Nur die Locken wirkten authentisch

Das Tatort-Drehbuch lässt Annette von Droste-Hülshoff durchs revolutionsgeschüttelte Konstanz laufen.

Das Drehbuch des Tatorts ‘Chateau Mort’ lässt Annette von Droste-Hülshoff durchs revolutionsgeschüttelte Konstanz des Jahres 1848 laufen. Bild: SWR

Neulich gab’s ja einen Tatort, wie für mich gemacht. Ein Droste-Plot! Klara Blum ermittelt in Konstanz in einem Mordfall, bei dem Annette von Droste (die ja bekanntlich gegenüber in der Meersburg ihre letzten Lebensjahre verbrachte) eine Rolle spielt. Die schier unglaubliche Geschichte: Eine beim Opfer gefundene alte Weinflasche, vermeintlich Jahrgang 1832, könnte aus dem Sortiment des Drosteschen Hochzeitsweins stammen, der in den badischen Revolutionsunruhen des Jahres 1848 in einem Kellergewölbe vergessen worden sein soll. In einer Rückblende sieht man die Droste aufgeregt im nächtlichen Konstanz herumlaufen und verzweifelt “Levin! Levin!” rufen. Doch Levin ist verschwunden, die heimlich geplante Hochzeit fällt ins Wasser, und Annette stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen.

Das war dann der Moment, als ich auf meinem Sofa ein verzweifeltes “Hä?” ausrufen musste.

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Der Mord an “Charlie Hebdo” – und was er mit uns macht

Im Frankfurter Caricatur Museum gibt es in diesen Tagen den "Je suis Charlie"-Button zur Eintrittskarte dazu.

Im Frankfurter Caricatura Museum gibt es am Freitag den “Je suis Charlie”-Button zur Eintrittskarte dazu.

Fassungslosigkeit, Entsetzen und Trauer gehören in diesen Tagen, nach den Morden an zwölf Menschen bei und vor dem Satireblatt Charlie Hebdo in Paris, wohl zu den vorherrschenden Gefühlen in allen Redaktionen auf diesem Globus. Auch bei uns ist das so. Es ist anders als sonst, wenn ein Terroranschlag oder ein großes Unglück Redaktionen in eine Art professionellen Ausnahmezustand versetzt, der dazu zwingt, alle Planungen über den Haufen zu werfen und alle Kraft allein auf ein Ereignis zu konzentrieren. Es geht näher. Klar: Es sind quasi Kolleginnen und Kollegen, die in Paris für die Meinungsfreiheit starben. Empfinden wir deshalb mehr Mitgefühl? Vielleicht. Aber da ist noch etwas anderes: Das Gefühl der Bedrohung nimmt zu – auch, weil es längst Alltag geworden ist, Redaktionen aus dem Schutz der Anonymität aufs Übelste zu beschimpfen und namentlich genannten Menschen öffentlich den Tod zu wünschen. Man muss heute nicht mal über besonders heikle Themen schreiben, um zur Zielscheibe eines völlig entfesselten Mobs zu werden.

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Danke, 2014

Das vorherrschende Gefühl, mit dem ich mich von 2014 verabschiede: Dankbarkeit.

Himmel über Seckbach

Danke, 2014, für glückliche Momente. Da war jener auf der Fähre im Februar, als ich übers kabbelige graue Meer schaute und wusste, dass es gut war, hierher zurückzukommen. Oder der im Mai, als ich Vater und Brüdern so nahe war wie lange nicht. Da war die Geborgenheit meines einsamen Nachtlager in einem winzigen Turmzimmer, und die Unbeschwertheit eines gemeinsamen sommerlichen Geburtstagsvorabend an der Außenalster. Der Sonnenuntergang am Kliff. Der Wind, der mich am Rantumbecken fast vom Deich fegte. Und da war Musik, die mir zweimal die Tränen in die Augen trieb: der Sänger mit der Gitarre und einer Wunde, die nicht schließt, das eine Mal, und ein Symphonie-Orchester, das Dvorak spielte, das andere Mal. Danke an den Menschen, der all das mit mir geteilt hat.

Danke, dass ich 2014 von keinem ganz nahestehenden Menschen Abschied nehmen musste. Für das Dach überm Kopf (das in diesem Jahr viel viel schöner geworden ist, genauer gesagt nicht das Dach, sondern der Fußboden und die Küche, und bei dieser Gelegenheit: danke für das Essen im Kühlschrank!). Danke für ein Wiedersehen. Danke für eine Antwort. Für eine SMS vom Chef. Für Verständnis, wo es nicht selbstverständlich ist.

