GOA16: Diese Angebote haben wir nominiert

Der Grimme-Online-Award-Jahrgang 2016 ist ein starker – fast so stark wie 2007! :) In der aktuellen GOA-Saison durfte ich als Mitglied der Nominierungskommission zwei Monate lang mit sechs Mitstreiter*innen nach digitalen Perlen tauchen, den Fang anschließend drei Tage lang gründlich begutachten, schließlich die besten Stücke herausfischen und sie, begleitet mit allen guten Wünschen, ins Finale schicken.

Die Nominierungskommission zum Grimme Online Award 2016: Vorne v.l.: Brigitte Baetz (freie Medienjournalistin), Monika Gemmer (Frankfurter Rundschau), Christian Nuernbergk (LMU München) Mitte v.l.: Friederike Sobiech (Redakteurin und Designerin), Darja Lena Martens ("Blinde Kuh"), Sebastian Brauns (Journalist) Hinten: Henning Grote (User Experience Konzepter). Foto: Vera Lisakowski

Die Nominierungskommission zum Grimme Online Award 2016: Links von mir Brigitte Baetz (freie Medienjournalistin), rechts Christian Nuernbergk (LMU München). Mitte v.l.: Friederike Sobiech (Redakteurin und Designerin), Darja Lena Martens („Blinde Kuh“), Sebastian Brauns (Journalist). Hinten: Henning Grote (User Experience Konzepter). Foto: Vera Lisakowski

Standesgemäß, im Tagungsraum eines kuscheligen Hotels im Dortmunder Bahnhofsviertel, haben wir beraten, diskutiert und gerungen, für unsere Herzensfavoriten gekämpft, uns begeistern und uns überzeugen lassen. Wir hatten viel Spaß damit, eine Marionette auf dem Bildschirm einen dadaistischen Tanz mit GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) vollführen zu lassen  – gesteuert über Bewegungen des Smartphones. Und mit Barbara, natürlich.

Pageflow-Overload

Die Vielzahl von solide gemachten Multimedia-Reportagen unter den Einreichungen zeigt: Das Format kann inzwischen auch im deutschsprachigen Web als etabliert gelten. Tools wie Pageflow, die die Realisierung einfach machen, treiben die Verbreitung voran. Umso wichtiger werden die Inhalte. Auch der schickste Scrolly nutzt ja nichts, wenn die erzählenswerte Geschichte fehlt, und manches Thema lässt sich in einem anderen Format einfach besser präsentieren.

Wenn aber alles stimmt, dann kommen tolle Storys heraus. Mich persönlich hat die Multimedia-Reportage Draußen von Kathrin Aldenhoff und China Hospon (Weserkurier) besonders beeindruckt:  Die beiden waren einen Tag lang mit dem obdachlosen Peter True in Bremen unterwegs, haben seine Welt in eindrücklichen Bildern festgehalten und lassen ihn selbst von seinem Alltag erzählen – ein gutes, unspektakuläres und auch deshalb überzeugendes Stück Onlinejournalismus.

Thematisch spiegelt sich in diesem Jahrgang wider, was die Gemüter in Deutschland 2015 bewegt hat wie nichts anderes: Zahlreiche Angebote beschäftigen sich mit Flucht und Asyl, und darunter sind erfreulich viele, die einen eigenen Zugang zu dem Thema suchen. Ein gelungenes Beispiel: Sandalen im Schnee, eine Reportage vom Schweizer SRF, die dort beginnt, wo andere mit dem Berichten aufhören. Was passiert eigentlich, wenn Geflüchtete in Europa angekommen sind? Wie ist das, mit Wildfremden in Gemeinschaftsunterkünften zu leben, deren Sprache man oft nicht spricht? Welche Fragen stellen die Behörden eigentlich, wenn sie den Asylantrag prüfen? Und wie schafft man es, Anschluss an die Einheimischen zu finden – vor allem, wenn die das vielleicht gar nicht wollen?

