Revolverheld
Mensch, unser Innenminister. Ein ganzer Kerl, der Friedrich. Hat’s den Islamisten gerade wieder so richtig gezeigt. Wer Anschläge zu verüben gedenke, müsse damit rechnen, getötet zu werden. Da gäb’s “kein Mitleid”. Sagt Herr Friedrich, unser Innenminister. An Sonntagen schafft man es mit solchen Sprechblasen sogar in die Radionachrichten. Dabei haben wir heute, am Tag nach dem Viertelfinal-Aus, ganz andere Probleme.
MehrUnruhen im Bundespräsidialamt
Zugegeben: Für ihr Tagesschau Extra zum Rücktritt von Horst Köhler hatten die Kollegen wenig Zeit. Eine knappe halbe Stunde verging zwischen der ersten Einblendung der Neuigkeit ins laufende Programm und dem Beginn der Sondersendung. Aber, ach: Hätten sie’s doch bleiben lassen und gewartet, bis sie genug Material zusammen haben.
Denn außer den Bildern von Köhlers Pressekonferenz hatten sie – nichts. Immerhin, von diesem Nichts haben sie kreativ Gebrauch gemacht.
Aus Brüssel wird Markus Preiß zugeschaltet, um mitzuteilen, dass die EU sich noch nicht offiziell geäußert habe. Das sei aber nicht ungewöhnlich, denn die EU wäre an Meldungen von ganz anderem Kaliber gewohnt, dem Rücktritt ganzer Regierungen wie der belgischen etwa.
Es folgt der Korrespondent aus Neu Delhi, Florian Meesmann. Er war live dabei. Also, nicht bei der Rücktrittserklärung oder so. Sondern bei dem Afghanistanbesuch Köhlers, an dessen Rande die umstrittene Äußerung über Bundeswehreinsätze gefallen war. “Am Rande” ist hier ein arg ausgedehnter Begriff: Köhler gab das Interview erst, nachdem er das Feldlager in Masar-e-Scharif (und damit auch den dort weilenden ARD-Korrespondenten Meesmann) verlassen hatte. Das wissen wir jetzt, dank der Schalte nach Neu Delhi.
Weiter geht die Reise um die Welt. Der Kollege in Paris vermeldet: Keine Reaktionen aus dem Elysée-Palast. Kein Wunder: Viele der eiligst angerufenen Kontaktleute aus der französischen Diplomatie hätten mit dem Namen Köhler erstmal nichts anfangen können, räumt der Korrespondent ein. Danke, Michael Strempel, nach Paris!
Jetzt aber: Berlin! Die ARD besinnt sich darauf, dass hier die Chancen größer sein sollten, jemanden zu finden, der Horst Köhler kennt. Doch statt Merkel oder Westerwelle sehen wir Ulrich Deppendorf, der die Rücktrittsbegründung Köhlers noch einmal in eigenen Worten zusammenfasst und mit sichtlicher Betroffenheit mitteilt, dass die Kanzlerin den Besuch im Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft abgesagt habe. Ob hinter dem Rücktritt denn nicht mehr stecke als die Kritik an Köhlers Bundeswehr-Äußerungen, wird Deppendorf gefragt – und gerät ins Spekulieren, über “Unruhen im Bundespräsidialamt”. Eine prima Überleitung zu den jüngsten Unruhen im Nahen Osten: Deppendorf geht kurz und einigermaßen zusammenhanglos auf den israelischen Angriff auf die Hilfsflottille vor der Küste Gazas am selben Tag ein – was für ein Nachrichtentag! – und stellt sich durch die Verquickung dieser beiden Themen selbst ein Bein: Der Köhler-Abgang jedenfalls “ist hier eingeschlagen wie eine…” naja, wer will in dieser Situation schon “Bombe” sagen. “…ja, eine Riesen-Sensation.” Das klingt ja sogar irgendwie positiv.
Als nächstes wird die Pressekonferenz wiederholt – “für alle, die sich jetzt erst eingeschaltet haben”. Anschließend wird Deppendorf ein zweites Mal nach den Beweggründen gefragt und wiederholt seine Spekulationen über jenen “letzten Stein, der ihn bewogen hat, das zu tun”. Und für alle, die sich nicht jetzt erst eingeschaltet haben: “Wir haben das ja jetzt mehrfach erwähnt”. Immerhin gibt ihm diese zweite Schalte Gelegenheit, zwei der inzwischen über Agenturen laufenden Reaktionen zu verlesen. Sie stammen von Horst Seehofer und Christian Wulff (sic). Deppendorf mitfühlend: “Gestern hat er noch Lena empfangen, heute das.”
Es folgt ein Beitrag von Anke Hahn über Köhlers Afghanistanbesuch und das Interviewzitat, der mir sehr bekannt vorkommt – vielleicht, weil er in voller Länge bereits am Anfang der Sondersendung gezeigt worden war.
Dann noch eine Schalte, diesmal nach Washington – und wir ahnen es bereits: “Hier gibt es noch keine Reaktionen”, sagt eine frühzeitig aus dem Bett gescheuchte Hanni Hüsch. Außerdem sei heute Feiertag in den USA. Achso. Köhler aber sei hier “ein durchaus bekannter Mann” – weniger wegen seiner Funktion als Bundespräsident, sondern mehr so von früher. Seinen Rücktritt werde man in Washington “zur Kenntnis nehmen, wenn das Land aufgewacht ist.” Gut zu wissen.
War’s das? Nicht ganz. ARD-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller meldet sich noch kurz aus Karlsruhe, um mitzuteilen, dass “Verfassungsrechtler ziemlich sprachlos” seien. Nach seinem Dafürhalten aber sei der Rücktritt “korrekt, jedenfalls nach dem Grundgesetz.”
