Droste in Bonn (1): Reisen in eine andere Welt

Aus dem rückständigen Westfalen in das aufgeschlossene, lebenslustige und politisch bewegte Rheinland: Für die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff müssen sich die Reisen nach Bonn und Köln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angefühlt haben, als löse sich das Korsett. Wenn sie denn je eines getragen hat.

Acht Aufenthalte der Münsteranerin allein in Bonn für die Zeit zwischen 1825 und 1846 sind überliefert. Zusammengerechnet verbrachte sie ein gutes Jahr ihres Lebens in dem aufstrebenden Städtchen, das mit seiner noch jungen Universität viele Gelehrte anzog. Bei ihrem ersten Besuch zählte Bonn um die 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner, bei ihrem letzten war die Bevölkerung auf rund 17.000 angewachsen.

Wo hat Annette von Droste-Hülshoff in und um Bonn gewohnt, welche Bekanntschaften und Freundschaften, die ihren Weg als Autorin teilweise entscheidend mitprägten, hat sie in dieser Gegend geschlossen? Ich bin an den Rhein gefahren und dort auf Spurensuche gegangen.

Das alte Bonn als Modell am Münsterplatz. In diesen Gassen suche ich nach Droste-Orten. Bild: Monika Gemmer

Es sind die aus Westfalen ausgewanderten Verwandten, die Annette von Droste an den Rhein führen: In Bonn wohnen ihr Onkel mütterlicherseits, Moritz Elmerhaus von Haxthausen, mit Gattin Sophie von Haxthausen, außerdem der Cousin Clemens August von Droste-Hülshoff und seine Frau Pauline.

Auch zu Köln gibt es familiäre Verbindungen: Der Onkel Werner von Haxthausen lebt hier mit Gattin Betty. Von der Nichte vom Land erhofft er sich einen mäßigenden Einfluss auf seine gesellige Frau. Doch es kommt anders: Annette und Betty werden sich gemeinsam in den Kölner Karneval stürzen.

Cousin Clemens, mit dem Annette sich sehr verbunden fühlt, ist Professor für Kirchenrecht an der frisch gegründeten Bonner Universität. Ihren heutigen Namen – Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität nach ihrem Gründer Friedrich Wilhelm III. – bekommt die Hochschule erst 1828, zehn Jahre nach Gründung.

„Lächerlich eitel“: Begegnung mit Bonner Professoren

1825 gerät Annette mitten hinein in die bewegten Anfangsjahre der Universität und lernt einige der ersten dort tätigen Professoren persönlich kennen. In Familienbriefen berichtet sie von Begegnungen mit dem Mediziner Joseph Ennemoser, dem Kunsthistoriker Joseph Eduard d’Alton und dem „trotz seines vielen Verstandes lächerlich eitlen“ Literaturhistoriker August Wilhelm von Schlegel, mit dem sie „übrigens recht gut steht“.

Zumindest hinter vorgehaltener Hand wird in diesen Kreisen vermutlich auch über einige Bonner Kollegen gesprochen, die in Schwierigkeiten sind. Seit sechs Jahren schon werden die Universitäten überwacht, gelten sie doch als Brutstätten umstürzlerischer Ideen. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 liefern den gesetzlichen Rahmen für  Zensur, Bespitzelung und Berufsverbote. Preußen und die anderen Staaten des Deutschen Bundes greifen hart gegen alle durch, die eine liberale, „nationale“ Gesinnung offenbaren – was damals, als ein deutscher Nationalstaat noch nicht existiert, eine andere Bedeutung hat als heute.

In Bonn trifft die Repression zum Beispiel den Philologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker, der an der Universität lehrt. Auch der Bonner Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt wird verfolgt: Gegen den Schriftsteller und Freiheitskämpfer läuft ein Verfahren wegen „demagogischer Umtriebe“. Zu der Zeit, als Annette sich erstmals in Bonn aufhält, darf er an der Philosophischen Fakultät bereits keine Vorlesungen mehr halten.

Das heutige Bonn zeigt sich stolz auf Ernst Moritz Arndt. Auf einer Art rheinischem „Walk of Fame“ in der Bonngasse stolpere ich über sein Konterfei, das neben dem weiterer Persönlichkeiten der Stadtgeschichte ins Pflaster eingelassen ist.

Vierecksplatz

Nur wenige Schritte von der Bonngasse entfernt wohnt Annette von Droste-Hülshoff während ihres ersten Aufenthalts. Onkel Moritz und Tante Sophie nehmen sie am 13. Oktober 1825 in ihrer Wohnung am Vierecksplatz 863 in Empfang. Die Straße, zentral gelegen zwischen Burgstraße und Hundsgasse, war benannt nach dem Erbauer der ersten Häuser, einem Hofkurier Viereck.