Unter den Nominierten sind aber auch kleine, privat betriebene Angebote, und das freut mich ganz besonders. Da ist beispielsweise das historische Echtzeit-Blog Opas Krieg: Christian Mack veröffentlicht Feldpostkarten seines Großvaters, und das auf den Tag genau 100 Jahre, nachdem sie verschickt wurden. Es ist der Versuch, sich auf persönliche Weise der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ zu nähern, und das gelingt hier sehr gut – auch, weil Christian Mack das damals Geschriebene geschichtlich einordnet und den Zugang zu den Inhalten durch weiterführende Informationen leichter macht.

Dunstabzugshaube in der Gerüchteküche

Ich darf kurz aus unserem Statement zitieren:

Das Internet wird nicht nur zur Information, sondern auch und zur Zeit verstärkt zur Desinformation genutzt – gerade darum ist die Auseinandersetzung und Aufklärung wiederum im Netz wichtig: schnell und jederzeit verfügbar und aus verlässlicher Quelle, deren Vertrauenswürdigkeit sich manchmal genau daraus speist, kein Verlagshaus, keine Partei und kein Digital-Promi zu sein.

Ein Beispiel dafür ist die Hoaxmap, die  Gerüchte (zumeist über Asylsuchende) sammelt und dokumentiert, wo sie widerlegt werden. Eine Art Dunstabzugshaube in der Gerüchteküche. Das Ganze wird auf einer Karte dargestellt, der ständig aktualisierte Datensatz lässt sich zudem herunterladen.

Gut vertreten: Podcasts

Gleich drei Podcasts sind im Rennen: Technische Aufklärung macht sich darum verdient, konsequent den im März 2014 eingesetzten Geheimdienst-Untersuchungsausschuss zu begleiten und dabei auch die Details zu beleuchten, die den meisten Medien zu kompliziert sind.

Nicht vergessen, nicht verklären – das ist das Ziel von Staatsbürgerkunde. Vom Leben in der DDR. Martin Fischer spricht mit wechselnden Gesprächspartnern über Aspekte wie Propaganda, Gesundheitssystem oder Ost-West-Freundschaften. Vom Stasi-Gefängnis berichtet einer, der drin saß. Aber auch einem Spaziergang auf dem Mauerweg kann man lauschen – die Folge rief  Erinnerungen an meine Radtour auf dieser Strecke wach. Zu jeder Sendung gibt es viele weiterführende Links, auch Audiokommentare sind möglich.

Puerto Patida ist eine Rätsel-Hörspiel zum Mitmachen: In jeder Sendung darf sich ein neuer Kandidat über eine imaginäre Insel bewegen, Entscheidungen treffen und Charakteren begegnen, die von Podcaster Johannes Wolf verkörpert werden. Tolle Idee, sehr aufwändig produziert, sehr unterhaltsam gemacht, auch für die, die nicht mitspielen. Soeben hat die zweite Staffel begonnen.

Unbekanntes zeigen, Unbeachtetes beobachten

Zwei Twitter-Accounts sind nominiert: Wer Lust hat, einen Wanderschäfer und seine Herde zu begleiten, sollte  @schafzwitschern folgen. Uns hat dieser regelmäßige Einblick in einen ungewöhnlichen Berufsalltag sehr gut gefallen. @streetcoverage dokumentiert, wo rechte Demos stattfinden (und was dort passiert): Ein Liveticker von dort, wo TV-Kameras gerade nicht hinhalten.

Und, hey: Erneut könnte in diesem Jahr ein Grimme Online Award nach Frankfurt gehen! Wie schon 2015 ist auch diesmal wieder das Städel-Museum unter den Nominierten, diesmal mit einer App: Imagoras ist ein Spiel, bei dem man einen kleinen, etwas verwirrt wirkenden Drachen namens Flux kreuz und quer durch verschiedene Gemälde schickt, um dort Aufgaben zu lösen. Gedacht ist es für Kinder, aber auch ich hatte viel Spaß damit – und konnte in Bildern, vor denen ich im Städel schon öfter stand, jede Menge neue Details entdecken.

