Tschüss, 2015. Hallo, 2016!

Auf dem Weg ins Wohnzimmer, das sich in ein paar Stunden mit lieben Menschen füllen wird, fällt mein Blick auf die Ahnengalerie im Flur und das Bild meiner Großeltern. Sie sehen darauf so jung aus, viel jünger, als ich es heute bin. Das nächste Jahr ist das letzte, bevor ich 50 werde – und wisst ihr was: Ich freue mich darauf. Auf 2016 und auf meinen Fünfzigsten im Jahr darauf.

Aber noch ist 2015, die letzten Stunden eines guten Jahres, und während ich meine sepiafarbenen Großeltern betrachte, die zum Zeitpunkt der Aufnahmen offen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauten, halte ich einen Brief von meinem Vater in der Hand. Zum Jahresende setzt er sich hin und schreibt auf, was ihn bewegt – es sind Zeilen voller Dankbarkeit. Für ein Alter, das ihm zwischen Sorgen und Last immer wieder auch glückliche Momente beschert und das alles in allem gnädig zu ihm ist. Und er macht Pläne. Mit seinen 86 macht er Pläne für die Zukunft! Ein bisschen was kann ich mir durchaus abgucken von meinem alten Herrn.

Ein Blick zurück und einer nach vorn, diesmal mit dem Fragebogen (in meiner Version):

Mehr bewegt oder weniger?
Ich saß zwar deutlich öfter auf dem Fahrrad, bin aber weniger gelaufen. Umso schwerer fiel es mir, mich nach langer Zeit mal wieder zum „Lauf für mehr Zeit“ der Aidshilfe im September aufzuraffen. Und dann war es überraschend leicht, die Strecke zu bewältigen – denn weil das Führungsrad falsch abgebogen war, hat das komplette Feld ungewollt eine Abkürzung genommen. :) Aber dieser kurze Moment, zwischen dem Augenblick, als ich überglücklich auf meine persönliche Bestzeit auf der Zieluhr starrte, und dem Augenblick gleich danach, als man mir sagte, dass der Strecke anderthalb Kilometer fehlten: unbezahlbar.

Der hirnrissigste Plan?
Der angesichts der Netzprobleme zum Scheitern verurteilte Versuch, die an (!) mir (!) vorbeilaufende (!) Queen via Periscope live ins Internet zu streamen – statt einfach nur zu gucken.

Die gefährlichste Unternehmung?
Auf dem Radweg zur Arbeit durch Frankfurt brav alle Verkehrsregeln zu befolgen.

Das leckerste Essen?
Kann ich beim besten Willen nicht sagen, denn: 2015 war insgesamt ein sehr leckeres Jahr mit ganz viel Selbstgekochtem auf dem Teller.

Das beeindruckendste Buch?
… las ich kurz vor Jahresende: Wolfgang Bauers „Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa“.

Der ergreifenste Film?
…war eine Dokumentation, genauer gesagt zwei, und beide sah ich, wie die meisten Filme und Serien in diesem Jahr, auf Netflix.

Da war zum einen „Bridegroom“, die Geschichte eines schwulen Paares, das ein tödlicher Unfall auseinanderreißt. Die homophobe Familie des Verstorbenen schließt den Partner ihres Sohnes von der Trauer aus. Doch der kämpft.

Von einem Kampf erzählt auch „Tig“, eine Doku über den Umgang der Comedienne Tig Notaro mit ihrer Krebserkrankung.

Das schönste Konzert?
„Dir zur Feier“ in der Alten Oper.

Die beste Musik?
Von Spotify habe ich mich verabschiedet, versuche es jetzt mal mit Apple Music und entdecke viel Neues. Am häufigsten lief dieses Jahr aber tatsächlich eine CD, an der ein Freund beteiligt ist: „Momentum“ von L’Acoustic.

Treuer Begleiter durchs Jahr 2015 wurde ein musikalischer Fund aus dem Vorjahr, ein Song von Dania König: Auf dem Grund (hier der komplette Text).

Ebenfalls viel und gern gehört: Das Album „The Last Ship“ von Sting (den ich nächstes Jahr endlich mal wieder live sehen darf).

2015 zum ersten Mal getan?