Danke, 2014, für deine Lektionen: Ich durfte viel lernen, auch abseits von Fernstudium und DDJ-Training. Ok, zugegeben: Ich bin nicht wirklich dankbar für die hartnäckigen Schmerzen, die fast die komplette erste Jahreshälfte hindurch meine ständigen Begleiter waren. Aber letztlich brachten sie mich dazu, Gewohnheiten zu ändern – und damit mich selbst. Also: Danke, 2014, auch für die Schmerzen.

Mach’s also gut, altes Jahr. Und hallo, 2015! Mögest auch du glückliche Momente mitbringen, sie aber gerechter verteilen. Damit auch die etwas davon haben, die 2014 leer ausgegangen sind.

In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr!

Die Crowdspondents haben geliefert!

Die Crowdspondents haben geliefert!

Beutel, Lunchbox, Kaffeehumpen für unterwegs – und die Helgoland-Fähre: Mitbringsel der Crowdspondents von ihrer Reportage-Reise (das ‘innen’ habe ich den ‘Reportern’ spendiert.)

Rechtzeitig im alten Jahr erreicht mich ein Päckchen: Lisa Altmeier und Steffi Fetz von Crowdspondent haben ihr Versprechen eingelöst und mich beschenkt! Wie viele andere hatte auch ich die beiden Journalistinnen bei ihrer Reportage-Reise durch Deutschland diesen Sommer unterstützt, und dafür brachten sie mir von dieser Tour etwas mit – treffsicher aus dem hohen Norden, genauer gesagt: Von Helgoland.

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Ein Podcast, ein Podcast!

Weil Weihnachten ist, mache ich mir ein Geschenk: Eine eigene, unter großem Amusement mit Unterstützung der Familie produzierte Podcast-Episode zur Frankfurter Stadtgeschichte! Es geht um den Bierkrawall, jenen Aufstand der trinkfreudigen Frankfurter, die anno 1873 eine Erhöhung der Bierpreise nicht hinnehmen wollten – mit meinem Schwiegervater in der Rolle des Bierbrauers Binding.

Entstanden ist die Folge als Übung für das Social-Media-Fernstudium, das ich in diesem Jahr absolviert habe. Ob weitere Episoden folgen und tatsächlich ein Podcast daraus wird, wird das neue Jahr zeigen.

Frohe Weihnachten allerseits!

Abschied

Abschied von einer Zeitungsjournalistin - natürlich auf Papier.

Abschied von einer Zeitungsjournalistin – natürlich auf Papier.

Wieder reißt der Tod einen Menschen aus der Redaktion heraus. Am Dienstag erreichte uns die traurige Nachricht, dass Claudia Michels gestorben ist, langjährige Kollegin und für viele in der Rundschau auch Freundin. Sie war das, was man ein Urgestein der FR nennen konnte (und davon hat die turbulente jüngere Geschichte der Zeitung wahrlich nicht viele übrig gelassen): Rundschau-Autorin seit 1972, Lokalredakteurin, Reporterin, Kennerin der Frankfurter Vergangenheit und aufmerksame Beobachterin der Frankfurter Gegenwart, und das für die unfassbar lange Zeit von 42 Jahren. Sie schrieb vor allem über die Veränderungen in Frankfurt, nahm dabei immer die Menschen in den Fokus und das, was der Wandel mit ihnen macht. Auch viele der Artikel im Stadtgeschichte-Blog stammen von ihr.

Wieder herrscht in diesen Tagen Stille auf den Fluren der Redaktion, und viele Türen sind, anders als sonst üblich, geschlossen. Im Netz sammeln wir Erinnerungen an Claudia, darunter die Abschiedsworte von Kerstin Gnielka, der Tochter von Thomas Gnielka – jenes FR-Redakteurs, dessen Recherchen und Hartnäckigkeit die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt angestoßen haben. Bewegend sind aber auch die Worte, die Miriam Keilbach fand, eine liebe Kollegin aus dem Büro schräg gegenüber:

Liebe Clau,

als ich vor gut zwei Jahren aus der Bad Homburger Redaktion in die Frankfurter Redaktion kam, hast du mich erst einmal kritisch beäugt – wie die meisten jungen Kollegen. Was soll das?, dachte ich damals, ich bin doch auch schon eine Weile Redakteurin. Schnell aber habe ich gemerkt, was das sollte: Es ging ums Genauer hinschauen. Hinschauen bei den Menschen, der Recherche, der Sprache im Text.