Vorstellung und Preisverleihung in Köln

Am Ende blieb uns gar nichts anders übrig, als das volle Kontingent von 28 möglichen Nominierungen auszuschöpfen. In den Tagen danach führte das fleißige GOA-Team des Grimme-Instituts (mindestens) 28 Telefonate, um die Ausgewählten zu informieren, und ich dachte zurück an jenen Tag im Frühjahr 2007, als auch ich einen solchen Anruf bekam. Und an den Tag im Juni 2007, als ich das Ding tatsächlich in Händen hielt.

Heute nun sind die Nominierten für den Grimme Online Award 2016 in Köln vorgestellt worden. Ich drücke ausnahmslos allen die Daumen fürs Finale – die Preisverleihung findet am 24. Juni 2016 in der Kölner Flora statt.

Die Nominierten

 

 

Wie Burg Hülshoff wachgeküsst werden soll

Es könnte sich einiges ändern auf Burg Hülshoff, dem Wasserschloss westlich von Münster und Geburtsort von Annette von Droste-Hülshoff. Die Stiftung, der das Anwesen gehört, will es zum Droste-Kulturzentrum ausbauen.

Burg Hülshoff: Vorburg (links) und Haupthaus (rechts). Bild: Monika Gemmer

Burg Hülshoff: Vorburg (l.) und Haupthaus (r.). Bild: Monika Gemmer

Im vergangenen Dezember verstarb die letzte Eigentümerin, Jutta Freifrau von Droste zu Hülshoff, Enkelin eines Neffen der Dichterin. Schon 2012 hatte sie das Anwesen mit allen drum und dran in eine Stiftung eingebracht – auf dass Burg und Andenken bewahrt und gefördert werden und der Dichterinnenort auch künftig der Öffentlichkeit zugänglich bleibt. Diesem Schritt ist zu verdanken, dass das Gräften umgebenen Wasserschloss nicht als Golfhotel oder in einer ähnlich abwegigen Nutzung endet.

Stattdessen soll ein Droste-Kulturzentrum entstehen – angeschoben und realisiert von eben jener Stiftung, an der sich neben dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe auch der Bund, das Land NRW, einige umliegende Landkreise, die Gemeinde Havixbeck, die Stadt Münster, Unternehmen und Einzelpersonen beteiligen. Mit Verantwortlichen der Stiftung habe ich mich vor kurzem auf Burg Hülshoff getroffen. Die Kulturdezernentin und der Direktor des LWL sowie der Leiter der Droste-Forschungsstelle nahmen sich mehrere Stunden Zeit, um mir vor Ort die Pläne für das Kulturzentrum zu zeigen. Dabei konnte ich auch einen Blick in Räumlichkeiten werfen, die (bislang) nicht zum öffentlich zugänglichen Teil gehören.

Was die Stiftung im Detail in Hülshoff vorhat, habe ich für das Feuilleton der FR aufgeschrieben. Alles steht und fällt, natürlich, mit der Finanzierung. Das Herzstück ist der Umbau der Vorburg, ein großes, L-förmiges, mit zwei Türmen flankiertes Gebäude vor dem Haupthaus. Sie diente bereits seit Annettes Zeiten der Landwirtschaft. Fünf Millionen Euro würde der Umbau der Vorburg zu einem Ort für Lesungen, Konzerte und Seminare kosten. Auch das Familienmuseum im Haupthaus soll behutsam verändert und erweitert werden.

Im Laufe des Sommers wird Klarheit darüber herrschen, ob Fördergelder des Bundes für das Projekt fließen (für die Übernahme der späteren Beriebskosten haben die LWL-Gremien inzwischen Beschlüsse gefasst). Werden die Investitionsmittel bewilligt, dann könnte das Kulturzentrum bis 2020 fertig werden. Ich werde in dieser Zeit immer mal wieder ins Münsterland reisen und mir von der Stiftung zeigen lassen, wie die Arbeiten vorangehen. Aufregend!

