Im Kanzlerbungalow

Es ist eine der begehrtesten Führungen, die das Bonner Haus der Geschichte im Programm hat, und sie ist noch dazu kostenlos: Begleitete Rundgänge durch den Kanzlerbungalow im Bundesviertel sind oft viele Wochen im Voraus ausgebucht. Spontanbesucher bekommen dennoch eine Chance – wenn sie frühzeitig da sind und viel Geduld mitbringen. DailyMo-Leser*innen bekommen hier einen exklusiven Einblick. Folgen Sie mir!

Fünf Kanzler wohnten mit diesem exklusiven Blick auf den Rhein – doch der Preis dafür war hoch. Und damit sind nicht die 3500 Mark Monatsmiete gemeint. Bild: Monika Gemmer

So ergattert man als Einzelbesucher*in einen Platz für eine der beiden Führungen um 14 und 14:30 Uhr (Verfahren persönlich erprobt): Sonntags ab 12:45 Uhr in der Schlange am Infoschalter im Haus der Geschichte anstellen. Warten. Warten. Podcast hören. Warten. Mit Schlangenachbarn plaudern. Warten. Gedanklich durchzählen: Bin ich unter den ersten 20? (Jede Person vor mir kann bis zu zwei Plätze buchen.) Warten. Von einem Fuß auf den anderen treten. Warten. Kurz überlegen, ob es klug wäre, die Schlange für einen Klogang zu verlassen. Plan verwerfen. Warten. Gequält lächeln. Dann nur noch in die ab Punkt 13:30 Uhr (und keine Minute früher) ausliegende Liste eintragen. Schon ist es geschafft!

In Begleitung eines Guide geht es dann wenig später ein paar Hundert Meter weiter zu dem großen Park, auf dem das ehemalige Kanzleramt,  das Palais Schaumburg (Dienstsitz des Bundeskanzlers bis 1976) und der Kanzlerbungalow stehen. Der „Sicherheitscheck“ dort ist, nunja, sparsam: Wir klingeln an dem Zaun, an dem einst Schröder rüttelte, das Tor wird uns aufgetan, ein Pförtner lässt sich die Personalausweise zeigen und macht Häkchen auf der oben erwähnten Namensliste. Das war’s. Was ich im Rucksack habe, interessiert nicht. Jedenfalls, solange keine  erhöhte Terrorwarnstufe gilt.

Der Rundgang beginnt am früheren Kanzleramt, genauer gesagt: an der Bronzeskulptur „Large Two Forms“ auf dem begrünten Vorplatz. Die Älteren unter uns ;) kennen es sicher noch von der TV-Berichterstattung aus der Bonner Republik.

Die Bronzeskulptur „Large Two Forms“ steht seit 1979 vor dem damaligen Bundeskanzleramt. Für Helmut Schmidt war sie „ein Zeichen für Leben, ein Symbol für menschliche Verbundenheit, auch ein Ausdruck für Menschlichkeit“. Bild: Monika Gemmer

Das Kanzleramt selbst – seit 2006 sitzt hier das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, deshalb auch die Sicherheitsmaßnahmen – hatte in den Augen Helmut Schmidts „den Charme einer rheinischen Sparkasse“. Bild: Monika Gemmer

Der Kanzler, der den Bau in Auftrag gab, hat das es genau so gewollt: Willy Brandt vermied tunlichst jeden Anschein von Pomp. Bild: Monika Gemmer

Zurückhaltung war erste Kanzlerpflicht, so sah es der damalige Bauherr Willy Brandt. Die Steuerzahler sollten nicht durch ein pompöses Kanzleramt verärgert, die DDR nicht durch eine bauliche Machtdemonstration provoziert werden. Dementsprechend sachlich fiel die Architektur aus. Dass es überhaupt so lange dauerte, bis die Bonner Republik ein eigenes Kanzleramt errichtete (bis dahin hatte der Kanzler seinen Arbeitsplatz im benachbarten Palais Schaumburg), hatte ebenfalls mit der DDR zu tun. Der Bau eines Regierungssitzes in Bonn, so empfand es die BRD-Führung, war zugleich das Eingeständnis, dass man die deutsche Teilung akzeptierte.

400 Räume hat der im Jahr 1976 eröffnete Komplex, das Büro des Kanzlers im zweiten Stock bot mit 100 Quadratmetern den größten Platz. Es ist heute wieder mit Helmut Schmidts Büromöbeln ausgestattet – kann man von außen natürlich nicht sehen.

Im Eckbüro oben mit Blick zum Park hin lag das Büro des Bundeskanzlers. Bild: Monika Gemmer

Das spröde Kanzleramt ist ein krasser Gegenentwurf zu dem Gebäude, das sich schräg dahinter im Park erhebt: Palais Schaumburg ist mehr Schloss als Villa.