Was fehlte? Eine Auseinandersetzung mit den Äußerungen Köhlers und der Kritik, die er dafür bekam. Mein Kollege RJ hat bereits hier darauf verwiesen, dass die von Köhler beschriebenen möglichen Gründe für einen Bundeswehreinsatz bereits seit 2008 in dem Papier “Sicherheitsstrategie für Deutschland” der Unions-Bundestagsfraktion stehen. Köhler sprach demnach lediglich aus, was die Union denkt. Vor diesem Hintergrund ist die öffentliche Schelte gerade der CDU für Köhler besonders perfide.
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Die Katholische Kirche sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt
Missbrauchsbeauftragte
für die Bistümer Berlin, München-Freising, Hamburg, Freiburg, Fulda, Münster, Essen, Hildesheim, Bonn, Limburg, Regensburg und Passau. Weitere Zuständigkeitsgebiete könnten hinzukommen.
Neben der Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche erwarten wir fundierte theologische Kenntnisse und die feste Verwurzelung im Glauben. Bewerber mit Handicap (Taubstummheit) werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt. Bewerbungen von Frauen sind möglich, werden aber nur ungern berücksichtigt.
In den genannten Bistümern werden zudem derzeit einige Lehrerstellen und Mönchszellen frei.
Bewerbungen an die Deutsche Bischofskonferenz, z.Hd. Herrn R. Zollitsch.
Schamgrenzen
Stürmische Zeiten: Draußen biegt der Wind die Bäume, wirbelt Blätter und Papier hoch in die Luft. Ab und zu fliegen die Schlagzeilen der vergangenen Woche an meinem Fenster vorbei. (Wie wird man stürmische Atmosphäre filmisch darstellen, wenn es einst keine Zeitungen mehr gibt?) Eine Frau legt ihre Ämter nach einer Alkoholfahrt nieder und nimmt ihre eigene Integrität so ernst, dass sich die Herren in hohen Ämtern die Augen reiben. Herrje! Was, wenn das Schule macht?
Erinnert sich noch jemand an Otto Wiesheu von der CSU? Der hatte sich in den 80er Jahren mit mehr als 1,7 Promille ans Steuer gesetzt und einen Menschen getötet. Später wurde er in Bayern Staatsminister für Verkehr. In Hessen regiert noch immer ein Ministerpräsident der CDU, der die Öffentlichkeit über Schwarzgeld und gefälschte jüdische Vermächtnisse belogen hat. In Berlin verteidigt dieser Tage der Grüne Jerzy Montag die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch und findet allen Ernstes, es sei unverhältnismäßig, einen 75-jährigen für Taten zu bestrafen, die 30 oder 40 Jahre zurückliegen. Wie bitte? Geht’s noch? Tausende Opas dieser Sorte sollen hierzulande gemütlich im Lehnstuhl sitzen bleiben, ihre Enkeltöchter auf dem Schoß, weil sie doch so arm und alt und hilflos wirken und überhaupt, alles so lange her ist, quasi schon gar nicht mehr wahr?!
Zeit, die Schamgrenzen in diesem Land neu zu ziehen.
MehrQuiz: Neujahrsansprachen aus 100 Jahren
Neujahrsansprachen sind austauschbar – sie klingen doch eh immer gleich. Stimmt das? Ein Quiz mit Rede-Zitaten aus rund 100 Jahren.
MehrWahl-Nachwehen
Natürlich wird Guido Westerwelle den Koalitionsvertrag unterzeichnen, auch wenn darin nicht “einfachere, niedrigere und gerechtere Steuern” festgeschrieben sind. Es wird sich schon eine Formulierung finden. Eine, die darauf hindeutet, dass man sich bemühen will, in der kommenden Legislaturperiode mittelfristig das Steuersystem total gerecht zu gestalten und irgendwie auch zu vereinfachen. Konkreteres wird da kaum stehen. Schau’mer mal. Noch haben wir ja Krise, und die geht vor. Und sowieso müssen wir erstmal Kassensturz machen.
Kassensturz, das ist der Joker für jede neue Regierung. Der Generalvorbehalt. Versprechen umsetzen? Steuern senken? Wir würden ja, aber wenn sich beim Kassensturz erweist, dass es nunmal nicht geht … was soll man machen. Ich finde das ulkig. Ich stelle mir dann vor, wie die neuen Minister am ersten Arbeitstag die Büroräume ihrer Vorgänger betreten, im Schlepptau einen Innenarchitekten und einen Hausmeister, dessen Aufgabe es ist, die abgeschlossenen Schreibtischschubladen gewaltsam zu öffnen, damit man endlich einen Blick in die Kontoauszüge der Republik werfen kann.
Warum tut eigentlich jede neue Regierung so, als habe sie zuvor keinerlei Einblick in die Finanzlage des Landes gehabt? Als hätte sie nicht im Bundestag alljährlich über Haushalt und Nachtragshaushalt mit abgestimmt? Was haben denn die Vertreter der früheren Opposition im Haushaltsausschuss gemacht – Petersilie ins Ohr gesteckt und mit ihren Blackberrys gespielt?
Natürlich unterschreibt Guido Westerwelle den Koalitionsvertrag, und selbstverständlich wird er Vize-Kanzler. Dass er Außenminister wird, bezweifle ich. Ich glaube einfach nicht, dass er das Amt wirklich (noch) will. Eigentlich schade: Wir hätten ihn aus den Füßen (und dazu noch ab und zu was zum Schmunzeln).
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