Im Namen der Redaktion hat Claus-Jürgen Göpfert den Nachruf verfasst: FR-Redaktion trauert um Claudia Michels

Eine kam durch

Eine kam durch: Baden-Baden, im Dezember 2014

Eine kam durch: Baden-Baden, im Dezember 2014.

Tugçes Tod und die Folgen

In und um die Stadt wird überall über den traurigen Tod der 22-jährigen Offenbacherin gesprochen, die sich mutig eingemischt hatte, als zwei junge Frauen Hilfe brauchten, die dafür auf einem Parkplatz verprügelt und knapp zwei Wochen später für hirntot erklärt wurde. Heute, an ihrem Geburtstag, zugleich der Tag, an dem die Maschinen abgestellt werden, wandern meine Gedanken immer wieder rüber in die Nachbarstadt. Dort versammeln sich gerade in diesen Minuten viele Menschen vor dem Krankenhaus und trauern gemeinsam.

Ich wünschte, dass die Hohlköpfe, die in den sozialen Netzwerken zum Schlachten des Täters aufrufen, sich zum Lynchmord verabreden und auch die Familie des 18-Jährigen bestraft sehen wollen, mal kurz innehalten und sich fragen, wie Tugçe A. das wohl so fände. Sehr wahrscheinlich, dass sie sich angewidert abwenden würde.

Dabei finde ich ja auch, dass ihr Tod Folgen haben sollte – die nämlich, es ihr nachzutun: Zivilcourage zu zeigen. In Frankfurt und Offenbach gibt es, wie in vielen anderen Städten, reichlich Gelegenheit dazu, leider. Und: Organspender zu sein. Vor allem letzteres ist so einfach. Sich einmischen, wenn andere bedroht werden, ist schon schwieriger. Die Strategie, in solchen Situationen andere Unbeteiligte persönlich zum gemeinsamen Eingreifen aufzufordern, wird immer wieder genannt. Eine andere (mir bislang unbekannte) ist die, nicht mit dem Täter zu reden, ja ihn gänzlich zu ignorieren, sondern sich ausschließlich an das Opfer zu wenden und Hilfe anzubieten. Und zu versuchen, immer mindestens vier Meter Abstand zum Täter zu halten: Dem Opfer eine Brücke bauen.

Ein Leben in Bildern

Helene Schjerfbeck in der Schirn

Helene Schjerfbeck: Selbstporträts

Helene Schjerfbeck: Selbstporträts

Schon lange bin ich nicht mehr so beeindruckt aus der Schirn gekommen wie dieser Tage. Schuld daran ist Helene Schjerfbeck, eine finnische Malerin, von der ich – offen gesagt – nie zuvor gehört hatte. In Finnland gilt sie als bedeutendste Malerin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sogar auf einer 2-Euro-Münze ist sie abgebildet. Zu recht, wie ich jetzt weiß.

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Alles vom Billigsten

Ein flüchtiger Blick ins Frankfurter Rotlichtviertel

Bahnhofsviertel bei Nacht

Kreuzung Elbe- und Niddastraße. Foto: Arne Hückelheim, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Jungs trauen sich offenbar nur im Rudel rein. Jedenfalls tauchen sie auf den Monitoren, die uns einen Blick in die Flure über uns gewähren, meist zu mehreren auf. Wir stehen in einer Art Hausmeister-Büro, gelegen im Erdgeschoss eines Bordells im Frankfurter Bahnhofsviertel, und sehen mittels Überwachungskameras ein paar Kerlen mit tiefhängenden Jeans und Baseballkappe zu, wie sie über uns von Stockwerk zu Stockwerk, von Zimmer zu Zimmer laufen (daher die Bezeichnung “Laufhaus”). Sie glotzen, feixen, gehen weiter. Später werden sie sich vor ihren Kumpels mit ihrem Puffbesuch dick tun. Aber eigentlich sind sie nur hier, um die Prostituierten zu begaffen, die spärlich bekleidet auf Barhockern sitzen oder an der geöffneten Tür ihres Zimmers lehnen. Das Geschäft läuft offensichtlich schleppend. Es ist noch früh am Abend. Nachts ist hier ein bisschen mehr los – und mittags, wenn man ringsherum in den Büros, Agenturen und Banken pausiert. “Einblick in das älteste Gewerbe der Welt” verspricht die vierstündige Führung durch das Frankfurter Rotlichtviertel – Gespräche mit Gewerbetreibenden inklusive.

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