  • Ohne Automatik fotografiert: In der VHS-Sommerakademie habe ich mir beibringen lassen, was es mit Blende, Belichtungszeit und ISO auf sich hat. Und weiß jetzt auch, dass JEDER auf Selfies eine unförmige Nase hat, nicht nur ich. Weil durch die Nähe der Kamera die Proportionen verzerrt werden. Ich bin so erleichtert!
  • Giraffen das Frühstück zubereitet und sie eigenhändig gefüttert. Die haben seeehr große Köpfe!
    Hinter den Kulissen des Frankfurter Zoos: : Zwei Stunden helfen im Giraffenrevier.

    März: Giraffenflüstern im Frankfurter Zoo – ein Tag im Revier.

  • Eine Fassung von Munchs „Schrei“ mit eigenen Augen gesehen.
  • Zugeschaut, wie das Martinsfeuer im Günthersburgpark niederbrennt.

2015 nach langer Zeit wieder getan:
Gemalt, oder besser gesagt: gezeichnet, unter anderem mit Unterstützung und hilfreichen Tipps eines Malers am Fechenheimer Mainufer.

Besondere Momente in 2015?
Meine Geburtstagsfeier im Frankfurter Licht- und Luftbad. Ein Besuch bei einer alten Freundin. Zwei Heiratsanträge im Freundes- und Familienkreis (beide wurden angenommen). Eine Radtour in Begleitung von Containerschiffen. Ein Theaterabend auf einer Burg. Wanderungen auf dem Zöllnerpfad an der bretonischen Küste. Ein Gottesdienst. Ein Picknick. Eine erneuerte Verbindung.

2015 war mit einem Wort?
… gut

Und 2016 wird?
… spannend.

Lilu geht schlafen. Danke für eine wunderschöne Geburtstagsfeier am Fluss

Posted by Monika Gemmer on Samstag, 29. August 2015

Einen Fuß vor den anderen

Überall kann was wachsen.

Überall kann was wachsen.

Vor einigen Tagen befand ich mich in einem Raum voller fremder Menschen. Wir saßen rund um einen Tisch im vierten Stock eines Gebäudes mitten in Frankfurt, draußen neigte sich ein ganz normaler Arbeitstag dem Ende zu, Rushhour in der Innenstadt, Verkehrslärm drang durch die gekippten Fenster. Selten in meinem Leben war draußen so sehr draußen.

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Danke, 2014

Das vorherrschende Gefühl, mit dem ich mich von 2014 verabschiede: Dankbarkeit.

Himmel über Seckbach

Danke, 2014, für glückliche Momente. Da war jener auf der Fähre im Februar, als ich übers kabbelige graue Meer schaute und wusste, dass es gut war, hierher zurückzukommen. Oder der im Mai, als ich Vater und Brüdern so nahe war wie lange nicht. Da war die Geborgenheit meines einsamen Nachtlager in einem winzigen Turmzimmer, und die Unbeschwertheit eines gemeinsamen sommerlichen Geburtstagsvorabend an der Außenalster. Der Sonnenuntergang am Kliff. Der Wind, der mich am Rantumbecken fast vom Deich fegte. Und da war Musik, die mir zweimal die Tränen in die Augen trieb: der Sänger mit der Gitarre und einer Wunde, die nicht schließt, das eine Mal, und ein Symphonie-Orchester, das Dvorak spielte, das andere Mal. Danke an den Menschen, der all das mit mir geteilt hat.

Danke, dass ich 2014 von keinem ganz nahestehenden Menschen Abschied nehmen musste. Für das Dach überm Kopf (das in diesem Jahr viel viel schöner geworden ist, genauer gesagt nicht das Dach, sondern der Fußboden und die Küche, und bei dieser Gelegenheit: danke für das Essen im Kühlschrank!). Danke für ein Wiedersehen. Danke für eine Antwort. Für eine SMS vom Chef. Für Verständnis, wo es nicht selbstverständlich ist.

Danke, 2014, für deine Lektionen: Ich durfte viel lernen, auch abseits von Fernstudium und DDJ-Training. Ok, zugegeben: Ich bin nicht wirklich dankbar für die hartnäckigen Schmerzen, die fast die komplette erste Jahreshälfte hindurch meine ständigen Begleiter waren. Aber letztlich brachten sie mich dazu, Gewohnheiten zu ändern – und damit mich selbst. Also: Danke, 2014, auch für die Schmerzen.

Mach’s also gut, altes Jahr. Und hallo, 2015! Mögest auch du glückliche Momente mitbringen, sie aber gerechter verteilen. Damit auch die etwas davon haben, die 2014 leer ausgegangen sind.