Von 1949 bis 1976 Dienstsitz des Bundeskanzlers: Palais Schaumburg. Bild: Monika Gemmer

Erbaut von einem Fabrikanten, war es ab 1891 Residenz des Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe und der Prinzessin Viktoria von Preußen. Sie ließ sich nach dem Tod ihres Mannes auf eine Ehe mit einem Hochstapler ein, der ihr Geld verspielte und dann verschwand – Viktoria verlor das Wohnrecht im Palais, das sie bereits 1919 aus Geldnot veräußert hatte. 1939 kaufte das Deutsche Reich das Anwesen. Ein Kommando der Wehrmacht zog in die Räume ein, später die Briten, dann die Belgier. Und im Jahr 1949: Konrad Adenauer.

In Sichtweite zu Kanzleramt und Palais, zum Rhein hin ausgerichtet, steht der Kanzlerbungalow. Er war eine Idee von Ludwig Erhard. Sein Vorgänger Konrad Adenauer wohnte in Rhöndorf und hat sich die rund 15 Kilometer morgens und abends chauffieren lassen. Erhard aber wollte eine Wohnung im Bundesviertel. Er beauftragte Sep Ruf, den Architekten, der auch sein privates Haus am Tegernsee entworfen hatte. Der zwei Millionen Mark teure Dienst- und Wohnsitz im Stil der klassischen Moderne war Ludwig Erhard, wenn man  so sagen darf, auf den Leib gebaut.

Sie lernen mich besser kennen, wenn Sie dieses Haus ansehen, als etwa, wenn Sie mich eine politische Rede halten sehen. Nicht die Repräsentation ist das Entscheidende, sondern die menschliche Begegnung.

(Ludwig Erhard)

Die nüchterne Zweckmäßigkeit entsprach wohl seinem Naturell. Seine Amtsnachfolger hingegen fühlten sich allesamt nicht wohl in dem Haus – die meisten hassten es, dort zu wohnen.  Und seit ich einen Blick in das Innere des Bungalows werfen durfte, muss ich sagen: zu Recht.

Von außen geht’s ja noch: Der dienstliche Teil des Kanzlerbungalow. Zur Rheinseite hin ist  die schützende Panzerglas-Wand zu erkennen. Bild: Monika Gemmer

Der Bungalow besteht aus zwei Häusern mit quadratischem Grundriss, die versetzt ineinander übergehen. Das größere Quadrat (links auf dem Bild) ist der dienstliche Teil, das kleinere rechts beherbergt die privaten Räume. Beide Gebäude sind um ein Atrium herum gebaut; der blaue Punkt im privaten Trakt ist ein Pool, der sich bei näherem Hinschauen als kleines Bassin entpuppt. Für das winzige Stückchen Luxus musste Erhard sich heftige Kritik anhören. „Palais Schaumbad“ hieß der Bungalow bald im Volksmund, oder „Ludwigslust“. Erhard war nicht amüsiert.

Kanzlerbungalow aus der Vogelperspektive. Bild: Wolkenkratzer, CC BY-SA 3.0., via Wikimedia Commons

Die Kingelanlage (sie hängt im privaten Esszimmer) offenbart das innenarchitektonische Dilemma: Winzige Zimmer im Privatbereich (oben), jede Menge Platz im dienstlichen Teil (unten) – den die Kanzlerfamilie aber nicht privat nutzen durfte. Bild: Monika Gemmer

Brasilianische Kiefer an den Decken, Marmor vor der Haustür, ganz viel Glas ringsherum – und zu Zeiten der Bonner Republik Tag und Nacht Sicherheitskräfte rund ums Haus: Der Eingang zum Kanzlerbungalow. Durch das Gebäude hindurch ist der Rhein zu sehen. Bild: Monika Gemmer

Empfangsfoyer mit Garderobe – hier gaben Staatsleute und Royals ihre Mäntel und Roben ab. Bild: Monika Gemmer

Der größte Raum im dienstlichen Bereich hat nicht nur eine, sondern gleich drei Sitzecken mit Polstergarnituren. Hinten links der Flügel, auf dem Helmut Schmidt gern klimperte. Kiesinger ließ Udo Jürgens drauf spielen, als der mal zu Gast war. Bild: Monika Gemmer

Hier verbirgt sich die berühmte versenkbare Wand. Wollte der Kanzler es intimer haben, wurde sie hochgefahren, und das Wohnzimmer war auf eine Sitzecke verkleinert. Praktisch! Bild: Monika Gemmer

Mehr Bestand hat diese Wand aus Panzerglas, errichtet im Deutschen Herbst – aus Angst vor Schüssen von der anderen Rheinseite aus. Ursprünglich war eine Mauer vorgesehen, doch Helmut und Loki Schmidt wussten das zu verhindern. Bild: Monika Gemmer

Handwerker einer Berliner Firma versteckten bei Umbauten 1967 einen heimlichen Gruß an ihren früheren Regierenden Bürgermeister. Bild: Monika Gemmer

Das Esszimmer im repräsentativen Teil ist wieder so eingerichtet wie zur Amtszeit Kohls. Er ließ auch den Sternenhimmel installieren. Bild: Monika Gemmer

Für die offiziellen Gäste gekocht wurde hier. Bild: Monika Gemmer

Kanzlers Arbeitszimmer. Die Wandregal hatte Kiesinger einbauen lassen. Auf dem Schreibtisch steht die hölzerne Zigarrenkiste Ludwig Erhards (leer). Bild: Monika Gemmer

Ich hätte dort privat nicht wohnen wollen. Der offizielle Teil war eigentlich steif, und der Wohnbereich hatte den Charme einer Hundehütte.

