Kunst auf Schritt und Tritt: Die „Skulptur Projekte“ 2017 in Münster

Alle zehn Jahre verwandelt Münster sich für etwa 100 Tage in ein großes Freiluft-Museum. Überall in der Stadt sind dann Kunstwerke zu finden: Skulpturen, Plastiken, Bilder, Bauwerke, Installationen bereichern Parks, Straßen, Plätze, Gebäude, Industrieflächen, sogar das Wasser im Hafen. „Skulptur Projekte“ heißt das Ereignis, das 2017 zum fünften Mal stattfindet – und eines der schönsten Geschenke zum meinem Geburstag war die Reise zu diesem Event inklusive sachkundiger Führung mit einer Expertin.

Da lang zur Skulptur!

Da lang zur Skulptur!

Um die „Skulptur Projekte“ auf die Beine zu stellen, lädt Münster Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt ein, sich in der Stadt umzuschauen, sich einen Standort auszusuchen und ein temporäres Kunstwerk für genau diesen Ort zu schaffen. 40 Künstler*innen sind der Einladung diesmal gefolgt, gut drei Dutzend Werke realisiert worden – die meisten unter freiem Himmel, an öffentlich zugänglichen Plätzen, denn die Kunst soll zu den Menschen kommen. Allerdings: In Münster haben die Leute nicht gerade darum gebeten.

Konfrontationstherapie für Kunstmuffel

Als Anfang der 1970er Jahre mehrere rotierende Quadrate an der Promenade aufgestellt wurde, rümpften die konservativ-katholischen Münsteraner die Nasen. Mit zeitgenössischer Kunst hatten sie es einfach nicht so. Ein wenig Kunstvermittlung könnte nicht schaden, fanden die späteren Kuratoren und initiierten 1977 die erste Skulpturen-Schau. Das Konzept ging nur allmählich auf. Anfangs fremdelten die Münsteraner mit den merkwürdigen Dingern, die irgendwelche abgehobenen Künstler da in ihre Stadt stellten. Unbekannte versuchten, die steinernen „Giant Pool Balls“ von Claes Oldenburg in den Aasee zu rollen – heute sind sie eines der Markenzeichen Münsters. Aber auch noch 40 Jahre später werden in Münster Skulpturen geköpft. Zweimal sind die um einen Brunnen gruppierten Figuren von Nicole Eisenman zum Ziel von Vandalen geworden.

Nicole Eisenman: Sketch for a Fountain. Unbekannte haben dieser Gipsfigur den Kopf abgetrennt.

Nicole Eisenman: Sketch for a Fountain. Unbekannte haben dieser Gipsfigur den Kopf abgetrennt.

Nicole Eisenman: Sketch for a Fountain

Auch am Kopf dieser Figur hat sich jemand zu schaffen gemacht.

Die in New York lebende Künstlerin will nicht, dass die beschädigten Skulpturen repariert werden – die Zerstörungswut, die ihre Kunst auslöst, wird Teil des Werks.

Dabei ist die Gruppe an der Promenade eines der beliebtesten Werke der diesjährigen „Skulptur Projekte“. Vielleicht, weil sie ein bisschen beneidet: Entspannt flezen sich die androgynen Nackten rund um ein Becken, scheinen das Leben zu genießen und sich ganz frei zu fühlen. Nicole Eisenman, die selbst lesbisch ist, nennt es ein „queeres Arkadien“, und ich finde, das passt.

Beobachtet wird die ganze Szenerie übrigens von einer alteingesessenen Münsterländerin, die am Rande unter den Bäumen steht … :)

Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff an der Promenade

Vor dem LWL-Museum für Kunst und Kultur, quasi das „Hauptquartier“ der Skulpturen-Schau, scheint jemand ziemlich blöd geparkt zu haben: Ein Lkw steht auf dem Vorplatz, auf der Ladefläche eine schwarze Kiste, darauf die Aufschrift „Fragile“. Was aussieht wie eine Ordnungswidrigkeit, ist der Beitrag Cosima von Bonins und ihres Kollegen Tom Burr. Was sie dort augenzwinkernd zuparken, als ob sie sie abtransportieren wollen, ist die Bronzefigur „The Archer“ von Henry Moore, die bis 2019 als Leihgabe vor dem Museum steht – ganz unabhängig von der aktuellen Skulpturen-Schau. Das ist ziemlich frech – und deshalb ziemlich cool!

