Droste in Bonn (2): Belastungsproben

Weiter geht es mit der kleinen Expedition auf den Spuren der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff in und um Bonn. Im ersten Teil haben wir einen Zeitsprung ins Jahr 1825 gemacht, als die neue Universität der Stadt am Rhein einen geistig-kulturellen Aufschwung beschert. Zugleich geraten auch die Bonner Hochschullehrer ins Visier des Überwachungsstaates, der Liberale als Demagogen verfolgt.

Schaumburger Hof: In der Gaststätte am Rheinufer kehrten im 19. Jahrhundert Bonner Studenten und Professoren gerne ein. Zu den Gästen zählten Karl Simrock, Ernst Moritz Arndt, Ferdinand Freiligrath, Alexander von Humboldt, Friedrich Nietzsche – und Annette von Doste-Hülshoff, Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, deren Sommersitz ganz in der Nähe war. Bild: Monika Gemmer

Annette von Droste erlebt diese Entwicklung in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts hautnah mit – sie bewegt sich in Kreisen von Professoren und Philosophen, Künstlerinnen und Kunstexpertinnen.

Ein Schauplatz dieser Zusammenkünfte ist der Salon von Sibylle Mertens-Schaaffhausen in Köln. Annette lernt die gleichaltrige Sibylle gleich bei ihrer ersten Reise ins Rheinland im Jahr 1825 kennen, vermutlich über ihre Kölner Tante Betty, bei der Annette zeitweilig wohnt, und die Patin eines der Mertens-Kinder ist.

Betty von Haxthausen schreibt in dieser Zeit in einem Familienbrief:

Anna war begierig, wie Nette mit der Mertens harmonisieren würde, und dies geht ganz vortrefflich; sie fühlten sich in geistiger Hinsicht wechselseitig angezogen; die Mertens, welche leider sehr kränkelt, wird durch Nette sehr erheitert, und Herr Mertens ist ganz charmiert in sie, und möchte sie in seinem Hause etabliert sehen, um sich an ihren lebendigen Erzählungen ergötzen zu können …

Scheint, als habe die Chemie gleich gestimmt: Die beiden Frauen teilen das Interesse für Altertumskunde und eine ausgeprägte Sammelleidenschaft, führen ausgiebige Gespräche über Literatur, Musik, Philosophie und auch über Parapsychologie, wofür beide empfänglich sind. In der Kölner Trankgasse versammelt die Archäologin regelmäßig einen illustren Kreis um sich. Hier knüpft Annette nicht nur anregende Kontakte, sie liest auch aus ihren Werken und fühlt sich als Autorin ernstgenommen. Die aufgeschlossene Atmosphäre befördert den Gedanken daran, mit den eigenen Gedichten an die Öffentlichkeit zu treten.

Sie bleibt den Winter über in der Domstadt und entdeckt an der Seite ihrer neuen Freundin Sibylle und ihrer Tante Betty den Kölner Karneval.

Ball von J. M. Farina im Gürzenich, 1861. Quelle: Wikimedia Commons

Am 11. Februar 1826 vermeldet sie ihrer Schwester Jenny:

Es geht mir hier übrigens sehr gut. Köln ist im Winter äußerst angenehm. Ich habe einige Bälle besucht, wo ich aber den Leuten den Aberglauben, dass ich von wegen meiner subtilen Figur gut tanzen müsste, gelassen habe, nämlich dadurch, dass ich gar nicht getanzt habe, als allenfalls einmal herumgewalzt. Die Bälle sind hier äußerst brillant, selbst das gewöhnliche Lokal ist sehr groß, und am Karneval-Montag wurde auf dem Kaufhause, genannt der Gürzenich, getanzt, wo mehrere tausend Menschen auf der Redoute waren. (…)

Ich muss wieder abbrechen, denn eine gute Bekannte von mir, Frau Mertens, die nicht weit von hier wohnt, lässt mich eben bitten, zu ihr herüber zu kommen; sie ist krank.

Unversehens findet sich Annette bei der neuen Bekannten in der Rolle der Krankenpflegerin wieder. Wenige Jahre später wird sie diese Aufgabe erneut übernehmen, und dann in einem Ausmaß, das sie an ihre eigenen Grenzen führt. Lange später gedenkt sie mit dem Gedicht „Nach fünfzehn Jahren“ dieser belastenden Zeit, beschwört zugleich die damalige Nähe zur kranken Freundin.

Und diese Nähe ist es, die 1830 für Verwerfungen mit Adele Schopenhauer sorgen wird. Die Tochter der erfolgreichen Schriftstellerin Johanna Schopenhauer und Schwester des erfolglosen Misanthropen Arthur ist mit Sibylle Mertens zusammen – und eifersüchtig auf Annette.

Liebespaar: Adele Schopenhauer (l.) und Sibylle Mertens-Schaaffhausen.

Auerhof

Die Liebesgeschichte zwischen Adele und Sibylle (deren Ehe mit dem Bankier Louis eine reine Pflichtveranstaltung ist) hat Anfang 1828 begonnen. Schauplatz dieser Liebe ist der Auerhof in Plittersdorf südlich von Bonn. Sibylle hat das Haus von ihrem verstorbenen Vater geerbt, die Familie nutzt ihn neben dem Haus in der Kölner Trankgasse als Sommersitz. Der Auerhof liegt direkt am Rhein, mit unverstellter Aussicht auf das Siebengebirge, das sich am anderen Ufer erhebt.

Plittersdorf gehört heute zu Bonn, der Stadtbezirk Bad Godesberg war das Diplomatenviertel der Bonner Republik. Dem Namen nach existiert der Auerhof nicht mehr. Seine Besonderheit hat der Ort jedoch behalten. Das Anwesen, das heute an gleicher Stelle steht, heißt Haus Carstanjen, benannt nach seinem späteren Besitzer. 

Das heutige Haus Carstanjen in Plittersdorf ist anstelle des ehemaligen Auerhof entstanden. Bild: Monika Gemmer

Sibylle muss ihr Sommerhaus im Zuge von Erbstreitigkeiten mit ihren Kinder um 1844 herum verkaufen. Der neue Eigentümer lässt den Auerhof zu einem kleinen Schlösschen umbauen. Nun haben seit rund 20 Jahren UN-Organisationen ihren Bonner Sitz im Haus Carstanjen. Die neugierige Besucherin kommt nur bis zu einem Zaun, der das Grundstück umgibt – und wird dort von Videokameras beobachtet.

Unbefugte müssen Abstand halten: Der ehemalige Sommersitz von Sibylle Mertens am Plittersdorfer Rheinufer wird heute von den Vereinten Nationen genutzt. Bild: Monika Gemmer

Die Atmosphäre ist trotz dieser Widrigkeiten eine ganz besondere. Hier sitze ich lange auf der Bank, lasse den Blick übers Wasser schweifen und reise gedanklich 190 Jahre in der Zeit zurück.

Blick vom Haus Carstanjen auf den Rhein. Bild: Monika Gemmer

Hier also erleben Adele und Sibylle ab 1828 glückliche gemeinsame Zeiten, kümmern sich zusammen um die Kinder und den Garten. Meist sind sie ungestört von Sibylles Ehemann Louis Mertens, der sich häufig geschäftlich in Köln aufhält.

Heute würde man das Ehebruch nennen – nach damaligem Verständnis sei es das nicht, schreibt die Biografin Angela Steidele. Ihr ist zu verdanken, dass wir heute viel über die Geschichte dieser Frauenliebe wissen1. Die Autorin und Literaturwissenschaftlerin erinnert daran, warum lesbische Frauen im 19. Jahrhundert nicht mehr mit dem Tode bestraft werden: Man hält Frauen gar nicht für fähig, ernstzunehmende Liebesbeziehungen miteinander zu führen. Angela Steidele beschreibt die Normen jener Zeit, als der Begriff „Homosexualität“ noch gar nicht erfunden war, so:

Eine Frau existierte rechtlich und gesellschaftlich nur durch ihren männlichen Vormund, den Vater, den Ehemann. Lesben, die aus der Liebe zu Frauen das eigene Selbstverständnis ableiten, konnten Sibylle Mertens und Adele Schopenhauer historisch noch nicht sein. Sie lebten an der Schwelle der sexuellen Moderne und entwickelten, erprobten und durchlitten die neue lesbische Identität paradigmatisch mit.

Beispielhaft für die damals verbreitete Auffassung erwähnt Angela Steidele eine Schrift, die die Liebe Sapphos zu Frauen zu widerlegen versucht. Der Verfasser ist ein Salongast von Sibylle Mertens: Friedrich Gottlieb Welcker, jener wegen Demagogie verfolgte Bonner Professor, dem wir im ersten Teil von „Droste in Bonn“ schon begegnet sind.

Annette von Droste mag ja extrem kurzsichtig sein, blind ist sie nicht.  Als sie im Mai 1828 zum zweiten Mal in Bonn zu Gast bei Onkel Moritz und Tante Sophie ist und in Plittersdorf auf Sibylle und Adele trifft, wird ihr der Charakter der Beziehung nicht entgangen sein. Schließlich bereiten die Liebenden gerade ihr Zusammenleben vor – und warten angespannt auf die Ankunft von Adeles Mutter Johanna, die sie bei ihrem Besuch in Plittersdorf davon überzeugen wollen, von Weimar an den Rhein überzusiedeln.

Zehnthof

Der Plan geht auf: Johanna Schopenhauer gefällt es am Rhein. Um die Entscheidung zu befördern, bietet Sibylle eine Immobilie aus dem Familienbesitz günstig zur Miete an, die zuvor ein Halbbruder bewohnt hat. So beziehen die Schopenhauers 1829 den Zehnthof in Unkel, der damals vier Wegstunden von Bonn und drei vom (via Schiff erreichbaren) Auerhof entfernt ist.

Unkel am Rhein. Bild: Monika Gemmer

Heute ist die Strecke von Plittersdorf nach Unkel mit dem Fahrrad in einer guten Stunde zurückzulegen. Ein Ausflug, der sich lohnt: Radelt man linksrheinisch nach Süden, bietet sich unterwegs eine schöne Aussicht aufs Siebengebirge mit Drachenfels und Schloss Drachenburg. Bei Rolandseck kann man dann die Fähre auf die rechte Rheinseite nehmen, wo Unkel liegt.

Als erstes fällt an der Unkeler Rheinpromenade das Freiligrath-Haus ins Auge.

Freiligrath-Haus in Unkel: In der Mansardenwohnung lebte der Dichter Ferdinand Freiligrath von 1839 bis 1840. Bild: Monika Gemmer

Den Altkanzler Willy Brandt, der seine letzten Lebensjahre hier verbracht hat, ehrt Unkel mit einer Dauerausstellung am Willy-Brandt-Platz.

Das Zeitgeschichte-Museum „Willy-Brand-Forum“ erinnert an den Altkanzler, der von 1979 bis zu seinem Tod 1992 in Unkel lebte. Bild: Monika Gemmer

Nach einem kurzen Spaziergang durch die Gassen des schönen Fachwerkstädtchen stehe ich schließlich vor dem ehemaligen Zehnthof, Wohnsitz der Schopenhauers in den Jahren 1829 bis 1832. Ihre Namen sind auf einer Tafel an der Mauer zu lesen.

Die Geschichte des Zehnthofes in Unkel, festgehalten auf einer Gedenktafel. Bild: Monika Gemmer

Groß und gepflegt wirkt das heutige Seniorenstift. Und dies soll vor 190 Jahren ein  „wirklich abgeschmackt geformtes Haus“ gewesen sein? Kaum zu glauben.

Der Zehnthof bestand zur Droste-Zeit nur aus einem der Giebelhäuser, die heute zu einem großen Gebäude miteinander verbunden sind. Bild: Monika Gemmer

Adele Schopenhauer erinnert sich:

Ich habe das Haus und den Garten ganz verwüstet bekommen, ich habe, weil die Arbeiter nichts taten, einziehen müssen und hatte weder Möbel noch Geschirre, noch anderer Bedürfnisse gar nicht zu reden.

Der Vergleich mit einem zeitgenössischen Bild macht deutlich: Hier hat sich einiges verändert.

Der Zehnthof auf einem Bild von Mme Goulet von 1829, dem Jahr, als die Schopenhauers einziehen. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Nach den Startschwierigkeiten leben sich Johanna und Adele in Unkel ein. Sie bewohnen das Haus allerdings nur im Sommer. Den Winter verbringen sie in einer Mietswohnung in der Bonner Wenzelgasse.

Als Annette die Schopenhauers während ihrer dritten Rhein-Reise 1830 in Unkel besucht, steht der Bekanntschaft eine schwere Zerreißprobe bevor. Die Dichterin, die sich im September für einen längeren Aufenthalt in Bonn bei Cousin Clemens und dessen Frau Pauline einquartiert hat, wird zu Jahresbeginn 1831 abkommandiert nach Plittersdorf: Sibylle hat sich eine schwere Verletzung zugezogen. Annette versorgt die Patientin samt deren Kindern und Haushalt wochenlang. An ihre Mutter schreibt sie am 7. Februar 1831:

Ich bin hier, um die Mertens zu pflegen, die sich, grade an dem Tage, wo ich angefangen zu schreiben, durch einen Stoß am Kopfe verletzt hatte. Ich habe viel Angst um sie ausgestanden, aber jetzt wird, hoffentlich, alle Gefahr überstanden sein. Doch ist sie noch sehr schwach und schläft des Nachts äußerst wenig. Doch gottlob, dass die Schmerzen im Kopf nicht zur eigentlichen Entzündung gekommen sind; sie hat diese Nacht einige Stunden geschlafen und hat guten Appetit.

Zu früh gefreut: Die Krankenpflege wird sich bis ins Frühjahr hinein hinziehen. Adele Schopenhauer beobachtet die Nähe mit Argwohn, kann sich aber nicht selbst um das „kranke Tierchen“ kümmern. Annette klagt ihrer Mutter Therese im März 1831 ihr Leid:

Ich bin jetzt schon in der 5. Woche bei der Mertens, die sehr gefährlich krank gewesen ist. Ich habe viel Last gehabt, so viel wie in meinem Leben noch nicht. Ich habe die arme Mertens Tag und Nacht verpflegt, fast ganz allein; denn ihrer Kammerjungfer hatte sie grade zuvor aufgesagt, weil sie trinkt, und konnte sie nun gar nicht mehr um sich leiden, … ihre beiden ältesten Mädchen sind in der Pension. Adele Schopenhauer immer krank. So war ich die Nächte zu der Sache.

Mitte März endlich löst Adele Annette ab – und muss sie nach wenigen Wochen bitten, die Pflege wieder zu übernehmen. Annette aber hat andere Pläne, sie will die Zeit im Rheinland nutzen, um ihre Freundin Wilhelmine von Thielmann in Koblenz besuchen. Mitte April schreibt Adele an Annette:

Die Mertens hat mir den Teil Ihres Briefes mitgeteilt, welcher Ihre Reise nach Koblenz zur Thielemann betrifft, ich begreife eine Menge hierbei, zum B[eispiel], dass Sie jetzt hinwollen um die letzte Zeit dem kranken Tierchen nicht mit Gewalt entziehen zu müssen, und dass Bonn trotz seiner enormen Vorzüge doch nicht ganz an das Paradies reicht, auch was Sie in Hinsicht meines Bleibens sagen, begreife ich! Es ist eine enorme Sache um den menschlichen Verstand! Ich glaube, Sie haben ganz recht, wenn Sie sagen, dass Sie immer nur eine gewisse Zeit bleiben können, diese mag nun in 8 oder 14 Tagen anfangen, aber dennoch, liebe Droste, kann ich Ihnen durchaus nicht unbedingt versprechen, noch mehrere Wochen zu bleiben der Mama wegen. … ich möchte überhaupt nichts entscheiden, denn mir ist noch immer nicht recht klar, ob es besser ist, wenn Sie Billchen pflegen oder wenn ich es tue, die Bäder tun es nicht allein, Ihre große Heiterkeit tut doch auch sehr viel.

Adele scheint hin- und hergerissen zwischen ihrer Eifersucht und dem Wissen darum, dass der Umgang mit der Dichterin ihrer Freundin gut tut. Auch Annette wird sich zerrissen gefühlt haben zwischen ihrem Pflichtgefühl und dem Wunsch, lang gehegte Besuchspläne in die Tat umzusetzen.

Die Angelegenheit eskaliert: Adele und Annette geraten in Streit. Schließlich gibt die Dichterin nach. Ab Ende April sitzt sie erneut an Sibylles Krankenbett in Plittersdorf. 

Im April/Mai 1831 versucht Adele, die Wogen zu glätten:

Liebe Nette, ich habe Sorge, dass Sie durch meine Art und Weise (…) verletzt sind. Nehmen Sie meiner Lage und meiner ganzen Stellung nicht zu viel übel; ich glaube jetzt etwas zu viel Entschuldigungen zu haben; jetzt eben, heißt das; damals eigentlich nicht. Doch ich höre zuletzt, wenn man lange mit mir spricht, nicht was man sagt; ich fasse es nur im Allgemeinen auf, was man meint, und schweige oft aus peinlicher Zerstreuung.

Glauben Sie mir, liebe Nette, ich will wo möglich niemandem etwas Unangenehmes oder gar Schmerzliches empfinden machen, ich bin nur ganz ungeschickt und im Ganzen äußerst schwer (bei so vielen Eigenheiten) richtig zu behandeln. Das hat mich verleitet, und ich fürchte, ich habe allerlei ganz Dummes gemacht und gesagt. Vergeben Sie das, wenn Sie irgend können.

Verhinderte Reise

Als es Sibylle besser geht, macht sie Reisepläne: Sie will mit Annette ins schweizerische Vevay fahren. Adele ist entsetzt. Überhaupt – ihre Freundin hat sich verändert. An ihre Vertraute und frühere große Liebe, Johann Wolfgangs Schwiegertochter Ottilie von Goethe, schreibt sie im Mai 1831:

Inkonsequenz, Launen, Mutlosigkeit, grenzenlose Härte gegen mich, abwechselnd mit Vertrauen u. Hingebung, das waren die Früchte des Umgangs mit Annetten. Sybille zeigte sich charakterlos … es blieb beschlossen, dass sie nach Vevay sollte teils ihrer Gesundheit wegen, teils um von ihrem Mann sich zu entfernen. Auch hier zeigte sie sich ganz unentschlossen, sogar kleinlich. Die Annette sollte mit, ich stehe bei M[ertens] ganz in Ungnade und die Mutter kann mich auch nicht entbehren. Ich litt unsäglich. … Dass ich aber so mit Annette ihre Neigung nicht teilen mochte war mir gewaltig klar. (…) Beim Abschied war Billa einen Tag bei mir u die alte Liebe siegte.

Sie schrieb bald darauf sehr trübe über sich selbst, ich tröstete u riet; aber mein Entschluss blieb fest, reiste sie mit Annette war sie verloren, ich wollte selten oder gar nicht schreiben, sie Annetten still lassen … Vor vier Tagen kam sie zu mir, sagte eigentlich nichts, war erstaunlich innig, weich wie ein Kind, u. ganz nebenbei erfuhr ich: Annette habe von ihrer Mutter Briefe, diese wünsche Nettens Rückkehr. Hat das inkonsequente Geschöpf Sybillen wehgetan, ich weiß nicht – kurz ich danke Gott! Denn Annette reist nicht mit nach Vevay.

Durchkreuzt hat die Reisepläne am Ende Annettes Mutter. Ihre Tochter könne „ohne Vormund und Geschäftsführer gar nicht in der Welt bestehen“, bescheidet sie – und verbietet die Fahrt kurzerhand.

Adele und Annette werden später doch noch Freundinnen. Adele fördert die Dichterin, spornt sie an, lässt ihre Kontakte spielen, um einen Verleger für die Droste-Werke zu finden. Im Frühjahr 1840 verbringen die beiden zwei gemeinsame Wochen bei Annette im Rüschhaus. Vom alten Zwist ist dabei nichts mehr zu spüren.

Dem Dichter der Rheinromantik, Ferdinand Freiligrath, und seinem Kumpel, dem Droste-Vertrauten Levin Schücking, gefällt Unkel übrigens so ausnehmend gut, dass sie sogar den kühnen Plan schmieden, hier mit Annette von Droste und Sibylle Mertens eine Art Künstler-WG zu gründen.

Marktplatz in Unkel. Bild:Monika Gemmer

Im Café am Markt in der Sonne sitzend, kann ich sehr gut nachvollziehen, dass die Jungs sich in ihrem Müßiggang hier wohlgefühlt haben. Kaum vorstellbar allerdings, dass Annette von Droste ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, mit einem wie Freiligrath, diesem Ladenschwengel, unter einem Dach zu leben.

Der dritte und letzte Teil führt uns wieder nach Bonn zurück – in die Wilhelmstraße, wo die Familie Mertens sich ein neues Haus baut. Und wo Sibylle von Adele Abschied nehmen muss.  Stay tuned! :)

Droste in Bonn (1): Reisen in eine andere Welt

Aus dem rückständigen Westfalen in das aufgeschlossene, lebenslustige und politisch bewegte Rheinland: Für die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff müssen sich die Reisen nach Bonn und Köln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefühlt haben, als löse sich das Korsett. Wenn sie denn je eines getragen hat.

Acht Aufenthalte der Münsteranerin allein in Bonn für die Zeit zwischen 1825 und 1846 sind überliefert. Zusammengerechnet verbrachte sie ein gutes Jahr ihres Lebens in dem aufstrebenden Städtchen, das mit seiner noch jungen Universität viele Gelehrte anzog. Bei ihrem ersten Besuch zählte Bonn um die 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner, bei ihrem letzten war die Bevölkerung auf rund 17.000 angewachsen.

Wo hat Annette von Droste-Hülshoff in und um Bonn gewohnt, welche Bekanntschaften und Freundschaften, die ihren Weg als Autorin teilweise entscheidend mitprägten, hat sie in dieser Gegend geschlossen? Ich bin an den Rhein gefahren und dort auf Spurensuche gegangen.

Das alte Bonn als Modell am Münsterplatz. In diesen Gassen suche ich nach Droste-Orten. Bild: Monika Gemmer

Es sind die aus Westfalen ausgewanderten Verwandten, die Annette von Droste an den Rhein führen: In Bonn wohnen ihr Onkel mütterlicherseits, Moritz Elmerhaus von Haxthausen, mit Gattin Sophie von Haxthausen, außerdem der Cousin Clemens August von Droste-Hülshoff und seine Frau Pauline.

Auch zu Köln gibt es familiäre Verbindungen: Der Onkel Werner von Haxthausen lebt hier mit Gattin Betty. Von der Nichte vom Land erhofft er sich einen mäßigenden Einfluss auf seine gesellige Frau. Doch es kommt anders: Annette und Betty werden sich gemeinsam in den Kölner Karneval stürzen.

Cousin Clemens, mit dem Annette sich sehr verbunden fühlt, ist Professor für Kirchenrecht an der frisch gegründeten Bonner Universität. Ihren heutigen Namen – Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität nach ihrem Gründer Friedrich Wilhelm III. – bekommt die Hochschule erst 1828, zehn Jahre nach Gründung.

„Lächerlich eitel“: Begegnung mit Bonner Professoren

1825 gerät Annette mitten hinein in die bewegten Anfangsjahre der Universität und lernt einige der ersten dort tätigen Professoren persönlich kennen. In Familienbriefen berichtet sie von Begegnungen mit dem Mediziner Joseph Ennemoser, dem Kunsthistoriker Joseph Eduard d’Alton und dem „trotz seines vielen Verstandes lächerlich eitlen“ Literaturhistoriker August Wilhelm von Schlegel, mit dem sie „übrigens recht gut steht“.

Zumindest hinter vorgehaltener Hand wird in diesen Kreisen vermutlich auch über einige Bonner Kollegen gesprochen, die in Schwierigkeiten sind. Seit sechs Jahren schon werden die Universitäten überwacht, gelten sie doch als Brutstätten umstürzlerischer Ideen. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 liefern den gesetzlichen Rahmen für  Zensur, Bespitzelung und Berufsverbote. Preußen und die anderen Staaten des Deutschen Bundes greifen hart gegen alle durch, die eine liberale, „nationale“ Gesinnung offenbaren – was damals, als ein deutscher Nationalstaat noch nicht existiert, eine andere Bedeutung hat als heute.

In Bonn trifft die Repression zum Beispiel den Philologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker, der an der Universität lehrt. Auch der Bonner Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt wird verfolgt: Gegen den Schriftsteller und Freiheitskämpfer läuft ein Verfahren wegen „demagogischer Umtriebe“. Zu der Zeit, als Annette sich erstmals in Bonn aufhält, darf er an der Philosophischen Fakultät bereits keine Vorlesungen mehr halten.

Das heutige Bonn zeigt sich stolz auf Ernst Moritz Arndt. Auf einer Art rheinischem „Walk of Fame“ in der Bonngasse stolpere ich über sein Konterfei, das neben dem weiterer Persönlichkeiten der Stadtgeschichte ins Pflaster eingelassen ist.

Vierecksplatz

Nur wenige Schritte von der Bonngasse entfernt wohnt Annette von Droste-Hülshoff während ihres ersten Aufenthalts. Onkel Moritz und Tante Sophie nehmen sie am 13. Oktober 1825 in ihrer Wohnung am Vierecksplatz 863 in Empfang. Die Straße, zentral gelegen zwischen Burgstraße und Hundsgasse, war benannt nach dem Erbauer der ersten Häuser, einem Hofkurier Viereck.

Im heutigen Stadtplan sucht man diese Ortsbezeichnungen vergeblich. Laut Bonner Straßenkataster wurde der Vierecksplatz nach dem Bau der Rheinbrücke im Jahr 1898 umbenannt in Brückenstraße. Sie lief ungefähr auf der Höhe der heutigen Friedrichstraße auf den Rhein zu.

Ingrid Bodsch2 verortet den Vierecksplatz der Droste-Zeit am heutigen Bertha-von-Suttner-Platz, der an einer der wichtigsten Verkehrsachsen in Ost-West-Richtung am nördlichen Rand des Bonner Zentrums liegt.

Bertha-von-Suttner-Platz. Bild: Monika Gemmer

Wenzelgasse

Direkt um die Ecke in der Wenzelgasse 463 wohnen zu dieser Zeit Pauline und Clemens August von Droste-Hülshoff. Die Straße zwischen Markt und heutigem Bertha-von-Suttner-Platz hat ihren Namen bis in die Gegenwart behalten und gehört nun zur Fußgängerzone. Annette schaut nicht nur während ihres ersten dreitägigen Kurzbesuchs in Bonn bei den beiden rein, sondern auch in den kommenden Monaten von Köln aus, wohin sie am 17. Oktober 1825 weitergereist ist.

So sieht die Wenzelgasse, wo Clemens und Pauline von Droste-Hülshoff ihre Wohnung hatten,  heute aus. Bild: Monika Gemmer

Acherstraße

Später ziehen der Bonner Kirchenrechtler und seine Frau von der Wenzelgasse um in die  nahegelegene Acherstraße. Auch sie ist heute Teil der Fußgängerzone und erstreckt sich in einem Bogen zwischen Remigiusstraße/Marktbrücke und Dreieck. Das Haus Nummer 239, wo Clemens und Pauline wohnen, gehört damals Gertrud Ostler, der späteren Ehefrau von Karl Simrock. Hier schlägt die Dichterin bei künftigen Bonner Aufenthalten bevorzugt ihr Basislager auf, so zum Beispiel bei ihrer dritten Rheinreise von September 1830 bis Juni 1831.

Am 6. November 1835 empfängt Pauline sie alleine in der Acherstraße – Clemens ist drei Jahre zuvor mit gerade mal 39 Jahren gestorben. Mit der jungen Witwe verbringt Annette von Droste Weihnachten und Neujahr und bleibt bis zum 5. Februar 1836.

Die Acherstraße heute. Bild: Monika Gemmer

Noch vier weitere Male macht sie in die Acherstraße Station, nunmehr immer auf der Durchreise zwischen dem heimischen Rüschhaus bei Münster und Meersburg am Bodensee, wo Schwester und Schwager leben. Aufenthalte sind überliefert vom 22. bis 24. September 1841, vom 2. bis 10. August 1842, vom 21. bis Ende August 1843 (diesmal in Begleitung von Mutter Therese und Freundin Elise Rüdiger, die mit nach Meersburg reisen), und schließlich auf ihrer letzten Fahrt an den Bodensee, von Mitte bis 29. September 1846.

Einen Anhaltspunkt, wo das Haus stand, gibt wiederum Ingrid Bodsch, die sich dabei auf die Chronik des Hauses Simrock stützt. Demnach ist die heutige Adresse Acherstraße Nr. 13. Meine Suche vor Ort endet vor den Schaufenstern eines Herrenausstatters.

Acherstrasse 13b in Bonn. Bild: Monika Gemmer

Rheinische Mode

Auch Annette von Droste „takelt“ sich bei ihren Besuchen am Rhein auf, wie sie es nennt. Natürlich nur unter Protest, so versichert sie jedenfalls ihrer Mutter in einem Brief aus Bonn, geschrieben am 14. Oktober 1830.

Ich habe mich bei einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beinahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun, dann müsste ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von L … hielten. Aber es kommt daher: Jeder rät mir etwas anderes zu und meint, das übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bei Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, dass ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen.

Heimweg klingt aus diesen Zeilen, und doch ist, als dieser Brief entsteht, das Rheinland für Annette bereits so etwas wie eine zweite Heimat geworden, ein Ort, der mit seinem Klima – kulturell wie meteorologisch – Italien schon recht nahe kommt, dem kollektiven Sehnsuchtsziel jener Zeit. Das liegt nicht zuletzt auch an den Freundinnen in Bonn und Köln, die sie auch als Dichterin anerkennen.

Schon auf der ersten Reise 1825 lernt sie in Köln die Archäologin Sibylle Mertens-Schaaffhausen kennen – eine folgenreiche Begegnung. Mehr dazu im zweiten Teil von „Droste in Bonn“!

Treibgut

Ungewöhnliches Treibgut im Rhein vor der Kulisse des Siebengebirges.

Wer hätte gedacht, dass Bücher Segel hissen können? Dieses schafft es hoffentlich bis Rotterdam und dann, endlich, ins Meer.

Und dies war der Soundtrack zum Moment, den ich den ganzen Nachmittag im Ohr hatte:

Bonn und ich

Mit Bonn verbindet mich ein Teil meiner Familiengeschichte: Meine Mutter wuchs im Rheinland auf, und die Besuche bei meinen Großeltern und weiteren Verwandten führten uns jahrzehntelang immer wieder hierher zurück.

Beethoven wacht auf dem Bonner Münsterplatz: Der Komponist wurde 1770 am Rhein geboren. Bild: Monika Gemmer

Die Familie meiner Mutter war in dieser Gegend tief verwurzelt: Bei einem Ausflug in die Ahnenforschung fand ich Vorfahren bis weit ins 18. Jahrhundert zurück, die in den Dörfern rund um Bonn gelebt hatten (einige, wie Kessenich und Friesdorf, sind heute Bonner Stadtteile).

Mein Vater wiederum, der aus dem Ruhrgebiet stammt, studierte in Bonn und lernte dort meine Mutter kennen. Als 85-Jähriger nahm er uns Kinder kürzlich mit auf eine Reise in seine jungen Bonner Jahre, rüttelte an der verrosteten Tür in den Mauern der Stadtbefestigung, in deren Gewölbe als Student hauste, und zeigte uns lächelnd das Universitätsgebäude, jenen Ort, wo meine Mutter sich nach ihm erkundigt hatte, weil sie ihn nach einem ersten Treffen wiedersehen wollte. (Der Kommilitone, den sie damals auf dem Universitätsflur nach ihm fragte, wurde später mein Patenonkel.)

Mein einprägsamstes Bonn-Erlebnis hatte ich Anfang der 80er Jahre, als ich zusammen meiner Mutter und 150.000 anderen Menschen auf einer der großen Friedensdemonstrationen im Bonner Hofgarten war.

Und trotz alledem bin ich mit Bonn nie warm geworden. Es blieb die fremde Stadt, in die wir fuhren, um langweilige Verwandtschaftsbesuche zu machen – oder noch langweiligere Spaziergänge. Ganz dunkel erinnere ich meinen Opa, der die Rheinpromenade entlangmarschierte, plötzlich stehenblieb, wichtig gen Süden schaute, mit seinem Stock Richtung Regierungsviertel zeigte und mit erhabener Stimme etwas von „Hammerschmidt“ sagte, von „Schürmann-Bau“ und „Langem Eugen“. Mir war das so egal.

Der „Lange Eugen“ beherbergte bis 1999 die Büros der Bundestagsabgeordneten. 2006 zogen Organisationen der Vereinten Nationen ein, heute es Zentrum des UN-Campus. Aus dem Schürmann-Bau, geplant und gebaut als Erweiterung und vom Hochwasser 1993 stark beschädigt, funkt heute die Deutsche Welle. Bild: Monika Gemmer

Gauck war dieser Tage noch ein letztes Mal da zu einem Schumann-Abend: Die Villa Hammerschmidt, bis 1994 erster, seither zweiter Wohn- und Amtssitz des Bundespräsidenten in Bonn. Seit 2011 kann man hier auch heiraten. Bild: Monika Gemmer

Das Alte Wasserwerk am Rheinufer, von 1986 bis 1992 Plenarsaal des Bundestages. Das Gebäude kann man für Veranstaltungen mieten. Dazwischen bietet die Stadt Führungen an. Bild: Monika Gemmer

Die Abgeordneten hockten im beengten Wasserwerk dicht aufeinander – die Debatten, so berichten einige Zeitzeugen, seien wohl gerade deshalb deshalb besonders friedlich verlaufen. Bild: Monika Gemmer

Dann, als war die Party vorbei und das Regierungsviertel verlassen war,  tat Bonn mir irgendwie leid. Die ehemalige Hauptstadt wirkte auf mich aus der Zeit gefallen, morbide und an manchen Stellen fast ein bisschen apokalyptisch mit ihren verwaisten Gebäudekomplexen, den kaputten Jalousien in den Fenstern, den Hecken, die niemand mehr stutzt, dem Grün, das überall den Beton überwuchert. Während die Uhren im Rest des Landes weiter tickten, gab es in Bonn Ecken, wo die Zeit stehengeblieben schien.

Doch inzwischen hat Bonn bewiesen, dass die Stadt flexibel ist. Bonn kann sich trennen! Oder, wie die Rheinländer sagen: Wat fott es, es fott.

Seit 2006 verwaist: Die frühere Botschaft der Republik Ungarn in Bonn-Bad Godesberg (Ortsteil Plitterdorf). Bild: Monika Gemmer

Am Hauptbahnhof wird derzeit die Südüberbauung abgerissen. Das unattraktive „Bonner Loch“ soll komplett neu gestaltet werden. Bild: Monika Gemmer

Das Bonn-Center, ein Geschäftshochhaus am Rande des Regierungsviertels, wird am 19. März 2017 gesprengt – unter dem strengen Blick Konrad Adenauers, dessen Büste vor dem ehemaligen Kanzleramt steht. Bild: Monika Gemmer

Hübsch hässlich: Die zwei Seiten von Bonn, hier in der Poststraße. Bild: Monika Gemmer

Auch das ist Bonn: Eine Stadt, die üppig wie nur wenige andere in Deutschland mit herausgeputzten Häusern aus der Gründerzeit ausgestattet ist. Vor allem in der Südstadt reiht sich eine Fassade an die andere, auf denen Jahreszahlen aus der Zeit um die Jahrhundertwende prangen.

Gründerzeit-Fassaden im Bonner Stadtteil Poppelsdorf. Bild: Monika Gemmer

 

Balkönchen-Parade in der Colmantstraße. Bild: Monika Gemmer

Aber nicht nur dort, auch in anderen Stadtteilen findet sich noch viel alte Bausubstanz. Zum Beispiel in Kessenich. Hier habe ich mich für ein paar Tage via AirBnB privat einquartiert und mache mit dem Fahrrad Entdeckungsausflüge in Stadt und Umgebung. Ich will Bonn endlich kennenlernen – und bei dieser Gelegenheit, regelmäßige Leserinnen wird es nicht überraschen, auch einige Droste-Orte in und um Bonn aufsuchen. In Kürze mehr dazu!

Die Breite Straße in der Bonner Nordstadt. Bild: Monika Gemmer

Blick in die Wolfstraße. Bild: Monika Gemmer

Die Ecke Breite Straße / Dorotheenstraße. Bild: Monika Gemmer

Drüben notiert

Burg Hülshoff: Grünes Licht für den Ausbau

Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) knallten vermutlich die Sektkorken, als der Brief aus Berlin eintraf: Für den Ausbau von Burg Hülshoff, dem Geburtsort der Dichterin westlich von Münster, schießt das Bundesbauministerium satte 4,6 Millionen Euro zu – und fördert das Projekt, über das ich hier ausführlich schrieb, damit fast in vollem Umfang.

Die Entscheidung, die Ministerin Barbara Hendricks heute offiziell bekanntgab, dürfte bei der Droste-Stiftung und deren federführendem Mitglied LWL große Erleichterung ausgelöst haben. Denn das, was die Stiftung an eigenen Geldern hat, reicht zwar, um den Betrieb von Burg Hülshoff und dem späteren Wohn- und Schreibort Rüschhaus wenige Kilometer aufrechtzuerhalten. Mehr aber auch nicht.

Burg Hülshoff auf einer Darstellung von Alexander Duncker aus dem 19.Jahrhundert und einem Foto, das ich 2015 gemacht habe – jeweils rechts ein Teil der Vorburg, die nun ausgebaut werden soll.

„Wir freuen uns sehr, weil jetzt der Ausbau losgehen kann“, kommentiert Barbara Rüschoff-Thale, die Vorstandsvorsitzende der Droste-Stiftung und Kulturdezernentin des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, den positiven Förderbescheid. Vor rund einem Jahr hatte ich mich mit ihr,  LWL-Direktor Matthias Löb sowie dem Geschäftsführer der Droste-Gesellschaft, Jochen Grywatsch, auf Burg Hülshoff getroffen.

Die drei zeigten mir die Räumlichkeiten, führten mich auf abenteuerlich anmutenden alten Holztreppen hinauf ins Dach der Vorburg, wo die Dohlen hausen, und erläuterten mir, was genau sie vorhaben mit dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude. Herzstück der Pläne ist ein Droste-Kulturzentrum: Die Vorburg wird Veranstaltungsstätte mit Platz für Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Workshops. Auch im Haupthaus, der eigentlichen Burg, soll sich einiges ändern. Das Museum wird modernisiert, und bislang der Öffentlichkeit verschlossene Räume sollen zugänglich gemacht werden.

Ende des Dornröschenschlafs

Demnächst also werden die Handwerker anrücken und mit Baulärm und emsigem Treiben den Dornröschenschlaf, in dem die Wasserburg zu liegen scheint, beenden. Man muss das nicht bedauern. Dieser Ort hat sich schon zu Lebzeiten seiner berühmten Bewohnerin immer wieder verändert. Ja, Annette von Droste schätzte die Beschaulichkeit, sie war tief verwurzelt im westfälischen Boden, sie hing am Althergebrachten – aber sie war auch offen für Veränderung und suchte ständig Wege, junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern. Man darf annehmen, dass es ihr gefallen würde, wenn hier, an dem Ort, an dem sie ein Vierteljahrhundert lang lebte, schrieb und Verse in altem Gemäuer versteckte, nun eine Stätte für Literatur, Kunst und kulturelle Debatte entsteht. Um das Jahr 2020 herum könnte das Droste-Kulturzentrum in Vollbetrieb gehen. Dann wäre es dann fast genau 200 Jahre her, seit der frühe Tod des Vaters die junge Dichterin zum Auszug aus der idyllisch gelegenen Wasserburg zwang.

Zu hoffen ist, dass der Charakter des Ortes gewahrt bleibt. Wie ich die Akteure des Projekts einschätze, so werden sie dafür Sorge tragen. Ich bin sehr gespannt. Und werde ab und zu ins Münsterland reisen, um mir die Entwicklung vor Ort anzuschauen.

Die Angst der Föhrer vor der Versyltung

Mögen sich „Hauptstädter“ in Wyk und die Landföhrer in den elf Inseldörfern auch in vielerlei Hinsicht nicht grün sein – wenn es um die schnieke Nachbarin Sylt geht, ist man sich einig: „Die haben sich verkauft.“ Mehrfach bekommen wir diesen Satz auf Föhr zu hören, wenn es um den Wohnungsmarkt geht.

Mutmaßlich unerschwinglich: Bauernhaus bei Witsum auf Föhr. Bild: Monika Gemmer

Vor einigen Jahren konnte ich auf Sylt besichtigen, was das heißt: Mehrere tausend Menschen, die auf der Insel arbeiten, reisen morgens mit der Bahn vom Festland an und kehren abends dorthin zurück, denn fast niemand, der sein Geld in Gastronomie oder Hotelgewerbe, im Handwerk, Einzelhandel oder in sonstigen stinknormalen Berufen verdient, kann sich mehr eine Wohnung auf Sylt leisten. Gleichzeitig stehen überall Häuser leer, deren Besitzer nur ein paar Wochen im Jahr dort sind. Nur noch zehn Prozent der Immobilieneigner auf Sylt seien Einheimische, so erzählt uns ein Föhrer Busfahrer.

Längst ist die Entwicklung auch zu den Nachbarinnen Föhr und Amrum hinübergeschwappt. Aktuell wird über Immobiliensout24 auf ganz Föhr exakt eine Wohnung angeboten (9 Zimmer, 260 Quadratmeter, 2300 Euro Kaltmiete im Monat – nicht gerade das, was jetzt die Durchschnittsmieterin so suchen würde.) Der Wyker Blogger Peter warnte bereits 2014 Neuankömmlinge vor zu viel Optimismus:

Bitte nicht glauben, dass man auf Föhr, speziell in Wyk und Umgebung, was zu Mieten findet. Schaut in den entsprechenden Facebookgruppen nach, durchsucht das Internet und die lokale Presse hier (aka Inselbote am Samstag). Da ist so gut wie nie was. Wenn dann 10€/qm kalt einrechnen. Wenn einen das nicht schreckt, dann davon ausgehen, dass man eine gaaaanze Weile in einer FeWo verbringt und die eigenen Sachen in Dagebüll im Container zu liegen hat.

Ans Kaufen ist für normale Leute eh kaum zu denken. Die Immobilienpreise gehen auch auf Föhr durch die Decke. 5000 Euro pro Quadratmeter für eine Eigentumswohnung in guter Lage von Wyk – „vor ein paar Jahren noch üblich“, berichtet unser Busfahrer. Heute würden bis zu 13.000 Euro aufgerufen. Und auch in den Dörfern sei eine Immobilie selbst für Gutverdiener kaum noch zu bezahlen. „Schauen Sie sich zum Beispiel dieses Haus an“, sagt der Busfahrer und deutet auf ein kleines, sehr unscheinbares und sehr in die Jahre gekommenes Backsteingebäude am Rande des Ortes, den wir gerade passiert haben. „Dafür würde der Eigentümer 600.000 Euro kriegen. Mindestens. Das garantier ich Ihnen!“ Jedenfalls dann, wenn das Haus an einen solventen Auswärtigen gehe. EIn Verkauf an Insulaner würde allenfalls ein Drittel der Summe bringen. Verkauft sich Föhr also auch?

