Hat gar nicht wehgetan

So. Geschafft. Und es hat gar nicht wehgetan. Im Gegenteil: Es fühlt sich gut an.

Letzte Woche bin ich 50 geworden, am Wochenende durfte ich mit fast allen Menschen, die ich an diesem Tag um mich haben wollte, feiern – und obwohl der Tag komplett verregnet war, haben sie es am Alten Flugplatz in Frankfurt-Bonames ordentlich mit mir krachen lassen. Mittendrin: Mein Vater, 88 Jahre alt und vor kurzem noch dem Tod von der Schippe gesprungen, der eine bewegende Rede hielt, später mit mir auf der Tanzfläche abhottete – und nun eine Art Fanclub hat, so angetan waren meine Gäste von ihm. Ich natürlich auch. Mir zuliebe hat er, der Wissenschaftler, sogar die Gesetze der Natur gedehnt, als er darauf bestand, ich sei nun „in die zweite Hälfte“ meines Lebens eingetreten.

Nun denn: Auf geht’s in die zweite Hälfte.

50 – was, jetzt schon?

Rieselt in meinem Hirn der Kalk
Hat aus dem Nacken sich der Schalk
Verkrümelt? Frag‘ ich mich beklommen
Hat meine Jugend über Nacht
Sich leise aus dem Staub gemacht
Und ich hab’s gar nicht mitbekommen?
50? Ja, wohl schon –

Da ist so was wie Dankbarkeit
Mit einem Lächeln seh‘ ich weit
Im Zeitraffer über mein Leben:
Das ist o. k. so, ja, ich denk‘
Die gute Fee hat ein Geschenk
An meiner Wiege abgegeben
50? Ja, wohl schon –
Na, herzliche Gratulation.
Reinhard Mey

Schmaler Grat

Das Leben und die Gesundheit sind Geschenke, die wir jeden Tag aufs Neue bekommen. Eigentlich weiß ich das. Ich sollte es wissen. Und doch vergesse ich es immer wieder, lasse zu, dass der Alltag mit seinen kleinen, banalen Ärgernissen diese wichtige Erkenntnis in den Hintergrund drängt. Verschwende meine Zeit mit Nichtigkeiten.

Und dann sitzt man plötzlich in einer Notaufnahme. Und am Tag danach an einem Bett auf der Intensivstation. Das Herz in der Hose, weil einem bewusst wird, wie schnell alles vorbei sein kann. Und man spürt wieder, wie schmal der Grat ist, auf dem wir jeden Tag so unbekümmert herumstolzieren, als gäbe es links und rechts keinen Abgrund. Dabei ist der immer da.

Treibgut

Ungewöhnliches Treibgut im Rhein vor der Kulisse des Siebengebirges.

Wer hätte gedacht, dass Bücher Segel hissen können? Dieses schafft es hoffentlich bis Rotterdam und dann, endlich, ins Meer.

Und dies war der Soundtrack zum Moment, den ich den ganzen Nachmittag im Ohr hatte:

Trotz allem: Was schön war 2016

Hoffnung

Was für ein Jahr. Viel zu viele schlechte Nachrichten. Kriege und Krisen auf der ganzen Welt, die unzählige Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, in eine Ungewissheit hinein, die sich unsereins gar nicht vorstellen kann. Offene Feindseligkeit gegen alle, die anders sind. Hass, der immer ungehemmter zur Schau getragen wird. Eine Partei, die Rassismus zum Programm macht. Andere Parteien, die dem nicht etwa entschlossen entgegentreten, sondern kalkuliert mit Ressentiments spielen – das wird 2017 furchtbar schiefgehen.

Mein 87-jähriger Vater, der mit knapp 16 Jahren durch glückliche Umstände und eine kluge Mutter gerade noch so dem Einsatz im „Volkssturm“ entkam, ist erstmals seit dem Ende des Nazi-Diktatur wieder zutiefst besorgt, wie er mir neulich sagte. „80 Jahre nach der verheerenden politischen Entwicklung für Deutschland und die Welt scheint sich die Geschichte zu wiederholen.“ Wie vielen alten Menschen, die die Hitlerzeit erlebt haben, mögen in diesem Jahr ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sein?

Nein, ein gutes Jahr war es wirklich nicht. So viele sind gestorben, namenlos für uns, unter Häusertrümmern in Aleppo, unter Wellblechdächern in Eritrea, im Meer, die Küste des reichsten Kontinents schon fast vor Augen.  Und so viele aus Kultur und Politik, die wir mit Namen kannten. Es war ein Jahr der Nachrufe und der Abschiede, am Ende auch von einem  Menschen aus dem engsten Freundeskreis. 2016 – ich werde dich nicht vermissen.

Aber ich bin dir trotzdem dankbar. Für das, was mir nicht widerfahren ist. Und für die anderen Geschenke, die du mir gemacht hast.