Im heutigen Stadtplan sucht man diese Ortsbezeichnungen vergeblich. Laut Bonner Straßenkataster wurde der Vierecksplatz nach dem Bau der Rheinbrücke im Jahr 1898 umbenannt in Brückenstraße. Sie lief ungefähr auf der Höhe der heutigen Friedrichstraße auf den Rhein zu.

Ingrid Bodsch1 verortet den Vierecksplatz der Droste-Zeit am heutigen Bertha-von-Suttner-Platz, der an einer der wichtigsten Verkehrsachsen in Ost-West-Richtung am nördlichen Rand des Bonner Zentrums liegt.

Bertha-von-Suttner-Platz. Bild: Monika Gemmer

Wenzelgasse

Direkt um die Ecke in der Wenzelgasse 463 wohnen zu dieser Zeit Pauline und Clemens August von Droste-Hülshoff. Die Straße zwischen Markt und heutigem Bertha-von-Suttner-Platz hat ihren Namen bis in die Gegenwart behalten und gehört nun zur Fußgängerzone. Annette schaut nicht nur während ihres ersten dreitägigen Kurzbesuchs in Bonn bei den beiden rein, sondern auch in den kommenden Monaten von Köln aus, wohin sie am 17. Oktober 1825 weitergereist ist.

So sieht die Wenzelgasse, wo Clemens und Pauline von Droste-Hülshoff ihre Wohnung hatten,  heute aus. Bild: Monika Gemmer

Acherstraße

Später ziehen der Bonner Kirchenrechtler und seine Frau von der Wenzelgasse um in die  nahegelegene Acherstraße. Auch sie ist heute Teil der Fußgängerzone und erstreckt sich in einem Bogen zwischen Remigiusstraße/Marktbrücke und Dreieck. Das Haus Nummer 239, wo Clemens und Pauline wohnen, gehört damals Gertrud Ostler, der späteren Ehefrau von Karl Simrock. Hier schlägt die Dichterin bei künftigen Bonner Aufenthalten bevorzugt ihr Basislager auf, so zum Beispiel bei ihrer dritten Rheinreise von September 1830 bis Juni 1831.

Am 6. November 1835 empfängt Pauline sie alleine in der Acherstraße – Clemens ist drei Jahre zuvor mit gerade mal 39 Jahren gestorben. Mit der jungen Witwe verbringt Annette von Droste Weihnachten und Neujahr und bleibt bis zum 5. Februar 1836.

Die Acherstraße heute. Bild: Monika Gemmer

Noch vier weitere Male macht sie in die Acherstraße Station, nunmehr immer auf der Durchreise zwischen dem heimischen Rüschhaus bei Münster und Meersburg am Bodensee, wo Schwester und Schwager leben. Aufenthalte sind überliefert vom 22. bis 24. September 1841, vom 2. bis 10. August 1842, vom 21. bis Ende August 1843 (diesmal in Begleitung von Mutter Therese und Freundin Elise Rüdiger, die mit nach Meersburg reisen), und schließlich auf ihrer letzten Fahrt an den Bodensee, von Mitte bis 29. September 1846.

Einen Anhaltspunkt, wo das Haus stand, gibt wiederum Ingrid Bodsch, die sich dabei auf die Chronik des Hauses Simrock stützt. Demnach ist die heutige Adresse Acherstraße Nr. 13. Meine Suche vor Ort endet vor den Schaufenstern eines Herrenausstatters.

Acherstrasse 13b in Bonn. Bild: Monika Gemmer

Rheinische Mode

Auch Annette von Droste „takelt“ sich bei ihren Besuchen am Rhein auf, wie sie es nennt. Natürlich nur unter Protest, so versichert sie jedenfalls ihrer Mutter in einem Brief aus Bonn, geschrieben am 14. Oktober 1830.

Ich habe mich bei einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beinahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun, dann müsste ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von L … hielten. Aber es kommt daher: Jeder rät mir etwas anderes zu und meint, das übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bei Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, dass ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen.

Heimweg klingt aus diesen Zeilen, und doch ist, als dieser Brief entsteht, das Rheinland für Annette bereits so etwas wie eine zweite Heimat geworden, ein Ort, der mit seinem Klima – kulturell wie meteorologisch – Italien schon recht nahe kommt, dem kollektiven Sehnsuchtsziel jener Zeit. Das liegt nicht zuletzt auch an den Freundinnen in Bonn und Köln, die sie auch als Dichterin anerkennen.

Schon auf der ersten Reise 1825 lernt sie in Köln die Archäologin Sibylle Mertens-Schaaffhausen kennen – eine folgenreiche Begegnung. Mehr dazu im zweiten Teil von „Droste in Bonn“!

Droste in Bonn (2): Belastungsproben

Ein Kommentar

  1. Ach! Das ist ja hochspannend und interessant! Mir war nicht klar, dass sich Annette von Droste-Hülshoff öfter in Bonn aufgehalten hat und ein Teil der Familie sogar dort gewohnt hat. Ich bin sehr auf den zweiten Teil gespannt!

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