Geld stinkt weder auf Sylt noch auf Föhr, und hier wie dort sehen sich Erbengemeinschaften oft zum Verkauf gezwungen, weil einer ausbezahlt werden will. Dann aber nehmen die Leute halt, was sie kriegen können. Wer kann es ihnen verdenken? Auf Sylt hörten wir vor ein paar Jahren, dass einer der ersten, der nach einem Todesfall an der Haustür der Erben klingelt, der Makler sei – ein Angebot im Gepäck, das die wenigsten ablehnen würden.

Auf Föhr wird ein Haus nach dem Besitzerwechsel nicht selten weggerissen, erzählt unser Busfahrer weiter, und mehrere neue an seiner Stelle gebaut. Mit großen Ferienwohnungen drin, bodentiefen Fenstern, bei denen das ganze Jahr über die Plissees von unten bis auf Hüfthöhe zugezogen seien. Obendrauf ein Reetdach (das Reet stammt meist aus Polen oder Rumänien), denn Touristen wollen unbedingt unter Reet urlauben. Nach jedem Regenguss, wenn das nasse Dach den Mobilfunk abwürgt, sehe man sie dann verzweifelt ihre Handys aus dem Fenster halten auf der Suche nach einem Netz.

Föhr first

Wenn ja wenigstens jemand drin wohnt, und seien es auch nur Touristen. Mitunter aber stehen Häuser fast das ganze Jahr über leer. Luxusferiendomizile, für die man 500 Euro pro Tag hinblättern muss. Vor allem aber Zweitwohnsitze, die nicht vermietet werden. Wenn unser Busfahrer nach Einbruch der Dämmerung durch Witsum fährt, wo eine dieser Siedlungen steht, dann sehe er in gerade mal zwei oder drei der 20 Häuser Licht brennen.

Klingt alles so, als sei Föhr bereits auf dem besten Wege in die Versyltung. Aber man stemmt sich dagegen: Seit einigen Jahren werden Neubaugebiete exklusiv für Einheimische ausgewiesen, die teilweise verpflichtet werden, auch später nicht an Auswärtige zu verkaufen. Föhr first.

Tja. Da bleibt einem nichts, als sich von dem alten Traum vom Wohnen auf der Insel zu verabschieden. Oder vielleicht doch nicht? Der Mensch braucht schließlich Träume! Meinem hab ich auch diesmal wieder einen Besuch abgestattet:

Steht immer noch und wartet auf mich: Mein Traumhaus am Föhrer Südstrand (und Drehort für die TV-Serie „Reiff für die Insel“). Bild: Monika Gemmer

Die Wahrheit über das Biiken

Fünf Freundinnen auf Föhr – das könnte glatt der Titel einer Serie sein, erweist sich aber als einmalige und höchst vergnügliche Cliquen-Reise auf die Nordseeinsel, mit langen Strandspaziergängen, Inselrundfahrten, Museumsbesuchen, gemütlichen Teestunden und Friesentorten-Testessen quer durch alle Konditoreien, die gerade nicht Betriebsferien haben, Einkaufsbummeln, Raclette-Gelagen und Spieleabenden am großen Tisch der Wohnstube, in die wir uns eingemietet haben. Und auch, wenn es sich heute eingeregnet hat: Alles in allem haben wir Glück mit dem Wetter. Draußen kommt nun der schon für die Wochenmitte angekündigte Wind auf (von Sturm ist hier erst die Rede, wenn die Schafe keine Locken mehr haben), wir haben uns beim Kaufmann mit den wichtigsten Lebensmitteln (Maiswaffeln, Wein etc.) eingedeckt und uns verkrochen. Morgen wird der Himmel wieder blankgefegt sein – so wie am vergangenen Dienstag, dem Tag des Biikebrennens.

Unterwegs zwischen Wyk und Goting-Kliff.

Denn das war der Anlass unserer Reise. Vom romantischen Feuer, mit dem die Friesen alljährlich am Abend des 21. Februar den Winter vertreiben, habe ich im Freundeskreis so lange geschwärmt, bis ich sie soweit hatte, mich zu begleiten, und so machten wir uns zu fünft im Abteil auf den Weg in den Norden. Hier, im Friesenmuseum von Wyk auf Föhr, fuhr mir dann die Museumsführerin Astrid in die Parade, als sie meinen Mitreisenden verriet, dass das Biikebrennen keineswegs eine uralte Tradition ist und schon gar nichts mit der Verabschiedung der Walfänger am Vorabend des Petritages zu tun hat, wie ebenfalls oft behauptet wird. Die Nordfriesen veranstalten die kollektive Fackelei mit anschließenden Grünkohlessen erst seit dem 19. Jahrhundert, und später haben sich die Nazis auch diesen Brauch unter den Nagel gerissen. Heute, meint die Museumsführerin Astrid, ist die ganze Biikebrennerei eher ein riesiges Entsorgungsfest für ausrangierte Weihnachtsbäume und Grünschnitt. Tatsächlich beobachten wir man in den Tagen zuvor überall fleißige Föhrer in ihren Gärten beim Bäumestutzen und Heckeschneiden.

Ach – was soll’s. 50 Biikefeuer brennen in Nordfriesland, 14 davon alleine auf Föhr, und wir wandern schon am Nachmittag los, denn wir wollen das Feuer am Goting-Kliff erleben.

Nach acht Kilometern Strandwanderung kommen wir dort an – und finden einen aufgeschichteten, aber einsamen Biikehaufen.

Fast alles bereit fürs Biikebrennen am Goting-Kliff – nur einer fehlt noch, der Piader.

Wir sind viel zu früh, noch brennt hier lange nichts. Auch der Piader, die von den Mädels genähte Strohpuppe, die obenauf gesteckt wird und möglichst abbrennen soll, ohne umzufallen, fehlt. Das nahe Kliffcafe hat zu, wir frieren uns nach dem Marsch den Hintern ab – nach einer halben Stunde bestellen wir uns ein Taxi zurück nach Wyk und wandern zum dortigen Biikehaufen, der nicht halb so schön gelegen, dafür aber von idyllischen Punsch-Ständen flankiert ist. 

#goa17

Kurz notiert

„Werte Fahrgäste, ich darf Ihnen an dieser Stelle einfach allen mal einen schönen Feierabend wünschen. Kommen Sie gut nach Hause. Und denken Sie dran: Alles wird gut.“ #frankfurtjetzt #tramlinie11 (via Facebook)