Was schön war

  • Die Momente einer Freundschaft, die seit 40 Jahren trägt – durch die leichten und, wie in diesem Jahr, durch die schweren Zeiten.
  • Die Ausgelassenheit, mit der ich auf gleich zwei Hochzeiten tanzen durfte.
  • Der Frieden, der sich auf meine Seele legte, als ich hier saß – allein mit meinen Gedanken.
  • Das kindliche Staunen, mit dem ich im Trockendock der Meyerwerft beim Bau eines Ozeanriesen zusehen durfte.
  • Die Erleichterung, als nach der fiesen Zahnbehandlung endlich der Schmerz nachließ.
  • Der heimliche Stolz, als ich in Münster den Droste-Experten des Landes traf – und merkte, dass er mich schon seit längerem als Droste-Expertin betrachtet.
  • Meinen Neffen 18 werden, Abi machen und voller Neugier und Optimismus ins Leben starten sehen.
  • Die Freude, als mir die Chefredaktion den Posten als stellvertretende Ressortleiterin anbot.
  • Die Entdeckung der Gleitsichtkontaktlinse.

Was mag 2017 wohl für mich bereit halten?

Ein paar Geschenke sind schon verpackt …

Was schön wird

  • Am Abend des 21. Februar 2017 werde ich auf der Insel am Biike-Feuer stehen und (hoffentlich) Punsch trinken.
  • Im Sommer feiere ich meinen 50. Geburtstag und habe dabei, so hoffe ich, die ganze Familie um mich herum.
  • Und gegen Ende des Jahres stehe am Nordkap (und trage hoffentlich warme Unterwäsche!).

Mach’s gut, 2016. Aber du, 2017: Mach’s besser.

Tschüss, 2015. Hallo, 2016!

Auf dem Weg ins Wohnzimmer, das sich in ein paar Stunden mit lieben Menschen füllen wird, fällt mein Blick auf die Ahnengalerie im Flur und das Bild meiner Großeltern. Sie sehen darauf so jung aus, viel jünger, als ich es heute bin. Das nächste Jahr ist das letzte, bevor ich 50 werde – und wisst ihr was: Ich freue mich darauf. Auf 2016 und auf meinen Fünfzigsten im Jahr darauf. Weiterlesen →

Einen Fuß vor den anderen

Überall kann was wachsen.

Überall kann was wachsen.

Vor einigen Tagen befand ich mich in einem Raum voller fremder Menschen. Wir saßen rund um einen Tisch im vierten Stock eines Gebäudes mitten in Frankfurt, draußen neigte sich ein ganz normaler Arbeitstag dem Ende zu, Rushhour in der Innenstadt, Verkehrslärm drang durch die gekippten Fenster. Selten in meinem Leben war draußen so sehr draußen.

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Danke, 2014

Das vorherrschende Gefühl, mit dem ich mich von 2014 verabschiede: Dankbarkeit.

Himmel über Seckbach

Danke, 2014, für glückliche Momente. Da war jener auf der Fähre im Februar, als ich übers kabbelige graue Meer schaute und wusste, dass es gut war, hierher zurückzukommen. Oder der im Mai, als ich Vater und Brüdern so nahe war wie lange nicht. Da war die Geborgenheit meines einsamen Nachtlager in einem winzigen Turmzimmer, und die Unbeschwertheit eines gemeinsamen sommerlichen Geburtstagsvorabend an der Außenalster. Der Sonnenuntergang am Kliff. Der Wind, der mich am Rantumbecken fast vom Deich fegte. Und da war Musik, die mir zweimal die Tränen in die Augen trieb: der Sänger mit der Gitarre und einer Wunde, die nicht schließt, das eine Mal, und ein Symphonie-Orchester, das Dvorak spielte, das andere Mal. Danke an den Menschen, der all das mit mir geteilt hat.

Danke, dass ich 2014 von keinem ganz nahestehenden Menschen Abschied nehmen musste. Für das Dach überm Kopf (das in diesem Jahr viel viel schöner geworden ist, genauer gesagt nicht das Dach, sondern der Fußboden und die Küche, und bei dieser Gelegenheit: danke für das Essen im Kühlschrank!). Danke für ein Wiedersehen. Danke für eine Antwort. Für eine SMS vom Chef. Für Verständnis, wo es nicht selbstverständlich ist.

Danke, 2014, für deine Lektionen: Ich durfte viel lernen, auch abseits von Fernstudium und DDJ-Training. Ok, zugegeben: Ich bin nicht wirklich dankbar für die hartnäckigen Schmerzen, die fast die komplette erste Jahreshälfte hindurch meine ständigen Begleiter waren. Aber letztlich brachten sie mich dazu, Gewohnheiten zu ändern – und damit mich selbst. Also: Danke, 2014, auch für die Schmerzen.

Mach’s also gut, altes Jahr. Und hallo, 2015! Mögest auch du glückliche Momente mitbringen, sie aber gerechter verteilen. Damit auch die etwas davon haben, die 2014 leer ausgegangen sind.

In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr!