Weg dorthin Flügel? Verratet mir die effektivsten Songs auf eurer Lauf-Playlist!

Der Himmel sieht alles

Unbestechlich: Die je nach Laufgeschwindigkeit unterschiedlich gefärbte Strecke bei Google Earth zeigt sogar die Stelle an, an der ich anhalten musste, um mir den Schnürsenkel zuzubinden!
Die komplette Laufstrecke hat der GPS Visualizer aus einer GPX-Datei erstellt. Mit Google Maps funktioniert es auch. Brauchen tut das keiner, schon gar nicht so eine Gelegenheits-Rennschnecke wie ich. Aber Spaß macht’s!

Klinsi go home

Sehr geehrter Herr Klinsmann,

vielen Dank und alles Gute. Die WM ist vorbei, Deutschland Dritter, das Land selig – jetzt sollten Sie rasch nach Hause gehen, bevor der Wind sich dreht.

Vom gefeierten Helden zum geschmähten Versager – in Deutschland kann das ganz schnell gehen. Wer wüsste das besser als Sie. Bewundernswert, wie gelassen Sie das Schulterklopfen von Leuten ertragen, die Sie noch vor wenigen Monaten einen faulen Hund schimpften, dem die rechte Einstellung fehle. Auch hätte ich nur zu gern hinter Ihre Stirn gesehen, als Mayer-Vorfelder Sie ölig umarmte nach dem Sieg gegen Portugal.

Gehen Sie. Sie haben das Bestmögliche aus dieser Mannschaft herausgeholt. Mehr geht nicht, in vier Jahren erst recht nicht, denn dann fehlt die entscheidende Schubkraft, die Sie 2006 so clever zu nutzen wussten: der Heimspiel-Faktor. Dafür haben wir bis dahin wieder umso mehr Teer in den Tonnen und Federn im Sack. Sie haben was Besseres verdient – zum Beispiel, unter der Sonne Kaliforniens ihre Kinder großwerden zu sehen.

Tschüss, Jürgen. Und danke nochmal.

Staatskarossen

Bei manchen dieser gleich mehrfach schwarz-rot-gelb-beflaggten Autos war ich schon versucht, kleine Zettelchen unter die Windschutzscheiben zu klemmen: Je größer der Fimmel, umso kleiner der… ach, was soll’s. Ist doch verständlich, dass man einfach mal das Gefühl haben möchte, wichtig zu sein. Bedeutend. Staatstragend!

(Ich bin nur neidisch. Hm. Ich könnte vielleicht schwarze Fähnchen verkaufen. Könnte bald Trend sein. Heute Abend schon.)


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WM-Splitter

Doch, doch: Ich freue mich über die tägliche Partystimmung, über den Torjubel aus der Main-Arena nebenan und die Musik, die von dort durch unsere geöffneten Fenster in die Redaktion zieht. Die Begeisterung hat nur leider ein Tag-Nacht-Gefälle: Je später der Abend, um so kehliger das Gebrüll. Spätestens, wenn die Deutschland-Rufe zunehmend in einer Tonlage erklingen wie das Geschrei dieser einschlägigen Horror-Bands, und wenn ich auf dem Heimweg Zickzack zwischen stark angetrunkenen Männern laufen muss, ist es vorbei mit der WM-Stimmung.

Heute ist in Frankfurt Oranje-Tag: Seit vielen Stunden schon machen sich da drüben die Niederländer warm, wie mein Kollege dokumentiert. Eben spielen sie Don’t cry for me, Argentina, ansonsten kriegen wir die volle Packung holländische Schlager.

Beim Spiel Deutschland – Ecuador gestern hat sich nur einer unbeliebt gemacht: Der Kapitän eines Flusskreuzschiffes, der sein Boot sehr langsam an den mitten im Main aufgestellten Großleinwänden vorbeigleiten ließ und vielen Zuschauern auf den Tribünen am Ufer die Sicht auf Klose & Co nahm. Er fuhr übrigens unter holländischer Flagge.

Gefühlter Sieg

Was Berlusconi kann, kann der FC St. Pauli schon lange.

Ihr seid die Sieger, Jungs!

Putzmänner

Rodeln, Skispringen, Abfahrtslauf… Gibt es bei den Olympischen Winterspiele eigentlich eine einzige Disziplin, bei der die Sportlerinnen und Sportler nicht ihre sämtlichen Knochen riskieren? Ok, Curling. Eine sympathische Sportart. Kann ruhig die ganze Welt sehen, wie hervorragend Männer mit einem Wischmop umgehen können.

Hürdenlauf (Fortsetzung)

Der gute Wille war da. Die Konkurrenz schier übermächtig. Der Himmel wolkenverhangen, der letzte Schauer noch nicht allzu lange her. Wir standen auf dem Opernplatz, fröstelten… und entschieden uns, dass wir auf gar keinen Fall

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