(Norbert Blüm)

In dieser winzigen Stube mit der Anmutung des Gemeinschaftswohnraums einer Studenten-WG beginnt der private Teil des Bungalows. Bild: Monika Gemmer

Das sogenannte Schwimmbecken, mit dem sich Ludwig Erhard so viel Ärger einhandelte, würde sich prima als Goldfisch-Teich eignen. Bild: Monika Gemmer

Sechs Stöße Brust, Purzelbaumwende, sechs Stöße Rücken – täglich. Das ist herrlich, das ist ein wirkliches Geschenk Erhards.

(Kurt Georg Kiesinger)

Das Familienesszimmer: Wem würde es hier nicht schmecken? Bild: Monika Gemmer

Zwei Platten, eine kleine Spüle: Loki Schmidt ließ sich diese Pantry-Küche einbauen. Hannelore Kohl genügte das nicht, sie erweiterte ihren Privatbereich um eine größere Küche. Bild: Monika Gemmer

Blick ins Schlafzimmer. Bild: Monika Gemmer

Das private Badezimmer. Bild: Monika Gemmer

Der erste Kanzler der Bundesrepublik nahm in seinem Urteil über den Bungalow kein Blatt vor den Mund:

Ich fürchte, der brennt nicht mal. Da kann kein Mensch drin wohnen. Ich weiß nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre.

(Konrad Adenauer)

Die Kiesingers riefen eine Innenarchitektin zu Hilfe, um wenigstens einen Hauch von Wohnlichkeit zu schaffen. Willy Brandt und seine Familie zogen gar nicht erst ein, sondern blieben in der Dienstvilla des Außenministeriums am Venusberg. Allerdings musste Brand dafür ein ärztliches Attest beibringen, das besagte, er vertrage das Klima direkt am Fluss nicht.

Loki Schmidt vermisste vor allem Hamburg, aber auch die eigene Küche – und musste eine Besenkammer dafür zweckentfremden. Hannelore Kohl war selten da, sie hielt sich lieber im pfälzischen Oggersheim auf. Ihr Mann Helmut nannte das Haus ein „absurdes Bauwerk“.

Dennoch nahm er nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 das Angebot Gerhard Schröders an, im Bungalow wohnen zu bleiben. So kam bis zu Kohls Auszug 1999 es zu einer bemerkenswerten Kanzler-WG: Schröder, ohnehin auf dem Sprung in die neue Hauptstadt Berlin, nutzte den dienstlichen Teil des Hauses zu repräsentativen Zwecken, während Kohl ein paar Meter weiter auf der braunen Couch in seinem Wohnzimmer saß.

Ob er da nicht manches Mal versucht war, an der Tür zu lauschen?

Die braune Couchgarnitur der Kohls – der linke der beiden Sessel war für Helmut reserviert. Bild: Monika Gemmer

1999 verließ der letzte Kanzler, der den Bungalow als Wohn- und Amtssitz genutzt hatte, endgültig das Haus.

Kündigung des Mietverhältnisses: Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass mein Mann und ich aus dem bislang von uns bewohnten Bungalow des Bundeskanzleramtes in Bonn mit Wirkung zum 30. September 1999 ausziehen werden.

(Hannelore Kohl)

Wer nun Lust bekommen hat, sich selbst im Kanzlerbungalow umzuschauen: Hier geht’s zum 360-Grad-Rundgang.

2 Kommentare

  1. Sehr interessant, diese Einblicke! Ich frage mich jetzt allerdings, inwieweit ein solches Arbeits- und Wohnumfeld Auswirkungen auf die tatsächliche Politik haben könnte. Ich meine, wenn man so ein Wohnen wirkt sich ja auch auf die Psyche aus. Hätte die bundesrepublikanische Politik evtl. hier und da anders ausgesehen, wenn die Kanzler nicht in dieser kargen Box gewohnt hätten? Ich weiß, kann man nicht beantworten, aber ich denke trotzdem dran herum.

  2. Interessante Frage. Wie sich das Wohnen auf die Psyche auswirkt, das erlebe ich am eigenen Leib (lärmende Nachbarn = Aggro-Mo ;)) Glaube allerdings eher, dass sich so etwas in erster Linie aufs Privatleben auswirkt und, ja, vielleicht auch auf die persönlichen Beziehungen im Arbeitsumfeld.

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