Cosima von Bonin/Tom Burr: Benz Bonin Burr

Cosima von Bonin/Tom Burr: Benz Bonin Burr

Nicht nur an belebten Plätzen findet die Ausstellung statt. Einige Künstler*innen ent-decken den öffentlichen Raum – buchstäblich. Sie machen historische Bezugspunkte sichtbar, locken Neugierige an vergessene, vernachlässigte Orte, deuten Un-Orte um zu Plätzen, an denen man verweilen möchte.

Eine Unterführung wird zum Wohnzimmer

Für Ortsfremde sind manche dieser Orte nur schwer zu finden, aber zum Glück gibt es einen Skulpturen-Stadtplan – und in der Stadt sieht man viele, die damit unterwegs sind. (Hier gibt’s eine Google-Map.) Die Unterführung am Schlossplatz ist einer dieser versteckten Orte. Sie führt unter der vielbefahrenen B54 hindurch, die das Schloss von der Innenstadt trennt. Der Berliner Künstler Aram Bartholl macht diesen unwirtlichen Ort gleichsam zum Wohnzimmer, indem er hier fünf Kronleuchter aufgehängt hat. Hier und an zwei weiteren Standorten nutzt Bartholl thermoelektrische Energie: Die LED-Lampen werden durch Teelichter mit den nötigen drei Volt Elektrizität versorgt.

Aram Bartholl: 3V

Aram Bartholl: 3V

Aram Bartholl: 3V

Aram Bartholl: 3V

Der Begriff Skulptur ist in Münster also weit gefasst. Auch Performances gehören dazu – und Videokunst. Andreas Bunte hat mehrere Orte mit Wlan ausgestattet und dort Poster aufgehängt, auf denen QR-Codes abgedruckt sind – sie starten Kurzfilme auf dem Smartphone, in denen Bunte technische Vorgänge wie die Rotation einer Autowaschanlage aus dem Zusammenhang reißt und mit der Kamera wie im Labor beobachtet.

Andreas Bunte: Laboratory Life

Andreas Bunte: Laboratory Life. Die QR-Codes auf den Plakaten starten Videos auf dem Smartphone.

Das Unbekannte miteinander teilen

Gut gefallen hat mir ein Projekt von Koki Tanaka. Der Japaner hat acht in Münster lebende Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft dafür gewonnen, neun Tage lang den Alltag zu teilen, gemeinsam zu kochen, vor allem aber; miteinander zu reden, über sich und ihre Erfahrungen als  Fremde, als Zugezogene, als Alteingesessene. Das Thema, das über allem schwebt: „Wie zusammen leben und das Unbekannte teilen“. Die Situation von Geflüchteten ist unschwer als Ausgangspunkt dieser Frage zu erkennen.

Koki Tanaka: How to live together and Sharing the Unknown

Koki Tanaka: How to live together and Sharing the Unknown

Koki Tanaka: How to live together and Sharing the Unknown

Koki Tanaka: How to live together and Sharing the Unknown

Ausschnitte aus den insgesamt vier Stunden Videomaterial kann man im Souterrain eines Universitätsgebäudes in der Johannisstraße anschauen, das mit Sofas und anderen Sitzgelegenheiten möbliert wurde. Die Installation war zwischenzeitlich geschlossen, weil Unbekannte einen Fernseher, Lautsprecher und Beamer geklaut hatten.

Sturm im Bierglas

Eines der Werke, das der nigerianische Klangkünstler Emeka Ogboh zur Ausstellung beiträgt, heißt „Quiet Storm“ und ist – ein Bier! Der Nigerianer hat es eigens für die „Skulptur Projekte“ brauen lassen. Die Besonderheit des hellen Honig-Ale mit Lindenblüten: Der Honig stammt von Münsteraner Imkern, und während der Fermentierung ist die Hefe von einem speziellen Soundtrack mit  Alltagsgeräuschen aus Lagos beschallt worden. Ob die Vibrationen am Tank zum Geschmack beigetragen haben, vermag ich nicht zu sagen – nur soviel: Mit 7,5 Volt haut es ordentlich rein. Das nenne ich mal einen ruhigen Sturm!

Emeka Ogboh: Quiet Storm

Emeka Ogboh: Quiet Storm

Manchmal gibt es einen Weg, auch wenn man ihn nicht sieht

An machen Stellen wird die Kunst nur sichtbar durch die Menschen, die sie besuchen. Die türkische Künstlerin Ayse Erkmen hat am Hafen einen Steg unter der Wasseroberfläche gebaut, der den stark besuchten Nordkai mit seinen Restaurants mit dem industriellen Südkai verbindet. Das Werk wurde schnell zum Liebling der Münsteraner, die in Scharen kommen, Schuhe und Socken abstreifen und quietschvergnügt durch ihren Binnenhafen marschieren. Ich glaube ja, das eigentliche Kunstwerk sind die Menschen – die, die übers Wasser wandeln und die, die an den Kais sitzen, die Beine baumeln lassen und dem ganzen Spaß zuschauen.