Datawrapper baut die Kartenfunktion aus

Die Anbieter von Datawrapper haben das Modul zum Erstellen von Karten zu einem richtig guten Feature ausgebaut, das Werkzeug macht damit einen großen Sprung nach vorn. 250 Karten, von der Weltkarte über Kontinente und Staaten bis zu Bundesländern und Landkreisen (deutschlandweit und auf Länderebene) stehen zur Verfügung. Nach der Auswahl der Karte imporiert man die vorbereitete Datenabelle, passt die Darstellung an (Farbskala, Beschriftung, Legende und Tooltips) – schon ist die fertige Karte publizierfähig. Dieses Video zeigt, wie’s geht. Weiterlesen →

Frankfurt-Wahl: Ergebnisse in Grafiken und Karten

Neulich vertrat ein Gast in unserer Redaktionskonferenz die These, das Wahlsystem mit der Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens würde den Parteien links der Mitte eher schaden. Begründung: Deren Wähler seien eher zu teilen bereit und dazu, ihre Stimmen auch über Parteigrenzen hinweg zu vergeben, was die eigentlich favorisierte Partei eher schwächt.

Nun: Das Ergebnis der Kommunalwahl liegt vor, und weil die Stimmen in Frankfurt in zwei Schritten ausgezählt wurden – erst die Stimmzettel mit den Listenkreuzen, dann jene mit kumulierten bzw. panaschierten Stimmen – gab es ein Zwischenergebnis, das sich mit dem vorläufigen Endergebnis vergleichen lässt. Weiterlesen →

Wieviel Apfelwein passt ins „Gerippte“?

Frankfurt am Main ist bis in viele Winkel hinein erkundet. Sehens- und Wegsehenswürdigkeiten sind ausführlich in Stadtführern beschrieben, weit mehr als 111 besuchenswerte Orte und inzwischen auch 306 Unorte aufgezählt.
Expedition Frankfurt

Hat Frankfurt überhaupt noch Geheimnisse? Gibt es zwischen Berger Warte und Schwanheimer Düne noch Terra incognita? Unbeantwortete Fragen? Jawohl! Zu Beispiel die, die über diesem Text steht. Weiterlesen →

GOA 2016: Ich darf nominieren

Nach Auszeichnung und Jury-Mitgliedschaft bin ich in diesem Jahr im GOA-Olymp angekommen: Erstmals Mitglied der Nominierungskommission für den Grimme Online Award, hurra!

Vor wenigen Tagen fiel der Startschuss für den Wettbewerb 2016 mit dem Beginn der Einreichungsphase. Bis Mitte März werden Vorschläge für Preisträger entgegengenommen: Websites, Apps, Blogs, Hashtags, Podcasts, Youtube-Kanäle, Instagram-Feeds … Hauptsache publizistisch und deutschsprachig. Wer etwas Cooles im Web macht, kann sich natürlich auch einfach selbst vorschlagen. Überschüttet uns mit Hinweisen auf tolle Angebote! Wir schauen uns alles an, was den Kriterien entspricht, versprochen!

Im GOA-Blog hab ich ein paar Wünsche für den Wettbewerb 2016 notiert.

Tschüss, 2015. Hallo, 2016!

Auf dem Weg ins Wohnzimmer, das sich in ein paar Stunden mit lieben Menschen füllen wird, fällt mein Blick auf die Ahnengalerie im Flur und das Bild meiner Großeltern. Sie sehen darauf so jung aus, viel jünger, als ich es heute bin. Das nächste Jahr ist das letzte, bevor ich 50 werde – und wisst ihr was: Ich freue mich darauf. Auf 2016 und auf meinen Fünfzigsten im Jahr darauf. Weiterlesen →

Frankfurterinnen und Frankfurter in Zahlen

Zum Jahresende veröffentlicht die Stadt Frankfurt stets ihr „Statistisches Jahrbuch“ – das sich allerdings nicht auf das ablaufende, sondern auch das Vorjahr bezieht. Das Werk bündelt Zahlen zur Bevölkerungsstruktur, zu Bauen und Wohnen, Gesundheit, Versorgung, Verkehr, Wirtschaft und einige weitere Themenbereiche.

Ich habe mir den Abschnitt über Frankfurts Bevölkerungsentwicklung näher angeschaut und einige Statistiken in Grafiken verwandelt – ein (quantitativer) Blick auf die Menschen, die diese Stadt ausmachen. Weiterlesen →