In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr!

Zeitreise

Altenberger Dom

Altenberger Dom

Da stehe ich an einem sonnigen Frühlingsabend im Tal der Dhünn im Bergischen Land, sehe einen Reiher auf einer saftigen Wiese herumstaksen und weiß plötzlich: Hier bin ich gerade richtig. Dieses Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Nicht in Gedanken woanders, schon wieder oder immer noch, sondern wunschlos, versenkt an Ort und Stelle wie ein sauber eingeschlagener Nagel in frischem Holz. Eben bin ich aus dem Dom, wo ich Kerzen angezündet habe, in die Abendsonne herausgetreten, und hier draußen hat dieses wunderbare „Alles-ist-gut“-Gefühl auf mich gewartet.

Ein paar Schritte vor mir geht mein Vater. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, ein wenig gebeugt, aber immer noch mit entschlossenen Schritten. Vor 56 Jahren, im Mai 1958, hat er hier meine Mutter geheiratet: Im Altenberger Dom, eine Simultankirche, die sie sich ausgesucht hatten, weil er evangelisch und sie katholisch war. Weiterlesen →

29. April 2004

Misses Large

Misses Large.

Ein guter Hund stirbt nie –
er bleibt immer gegenwärtig.
Er wandert neben Dir an kühlen Herbsttagen,
wenn der Frost über die Felder streift
und der Winter näher kommt,
sein Kopf liegt zärtlich in Deiner Hand
wie in alten Zeiten.
Mary Carolyn Davies

29. April 2004

Spuren

Am Goting-Kliff

Am Goting-Kliff

„Geh, wohin dein Herz dich trägt“ von Susanna Tamaro wollte ich schon ganz lange lesen, in meinem Kurzurlaub habe ich es endlich getan. Es gehört zu den vielen Büchern, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Wenn ich eines davon aus dem Regal nehme, hoffe ich immer ein wenig, dass vielleicht ein Zettel aus den Seiten herausfällt. Oder dass ich darin angestrichene Passagen finde. Irgendetwas, das wie eine späte Botschaft wirkt. Und zugleich fürchte ich mich davor. Auf dem Schmutztitel eines Buchs über alternative Krebsbehandlung, das ich ihr geschenkt hatte, entdeckte ich nach ihrem Tod in schon krakeliger Handschrift die Worte „Ich habe Angst“.

Heute vor 14 Jahren ist alle Angst verschwunden. Ich aber blättere immer noch suchend in den Büchern.

Kommunikationskette

Bienensterben -> Fleischkonsum -> Veggie-Day -> Plastikflaschen im Meer -> Plastikflaschen im Supermarkt -> Weichmacher -> Knebelverträge für an Kaufhäuser angeschlossene Bäckereien -> Lebensmittel im Müll -> unsinnige Hygienevorschriften -> Kriminalisierung des Containerns -> Sperrmüllabfuhr war früher besser geregelt.

(Friseurtermin im Nordend)

So ist das Leben

Vor einigen Tagen musste ich an einen Ort zurückkehren, an dem ich dreizehneinhalb Jahre nicht war: Ein Krankenbesuch in einer Klinik in Wiesbaden, eben jener Klinik, in der ich damals monatelang ein- und ausging, in der ich von einer tödlichen Diagnose erfuhr, in der ich verzweifelt den Neurochirurgen um eine Chance für meine Mutter anbettelte. Und die ich am Ende ohne Hoffnung verlassen musste, bleischwer beladen mit den Fakten aus einem letzten, endgültigen Gespräch.

Nun stehe ich also wieder vor dieser Tür – überrascht und überrumpelt, denn ich hätte bis zu dieser Sekunde nicht gedacht, dass mir dieser Gang nach all der Zeit so schwerfallen würde. Ich hole tief Luft, spüre eine helfende Hand und schaffe es irgendwie, nicht schreiend davonzulaufen. Der Gang durchs Foyer fällt mir schwer, mit einem Kloß im Hals und wie ferngelenkt steuere ich die Aufzüge an – alles noch am alten Platz. Auf der Station, einer anderen als damals, fällt die Anspannung schlagartig ab. Denn diesmal ist alles ist gut, die Ärzte konnten helfen, die Operation kam rechtzeitig.

Im Grunde meint es das Leben gut mit mir – auch (und gerade) dann, wenn es mich daran erinnert, wie zerbrechlich es ist.