Wenn es nach den Münsteraner geht, kann dieses lebensnahe Kunstwerk ihre Stadt gerne dauerhaft bereichern. Wie unsere Expertin berichtete, liegt es in der Rangliste der beliebtesten Skulpturen 2017 ganz vorne, gefolgt von Eisenmans Brunnen an der Promenade. Die Stadt wird wohl auch in diesem Jahr das eine oder andere Werk nach der Ausstellung kaufen und an Ort und Stelle belassen. So wird Münster alle zehn Jahre um um einige Kunstwerke im öffentlichen Raum reicher.

Noch mehr Skulptur-Projekte 2017

Vernichtung ist eines der Themen von Thomas Schütte.  Seinen „Nuclear Temple“ aus oxidiertem Stahl hat er auf das Gelände des Alten Zoos platziert, er steht in einer Sichtachse unter anderem mit der Ruine des Eulenturms.

Thomas Schütte: Nuclear Temple

Thomas Schütte: Nuclear Temple

Der US-Amerikaner Oscar Tuazon hat einen Betonturm auf einer Industriebrache am Kanal gebaut, der als Feuerstelle und Aussichtspunkt dienen kann.

Oscar Tuazon: Burn the Formwork

Oscar Tuazon: Burn the Formwork

Alles nur Fassade

Barbara Wolff und Katharina Stöver bilden das Künstlerinnenduo Peles Empire. Auf einem Parkplatz haben sie einen Giebel errichtet, der an die Häusergiebel am Münsteraner Prinzipalmarkt erinnert. Wie sie ist dieser Giebel nur Fassade; man kann um ihn herumgehen und hinter die Kulisse sehen. Zudem kann man „Sculpture“ auch betreten: Im Inneren findet sich eine Bar, hier laden die beiden Künstlerinnen zu Gesprächen ein. Aufgedruckt auf den Giebel ist das rumänische Schloss Peres, nach dem das Duo sich benannt hat.

Peles Empire: Sculpture

Peles Empire: Sculpture

Der Brite Michael Dean hat den Lichthof des LWL-Museums mit einer Folie ausgekleidet und in diesem „Raum im Raum“ einen Weg aus Betonplatten gelegt, der die Form eines „f“ haben soll – das zu erkennen fiel mir, wie ich gestehen muss, nicht ganz leicht. Das „f“, so heißt es im Begleittext, ist ein Markenzeichen des Künstlers.

Michaael Dean: Tender Tender

Michael Dean: Tender Tender

Kulturelle Identitäten lassen sich nicht in nationale Grenzen pressen

Hervé Youmbi, geboren in der Zentralfrikanischen Republik und zuhause in Kamerun, hat afrikanische Masken an einem Ort mit christlich-religiösem Bezug aufgehängt – am stillgelegten Überwasser-Friedhof. Einige der Masken zitieren westliche Popkultur, sie erinnern an „Scream“ und Edvard Munchs „Schrei“. Youmbis Statement: Es gibt nicht die eine, singuläre kulturelle Identität.

Hervé Youmbi: Les masques célèstes

Hervé Youmbi: Les masques célèstes

Hervé Youmbi: Les masques célèstes

Hervé Youmbi: Les masques célèstes

An mehreren Orten in der Stadt lässt der Schwede Samuel Nyholm (Sany) Cartoon-Figuren wie aus dem Himmel zu Boden fallen.

Sany: Marginal Frieze / Fallande ting

Sany: Marginal Frieze / Fallande ting

Sany: Marginal Frieze

Sany: Marginal Frieze / Fallande ting (im Vordergrund: Henry Moores The Archer)

„Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr“: Beim Anblick eines Felsen am Silvaplaner See im Schweizerischen Oberengadin hatte Friedrich Nietzsche der Überlieferung die Erkenntnis von der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Auch in Münster steht jetzt ein Nietzsche-Felsen, der US-Amerikaner Justin Matherly hat ihn in Originalgröße an der Promenade nachgebaut und bezieht sich dabei auch auf das philosophische Konzept. „Ich spalte Formen in andere Formen auf“, sagt er. „Nichts hört jemals wirklich auf“.

Justin Matherly: Nietzsche's Rock

Justin Matherly: Nietzsche’s Rock

Justin Matherly: Nietzsche's Rock

Justin Matherly: Nietzsche’s Rock

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